Bild: CC0 - pixabay.com
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Homo Digitalis Teil 1 – Künstliche Intelligenz

KI: Wer lernt von wem?

In der Reihe "Homo Digitalis – Leben in der technisierten Gesellschaft" analysiert der Technologiesoziologe und Innovationsforscher Tobias Martens die wichtigsten Technologietrends, ihren Einfluss auf die Gesellschaft und die Menschen, die in ihr leben, sowie Ansätze, wie wir verantwortungsvoll mit dem technischen Fortschritt umgehen können.

In einer Welt, in der die Menschen nur noch online miteinander kommunizieren und die Technik ihr Leben bestimmt, geraten die beiden Agenten Scully und Mulder in einer Folge der Serie "Akte X, die unheimlichen Fälle des FBI" ins Visier einer künstlichen Intelligenz. Mulder will den KI-Robotern in einem Restaurant kein Trinkgeld geben, weil Essen und Service mies sind. Was sich als großer Fehler herausstellt. Um den Service-Tipp zu bekommen, verfolgt die KI mit Drohnen und Maschinen-Roboter die Agenten und übt dabei recht massiven Druck aus. Am Ende muss Mulder mit seinem Smartphone den geforderten Tipp überweisen. Auf dem Display die Nachricht: "Danke, wir lernen von Euch."  Die KI in der Serie hat ganz offensichtlich das Verhalten von Agent Mulder im Restaurant mit ihrem "gelernten Wissen" in Verbindung gebracht. Die Schlussfolgerung daraus war für sie daher richtig, Mulders Verhalten war falsch.

Die Omnipräsenz des KI-Phantoms

Viele neue Technologien revolutionieren bereits unsere Industrie. Künstliche Intelligenz (KI) hat das Zeug unser Leben zu revolutionieren. Diese Revolution kommt aber nicht in Form imposanter autonomer Fahrzeuge und geschmeidiger Maschinen, die selbst der härteste Touring-Test nicht mehr als Maschinen erkennt. Moderne KI ist ein Phantom auf leisen Sohlen, ein physisch nicht lokalisierbares, verteiltes und vernetztes Phänomen. Sie kommt in Gestalt digitaler Assistenten, die Siri, Alexa oder Google Duplex heißen. Über Chatbots kommuniziert sie mit uns im Kundenservice, in Assistenz-Systemen in Fahrzeugen als Vorstufe zum autonomen Fahren und für die Finanzbranche bei der Betrugserkennung und -prävention von besonderer Bedeutung. Wir nutzen bereits KI-Systeme, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. KI kolonisiert immer stärker wesentliche Prozesse unserer Arbeit und unseres Lebens. Die Frage, die sich hierbei stellt: Wie gehen wir damit um und was können wir gemeinsam dank der KI noch lernen? 

Lernen Maschinen richtig lernen? 

Smarte Maschinen – und dazu gehören neben Robotern auch Computersysteme, sicherlich auch Smartphones oder autonome Fahrzeuge – können immer besser Dinge erkennen Texte lesen, sprechen und zuhören, Gesten und Mimik verstehen, Sensordaten auswerten und Szenen analysieren. Heute bereits gängige Beispiele sind etwa Roboter im Nahbereichseinsatz, denen über das repetitive Abfahren von Bewegungsmustern beigebracht wird, wie z.B. Montageleistungen vorgenommen werden sollen. Oder im Alltag: Der Saugroboter, der ein Bewegungsmuster im Raum dynamisch berechnet. Möglich sind die rasanten Fortschritte dank des Wachstums von Rechenleistung und Speicherkapazität, aber auch dank immer besserer Algorithmen. Doch lernen Maschinen, wie wir lernen? Eine zentrale Rolle im Lernprozess einer Maschine spielen künstliche, neuronale Netze, die der Struktur und den Fähigkeiten des menschlichen Gehirns nachempfunden sind. Solche Netzwerke gelten in der KI-Forschung als besonders lernfähig und finden sich daher auch im Einsatz bei der Sprach- und Bilderkennung oder bei automatischen Übersetzungen. Maschinengehirne lernen anhand von Beispielen und Bildern, um die Welt der Dinge zu erkennen. Ist dieser Prozess einmal gelungen, kann eine KI selbstständig Daten in Zusammenhänge setzen und unglaublich schnell und mit einer hohen Trefferquote analysieren. Durch permanente Wiederholungen in verschiedensten Situationen lernt die Maschine, wie sie sich zukünftig zu verhalten hat.  Bringt eine Aktion Erfolg, wird sie beibehalten. Bringt sie keinen, wird sie beim nächsten Mal verändert und verbessert.

