Bild: Eva Puella Photography
v.l.n.r.: Nahed Hatahet, Helmut Dobrovits, Peter Lenz, Harald Leitenmüller, Michael Wilfing-May, Stefan Gurszky
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Monitor Round Table "Cloud Computing"

Vive la Cloud!

Wir reden, lesen und schreiben schon so lange über Cloud Computing, dass man annehmen möchte, es wäre schon alles dazu gesagt. Doch dem ist nicht so, wie sich bei unserem Round Table herausgestellt hat.

von: Rudolf Felser

Es gab einmal Zeiten, es ist noch nicht lange her, da schallte ein Begriff von allen Dächern: Cloud Computing. Seither ist die IT-Branche um ein paar Buzzwords reicher und es ist, zumindest in den Medien, etwas stiller um "die Wolke" geworden. Ob das bedeutet, dass jedermann und jedefrau ihre Bedeutung verstanden haben und man deshalb nicht mehr darüber reden muss? Mitnichten! In diesem Punkt waren sich die Teilnehmer an unserem letzten Round Table einig. 

Wir hatten zu Gast:

  • Helmut Dobrovits, Key Account Manager bei der Österreichischen Post AG. Er beschäftigt sich innerhalb der Abteilung Dokumentenlogistik, im Geschäftsfeld Mail Solutions, mit digitalen Lösungen für Geschäftskunden, speziell mit Enterprise Content Management – hier wiederum mit selbstentwickelten Cloud-Applikationen für Kunden.
  • Stefan Gurszky, seit über zehn Jahren Geschäfts­führer von Provaria. Das Unternehmen beschäftigt sich mit ERP- und CRM-Lösungen aus dem Microsoft-Umfeld. Seit 2018 ist er außerdem Geschäftsführer und Eigentümer von Uniconta Österreich, das eine ERP-Lösung aus der Cloud für KMU anbietet.
  • Nahed Hatahet, Gründer und Geschäftsführer von HATAHET productivity solutions, einem vor elf Jahren gegründeten Unternehmen, das sich auf die Beratung zum Thema Digitaler Arbeitsplatz mit künstlicher Intelligenz spezialisiert hat. 
  • Harald Leitenmüller, Chief Technology Officer bei Microsoft Österreich. Er ist seit 17 Jahren in verschiedenen Rollen bei Microsoft tätig. Sein Schwerpunkt sind Rahmenbedingungen für den österreichischen Markt, von Bildung über Datenschutz bis hin zu rechtlichen Aspekten. 
  • Peter Lenz, Vorsitzender der Geschäftsführung von T-Systems Austria. Er ist seit 20 Jahren in der IT-Branche und war in verschiedenen Rollen im IT-Top-Management bei ÖBB, Magna Europe, Magna Powertrain und der OMV AG tätig. Vor rund eineinhalb Jahren wechselte er zu T-Systems auf die Anbieterseite.
  • Michael Wilfing-May, Geschäftsführer der knapp drei Jahre alten solicon IT. Das Unternehmen ist im IT-Consulting tätig und hat Standorte in Graz und Wien. Die Schwerpunkte liegen im Data Management, Business Intelligence und Business Analytics. 

Die entscheidende Frage ist heute nicht mehr, ob die Cloud bereit für den Einsatz im Unternehmen ist. Vielmehr geht es darum, ob das Unternehmen bereit ist, die Vorteile dieses Modells für sich auszuschöpfen. Nahed Hatahet zufolge ist die Cloud heute in jedem Kopf: "Viele Firmen tun sich aber sehr schwer mit dem Betrieb, wenn sie es mal in die Wolke geschafft haben. Die internen IT-Abteilungen sind meist noch nicht so weit, eine Cloud richtig zu betreiben. In der Cloud steckt enormes Potenzial. Aber Unternehmer müssen sich vermehrt damit beschäftigen, wie die Agilität der Cloud in der eigenen Organisation gelebt werden kann und ob das Unternehmen überhaupt so agil ist. Wenn nicht, dann müssen die Unternehmen sich genau dorthin transformieren."

Die "gespenstische" Wolke

Diese Hausaufgaben haben die meisten der großen Unternehmen schon gemacht, wusste Peter Lenz zu berichten: "Unsere Kunden setzen sich schon länger mit dem Thema Cloud und allem, was dazugehört, auseinander. Die Bezugsform Cloud hat sich dort in den Köpfen manifestiert. Natürlich gibt es Mischformen, die man erklären muss: von On-Premise-Lösungen, die auch eine Cloud-Lösung sein können, über Multi-Cloud-Ansätze, Hybridformen bis hin zu Public Clouds. Diesen Weg, die Vor- und Nachteile, muss man erklären. Aber es hat sich auch im konservativen Markt Österreich schon einiges zum Besseren verändert. Es gibt aber noch immer CIOs, IT-Leiter und IT-Verantwortliche, denen das ‚spooky‘ ist und die sagen, die Daten dürfen mein Haus oder mein Bundesland nicht verlassen."

