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Gastartikel - Gerhard Göttert, DSAG

Blockchain als digitale Triebfeder?

Ob bei Import- oder Exportfinanzierungen, internationalen Transaktionen, Energielieferungen, beim Zertifikate-Handel oder in der Lebensmittel- oder Automobilbranche: Anwendungsbereiche für Blockchain-Technologie gibt es viele. Doch was hat es damit auf sich und welche Vor- und Nachteile birgt sie? Eine Einschätzung.

Fällt der Begriff "Blockchain", denken viele direkt an die Kryptowährung Bitcoin. Kein Wunder, denn schließlich ist die neue Technologie so bekannt geworden: als Grundlage digitaler Währungen. Die Blockchain fungiert bei Bitcoin wie eine Art öffentliches Kassenbuch in dem alle relevanten Informationen zu einem Zahlungsvorgang dokumentiert werden. Jeder Nutzer hat Einsicht, alle Transaktionen werden verzeichnet und die Daten liegen verteilt auf vielen Computern, die sich untereinander synchronisieren. Somit ist die Manipulation der Daten so gut wie ausgeschlossen – vorteilhaft für Systeme, die viele Datenlieferanten vernetzen. Denn: Sämtliche Computersysteme im Blockchain-Netzwerk übernehmen gemeinsam die Funktion einer Kontrollinstanz, die für die Integrität und Richtigkeit der Daten einsteht. Gleichzeitig gewährleistet die Blockchain, dass jeder Nutzer im System anonym bleibt – heißt es zumindest seitens der Befürworter. Für sie sind die Markenzeichen: Dezentralität, Unveränderlichkeit und Transparenz.

Innovationspotenzial birgt Herausforderungen

Doch trotz dieser Vorteile scheiden sich an der neuen Technologie immer noch die Geister. Befürworter loben die Möglichkeit der massiven Reduzierung bzw. den vollständigen Wegfall von kostenintensiven Kontrollinstanzen und Vermittlern sowie die Fälschungssicherheit von Transaktionen. Bezogen auf die Bankenbranche löst Blockchain insbesondere bei jenen Freudentänze aus, denen die Gebühren von Banken ein Dorn im Auge sind. Denn mit der Technologie können Zahlungen direkt zwischen Zahlungspflichtigen und -empfängern in Echtzeit abgewickelt werden.

Eine der Fragen, die immer wieder aufkommt, ist die nach der erforderlichen technologischen Voraussetzung bzw. Leistungsgrenze. Das Besondere an der Blockchain-Technologie ist, dass sie so gut wie nichts mit den aktuell praktizierten Prozessen der Datenspeicherung und -verarbeitung zu tun hat. Gerade darin steckt das Innovationspotenzial dieser Technologie ebenso aber auch ihre Herausforderung.

Wachsende Komplexität

In der IT wächst durch den Einsatz von Blockchain-Technologie die Komplexität. Verteilte Datenbanken, Kryptographie und Authentifizierungs-Systeme treten in den Mittelpunkt des Handelns. Durch die hochgradige Verteilung der Daten sind Ressourcen-Bedarfe und Geschwindigkeiten bei der Nutzung eine der Herausforderungen. Denn: Je größer beispielsweise die Zahl von Finanz-Transaktionen desto mehr Kapazitäten werden benötigt. Bei etwa 200.000 Transaktionen pro Tag auf der Bitcoin-Blockchain werden bereits über 100 Gigabyte benötigt. Umgerechnet auf mehrere Milliarden Überweisungen pro Jahr allein in Deutschland ist der Bedarf gigantisch – auch bezogen auf die Rechenleistung und den Stromverbrauch.

Neben dem technischen Aufwand, führen Kritiker unter anderem die noch wenig individuelle Skalierbarkeit an. Dem gegenüber steht jedoch das Potenzial, dass die neue Technologie beim automatischen Aufspüren von Schwachstellen, z.B. im Zahlungsverkehr, erhebliche Vorteile schafft.

Finanzwesen hat die Nase vorn

Die Vorteile der Blockchain hat sich, wie beschrieben, bisher vor allem das Finanzwesen zunutze gemacht. Hier wird sie bereits eingesetzt – dank ihres Nutzens für interne und externe Finanztransaktionen, Finanz-Reportings und die Verwaltung. Sie kommt beim Automatisieren von Prozessen, transparenten Identitäts- oder verteilten Transaktionen-Management zum Einsatz. Auch lassen sich bereits Geldtransaktionen, interne Dokumentationsvorgänge oder Vertragsabschlüsse ohne Banken, Notare, Vermittler oder sonstige Kontrollinstanzen fälschungssicher umsetzen. Ergänzend zur Blockchain-Technologie können mittlerweile auch über digitalisierte Governance-Modelle rechtliche Vorgaben und interne Regelwerke in diesen Prozessen berücksichtigt werden.

Doch Vorteile wie die "Anonymität" müssen auch Blockchain-Befürworter relativieren. Denn schließlich ist die Kryptowährung Bitcoin oft genug kriminellen Aktivitäten zum Opfer gefallen. Daher setzen Unternehmen häufig auf eigene Versionen, die in einem geschlossenen Netzwerk laufen. Zutritt nur auf Einladung.

