Bild: timeline.at - Rudi Handl
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Monitor Round Table "Digitale Transformation"

It‘s a journey, not a destination

Die digitale Transformation ist eine Reise. So lautete der Grundtenor der Teilnehmer an unserem Round Table. Man kann und soll sich zwar Ziele setzen, aber "ausdigitalisiert" hat man nie.

von: Rudolf Felser

Auch monitor.at hat sich auf eine kleine Digitalisierungs-Reise begeben. Mit an Bord waren diesmal u.a. Peter Lenz, seit Beginn des Jahres als Geschäftsführer bei T-Systems in Österreich zuständig für den Bereich Delivery und ab Jänner 2018 Vorsitzender der Geschäftsführung. Lenz kennt die Digitalisierung auch von der Kunden-Seite, war er doch zuvor unter anderem als CIO der ÖBB tätig.

Ebenfalls mit von der Partie war Christoph Hammer, bei NAVAX für Marketing, Vertrieb und das Produktmanagement zuständig. Das österreichische Systemhaus legt einen starken Fokus auf Digitalisierung und Business-Lösungen.

Teil der Runde war auch Joerg Spreitzer, Head of Strategy and Innovation der TEC GRUPPE, einer Unternehmensorganisation aus vier IT-Unternehmen. Er nennt sich selbst mit Recht "Digitalisierer der ersten Stunde", war über 20 Jahre in der Kommunikationsindustrie und der Werbung tätig, in der Digitalisierungsbranche auf der Kreativ-Seite. Davor war er Teil eines frühen österreichischen Internet-Providers, nämlich Telecom.at (das "c" ist kein Tippfehler).

Komplettiert wurde die Experten-Gruppe durch Christian Rupp, der untrennbar mit dem digitalen Österreich verbunden ist. "Ich hatte Kundennummer 12 bei der Eunet", so Rupp. Für die, die es nicht (mehr) wissen: Eunet war 1991 der erste österreichische Business-Internet-Provider. Rupp ist u.a. Digitalisierungsbeauftragter der Wirtschaftskammer Österreich.

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Die Teilnehmer des Round Tables von links nach rechts: Christoph Hammer, NAVAX, Peter Lenz, T-Systems, Joerg Spreitzer, TEC GRUPPE, Christian Rupp, Wirtschaftskammer Österreich
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Im Folgenden finden Sie die vollständige Diskussion zum Nachlesen.

Lässt sich der Begriff "Digitale Transformation" in wenigen Sätzen erklären?

Rupp: Ich würde es mit Beispielen erklären. Man wartet sechs Wochen auf einen Termin, damit der Rauchfangkehrer vorbeikommt – oder er kommt ein Mal im Jahr routinemäßig. Wenn ich aber zum Beispiel einen kleinen IoT-Chip im Rauchfang habe, dann sagt der Rauchfang, dass er geputzt werden will. Der Rauchfangkehrer kann sich die Arbeit dann besser einteilen. Auf das Große umgelegt: Es gibt Seifenspender in großen Spitälern oder Stadien, die automatisch funken wenn sie nachgefüllt werden müssen. So kann man die Logistik-Kette besser machen. Manches geht schon in Richtung Disruption: Der Zahntechniker wird sich überlegen müssen, ob der Zahnarzt nicht bald selbst in der Praxis mit einem 3D-Drucker Zähne ausdruckt. Es gibt auch bereits einen ersten österreichischen Hersteller, der einen Schädelknochen-Drucker im AKH aufgestellt hat. Während der Operation wird ein Schädelknochen gedruckt. Es gibt kein Kochrezept für alle Branchen. Jede Branche wird sich überlegen müssen, wie es in den nächsten fünf bis zehn Jahren aussehen wird, wo ihnen die Technologie intern hilft um effizienter zu werden, um den Kunden besser zu bedienen oder um mit dem Lieferanten eine bessere Lieferkette zu formen. Die Industrie hat das schon erkannt, das sieht man sowohl an der Industrie-4.0-Plattform in Deutschland als auch bei uns. Aber der Kleinst- und Kleinbetrieb braucht noch Hilfestellung.

Viele Kleinbetriebe sehen Digitalisierung derzeit noch eher als Hürde und nicht als Chance. 

Rupp: Weil es auch eine Investition in Infrastruktur darstellt, wenn sie noch nicht da ist – zum Beispiel Breitband. Aber auch in Hardware und Software. Vor allem aber auch viel Investition in Weiterbildung des Unternehmens selbst und seiner Mitarbeiter. Das ist etwas, dass wir als Wirtschaftskammer versuchen mit dem Förderprogramm KMU DIGITAL zu subventionieren.

Herr Spreitzer, Sie sind dran.

Spreitzer: Digitalisierung ist ein Veränderungsprozess unter Zuhilfenahme digitaler Technologien. Das trifft uns auf vielen verschiedenen Ebenen, gesellschaftspolitisch genauso wie als Person, wie auch als Unternehmen oder in der Politik. Ich sehe die digitale Transformation in ihrer Umsetzung auch auf verschiedenen Ebenen. Ich habe dazu eine Methode entwickelt, die in vielen Bereichen greifen soll. Das eine ist die Automatisierung, das andere ist aber auch Disruption – das heißt eine Neuentwicklung bzw. Innovation. Gerade in Österreich, in dieser diversifizierten Landschaft, in der wir leben, wo manche unter Digitalisierung die Zuhilfenahme von E-Mail oder einem Handy verstehen und andere schon über künstliche Intelligenz oder Blockchain reden, ist sehr viel Platz dazwischen. Alleine sich diesen Spread anzusehen und zu überlegen, wie man damit umgeht, ist spannend. Das ist fast ein eigenes Thema innerhalb der Digitalisierung, weil die Veränderungsprozesse ganz unterschiedlich sind – manchmal sehr schnell, manchmal sehr langsam. Daraus ergibt sich eine Aerodynamik.

