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Schahram Dustdar ist Professor der Informatik an der TU Wien und unter anderem Experte für Internet-Technologien.
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Interview - Schahram Dustdar, TU Wien

Der Versuch, den Menschen nachzubauen

Schahram Dustdar ist Professor der Informatik an der TU Wien und Beirat des IT-Dienstleisters adesso. Als Experte für Industrie 4.0, Internet of Things und Smart Cities kennt er die wichtigsten Fortschritte in der Informatik und gibt einen Ausblick in die nahe Zukunft.

Schahram Dustdar ist Professor für Informatik mit einem Fokus auf Internet-Technologie und Leiter der Arbeitsgruppe Distributed Systems am Institut für Verteilte und Parallele Systeme der TU Wien. Sein Forschungsinteresse umfasst Elastic Computing, Internet of Things (IoT), Services/Cloud Computing, Complex-, Autonomic- und Adaptive Systems, sowie Context-Aware Computing. Außerdem ist er unter anderem Mitglied des Beirats des IT-Dienstleisters adesso. Im Interview spricht er über IoT, Industrie 4.0, die Blockchain, smarte Städte – und wie das alles zusammenhängt.

Prof. Dustdar, die Welt scheint wieder einmal an der Schwelle zu einem technologischen Wandel zu stehen. Internet of Things (IoT) und Industrie 4.0 sind nur einige der Schlagwörter, mit denen man ständig konfrontiert wird. Hat sich generell der Zugang zu dem geändert, was Technologie leisten soll?

Ich denke schon. Die Informatik gründet ja eigentlich auf dem Versuch, den Menschen nachzubauen. Dieser verfügt über ein autonomes Nervensystem, das mittels Sensoren externe Reize aufnimmt, die dann in einem internen Netzwerk miteinander in Beziehung gesetzt werden. "Sensoren" und "Netzwerke" sind zwei Begriffe, die wir auch in der Informatik gut kennen. In der Vergangenheit haben wir uns aber vorwiegend auf die Dinge konzentriert, die im Hintergrund passieren – heute schauen wir dagegen viel stärker nach außen. Künstliche Intelligenz und kognitive Fähigkeiten sind momentan ganz heiße Trends, die irgendwann dazu führen sollen, den Menschen als Ganzes nachbauen zu können.

Wie weit sind wir davon entfernt?

Je mehr Fortschritte wir in der Informatik machen, desto mehr kommen wir zu der Frage: was ist der Mensch? Wenn wir glauben, der Mensch besteht hauptsächlich aus Hardware und nur zu einem kleinen Teil aus Software, dann reduzieren wir uns selbst in unserer Komplexität. Dann machen auch die aktuellen Ängste Sinn, dass uns die Roboter die Arbeit wegnehmen. Wenn wir den Menschen hingegen als kreatives Wesen ansehen und diese Fähigkeiten auch mehr in den technologischen Fortschritt einfließen lassen, dann wird das zu wesentlich spannenderen Ergebnissen führen als ein bloßer Nachbau der Hardware. 

Was war Ihrer Meinung nach 2017 eine der interessantesten Entwicklungen in dem Bereich?

Beim Thema Edge Computing ist dieses Jahr ein Durchbruch gelungen, was den Bereich der Datenverwertung angeht: Früher war es so, dass Daten von einem Sensor eingesammelt, dann in die Cloud geschickt und dort erst ausgewertet wurden. Dadurch entstehen große Latenzzeiten, außerdem birgt dieses Modell eine sehr zentralistische, von der Cloud bestimmte Weltsicht in sich. Durch Edge Computing können Geräte näher am Ende des Netzes positioniert sein, vergleichbar mit einem WLAN-Router. Diese Edge Devices können außerdem eigenständig Daten auswerten bzw. entscheiden sie, was vor Ort berechnet werden kann und was in die Cloud muss. Dies senkt die Latenzzeit. Vor allem für Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Technologien ist das ein großer Fortschritt, der auch schon in der Industrie ankommt.

Können Sie uns auch ein Beispiel für eine Technologie geben, bei der Sie in den nächsten Jahren große Fortschritte erwarten?

Was in den nächsten Jahren kommen wird ist die Kombination von Block-Chain-Technologien und IoT. Ein Beispiel dazu aus dem Bereich Smart Cities: in vielen Straßen habe ich bereits jetzt ein ausreichendes Netz an Kameras und Sensoren installiert, deren Daten momentan allerdings nur von der Stadt genutzt werden. Man könnte nun Privatpersonen die Möglichkeit geben, auf diese Daten zuzugreifen, um beispielsweise feststellen zu können, wo sich der nächste freie Parkplatz befindet. Bezahlt werden könnte für diese Information in Form einer Mikrotransaktion – dazu benötigt es aber eben die nötigen Block-Chain-Technologien. IoT ist wunderbar, Smart Cities sind wunderbar, aber wir alle sollten uns als vollwertige Teilnehmer ansehen.

Inwiefern ist das Internet of Things bereits Alltag? Alle reden von dem selbst nachbestellenden Kühlschrank, aber welche anderen Technologien werden unseren Alltag in den nächsten Jahren massiv verändern?

