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Thomas Latzer, Enterprise Networking & Data Center Lead für die Region Austria & Adriatics bei Cisco Systems
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Interview – Thomas Latzer, Cisco

Das Netzwerk sieht alles

Was haben moderne Netzwerke mit Gehirnen, heißen Herdplatten und Kindern zu tun? Mehr, als Sie vielleicht denken, wie sich im Gespräch mit Thomas Latzer von Cisco herausgestellt hat.

von: Rudolf Felser

Thomas Latzer ist Enterprise Networking & Data Center Lead für die Region Austria & Adriatics bei Cisco Systems. Diese Position hat er seit Februar 2018. Wenn man so will, ist er eine von Ciscos treuesten Seelen: Angefangen hat er im September 1998, also vor fast genau 20 Jahren, als Systems Engineer. 

In seinen Anfangsjahren sahen Netzwerke noch ganz anders aus als heute, von den "intuitiven Netzwerken", die sein Arbeitgeber seit knapp einem Jahr verstärkt unter die Leute bringt, war noch keine Rede. Wo es heute um intuitive Bedienung, Machine Learning und Automatisierung geht, war früher einiges an Handarbeit angesagt – und hin und wieder auch ein Stoßgebet an den Netzwerk-Gott. 

Doch das hat sich spätestens letztes Jahr mit der Einführung von Ciscos intelligentem Netzwerk geändert. Das Unternehmen spricht in diesem Zusammenhang gar von einer "neuen Ära im Netz", die auf jahrelanger Forschung und Entwicklung basiert. Mit einem zentralen Management-Dashboard, das sämtliche Netzwerk-Funktionen zentralisiert, wird für Transparenz und Überblick gesorgt. Durch das Automatisieren täglicher Aufgaben wird die Zeit, Netzwerke auszurollen und anzupassen, deutlich verkürzt. Auch das Beheben von Fehlern läuft durch die Rundum-Sicht und Analyse-Möglichkeiten ungleich schneller. Die gesammelten Daten, in Verbindung mit maschinellem Lernen und (Predictive-)Analytics-Funktionen, erlauben außerdem das Treffen von Vorhersagen zum Zustand und der Performance des Netzwerks. All diese Funktionen kommen nicht nur der Effizienz des Netzwerks, sondern nicht zuletzt auch seiner Sicherheit und damit auch der IT-Sicherheit der gesamten Organisation zugute. 

Wir haben mit Thomas Latzer über die Entwicklungen im Netzwerk-Bereich der vergangenen zwei Dekaden gesprochen, aber auch einen kleinen Blick in die Kristallkugel riskiert. 

Herr Latzer, wie haben sich die Anforderungen an Netzwerke in den letzten Jahrzehnten gewandelt? 

Das Netzwerk war in der Vergangenheit da, um Office-Computer miteinander zu verbinden. Ein Netzwerkadmin hatte im Schnitt eine oder zwei Handvoll Endgeräte zu verwalten. Auch in Hinblick auf das Sicherheitsthema. Heute sehen wir, dass sich die Landschaft massiv verändert. Es gibt immer mehr Endgeräte im Netzwerk. Ein Endgerät ist nicht mehr nur ein Computer, Notebook oder Tablet. Es geht stark in das Thema Maschinen, Sensorik. Alles, in dem heute Elektronik steckt, von der Produktion über den Gesundheitsbereich, hat eine Netzwerkschnittstelle. 

Wenn man einmal die Software beiseite lässt, dann waren es im Wesentlichen die Entwicklungen an der Netzwerkfront, die in den letzten 20 Jahren den rasanten Fortschritt in der IT ermöglicht haben. Mit langsameren Prozessoren könnten wir leben, aber ohne Netzwerke... War das für Sie zu Beginn Ihrer Karriere absehbar? 

Um ehrlich zu sein, konnte ich mir das vor 20 Jahren nicht vorstellen. Als im Zuge der Entwicklung die Vernetzung der Endgeräte stattgefunden hat, haben die Entscheider die Vorteile für die interne Kommunikation und für die Kommunikation zu ihren Kunden gesehen. Das war eigentlich ein Selbstläufer. Dadurch wurde immer mehr vernetzt und immer mehr in entsprechende Software und Applikationen gesteckt. Das ist ein Kreislauf: Sind mehr Endgeräte im Netzwerk, muss das Netzwerk flächendeckender werden. Von lokalen Netzwerken sind wir in Richtung von Wide-Area-Netzwerken gegangen. Mobile Endgeräte haben dann den nächsten großen Shift ausgelöst. Was bringt es dem Mitarbeiter und dem Kunden, wenn unterwegs gearbeitet werden kann? Prozesse können schneller erledigt werden und unter dem Strich wird Geld gespart. Dieser nächste große Schritt hat einen Anspruch an das Netzwerk in Richtung WLAN-Anbindungen gestellt, was den nächsten Anstoß in Richtung Applikationsentwickung gegeben hat. Es gibt heute keine Applikation, die nicht als App auf diversen Endgeräten zur Verfügung steht. Dadurch läuft mehr Traffic über das Netzwerk und das Netzwerk muss dafür Sorge tragen, dass es die Applikationen und Daten sicher zur richtigen Zeit zum richtigen Ort transportiert. Mit IoT, dem Internet of Things, passiert soeben die nächste große Welle. Laut unserer Schätzungen werden im Jahr 2020 jede Stunde eine Million neue Geräte an die Netzwerke angeschlossen. Von Autos über Blutdruckmesser und Produktionslinien bis hin zu LED-Leuchten. Es ist gewaltig, wie sich das in den letzten Jahren entwickelt hat. 