Herr Hammer, bei Ihnen geht es bei Digitalisierung um sehr konkrete Projekte. Wie sehen Sie das Thema?

Hammer: Ich sehe das Thema ähnlich wie Herr Spreitzer. Für mich ist die digitale Transformation ein Veränderungsprozess, der an sich nichts Spezielles ist. In der Geschichte des Menschen gab es schon oft radikale Änderungen. Jetzt sind wir eben in der Zeit der digitalen Revolution. Die digitale Revolution hat nicht erst vor fünf Jahren begonnen – auch wenn man dieses Gefühl hat, weil der Begriff da erst richtig entstanden ist. Begonnen hat es in Wirklichkeit mit dem Start von IT. Was sich in den letzten Jahren geändert hat, das ist die Geschwindigkeit und dass jetzt sehr viele zentrale Technologien gleichzeitig marktreif geworden sind, wie zum Beispiel die Themen Cloud, Mobile, Social, Artificial Intelligence, Machine Learning. Alle diese Themen, die vor 20 Jahren Science Fiction waren, sind auf einmal für jeden möglich. Das ist aus meiner Sicht derzeit die große Veränderung.

Herr Lenz, wie sehen Sie die digitale Transformation?

Lenz: Die digitale Transformation ist für mich wie eine Reise. Eine Reise, die manche antreten wollen und auch als Chance sehen, den Horizont und das Geschäftsfeld zu erweitern. Manche – und da sind wir vielleicht bei den KMU – fühlen sich zu der Reise aber gezwungen. Da gilt es für uns als Industrie die Reiseführer und Unterstützer zu sein, um denjenigen, die es eher als Bedrohung sehen, zu zeigen, was sie erleben können und zu fragen, wo sie mit ihrem Business hinwollen. Wenn uns das gelingt, dann schaffen wir es hieraus für alle einen positiven Spin zu gewinnen und die abzuholen, die noch nicht wissen, warum sie sich eigentlich bewegen müssen. Es ist eine Welle, die man nutzen kann – kommend von der Technologie, von der Forschung, der Industrie und der Beratung. Größere Unternehmen haben das schon vor vielen Jahren als Chance wahrgenommen.

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Peter Lenz, T-Systems
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Ist dann vielleicht der Begriff Digitalisierung hinderlich, weil es ein "zu großer" und damit abschreckender Begriff ist? War es vorher besser, als Themen wie Cloud oder Security häppchenweise serviert worden sind?

Lenz: Ich finde es positiv, weil man unter dem Begriff letztlich alles subsumieren kann, und er in der Gesellschaft angekommen ist. Man kann anhand von konkreten Beispielen zeigen, was es kann und was es bringt – auch an Veränderungen. Als Überbegriff beginnt er, wenn man den Gartner Hype Cycle hernimmt, sich etwas abzunutzen. Jetzt gilt es, den positiven Spin mit konkreten Beispielen zu unterlegen. Das ist für mich das Wesentliche daran. Denn unter diesem Überbegriff werden sehr viele Säue durchs Dorf getrieben, muss man fairerweise sagen.

Hammer: Ich sehe es auch neutral. Der Begriff "Digitale Transformation" unterstützt weder einen KMU in der Digitalisierung, aber er hindert ihn auch nicht. Die Themen darunter sind gleich geblieben, egal wie man den Überbegriff nennt. Ob ein KMU sich zum Beispiel mit Collaboration beschäftigt oder nicht, hat mit dem Überbegriff nichts zu tun. Damit er damit beginnt geht es eher darum, dass er versteht was es ihm bringt und nicht um Begrifflichkeiten, die unsere Branche verwendet. Wir sind als Branche sehr schnell, wenn es darum geht, Begriffe zu erfinden und auch in Richtung der Kunden zu verwenden, ohne zu hinterfragen, ob es auch das ist, was der Kunde hören will.

Spreitzer: Das ist ein Riesen-Thema. Auf der einen Seite eröffnet dieses Wort, dass mittlerweile sehr generisch verwendet wird, die Möglichkeit, viele Dinge darunter zu verstehen – was auch sinnvoll ist. Der eine steht vielleicht noch in der Transformation, bei seinen drei Mitarbeitern E-Mail einzuführen, und der andere macht schon erste KI-Versuche. Kritischer sehe ich es von Seiten der Markenführung bei den Dienstleistern. Wir hatten am Anfang in Österreich sehr spezifische Dienstleister, die wussten was Digitalisierung ist und mit diesem Wort auch sehr sorgsam umgegangen sind. Mittlerweile gibt es eine Flut an Digitalisierern bei denen man gar nicht weiß, warum sie eigentlich digitalisieren. Das passiert, wenn ein Wort gehypt wird. Es bildet sich alles mögliche drumherum, das mit dem ursprünglichen Sinn nichts mehr zu tun hat.

