Bild: RNF
Damianos Soumelidis, Managing Director von Nagarro Austria, und James Lee, Google Head of Sales Glass USA/Europe
Bild: RNF

Interview – James Lee, Google & Damianos Soumelidis, Nagarro

Google Glass: Auf den Kopf gestellt

Mit der Enterprise Edition von Google Glass wagt das Unternehmen einen neuen Anlauf in Sachen Datenbrille. Diesmal stehen professionelle Nutzer im Fokus. Zusammen mit Lösungspartnern wie Nagarro soll der "Connected Worker" die Arbeitsweise im Betrieb verändern. Wir haben darüber mit James Lee von Google und Damianos Soumelidis von Nagarro gesprochen.

von: Rudolf Felser

Bei Glass hat Google seine übliche Strategie, Innovationen erst für Consumer auf den Markt zu bringen und erst dann – wenn überhaupt – Business-Anwender zu adressieren, auf den Kopf gestellt. Freilich erst nach dem initialen Versuch, der sich nicht ganz nach den Vorstellungen des Unternehmens gestaltete. Der Schwenk auf diese neue Strategie mit der Enterprise Edition der Datenbrille lief nicht ohne Diskussionen im Unternehmen ab, wie James Lee, Google Head of Sales Glass USA/Europe, im Interview mit monitor.at erzählte. Wir trafen Googles Mann für die smarten Brillen gemeinsam mit Damianos Soumelidis, Managing Director von Nagarro Austria, bei einem Kundenevent von Nagarro in Wien. 

Wodurch unterscheiden sich das ursprüngliche Google Glass und die aktuelle Enterprise-Edition?

Lee: Alles hat sich verändert, vom technischen und Business-Standpunkt, über den Go-to-market-Ansatz bis hin zum End-User. Wir haben mit einem eindeutigen Consumer-Fokus begonnen. Da kommen wir als Google her, das ist was wir tun, wo wir die meisten User haben. Im Rahmen unseres Explorer-Programms 2013/14 haben wir aber herausgefunden, dass ein überraschend hoher Anteil von 30 Prozent der Teilnehmer große Unternehmen waren. Wir haben von diesen Kunden viel Feedback darüber bekommen, wie sie Google Glass nutzen wollen. Das hat sich sehr von dem Feedback aus dem Consumer-Markt unterschieden. Sie hatten kein Interesse an einem App Store, wollten nicht alles vorkonfiguriert bekommen, sie wollten keinen Gmail-Account oder andere Google-Dienste auf dem Gerät haben. Wir haben also all das geändert, alles rausgenommen. Übrig geblieben sind praktisch nur die Hardware und das Betriebssystem. Der Schlüssel ist, dass unsere Partner jetzt auf diesem Stack mit Security, Authentifizierung, Applikationen oder Management aufbauen. Was außerdem ganz anders ist, ist, dass wir zu hundert Prozent auf einen Partner-Reseller-Ansatz setzen. Zum Beispiel mit Nagarro als Integrator kritischer Systeme oder Upskill als Anbieter einer Plattform, auf der man seine Anwendungen aufbauen kann. Ein weiterer Unterschied für uns ist, dass wir die Geräte über einen längeren Zeitraum verkaufen und supporten. Zu guter Letzt, obwohl das viele an erster Stelle erwähnen würden, hat sich auch bei der Hardware viel getan. Wir haben natürlich die CPU aufgerüstet, von einem ARM-basierenden auf einen Intel-basierenden Chip, haben die Batterieleistung um 40 Prozent erhöht, eine bessere Kamera verbaut, das Wärmemanagement verbessert und das Gerät modularer und robuster gestaltet.

Bild: Google
Die Enterprise Edition von Google Glass: Nicht der "heißeste Technologie-Scheiß", dafür heute schon realistisch und einsetzbar.
Bild: Google

Bemerken Sie eine steigende Nachfrage nach solchen Geräten?

