Interview

Über die technologische Seite hinaus denken

Credit: A1 Digital
Credit: A1 Digital

Die Digitalisierung nimmt in Österreich an Fahrt auf, weiß Lukas Wallentin, Head of Solution Architecture bei A1 Digital. Wobei der Blick auf die Technologie allein zu wenig. Wallentin betrachtet die Digitalisierung vor allem als Prozessoptimierung.

von: Harald Hornacek

Wo liegen wir in der Digitalisierung?
Wie weit ist Österreich? Das lässt sich nicht generell beantworten. Die Unterhaltungsindustrie oder die Finanzbranche sind schon recht weit, andere haben noch Potenzial: Vor allem bei Klein- und Mittelbetrieben gibt es Aufholbedarf, wobei es hier bisher kaum Lösungen gab. Der Schlüssel ist ja immer, durch die Digitalisierung einen Mehrwert für Unternehmen zu schaffen. Je deutlicher dieser ist, umso schneller entwickelt sich Akzeptanz für digitale Lösungen.

Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck.....
....völlig richtig, sie soll dabei helfen, Prozesse zu optimieren. Die Digitalisierung ist keine Revolution, sondern eine schrittweise Evolution. Sie ermöglicht Anwendungsbereiche, die bisher in der IT nicht möglich waren oder die wir noch gar nicht kannten. So lassen sich Vorteile in der Baubranche schaffen, indem Standorte von Fahrzeugen und Geräten mittels Tracking-Lösungen verfolgt werden. Das schützt Geräte vor Missbrauch oder Diebstahl, erlaubt die Optimierung der Wartungsprozesse und macht auch die Einsatzplanung einfacher. Oder denken wir an die Abfallwirtschaft: Jährlich werden hier rund 20 Mio. Transporte durchgeführt. Allein, wenn es hier um Erleichterungen im Handling von Lieferscheinen oder Transportpapieren geht, ist enormes Potenzial vorhanden. Mittels Elektronischem Datenaustausch lassen sich Prozesse optimieren und so Kosten reduzieren.
Wobei wir über die reine technologische Seite hinaus denken müssen: Die Digitalisierung beeinflusst Prozesse, Privacy, Datenschutz und mehr. Beim Smart Metering in der E-Wirtschaft spielt das Thema Privacy eine zentrale Rolle. Gleichzeitig bietet es die Chance, den Energieverbrauch jedes Haushaltes zu optimieren. Das beginnt bei den Zählern selbst, die viel weniger Strom benötigen als die bisherigen Stromzähler. Wenn wir von rund fünf Mio. Smart Meters in Österreichs Haushalten ausgehen, spart die neue Technologie die Stromproduktion von einigen Windrädern - und das jährlich! Durch die Möglichkeit den Energieverbrauch auf Tagesbasis, und daher sehr zeitnah, abzurufen ist der Konsument daher imstande seinen Energieverbrauch regelmäßig zu kontrollieren, zu steuern und gegebenenfalls sein Verbrauchsverhalten anzupassen. Auch die manuellen Tätigkeiten ändern sich: So ist etwa die Ablesung der Zähler vor Ort nicht mehr notwendig. Auch die Ummeldung und Aktivierung bei einem Umzug ist aus der Ferne möglich. Wir haben mehr Sicherheitsmöglichkeiten als früher.

Smart Meter ist ein wichtiges Thema, aber an welchen Lösungen arbeiten Sie derzeit noch? Welchen Nutzen bringen diese?
Große Schritte nach vorne ermöglicht Narrowband-IoT - eine Funktechnologie, die speziell für das Internet der Dinge (IoT) entwickelt wurde. Da reichen oft schon niedrige Bandbreiten für viele sinnvolle Anwendungen aus, die fast revolutionären Charakter haben. Aber auch Fortschritte in anderen Bereichen, wie etwa der Batterietechnologie, erlauben neue Anwendungen. Ein Beispiel dafür ist ein Projekt, das wir mit den ÖBB umsetzen. Wir statten jeden Güterwaggon mit einen Smart Cargo Tracker aus. Damit wird die exakte Position von 13.000 Waggons möglich - bisher undenkbar. Die Waggons fahren 5-6 Jahre durch ganz Europa und geben ihre exakte Position bekannt. Gleichzeitig erhalten die ÖBB wertvolle Informationen - welche Steigungen überwindet der Waggon, wie lange ist er tatsächlich im Einsatz, welche Laufleistung hat er, wann stehen Wartungsarbeiten an? Dank spezieller Batterien, die den Tracker für 6 Jahre mit Energie versorgen , entsteht so ein praktischer und nützlicher Use-Case für die Digitalisierung, der auch zeigt, wie wir aus der Vielfalt an Daten, die geliefert werden wertvolle Informationen machen. Wir müssen dabei auch knifflige Fragen klären, etwa wenn es um schwache Netzabdeckung in entlegenen Gebieten geht. Dazu entwickelten wir eigene Lösungen, damit Datenfluss und Datenspeicherung nicht leiden.