Rupp: International sage ich immer: It's a journey, not a destination. Je nachdem, welchen Ansatz ich habe oder woher ich komme, entwickelt sich die Reise ein bisschen anders. Laut der letzten Studie der WKÖ sehen 78 Prozent die Digitalisierung positiv. Über ein Drittel der österreichischen Unternehmen sagt, dass ihr Geschäftsmodell ohne Internet-basierte Technik nicht denkbar wäre. Wir sind also schon mittendrin. Es gibt unterschiedliche Orte, die man auf dieser Reise berücksichtigen muss. Das eine ist zum Beispiel die Datenschutzgrundverordnung, das gleiche gilt aber auch für die barrierefreie Webseite bis hin zur E-Privacy-Richtlinie oder E-Rechnungs-Richtlinie. Auf den Unternehmer kommen sehr viele Dinge zu, gerade auch, damit grenzüberschreitende Interoperabilität möglich ist. Das sind teilweise technische Dinge, aber es geht auch um ganz normale Management-Methoden, wie Agilität, Design Thinking, Prototyping. Auch das verändert meinen klassischen Prozess. Man muss wiederum aber auch die österreichische Situation sehen: Wir sind ein Land der Kleinst- und Kleinunternehmen, bei denen sich immer die Frage stellt, wie viel Zeit sie haben um sich um diese Dingen zu kümmern, oder ob sie einen zertifizierten Digitalisierungsberater an ihrer Seite haben, der ihnen auf diesem Weg hilft.

Ist diese Studie, von der Sie sprechen, jene, in der festgestellt wurde, dass Österreichs KMU bei der Digitalisierung hinterherhinken?

Rupp: Es gibt zwei verschiedene Studien. Sie gehen aber beide in die gleiche Richtung: Ein Drittel jeder Branche hat sich schon mit der Digitalisierung beschäftigt, aber der Großteil ist noch 'digital unorientiert' oder ein digitaler Neuling. Damit liegen wir im internationalen Vergleich aber in einem guten Trend. Wenn man sich den Digitalisierungsindex der Wirtschaftskammer ansieht, über alle Indizes die es gibt, vom NRI (Networked Readiness Index) angefangen bis zum DESI (Digital Economy and Society Index), liegen wir in manchen Kapiteln, wie E-Government, on top, aber zum Beispiel im E-Commerce gibt es noch viel Luft nach oben. Das ist aber wiederum nur eine Ausprägung. Nicht jeder Unternehmer wird E-Commerce brauchen. Der eine beginnt vielleicht seinen ganz klassischen Unternehmensprozess zu digitalisieren, der andere fängt bei der E-Rechnung an seine Kunden oder Lieferanten an. Das muss jeder für sich entscheiden.

Was das Thema Digitalisierung betrifft sieht Österreich im internationalen Vergleich also nicht so schlecht aus?

Rupp: Ich würde nicht sagen, dass wir das Schlusslicht sind. Aber wir sind auch nicht unter den Top 5.

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Christian Rupp, Wirtschaftskammer Österreich
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Welche Gründe gibt es dafür, dass Österreich auf einzelnen Gebieten, wie E-Government, vorne ist, aber trotzdem nicht unter den Top 5 liegt?

Rupp: Aus der Historie betrachtet waren wir sicher einmal unter den Top 5, weil wir ein Land waren, das sehr frühzeitig Technologien ausprobiert hat. Gerade im Telekommunikations-Sektor, wo wir Testland waren. In einzelnen Bereichen sind wir nach wie vor gut, wenn man sich etwa manche Start-ups oder den Forschungsbereich ansieht. Zum Beispiel das AIT Austrian Institute of Technology, wo Spitzenleistungen in unterschiedlichsten Bereichen produziert werden, von Cyber Security bis hin zu Bildersuch-Algorithmen. Aber diese Beispiele sind viel zu wenig bekannt. Außerdem muss das heruntergebrochen werden, damit kleine Unternehmen da andocken und von diesen Ergebnissen profitieren können. Im Futurelab des Ars Electronica Center haben wir eine eigene Roboterstation und eine eigene Roboter-Psychologin. 60 bis 70 Prozent aller Aufträge an das Lab kommen aus Japan. Da spielen sich sensationelle Dinge ab und Österreich leistet da hervorragende Arbeit. Aber was bedeutet das für den Tischler, Fleischer oder Bäcker? Ich glaube, es wird an uns liegen, vor allem auch an der Beratungsbranche, das herunterzubrechen und zu zeigen, wie die Unternehmen davon profitieren können.

Herr Spreitzer, Sie haben Österreich in dieser Hinsicht auch schon lange im Blick. Wissen Sie, warum wir nicht Nummer 1 sind?

Spreitzer: Im KMU-Bereich würde ich es mit zwei Begriffen beschreiben. Der eine ist "Halbherzigkeit" und der andere "kurzfristige Denke". Diese Kurzfristigkeit ist auch durch die große Industrie getrieben, weil viele dieser KMU Zulieferer oder Dienstleister für die große Industrie sind. Von der Procurement-Getriebenheit und dem jährliche Reporten der großen Konzerne sind auch deren Lieferanten betroffen und gezwungen, kurzfristig zu denken. Es gibt selten, auch aufgrund der Investitionen in der Beratung, langfristige Pläne und auch die Möglichkeit, diese Investitionen durchzuführen. Natürlich gibt es in Österreich gute Förderungen. Aber wenn ich mir aus der Beratungsindustrie kommend überlege, welchen Einsatz es braucht, um ein großes Unternehmen in seiner Digitalisierung zu unterstützen, und welche Wertschöpfung ich als Berater davon habe, und wenn ich mir dann überlege, dass ein KMU ähnliche Aufmerksamkeit braucht, weil das Thema das gleiche ist, und wie viel Wertschöpfung ich dort habe, dann wird sich der Berater sehr oft auf die großen Unternehmen fokussieren. Wir haben selbst oft darüber nachgedacht, ob wir im KMU-Bereich mit unseren Beratungsleistungen Fuß fassen können. Diese Leistungen sind Menschen-getrieben. Ich kann meine Kapazitäten als Person nicht mehr als 12 oder 14 Stunden am Tag aufteilen. Deswegen gibt es da meiner Meinung nach einen großen Gap, der entsteht.