Lee: Im Unternehmensbereich auf jeden Fall. In den letzten Jahren hat sich eine Nachfrage aufgebaut, die bislang zum größten Teil ignoriert wurde. Jetzt richten wir mit diesem Gerät, das wir am 18. Juli 2017 auf den Markt gebracht haben, unsere hundertprozentige Aufmerksamkeit auf diesen Markt.

Soumelidis: Haben die Unternehmen oder Firmen vor zehn Jahren gewusst, dass sie ein Smartphone brauchen werden? Wahrscheinlich nicht. Heute gibt es diese Geräte, Konzepte und Technologien. Die Frage lautet nun: Wie können wir sie als Unternehmen nutzen, um unsere Prozesse zu verbessern, die Qualität zu erhöhen, unsere Mitarbeiter dabei zu unterstützen, schneller und genauer zu sein, Fehlerquoten und dergleichen zu reduzieren?

Wie ist die Situation in Österreich? Wie groß ist die Nachfrage hier?

Soumelidis: Österreich ist ein eher konservatives Land. Der traditionelle Ansatz erst abzuwarten, wie andere mit den neuen Dingen zurechtkommen, hat in der Vergangenheit immer funktioniert. Aber die Firmen erkennen, dass die Veränderungszyklen immer kürzer werden und sie neue Konzepte und vielleicht sogar neue Arten zu arbeiten einführen müssen, selbst wenn das bedeutet ihr existierendes, erfolgreiches Business aufs Spiel zu setzen oder sogar zu kannibalisieren. Sie begrüßen Entwicklungen, die ihr Geschäft beschleunigen und die Qualität verbessern. Wir haben zum Connected Worker Event mit Google und Uspkill eingeladen um zu zeigen, was mit Assisted und Virtual Reality heute möglich ist, wenn es ein vernünftiges Konzept dafür gibt. Die Unternehmen, die heute hier sind, zeigen sich alle sehr interessiert. Nagarro hat auch schon einige PoCs umgesetzt, die nachweisen, dass man bis zu 50 Prozent Kosten einsparen kann.

Lee: Bei unserem Launch vergangenen Juli haben wir nicht den schnelleren Chip oder den leistungsfähigeren Akku in den Vordergrund gestellt, sondern unsere Kunden für uns sprechen lassen. Vor dem Start haben wir streng vertraulich mit einigen Dutzend von ihnen zusammengearbeitet. Wir wollten, dass sie die Geräte in der Produktion einsetzen, um aussagekräftige Daten zu erhalten. Als wir Glass angekündigt haben, konnten sie dann ihre Geschichte erzählen, warum sie es nutzen, welchen Wert es für sie hat, wie es die Produktivität erhöht oder Fehler vermindert hat. Dabei hatten wir auch die Medien im Hinterkopf, denn natürlich ist die erste Frage, die einem Journalisten einfällt: Warum re-launcht Google Glass, das war doch schon beim ersten Mal ein Flop. Unsere Kunden haben diese Frage für uns beantwortet, was viel authentischer ist, als wenn wir selbst das getan hätten.

Es gibt auch andere Plattformen, zum Beispiel HoloLens von Microsoft, die deutlich unhandlicher sind. Das ist sicher ein Vorteil für Sie.

Lee: Ja, aber Sie vergleichen hier Äpfel mit Birnen. HoloLens ist ein erstaunliches Gerät und die Demos sind sehr cool. Aber der Nutzer muss die ganze Zeit mit einem PC verbunden sein und es kostet dreimal so viel wie Google Glass. Microsoft hat zwar eindeutig einen Fokus auf Unternehmen gelegt, aber es geht ihnen meiner Meinung nach nicht um eine breite Akzeptanz. HoloLens ist ein Leuchtturm-Projekt, sehr cool, sehr innovativ. Unser Schwerpunkt liegt nicht dort. Ich bin der Erste der zugibt, dass Glass nicht "leading edge technology" ist. Aber es ist definitiv fortgeschrittene Technologie, die sich bewährt hat, funktioniert und realistisch ist. Wir verwenden keine Ausdrücke wie Mixed oder Augmented Reality. Uns geht es um Assisted Reality, die vom technischen Standpunkt gesehen einfacher ist, aber aus Business-Sicht einsetzbar und realistisch. Es ist ein Display, das über deinem Auge schwebt. Es bietet keine räumliche Awareness wie Augmented Reality, sondern vielmehr ein Dashboard für Echtzeitdaten.