Diese Lösungen lassen sich wohl auch in anderen Branchen einsetzen?
Ja, natürlich, Tracking-Lösungen kann man bei Kompressoren auf Baustellen oder bei Kabelrollen oder Kupferleitungsrollen verwenden. Auch bei Winterdienst-Fahrzeugen machen Tracking-Systeme Sinn: Damit ist nicht nur feststellbar, wo und wann die Fahrzeuge unterwegs sind bzw. waren, sondern auch, ob rechtzeitig Schnee geräumt wurde. Das kann bei Haftungsfragen entscheidend sein. Oder denken wir an einen Fuhrpark und automatisierte Fahrtenbücher: Wir bei A1 haben unsere Dienstfahrzeuge bereits mit einem System ausgestattet, bei die Fahrer*innen sich mit ihrer Karte anmelden. Ein- und Ausloggen läuft automatisch, ebenso die Erfassung der Kilometer.

Welche Auswirkungen wird 5G mit sich bringen?
Dank 5G werden ganz neue Applikationen entstehen, weil das Netz viel schneller ist und beispielsweise die Priorisierung von Datenströmen ermöglicht. Wir haben dazu erste Pre-5G-Testfälle im Laufen, die vielversprechend sind - etwa am Flughafen Wien, bei dem wir Network-Slicing betreiben. Wir schneiden sozusagen das Netz in mehrere Teile auf und weisen ja nach Priorität Verfügbarkeit bzw. Datenübertragungsgeschwindigkeit einzelnen Abschnitten zu. Das kann in Notfällen von größter Bedeutung sein, aber auch, wenn in der Wartehalle sehr viele Passagiere sind und dort ein erhöhter Bedarf an WLAN-Traffic gegeben ist.

Verändert sich mit der Digitalisierung auch das Selbstverständnis eines Unternehmens wie A1?
In gewisser Weise sicherlich. Wir schlüpfen bei IoT-Anwendungen immer mehr in die Rolle eines Consulters und rücken auch näher an die OEM, an die Produzenten, heran, die danach trachten, etwa Tracking-Lösungen gleich in die Maschinen zu integrieren. Das bringt auch disruptive Geschäftsmodelle mit sich. Denken wir an einen Rasenmäher-Roboter: Nicht viele Kunden benötigen einen solchen teuren Rasenmäher im Eigentum. Man könnte ihn mieten, sharen - dazu braucht es Lösungen seitens des Herstellers. Dazu werden derzeit viele Überlegungen angestellt. Und eines ist klar: Je günstiger die Technologie wird, desto weiter nach unten wird sie gelangen. Wir werden also künftig sehr viele "kleinteilige" Lösungen sehen.
Für A1 Digital ist aber auch machine learning ein ganz wesentlicher Zukunftsaspekt der Digitalisierung. Da geht es vor allem um Themen wie Wartung, Bilderkennung oder Qualitätsmanagement. Vor allem die Analyse von Daten durch Machine Learning wird hier noch sehr viele Anwendungsmöglichkeiten mit sich bringen, die insgesamt zu mehr Effizienz führen - Stichwort: Industrie 4.0.

Alles das erfordert natürlich auch das entsprechende Fachwissen. Welche Mitarbeiter*innen suchen Sie dazu?
Eine wichtige Frage. Wir brauchen Data Scientists und Techniker*innen - aber das allein wäre zu wenig. So ergibt sich etwa durch die Digitalisierung und Vernetzung für Unternehmen komplett neue Geschäftsmodelle und erlaubt es neue Services und Dienstleistungen anzubieten.. Verständnis um Geschäftsprozesse und Kundenanforderungen muss gegeben sein. Man muss erkennen, wo sich welche Technologie am besten einsetzen lässt - anlass- und kundenbezogen sowie prozessoptimierungsorientiert.

Digitale Unternehmenswelten

  • Die PORR AG setzt auf Baumaschinen-Tracking und reduziert damit u. a. das Diebstahlsrisiko.
  • Die ÖBB profitieren von einer Tracking-Lösung für 13.000 Güterwaggons, die in ganz Europa jahrelang unterwegs sind.
  • Die E-Wirtschaft stellt alle Stromzähler auf Smart Meter um und ermöglicht jedem Haushalt, energieeffizienter zu werden.
  • Der Umwelttechnologie-Maschinenproduzent KOMPTECH setzt mit M2M Gateway auf Remote-Flottenmanagement und automatisierte Wartung seiner Anlagen.

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