Herr Hammer, NAVAX richtet sich auch an KMU. Wenn man sich anhört, was Herr Spreitzer sagt, könnte man meinen, Sie verdienen kein Geld.

Hammer: Das kommt darauf an, wie man KMU definiert. Wenn man es als alle Unternehmen unter 500 Mitarbeitern definiert, dann ist der Markt in Österreich sehr groß – wahrscheinlich 90 Prozent des Gesamtmarktes. Das ist auch die Schiene, auf der wir uns als NAVAX bewegen. Und wir verdienen mit diesem Segment ganz gut. Zur Frage, ob wir bei der Digitalisierung Vorreiter sind, oder nicht: Wir Österreicher, oder überhaupt der deutschsprachige Raum, sind ein kritisches Volk. Das sieht man bei vielen Innovationsthemen, nicht nur in der IT, sondern bei allen Themen, die neu sind und bei denen es kritische Faktoren gibt. Wenn man sich innerhalb Europas die nordischen Länder ansieht, Holland, Belgien, Skandinavien, sind die bei der Digitalisierung sehr viel weiter als wir. Ich habe eine einfache Messzahl dafür. Wir kommen eher aus der Microsoft-Welt und da gibt es das Office365. Das ist für mich ein erster Schritt, ein Basis-demokratischer Schritt, den jedes Unternehmen gehen kann, egal wie viel Budget es hat. Diesen Schritt zu tun ist keine Geld-, sondern eine Einstellungsfrage. Wenn ich diesen Schritt tue, dann sehe ich als Unternehmen, egal ob ich fünf Mitarbeiter habe oder 5.000, das Potenzial dieser neuen Technologien. Wenn man sich das ansieht, dann sind die Nordics zehn Jahre voraus. Die Microsoft-Verkäufe sind in den Nordics viel weiter. Ich habe darüber nachgedacht, was der Grund dafür sein kann. Das ist nicht einfach. Ich glaube, es gibt keinen richtigen Grund. Wenn man blasphemisch sein wollte, müsste man vielleicht die Religion als Grund nehmen. Wir sind Katholiken und das sind eher protestantische Länder. Aber ich glaube nicht, dass das wirklich der Grund ist. Es ist wahrscheinlich eine gewisse Grundeinstellung. Wir stehen dem Neuen sehr kritisch gegenüber und checken alles ab, bis wir sicher sind, dass es passt. Ein Beispiel: Wenn in Österreich nicht das letzte Tüpfelchen, was Datensicherheit betrifft, judikativ ausdiskutiert ist, wird nicht in die Cloud gegangen. Da sind andere Länder ganz anders, die machen das einfach. Ich rede gar nicht davon, dass das gut ist, aber die sind dann natürlich schneller. Der Österreicher tendiert dazu zu warten und wenn alle rundherum etwas gemacht haben, dann macht er es auch. Ich habe das in so vielen Vertriebszyklen gesehen, wo es dann ums Prinzip gegangen ist und der Schritt dann nicht getan wurde. Was ich mir wünschen würde, auch von Seiten der Regierung, der Wirtschaftskammer, wer auch immer sich daran beteiligen kann, ist, dass man genau diese Barrieren, die es gibt, für alle gemeinsam löst. Wir stehen als Dienstleister oft vor dem Kunden und diskutieren mit ihm diese Themen und dann gibt es oft irgendeine Kleinigkeit, die judikativ nicht ganz zu Ende ist. Das sind oft die Showstopper für uns, weil der Kunde das Projekt dann wieder für zwei Jahre verschiebt. Ich glaube, dass wir dadurch in den letzten Jahren Zeit verloren haben und man da sehr einfach sehr viel machen könnte.

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Christoph Hammer, NAVAX
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Herr Lenz, Sie haben genickt.

Lenz: Ja, ich kann da gut mitgehen. Das liegt auch ein Stück weit an den Akteuren in den österreichischen Unternehmen und Organisationen selber. Ich kann auch das mit dem zum Teil sehr konservativen Ansatz, den wir wählen wenn wir uns um neue Technologien bemühen, mittragen. Ich war 20 Jahre auf der Kundenseite bei großen Unternehmen und kann deswegen auch aus Kundensicht berichten. Mir war es gerade in meiner Zeit als IT-Chef der ÖBB wichtig, mit Tobias Höllwarth die "Trust in Cloud"-Initiative zu starten um gerade dem Mittelstand zu zeigen, dass die großen sich trauen die ersten Schritte zu machen. Office365 ist – ohne zu viel Werbung für Microsoft machen zu wollen – ein gutes Beispiel, einen ersten Schritt zu machen, in ein sehr etabliertes Produkt, das jeder braucht. E-Mail und Sharepoint sind auch in kleinen Unternehmen wichtige Funktionen. Wenn sich da ein IT-Verantwortlicher nach wie vor sehr konzentriert, seine eigenen Server zu betreiben, anstatt auch mal über den Tellerrand zu blicken und sich eine andere Fokussierung zu erlauben, ist das für ihn nicht von Vorteil. Denn wenn er Standardservices an große Provider abgibt, kann er sich wieder mehr auf seinen Geschäftsprozess konzentrieren. Dann kann er nicht nur IT-Leiter sein, sondern, um einen anderen hochtrabenden Begriff zu verwenden, dann kann er Chief Digital Officer werden, wo es mehr um den Geschäftsprozess geht. Da muss man sich als österreichisches Unternehmen oder Organisation selbst an der Nase nehmen: Man ist zu sehr im 'Ist' und sieht sich weniger an, wo die Reise hingehen kann. Mittlerweile ist Cloud salonfähig geworden, aber das aufzuholen hat in Österreich viel Anstrengung bedeutet. Die Cloud ist da um zu bleiben und bietet Vorteile, die Fokussierung und technologische Weiterentwicklung erlauben, um die ich mich als kleines Unternehmen nicht selbst kümmern muss. Ob ich mit einem Hersteller direkt in eine Cloud-Architektur gehe, oder ob ich das über einen Partner mache, der mir dabei hilft, kann ich mir überlegen. Aber das Angebot ist da.