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Peter Lenz, T-Systems & Harald Leitenmüller, Microsoft
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Der Druck, dann doch in diese, für manche Entscheider "gespenstische" Wolke zu gehen, kommt mittlerweile oft aus den eigenen Reihen. "Wenn man mit der Fachabteilung spricht, ist Cloud kein Thema, sondern man bezieht einen Service. Ob sie den aus der IT und dem eigenen Rechenzentrum beziehen oder aus der Cloud, ist ihnen egal. Die Frage ist eher, wie schnell man den Service haben kann, denn das Business drückt sie jetzt", führte Michael Wilfing-May aus. Stefan Gurszky pflichtete ihm bei: "Das Thema ist nicht Cloud, sondern die Kunden wollen keine Produkte mehr haben. Sie wollen mit dem Betrieb nichts zu tun haben. Das ist dort das Thema: nicht mehr mit IT beschäftigen, sondern mit dem Kerngeschäft des Unternehmens."

Alles kann, nichts muss

Dennoch ist auch der Umstieg auf die Cloud nicht ganz trivial. Manche Unternehmen werden von der Geschwindigkeit und den kurzen Release-Zyklen an ihre Grenzen gebracht. Helmut Dobrovits erzählte aus der Praxis: "Wir haben zum Teil Kunden, die es nicht gewohnt sind, dass es monatliche Releases gibt. Ein einfaches Beispiel: Bei unseren Lösungen für Invoice Management oder digitalen Posteingang kommen immer wieder Features dazu, die die Kunden in Wirklichkeit nicht zu nutzen gewohnt sind. Sie haben mit alten Systemen gearbeitet, bei denen es vielleicht einmal im Jahr ein neues Release gegeben hat. Unsere Kunden stehen vor der Herausforderung, dass diese Zyklen viel enger sind." Er hatte einen guten Rat für all jene parat, die sich in diesem Beispiel wiedererkannt haben: "Den Unternehmen sollte klar sein, dass sie diese Funktionen nicht nutzen müssen. Sie können sie nutzen."

T-Systems-Chef Lenz kam außerdem auf die Vorteile der schnellen Updates zu sprechen: "Cloud-basierende Lösungen helfen, Innovationen sehr schnell einzuspielen. Vielleicht wird es ein Daily Deployment von Updates geben – oder im Stunden- bzw. Minutentakt. Wenn es um einen Security-Threat geht, ist das auch gut." Das untermauerte Microsoft-CTO Harald Leitenmüller mit Zahlen: "Tatsache ist, dass heute in der Cloud im Schnitt 200 kleinere und größere Feature-Updates pro Tag passieren. Security-Patches passieren unmittelbar. Wenn man das in Relation dazu setzt, wie oft Security-Updates bei Kunden durchschnittlich eingespielt werden, sieht man, welche Auswirkungen das auf die IT-Security hat."

Die Verantwortung bleibt

Apropos Security: Auch wenn die Services in, von und aus der Cloud zumeist deutlich mehr Sicherheit bieten, als die meisten Unternehmen auf sich gestellt in der Lage wären zu gewährleisten, heißt das nicht, dass man nichts zu tun hat. Leitenmüller dazu: "Wenn ich mich der Cloud bediene, dann nutze ich sie meistens von einem Device. Was die Leute oft vergessen, ist, dass eine Restverantwortung beim Nutzer bleibt. Wenn ich mein Device nicht manage und es nicht sicher ist, dann kann die Cloud so sicher sein, wie sie will."

Mit Verschlüsselung kann man als Cloud-Nutzer ebenfalls für mehr Sicherheit sorgen. "Entweder vertraue ich dem großen Hersteller oder, wenn ich das nicht tue, habe ich die Möglichkeit, meine Daten selbst zu verschlüsseln. So kann ich einem Kunden sehr schnell die Angst davor nehmen, dass mit seinen Daten Schindluder betrieben wird oder diese gestohlen werden", brachte es Nahed Hatahet auf den Punkt. Diese Grundlagen werden allerdings leider viel zu oft missachtet. Harald Leitenmüller lieferte ein weiteres Mal den Beleg dafür: "Wir publizieren alle sechs Monate für unsere Azure-Cloud einen Security Incidents Report. Von den Software-as-a-Service-Lösungen, die Entwickler in unsere Cloud stellen und dort betreiben, verschlüsseln im Schnitt 80 Prozent nicht die Daten, die sie in der Cloud speichern. Von der Kommunikation zum Client werden sogar nur vier Prozent verschlüsselt. Man kann überhaupt nicht von Security reden, wenn nicht einmal diese Basics umgesetzt werden."