Der Kühlschrank ist tatsächlich der unspektakulärste Use Case. Spannender ist beispielsweise die Technologie hinter Amazon Echo: bei Amazon wird dies "nur" dazu genutzt, Kunden eine möglichst einfache Möglichkeit des Bestellens ihrer Ware zu bieten. Wirklich interessant wird es, wenn man die Nutzungsszenarien weiterdenkt, beispielsweise in Bereichen wie Sicherheit und Schutz der Privatsphäre. Ein weiteres Beispiel ist Qantum Computing (siehe dazu auch den Artikel "Die Quantencomputer kommen"), wo gerade neue Entwicklungen stattfinden, die große Auswirkungen haben werden. IBM und Google stecken enorme Ressourcen in diese Technologie, weil ihr dynamisches Umfeld große Vorteile bietet und ganze Industrien verändert.

Industrie 4.0 ist in aller Munde – was kommt danach, vielleicht Industrie 5.0?

Im Prinzip ist das, wofür Industrie 4.0 steht, ja nichts Neues. Die Deutschen haben schon vor 40 Jahren den Begriff "Computer Integrated Manufacturing" eingeführt, hinter dem dieselbe Idee stand, nämlich eine Automatisierung der Produktionslandschaft. Die Japaner sprechen schon von der "Society 5.0", um quasi noch eins draufzusetzen. Hinter diesem Begriff steht die, durchaus sehr sinnvolle, Zielsetzung, dass man sich nicht auf die Entwicklung der Produktionsstätten, sondern vielmehr auf den Fortschritt und das Wohlbefinden der Gesellschaft fokussiert, also Dinge wie das Erziehungswesen, die Arbeit, Pflege usw. Da sind wir dann wieder beim Schlagwort "Smart Cities".

Wien gilt ja als solch eine "Smart City" – ist das Ihrer Meinung nach gerechtfertigt? Und ist es überhaupt wichtig, dass eine Stadt "smart" gemacht wird?

Definitiv ja – Wien hat in dem Bereich vieles richtig gemacht und seine eigene Infrastruktur selbst in die Hand genommen. Der Willen und die Bereitschaft zu handeln sind da, ganze Abteilungen werden neu geplant und auf smarte Aspekte hin tauglich gemacht. Es wird aber für jede Stadt der Welt wichtig sein, ihre eigene Smart-City-Lösung zu planen. Das heißt jetzt nicht, dass jeder sein eigenes Süppchen kochen muss, aber man sollte nie die Kontrolle über die eigene Stadt abgeben, wie es derzeit beispielsweise in Sevilla passiert, wo man Google ein Angebot gemacht hat, die Daten der Stadt anzuzapfen. Die Gegenwart zeigt, dass wir vor allem in Europa immer mehr dazu bereit sind, ganze Industriezweige auszulagern. Wenn wir hier in Wien ein Taxi buchen, dann fließt der Gewinn genauso nach San Francisco, wie wenn wir unsere Wohnung über einschlägig bekannte Plattformen vermieten

Was ist das Problem daran und gibt es andere Länder, die das besser machen?

Das Problem liegt darin, dass wir immer mehr die Kontrolle über unser alltägliches Leben an immer mächtiger werdende Konzerne abgeben, die vor allem ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen im Auge haben. In China hat man schon vor Jahren erkannt, dass dies enorme Nachteile mit sich bringt. Dort gibt es für alle Produkte, wie zum Beispiel Messengerdienste und soziale Netzwerke, eigene Anbieter, durch welche die Daten und das Geld im eigenen Land bleiben. Hier in Europa ist es eine relativ neue Einsicht, dass Plattformen wie Facebook und Youtube enorm viel zur Meinungsmache in der Gesellschaft beitragen und solche Dinge reguliert gehören.

Sie sind Beirat der Wiener IT Firma adesso – was würden Sie österreichischen IT Firmen raten, worauf sie sich fokussieren sollen? Was für eine Rolle kann/soll der österreichische IT Markt spielen?

Digitalisierung ist DAS große Schlagwort im Moment, doch viele Unternehmen wissen gar nicht, wo und wie sie anfangen sollen. Genau an diesem Punkt können österreichische IT Firmen ansetzen: adesso beispielsweise analysiert gemeinsam mit ihren Kunden, welche Bereiche ihres Unternehmens durch eine Digitalisierung optimiert werden können, bevor krampfhaft alles umgekrempelt wird. Das Land verfügt außerdem über eine sehr gute Telekommunikationslandschaft und damit verbunden sehr attraktive Preise, auch geschuldet durch die große Konkurrenz unter den Anbietern. Spannend wird hier die Verknüpfung zwischen IoT und dem Telekommunikationsmarkt im Kontext von 5G-Netzwerken sein. 

Traditionell stark sind wir außerdem in der Integration von prozessorientierten Systemen durch Workflow-Systeme, dies ist wahrscheinlich unserem Hang zur Kontrolle geschuldet. Diese Systeme bieten für zukünftige Entwicklungen enormes Einsatzpotential. Wenn wir wieder Richtung Smart City schauen, dann könnten Prozesse rund um einen Grundstückkauf oder –nutzung durch eine Kombination von gewonnen Daten aus Sensoren und Kameras mit entsprechenden administrativen Prozessen automatisiert und optimiert werden.

Dieses Interview mit Schahram Dustdar von der TU Wien wurde von adesso zur Verfügung gestellt.

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