Herr Lenz, ich würde gerne zu konkreten Beispielen für gelungene Digitalisierungsprojekte kommen. Können Sie eines nennen?

Lenz: Ich kann ein paar Beispiele aus der T-Systems bringen und sie mit der Technik verknüpfen. Beispiel Parkplatzsuche: Das ist für jeden von uns ein nachvollziehbares Übel. Manchmal dauert die Parkplatzsuche länger als der weg zum Ziel. Wenn ich hier intelligente Sensorik mit der Technologie einer Narrowband-Datenübertragung einsetze, die Gebäude – zum Beispiel auch Garagen – besser durchdringt, dann kann ich als T-Systems gemeinsam mit einer Stadt wie Hamburg ein intelligentes Verkehrskonzept entwickeln. Es gibt in Hamburg mittlerweile 10.000 vernetzte Parkplätze. Mit einer intelligenten, ansprechenden, User-orientierten App kann der User einen Parkplatz vorreservieren, er weiß genau, wo er hinfahren muss, die App führt ihn hin, man kann die Abrechnung abwickeln. Das ist ein Anwendungsfall, bei dem jeder unterschreiben würde, dass es ein sinnvoller Einsatz von Technik ist, der jedem etwas bringt. Er bringt der Kommune etwas, weil sie einen viel besseren Überblick darüber hat, was sie an verrechenbaren Ressourcen – sprich freier Flächen – verwenden, es bringt der Nachhaltigkeit bzw. Umwelt etwas, denn ich habe viel weniger kreisenden Verkehr und der User letztlich, der das durch seine Parkgebühr mitfinanziert, hat auch etwas davon, weil die Parkplatzsuche verkürzt wird.

Rupp: Es gibt einen Kärntner Unternehmer, der für den deutschen ADAC eine App entwickelt hat, die sich genau diesem Thema widmet. Der User kann von zuhause nachsehen, welche Parkplätze in welchen Parkhäusern frei sind und auch gleich einen Parkplatz reservieren. Genau bei solchen Lösungen sind es oft österreichische Betriebe, die das in Deutschland realisieren. Davon gibt es gar nicht wenige, die auch in Deutschland aktiv sind.

Wenn Sie schon dabei sind, Herr Rupp, haben Sie vielleicht noch ein Beispiel?

Rupp: Es gibt in jeder Branche Beispiele. Etwa wenn der Tischler Augmented Reality einsetzt, damit ich zuhause entscheiden kann, ob der Tisch passt und in welcher Farbe ich ihn gerne hätte. Das sind kleine Dinge, die man machen kann. Oder der klassische Bereich elektronische Rechnung. Wir haben Studien, die besagen, dass 95 Prozent der österreichischen Unternehmen elektronische Rechnungen im PDF erhalten. 61 Prozent bearbeiten diese dann per Ausdruck, 59 Prozent archivieren diesen Ausdruck auf Papier und nur 30 Prozent elektronisch. Gerade da kann die Digitalisierung ansetzen, damit die Unternehmen gleich elektronisch archivieren. Das sind Prozesse die dem Unternehmer helfen können, intern sehr viel Geld zu sparen. Wir haben von Seiten der Kammer einen Rechner der berechnet, was das finanziell bringt, bis hin zu Tools, die auf Knopfdruck eine normale Rechnung in ein XML und umgekehrt umwandeln. Die Wirtschaftskammer bietet sehr viel Unterstützung, Tools, Checklisten, Online-Ratgeber oder Webinare. Wir haben ein Webinar zur EU-DSGVO veranstaltet mit über zweieinhalbtausend Anmeldungen. Die Österreicher nehmen Themen wie Webinare durchaus an, das ist für sie nicht etwas vollkommen neues. Wir machen seit 1997 die TELEFIT-Roadshow, mittlerweile heißt sie digital.now, wo wir zu den Unternehmern in die Gemeinden hinausgehen um zu zeigen, was Digitalisierung bedeutet. Aber natürlich muss jeder für sich selbst überlegen, ob er diesen Schritt geht. Trust in Cloud auf europäischer Ebene war wichtig, aber es ist genauso wichtig, dass ich auf österreichischer Ebene eine Tiroler Cloud habe, eine oberösterreichische Cloud, in Wien gibt es die Initiative "Austrian Cloud". Damit Unternehmen, wenn sie Daten in der Cloud ablegen, zwischen sicheren österreichischen Anbietern oder sicheren europäischen Lösungen wählen können. Das ist eine Chance für Europa, beim Thema Digitalisierung Vorreiter zu sein.

Ihr Beispiel der gedruckten E-Rechnung unterstützt das "Halbherzigkeits-Argument" von Herrn Spreitzer.