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Nahed Hatahet, HATAHET productivity solutions & Helmut Dobrovits, Österreichische Post AG
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Cloud besonders attraktiv für KMU

Nichtsdestotrotz waren sich alle Diskutanten einig, dass Angebote aus der Cloud gerade für KMU eine sehr attraktive Bezugsform sind. Prädestiniert seien "Lösungen von der Stange", wie es Nahed Hatahet ausdrückte, zum Beispiel Mail- oder Instant-Messaging-Systeme. Hatahet und Lenz waren auch beide der Meinung, dass Security-Dienstleistungen für kleine und mittlere Unternehmen eine sehr attraktive Alternative sind. Lenz: "Gerade für KMUs sind diese Modelle noch interessanter, weil sie sich in diesem Bereich noch schwerer tun. Sie werden sich dem Anbieter-Markt verstärkt öffnen und diese Modelle nutzen, damit sie, wenn etwas passiert, Unterstützung durch eine kompetente Truppe erhalten."

Laut dem Business-Software-Experten Gurszky biete sich auch ERP an, weil es in vielen Bereichen standardisiert sei: "Bestehende Systeme bieten zum Teil weniger Funktionen oder sind zu alt und nicht auf die Verschlüsselung von Daten oder dem Client-Verkehr ausgelegt. Oder auf der anderen Seite sind sie oft so komplex, dass die Implementierung für ein kleineres Unternehmen nicht machbar ist." Michael Wilfing-May zeichnete ein anschauliches Bild: "Ich habe sehr viele On-Premise-Systeme verkauft. Bis man einmal soweit war, beim Kunden eine Basis-Installation zu platzieren, waren viele Entscheidungsprozesse, Investitionen, Aufwand und viel Zeit nötig. Heute kann ich dem Kunden sagen, er soll mir Daten schicken, wir stellen das in die Cloud und sehen es uns gemeinsam an. Das bietet den Kunden die Möglichkeit, von den großen Entscheidungen wegzukommen und kleine Schritte zu gehen bis zu dem Punkt, an dem man profunder die große Entscheidung treffen kann."

Dinosaurier sind zäh

Auch die Form der Software hat sich verändert. Die aus den Fachabteilungen getriebenen Lösungen haben mit den monolithischen Lösungen von früher wenig gemeinsam, wie Helmut Dobrovits beobachtet hat: "Ein System, das dem Business vor zehn Jahren noch gerecht geworden ist, entspricht dem heutzutage nicht mehr wirklich. Gefragt ist nicht mehr ein großes ECM-System für das gesamte Unternehmen, sondern eine Spezialanwendung aus den Abteilungen heraus. Da entwickeln sich die Ideen und Lösungen. Migration ist nicht das Thema, die alten Systeme laufen einfach weiter. Teilweise entstehen auch Parallelwelten, zwischen denen Daten migriert werden, aber die Systeme selbst laufen aus."

Es ist also absehbar, dass die meisten dieser "Dinosaurier" aussterben und abgelöst werden. Doch zum Kinderspiel wird der Betrieb der IT dadurch nicht. Lenz: "Sicher gibt es die eine oder andere Lösung, bei der es keinen Sinn macht und die man lieber sukzessive auslaufen lässt. Aber Shared-Modelle, egal ob hybride Formen oder Public-Modelle, skalieren besser. Es ist allerdings nicht so trivial, dass man eine Lösung einfach einschalten kann und es läuft. Es ist gerade für die beratende Kollegenschaft immens wichtig, die Breite des Portfolios zu verstehen und dann den Kunden beratend dahin zu führen, wo es für ihn am besten passt. Denn in den immer breiter werdenden Multi-Cloud-Environments kann sich der Kunde alleine nicht mehr zurechtfinden."

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Michael Wilfing-May, solicon IT & Stefan Gurszky, Provaria/Uniconta
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Auch Stefan Gurszky richtete zum Abschluss den Fokus darauf: "Man darf nicht vergessen, dass der K- und untere M-Bereich heillos damit überfordert ist, was an technologischen Themen an ihn herangetragen wird. Der Eigentümer eines typischen Handwerksbetriebs ist zu 80 Prozent operativ tätig und die Frau schupft das Büro. Sie haben oft auch niemanden an der Hand, der sie beraten kann." Gerade hier können Cloud-Angebote viel bewegen. Einerseits durch die Abkehr von hohen Einmal-Investitionen und undurchsichtigen Serviceverträgen zugunsten leistbarer und transparenter Abo-Modelle sowie andererseits durch weniger Komplexität im Betrieb.

Sie können nicht genug von der Cloud und den Teilnehmern an unserem Round Table bekommen? Kein Problem! Hier finden Sie die ausführliche und beinahe ungekürzte Fassung dieses Experten-Gesprächs im O-Ton.

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