Und heute sprechen wir von intelligenten Netzwerken. Cisco hat sich in diesem Bereich stark engagiert. Was ist für Sie ein intelligentes bzw. im Cisco-Sprech intuitives Netzwerk? 

Das Ziel des intuitive Network ist, das Netzwerk in ein System zu verwandeln, das konstant lernt, sich aufgrund dieses Lernprozesses selbst automatisiert adaptieren kann und sich selbst schützt. Es muss in der Lage sein zu erkennen, wer was womit verwendet, und sich darauf einstellen. Es klingt vielleicht erstaunlich, aber heute werden Netzwerke noch zu 95 Prozent manuell verwaltet und Netzwerkexperten verwenden 75 Prozent ihrer Zeit für die Instandhaltung und Troubleshooting bei Netzwerken. Mit unserer Einführung der Assurance-Funktionen können sie nun kontinuierlich prüfen, ob das Netzwerk wie vorgesehen funktioniert. 

Security war für Netzwerk-Hersteller vor 20 Jahren nicht unbedingt ein Kernthema, oder? 

Vor 20 Jahren war das Sicherheitsthema vielleicht ein anderes. Fakt ist: Das Thema Sicherheit ist einer der Grundbausteine, wenn man die Vernetzung der heutigen Unternehmen nicht nur beibehalten, sondern auch weiterentwickeln will. Mit Grundbaustein meine ich auch, dass es nicht darum geht, einzelne Sicherheitskomponenten zu haben, sondern eine gesamtheitliche Sicht auf die Sicherheit – das muss zusammenfließen. Das fängt beim Endpunkt an, geht über das Netzwerk bis zu den Applikationen. Ich brauche die gesamtheitliche Sicht und das gesamtheitliche Entscheidungspotenzial, damit mein Netzwerk sicher beleibt und ich Problemen möglichst rasch erkennen kann. Das Problem vieler Unternehmen ist, dass sie gar nicht sehen, wenn es zu einem Angriff kommt. Das Netzwerk spielt da eine wichtige Rolle. Darüber gehen sämtliche Daten. Das Netzwerk sieht alles. 

Wird es in Zukunft ohne intelligente Netzwerke überhaupt noch gehen? 

Wenn wir auf dem Status der manuellen Veränderungen im Netzwerk bleiben, können wir nicht Schritthalten mit den Anforderungen, die auf das Netzwerk zukommen. Es geht unweigerlich darum, Machine Learning und künstliche Intelligenz ins Netzwerk zu bekommen. Nur dann bin ich in der Lage, das Netzwerk zu verwalten damit es das tut, was es soll, unabhängig davon, welcher Benutzer mit welchem Gerät es nutzt. 

Das klingt fast biologisch. Das Gehirn besteht auch quasi aus intelligenten Netzwerken. Bauen Sie Gehirne? 

Das Ziel ist, die Intelligenz ins Netzwerk zu stecken. Dieser Vergleich passt sehr gut, wenn man beispielsweise an ein Kind und eine heiße Herdplatte denkt. Ein Kind greift genau einmal hin, lernt dazu und wird es beim nächsten Mal nicht tun. Genau das spiegelt unser Ziel für das Netzwerk wieder.  

Haben Sie Kinder? 

Ja, aber die haben nie auf eine heiße Herdplatte gegriffen. Ich hingegen schon. (lacht) 

Zum Abschluss bitte ich Sie, einen Blick in die Kristallkugel zu werfen: Wie werden Netzwerke in 20 Jahren aussehen? 

Ich persönlich glaube, dass die Entwicklung bei Netzwerken ähnlich sein wird, wie wir es im tagtäglichen Leben empfinden, wenn wir etwas an das Stromnetz anstecken. Wir machen uns keine Gedanken darüber, wie es aufgebaut wird, sondern konsumieren daraus das, was wir brauchen. Das ist meine Vision des Netzwerks der Zukunft. Es wird da sein, ich werde es verwenden und muss mir keine Gedanken darüber machen. Es ist ein Service der da ist und sich selbst dementsprechend adaptiert und schützt.

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