Rupp: Es stimmt schon, die Skandinavier sind vielleicht ein bisschen flexibler. Ich habe eine Zeit lang in Schweden gearbeitet. Dort ist es auch aufgrund der Distanz so, dass Technologien oft früher genutzt werden, damit man nicht hunderte Kilometer fahren muss. Wir sind in dieser Richtung vielleicht ein bisschen bequemer. Aber dort lernt man auch schon im frühen Kindesalter, dass Transparenz nichts Schlechtes ist. In Schweden kann ich über das Autokennzeichen meines Nachbars seine Steuererklärung einsehen. Das wäre bei uns undenkbar. Aber ich werde dort auch so erzogen, dass ich es nicht mache, denn es geht mich nichts an. Dort ist Transparenz nichts Schlechtes, bei uns hat sie einen negativen Beigeschmack.

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Joerg Spreitzer, TEC GRUPPE
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Spreitzer: Ich würde gerne in die Diskussion einsteigen, weil ein paar spannende Punkte angerissen worden sind. Auf der einen Seite diese Skepsis. Wir haben eingangs in der Definition gesagt, es geht um einen Veränderungsprozess. Wo findet Veränderung statt? Meistens dort, wo ein Druck stattfindet und die Notwendigkeit besteht. Man geht selten ohne Anlass in eine Veränderung. In Österreich geht es uns sehr gut, deswegen ist diese Notwendigkeit oft nicht gleich ersichtlich. Da komme ich zu einem wesentlichen Punkt, nämlich zu hinterfragen wo der emotionale Ansatz ist. Wir sprechen immer über Technologien. Die digitale Transformation ist per se ein digital und technologisch besetzter Begriff. Ich habe in meiner Methode absichtlich einen Bereich dazugenommen, der aus der Markenführung kommt, nämlich den emotionalen Zustand. Wir unterscheiden bei einer Marke den emotionalen Benefit und den funktionalen Benefit. Man muss sich ansehen, was der Mensch in seinen Emotionen, Bedürfnissen und Wünschen will, dann das Business-Modell dazunehmen und erst dann die Technologie und daraus eine digitale Vision machen. Das klingt für ein kleines Unternehmen vielleicht total überzogen, aber man kann sich als Mensch diese Gedanken machen und überlegen, was Digitalisierung für mich in meinem gesamten Umfeld bedeutet. Ich habe ein Beispiel mitgenommen, dass genau in diesem Bereich aufschlagen soll. Wir haben eine Vier-Schritte-Methode zur Digitalisierung implementiert, die wir auch als Berater anwenden, und haben daraus ein Digitalisierungsprojekt gemacht, gemeinsam mit Professor Hasenauer von INiTS, dem großen österreichischen Inkubator. Da sehen wir uns die Market-Readiness und die Technologie-Readiness von Unternehmen an und stellen sie in eine Korrelation. Wir sehen uns an, was im Innovationsprozess und in der Produktentwicklung passiert, wenn sie zu viel Geld ins Marketing investieren und zu wenig in Technologie. Meistens ist es eher umgekehrt. Da entsteht ein Gap und das ist manchmal nicht mehr aufzuholen. Diese Methode schlägt dort ein und kontrolliert das. Daraus bilden wir mit der Unterstützung von künstlicher Intelligenz ein Tool, das den Innovationsprozess in seiner Beratung digitalisiert. Da sind wir noch am Anfang und probieren einige KIs aus. Das sehen wir uns anhand dieser zwei Parameter an. Dazu kommen natürlich noch Security-Readiness, Investoren-Readiness, Management-Readiness und viele andere Faktoren, die hineinspielen können. Deswegen brauchen wir dafür auch künstliche Intelligenz, weil wir das mit herkömmlichen Systemen nicht mehr tracken könnten. Wir hoffen daraus Systeme zu machen, um die Sinnhaftigkeit von Innovationen schnell zu erkennen. Denn wir bewerten heute Innovationen oft sehr emotional oder auch sehr KPI-basierend, aber selten auf Basis von viel Wissen.

Sie digitalisieren quasi die Digitalisierung, sehr schön. Herr Hammer, haben Sie auch ein Beispiel für uns?

Hammer: Wir sitzen im Zentrum der Digitalisierung, machen hauptsächlich ERP- und CRM-Projekte. Viele der Kernthemen, beispielsweise die elektronische Rechnung, gehören bei uns dazu. Wir haben unter anderem ein Modul für E-Invoicing entwickelt, das sehr viele von unseren Kunden im Einsatz haben. Wir haben heute in Österreich rund 500 Kunden, die unsere ERP- und CRM-Lösungen im Einsatz haben, und sehr viele davon haben auch unsere E-Invoicing-Lösung im Einsatz. Das sind eigentlich alte Themen, die aber bei weitem noch nicht flächendeckend im Markt sind. Wir gehen zu unserem Kunden und reden über Chatbots, aber in Wirklichkeit hat er noch kein E-Invoicing im Einsatz oder hat keine Möglichkeit ein Word-File zu sharen, ohne es per E-Mail zu verschicken. Da stellt sich die Frage, ob es für ihn Sinn macht, in ganz neue Themen zu gehen, wenn er die 'Low-Hanging-Fruits' noch nicht gepflückt hat. Ein schönes Beispiel ist die Finanzbranche, eine unserer Kernbranchen ist im Speziellen die Leasing-Branche. Wir haben ein Kernsystem für Leasingunternehmen entwickelt, basierend auf einem Microsoft-System, in das wir die Leasing-Prozesse integriert haben. Leasingfirmen setzen das intern ein, um Prozesse wie Rechnungswesen, Rechnungsstellung, Aufträge, Angebote, Vertragswesen und solche Dinge abzudecken. Spannend ist, wenn ich dieses System auf meine Kunden und Lieferanten erweitern kann. Da reden wir dann wirklich von der Digitalisierung des Prozesses. Wir haben ein Portal, das es den Maklern, die die Leasing-Verträge abschließen, ermöglicht, den Vertrag online abzuschließen, ohne, dass Papier zwischen Leasing-Unternehmen, Partner und Endkunden hin- und hergeschickt werden muss. Wir haben fertige Lösungen, die sowohl für Großkunden relevant sind, aber genauso auch bei kleineren Leasing-Unternehmen im Einsatz sind. Das sind in Wahrheit alles herkömmliche Themen, aber wir versuchen das mit neuen Themen wie zum Beispiel Chatbots zu ergänzen. Wenn man in einem Callcenter anruft sind 90 Prozent der Fragen sehr standardisiert. In 90 Prozent der Fälle sieht der Agent im ERP- oder CRM-System nach und findet dort die Information. Das kann man mit Chatbots lösen. Womit wir uns in diesem Umfeld auch intensiv beschäftigen ist die digitale Signatur. Ein ganz neues Thema, das dem Kunden einen großen Mehrwert bietet, ist die Video-Identifizierung. Wenn man ein neues Konto eröffnet oder einen Vertrag abschließt, kann man sich so ersparen, in eine Filiale zu gehen, die Identifizierung erfolgt einfach über Video.