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Kinder erleben und erfahren die Welt spielerisch. Sie sind neugierig, stellen viele Fragen und bekommen viele Antworten. Dabei wird das Gelernte solange geübt oder vorgemacht, bis die Kinder es verstehen, es nachmachen können um es dann auch selbstständig anwenden zu können. KI-Systeme in Form von Robotern und Maschinen sind per se nicht unbedingt neugierig und stellen selbst nicht zu allzu viele Fragen. Aber sie sind Weltmeister im Üben und in der Selbstoptimierung. Um sie zukünftig darin zu unterstützen, wie sie den  ´Job´ in der Fabrik oder im Pflegeheim richtig gut machen können, benötigen sie uns Menschen als Lehrer und Vorbild.

Intelligente Roboter werden künftig bestimmte Arbeiten durch Beobachtung und Nachahmung erlernen. Jürgen Schmidhuber, einer der führenden Köpfe der KI-Forschung und wissenschaftlicher Direktor des Schweizer Forschungsinstituts IDSIA vertritt diese These. Diese  KI-Disziplin wird als "Show and Tell Robotics" bezeichnet. Seiner Ansicht nach verändert dies nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die Art und Weise, wie der Mensch mit einer KI in Robotern und Maschinen umgehen könnte. Der Bediener zeigt dem Roboter, was er zu tun hat, und der macht es ihm nach.

Doing by Learning

Eine wichtige Rolle bei lernenden KI-Systemen übernimmt dabei das sogenannte Reinforcement Learning, das bestärkendes Lernen. Um das richtige Verhalten zu lernen, sollten auch KI-Roboter von uns erfahren, welche ihrer Entscheidungen für richtig oder falsch sind und so den positiven Bereich verstärken.

Roy Amara, Futurist und Präsident des "Institute for the Future" in Palo Alto ist durch ein Postulat bekannt geworden, das heute als "Amaras Gesetz" bezeichnet wird. Darin heisst es: "Wir neigen dazu, die kurzfristigen Auswirkungen einer Technologie zu überschätzen und die langfristigen Auswirkungen zu unterschätzen." Es wäre wünschenswert, dass wir bei dem Thema KI weder das Eine noch das andere machen, sondern verstehen und akzeptieren, was wir als Menschen dank der KI alles lernen könnten, um unser Leben, unsere Arbeit und unsere Gesellschaft zu verbessern. Vor allem damit die KIs nicht auf die Idee kommen "langfristig ihr eigenes Ding zu drehen", wie dies Jürgen Schmidhuber pessimistisch formuliert. 

Tobias Martens ist Senior Project Manager bei der XU Exponential Game Changers GmbH.

Homo Digitalis – Leben in der technisierten Gesellschaft

Technologien wie KI, Robotik oder das IoT verändern nicht nur die Industrie und Arbeitswelt radikal – sie beeinflussen auch die Art und Weise wie Menschen zusammenleben, wie sie kommunizieren und ihre Umwelt wahrnehmen. Gleichzeitig sind es Menschen, die die intelligenten bzw. autonomen Systeme von Morgen gestalten und prägen.

In der Reihe "Homo Digitalis – Leben in der technisierten Gesellschaft" analysiert der Technologiesoziologe und Innovationsforscher Tobias Martens die wichtigsten Technologietrends, ihren Einfluss auf die Gesellschaft und die Menschen, die in ihr leben, sowie Ansätze, wie wir verantwortungsvoll mit dem technischen Fortschritt umgehen können.

Mit der XU Exponential Game Changers GmbH baut Martens aktuell einen internationalen Corporate Education Anbieter auf, dessen Fokus auf der digitalen Transformation von Organisationen, exponentiellen Geschäftsmodellen und disruptiven Technologien, Methoden und Wissensmodellen liegt.

Bild: XU Exponential Game Changers GmbH
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