SAP-Anwender diskutieren Blockchain

Auch in der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) wird Blockchain stark diskutiert. In den Fokus rückte die Anwendergemeinschaft das Thema beispielsweise beim diesjährigen DSAG-Finanzleiter-Forum – einer kostenfreien, halbtägigen Veranstaltung für Finanz-Entscheider im Kempinski Hotel Frankfurt Gravenbruch am 21. Juni 2018. Die DSAG ist stark an den Diskussionen rund um Blockchain beteiligt und sucht über Veranstaltungen wie dieses Forum den Austausch mit ihren Mitgliedern. Im Rahmen des Forums wurden einerseits Blockchain-Anwendungsfälle im Finanzwesen präsentiert. Andererseits wartete es mit einem Workshop auf, in dem Entwicklungsansätze für eine Blockchain im Unternehmen erarbeitet wurden.

Technischer Untergrund für transparente Prozesse

Neben der Finanzbranchen adaptieren auch andere Branchen nach und nach allen Nachteilen und Risiken zum Trotz die Blockchain. Die damit verbundenen Erwartungen sind groß: Blockchain soll künftig einen technischen Untergrund für transparente Prozesse – beispielsweise für Transaktionen und den Handel aller Art – liefern. Aber wie und wo kann das Prinzip abseits von digitalem Geld eingesetzt werden?

In der Prozesswirtschaft stellt sich genau diese Frage. Große Strategieberater, Dienstleister und auch Softwareunternehmen wie SAP beginnen erst zu erkennen, wie auf Blockchain-Basis Prozesse verändert werden, bzw. wie sie ohne Mittelsmänner, ohne zentrale Steuerung und ohne Kontrolle funktionieren können. Anwendungsfälle werden folglich generiert. Ein Beispiel bietet bereits die Lebensmittelbranche, indem Herstellungs- und Lieferketten authentifizierbar und transparent dokumentiert werden. Hier ist entlang der gesamten Wertschöpfungskette erkennbar, dass zum Beispiel Butter tatsächlich aus einer vorgegebenen Region stammt und nach ganz bestimmten Vorgaben hergestellt wurde. 

Viele Anwendungsszenarien denkbar

Spannende Anwendungsbereiche für Blockchain gibt es auch im Automobilsektor. OEMs haben es heutzutage teilweise mit Unmengen von Papieren aus Stücklisten von Fahrzeugteilen zu tun, die in einem Land ausgedruckt und im anderen bearbeitet werden. Wenn man diese Ausdrucke einfach durch ein Scan-Label ersetzen würde, das auf ein Blockchain-System referenziert, wären sämtliche Teile digital rückverfolgbar. Das gilt für sämtliche produzierenden Industrien. 

Auch in der Energiewirtschaft sind Anwendungsszenarien denkbar. Hier könnte die neue Technologie als Enabler für ein dezentrales Energieliefersystem fungieren. Mittels Blockchain könnten Verbraucher und Erzeuger direkt in Verbindung gesetzt werde. Dadurch könnte das heutige System aus Stromerzeuger, Übertragungsnetzbetreiber, Verteilnetzbetreiber und Verbraucher deutlich vereinfacht und auch die Netzsteuerung angepasst werden. Sollten Verbraucher auch als Erzeuger fungieren, könnten die getätigten Transaktionen z.B. auf die Blockchain übertragen werden, wo der Liefervorgang initiiert und vor Manipulationen geschützt, dokumentiert wird. Basis ist hier ein Peer-to-peer-Netz, mit einer Blockchain als Unterbau. Denkbar wäre es auch, diese Idee auszuweiten hin zu einem dezentralen Transaktions- und Energieliefersystem.

Technologie verstehen, Strategie entwickeln

Aus Business- und IT-Sicht überlegen derzeit viele Unternehmen wie sie mit Blockchain bestehende Technologie umbauen können. Hier wird jedoch noch einige Zeit bis zum Go-Live von Anwendungen vergehen. Im Gegensatz zu einem Digitalisierungsprojekt, bei dem zum Beispiel Geräte mit Sensoren ausgestattet werden, müssen bei Blockchain ganze Prozessketten völlig neu erfunden werden. Es wird nicht funktionieren, einfach einen Teil einer bestehenden IT-Landschaft mit einer Blockchain-Komponente zu versehen. Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig eine Strategie zu überlegen. Fakt ist auch, dass Blockchain die Art und Weise, wie wir in einem künftigen Internet-of-things-Umfeld arbeiten massiv verändern wird. Nach außen würde vieles einfacher und transparent, doch damit verbunden ist auch ein aufwändiger Aufbau dieser Netzwerke. Dennoch: Wenn die neue Technologie erst einmal verstanden wurde und sinnvolle Anwendungs-Beispiele vorliegen, wird sich die Blockchain schneller etablieren als wir heute annehmen.

Gerhard Göttert ist Vorstandsmitglied der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe.

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