Rupp: Basis dessen ist eine EU-Verordnung, in diesem Fall die eIDAS-Verordnung, wonach mit nächstem Jahr jede Behörde elektronische Identitäten und Signaturen akzeptieren muss. Das ist etwas, das im E-Government grenzüberschreitend große Auswirkungen hat, aber natürlich genauso im Unternehmens-Bereich genutzt werden kann. Da geht es nicht nur um elektronische Signaturen, sondern auch um elektronische Zeitstempel, gesicherte elektronische Zustellung, sichere elektronische Webseiten-Authentifizierung. Eine elektronische Signatur ist die Basis dafür. Auch hier ist Österreich mit der Handy-Signatur Vorreiter. Mittlerweile nutzen knapp eine Million Österreicher eine elektronische Signatur, oft bis zu 10.000 oder 20.000 pro Tag. Das ist nicht schlecht. Wir sind auf der Reise, aber es ist immer noch Luft nach oben.

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Spannend, dass Gesetze und Verordnungen wie bei der E-Rechnung oft der Treiber für Innovationen sind, auch wenn man bei ausgedruckten E-Rechnungen wieder von Halbherzigkeit sprechen kann.

Hammer: Die Halbherzigkeit ist wirklich ein Thema, denn wir waren Vorreiter und dann wurde es nicht ganz bis zum Ende fertig gemacht. Ein wirklicher internationaler, technologischer Vorreiter wird man nur, wenn man Unternehmen hat, die das in die Welt hinaustragen. Hinaustragen kann man nur etwas, von dem man Referenzen und gute Beispiele im Land hat. Wenn man in Österreich ein oder zwei Jahre hinterher ist, hat man auch als Dienstleister nicht den Vorsprung, den man haben könnte. Beispiel Signatur: Wenn man der erste ist, der das macht, und damit hinausgeht, kann man die Welt erobern. Wenn man auch nur ein Jahr hinterher ist, tut man sich schon schwerer. Deswegen ist es notwendig, dass Dienstleister und öffentliche Hand eng zusammenarbeiten.

Rupp: Das Stichwort heißt GovTech.

Hammer: Das habe ich nicht gekannt, aber es hört sich gut an.

Herr Lenz, als es vorhin um die Tirol-Cloud und die Wien-Cloud ging, da fanden Sie das nicht so spaßig, wenn ich mich nicht irre.

Lenz: Das haben Sie gut beobachtet. Ich gebe dem einen positiven Spin. Wenn es einem Unternehmen hilft, den nächsten Schritt zu machen, dann soll mir die Tirol-Cloud recht sein. An und für sich glaube ich, dass wir bei dem hohen Datenschutzniveau, das wir in Österreich haben, und wenn es für eine Organisation wichtig ist, dass die Daten im eigenen Land sind, auch über Bundesländergrenzen hinweg vertrauen kann. Ich weiß, dass es auch einigen Kunden von uns sehr wichtig ist, die Daten im eigenen Keller zu haben, und wir ermöglichen das als Anbieter natürlich auch.

Ich würde gerne zur Abschlussrunde kommen. Herr Lenz, haben Sie vielleicht einen Tipp für unsere Leser, wie sie auf die nächste Stufe der Digitalisierung kommen?

Lenz: Das Angebot an Lösungen und Möglichkeiten ist enorm groß geworden. Wenn man Schwierigkeiten hat, eine Eigenanalyse durchzuführen, würde ich empfehlen, das breite Beratungsumfeld, das existiert, mit ins Boot zu holen. Und auf Basis von Referenzen, die der Organisationsform und dem Business entsprechen, einen Partner zu wählen, mit dem man in einen Workshop geht und dem Thema nachzugehen, wo die eigenen Potenziale liegen könnten. Ich weiß, dass es für eine kleinere Organisation nicht immer möglich ist alles zu wissen, was sich gerade am Markt tut. Aber wenn man dann gesehen hat, was möglich ist, sollte man den nächsten Schritt in ein Proof-of-Concept gehen und ausprobieren, was sich mit neuer Technologie machen lässt. Das kostet meistens nicht viel Geld und ist bei vielen Unternehmen im Pre-Sales-Budget drin. Sie stellen es kostenlos oder sehr günstig zur Verfügung und man probiert es aus. Wir im Haus gehen zum Beispiel mit einem IoT-Starterkit vor. Das wird sehr gut angenommen. Wenn das einen Mehrwert bringt, dann geht es weiter mit der nächsten Stufe, wenn nicht, hat man nichts verloren. Ich würde vorschlagen schrittweise ranzugehen. Ich glaube es wäre vermessen zu sagen, man digitalisiert in einem drei Jahre dauernden Projekt sein ganzes Business. Diese Vorgehensweise ist aus dem letzten Jahrhundert. Man kann sich schrittweise einem Optimum nähern und die nächste Reise-Etappe angehen.

Hammer: Ich bin, was neue Themen betrifft, ein Anhänger des systemischen Ansatzes. Das heißt, ich glaube eine Organisation muss ein gewisses Grundwissen zu einem Thema haben, um weiterzukommen. Normalerweise schafft es auch jedes Unternehmen, egal wie groß, ein gewisses Grundwissen zu bekommen – auch zum Thema Digitalisierung. Wenn dieses Wissen nicht vorhanden ist, dann ist es auch für Unternehmen wie uns schwierig, wenn wir als Berater von extern kommen, das auch nur zu greifen. Es ist auch nicht gut, wenn nur eine Seite der anderen sagt, wie man etwas machen soll. Es ist wichtig, dass es aus der Organisation selbst kommt. Um dieses Wissen zu bekommen, muss man Dinge ausprobieren. Dafür muss gerade bei KMU die Unternehmensleitung mit gutem Beispiel vorangehen und – auch wenn es nur solche Kleinigkeiten sind –  Apps verwenden, Office365 verwenden, damit das Unternehmen mit diesen Dingen in Berührung kommt. Dann wird es auch funktionieren. Wenn die Firma skeptisch ist, ist es für einen Berater schwierig. Deswegen ist das richtige Mindset notwendig. Was ich außerdem jedem Unternehmen empfehle: Wir haben eine Plattform, die sich digibusters nennt. Das ist eine Wissensplattform, die NAVAX gemeinsam mit Microsoft Österreich und der Digitalagentur impaction gegründet hat. Was steckt dahinter? Wir haben viel Erfahrung auf diesem Gebiet, stellen es aber normalerweise nicht so dar, dass es für unsere Kunden leicht verdaubar ist. Das geht auch oft nicht anders, weil wir Details zu Produkten bringen müssen. Darum haben wir eine Wissensplattform gestartet, auf der wir Best Practices zum Thema Digitalisierung kurz und knackig darstellen. Nicht mit dem Anspruch, alle Themen abzudecken, sondern die wichtigsten Themen, die für Unternehmen derzeit relevant sind.

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Spreitzer: Ich sehe das ähnlich. Ich glaube alle, die in der Digitalisierung arbeiten, wünschen sich ein Gegenüber, das sich schon Gedanken gemacht hat, wo es steht. Der Claim, den wir in die Welt setzen, ist 'Are you ready?' – wo stehst denn du? Wir als Dienstleister wären bereit für die Digitalisierung, aber was ist mit dir? Das ist eine spannende Frage, denn die hat viele Aspekte. Ein Tipp für den Leser wäre, sich Gedanken zu machen, was denn seine digitale Vision ist. Da kommen viele Unternehmen drauf, dass sie die Frage nach der Vision, die sie generell als Unternehmen haben, schon lange nicht mehr gestellt haben; dass die Zeiten sich verändert haben und sie vielleicht nachdenken sollten, wo es jetzt mit dem Unternehmen hingeht, wo sie hinwollen und welche Auswirkungen die Digitalisierung auf ihre Überlegungen hat. Dann kann man sich ansehen, welche Prozesse man im Haus hat und welche Tools bei der Automatisierung unterstützen können. Oder, wenn die digitale Vision sogar ergibt, dass ich mich selbst disruptieren muss, oder in neue, innovative Geschäftsbereiche gehen kann, mir anzusehen, welche Tools und Dienstleister mir helfen können. Also wirklich ein schrittweises Vorgehen, ohne die digitale Vision außer Acht zu lassen.

Rupp: Das wichtigste ist die Potenzialanalyse, die ich für mich mache. Was bedeutet es für mich, welche Veränderung, wo kann ich ansetzen? Das ist der Grund, warum wir, also die Wirtschaftskammer gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium, die KMUDIGITAL.at-Initiative gegründet haben. Diese Potenzialanalyse ist zu hundert Prozent gefördert. Ich mache zuerst einen Online-Check und dann kommt der Berater einen Tag zu mir und man bekommt zu hundert Prozent gefördert seine Potenzialanalyse. Damit man weiß, wo man anfangen könnte – beispielsweise bei Cyber Security, Prozessanalyse oder E-Commerce. Außerdem wird – was ich für sehr wesentlich halte – die Mitarbeiter-Weiterbildung zu 50 Prozent gefördert. Wir haben jetzt über 2.000 Kurse online, die der Mitarbeiter oder der Unternehmen machen kann, die sind ebenfalls zu 50 Prozent gefördert. Der dritte Bereich ist, dass wir auch stark in die Zertifizierung und Weiterbildung der Berater gehen und auch die Kurse und Zertifizierungen für Berater werden zu 50 Prozent gefördert. Um dem Klein- und Kleinstbetrieb die Basis anbieten zu können, dass jemand mit ihm den Weg geht. Da gibt es auch Best-Practice-Beispiele, es gibt zum Beispiel auch einen digitalen Reiseführer von der Wirtschaftskammer, der mir zeigt, wie die Wege und Methoden aussehen. Material gibt es genug, man muss nur den Weg miteinander gehen.

 
 
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