Soumelidis: Ich bin mir ziemlich sicher, dass Google Glass später wahrscheinlich auch um Augmented-Features ergänzt wird. Aber wenn wir die theoretischen Anwendungsfälle, die wir heute mit dem Publikum diskutiert haben, zusammenfassen, würde ich sagen, dass es wahrscheinlich 50 bis 70 Use Cases für Google Glass gegeben hat. Nicht alle von ihnen sind unbedingt sinnvoll, aber ein großer Teil von ihnen. Wenn Sie den gleichen Denkprozess mit HoloLens durchführen, das wirklich ein großartiges Gerät ist, dann müssen hier ganz andere Voraussetzungen erfüllt werden, um die Daten anzuzeigen und sie zu nutzen.

Wofür können Geräte wie Google Glass heute schon verwendet werden?

Soumelidis: Wir als Anbieter adressieren damit Branchen wie Produktion, Logistik, das Gesundheitswesen, Einzelhandel oder Außendienst. Manche Anwendungen drängen sich förmlich auf, andere entstehen im Beratungsgespräch und überraschen durchaus. Es hängt immer davon ab, wie offen der Kunde für Innovation und neue Ideen ist. 

Lee: In der Fertigung hochkomplexer Produkte, wie Motoren, Helikopter, kommerzielle Jets und dergleichen, wo die Effizienz hoch und die Fehlerrate niedrig sein muss. Auch in der Logistik, zum Beispiel bei Warensendungen. Google Glass zeigt dem Mitarbeiter, wo er einen Artikel im Lager findet und auf welchen Wagen er muss. Das ist zwar einfach für den User, aber es ist komplex in Bezug auf die Back-End-Daten, die vom Warehouse-Management-System einfließen. Auch für Wartung und das Abarbeiten von Standard-Prozeduren ist Glass perfekt. Aber die "Killer-App" ist das Konzept "Du siehst was ich sehe". Google Glass hat eine Kamera und kann live Audio und Video zu einem Experten streamen, der 5.000 Meilen, 500 Meilen oder auch nur ein Gebäude weiter sitzt.

Soumelidis: Je mehr Funktionen Google einbaut, desto breiter wird auch das Anwendungsfeld. Weil zum Beispiel längere Batterielebensdauer mehr Zeit draußen auf dem Feld bedeutet. Vor ein paar Jahren habe ich mit einem CIO über die Inspektion von Förderanlagen und die Verwendung der ersten Version von Google Glass gesprochen. Damals war es kein ausgereiftes Produkt, heute würden sie sich das anschauen. Wenn Sie an ein Gerät mit besserer Akkulaufzeit, dünner, leichter, zuverlässiger denken, wäre dies ein perfekter Anwendungsfall.

Bild: RNF
Laut James Lee denkt Google auch über eine Version von Google Glass für Consumer nach: "Das ist unsere Vision. Wir wollen, dass die Technologie sich durchsetzt."
Bild: RNF

Solche Geräte werden künftig also vollständig ins Arbeitsleben integriert sein? Nicht etwas, dass man erst holen und einschalten muss, wenn man es braucht, sondern das jederzeit verfügbar ist?

Lee: Ja. Und sie werden auf den Einzelnen und seine Aufgaben zugeschnitten sein.

Soumelidis: Wir sehen schon heute, dass sogenannte Connected Worker, die mit solchen Werkzeugen arbeiten, sie nicht mehr hergeben wollen, sobald sie sich daran gewöhnen. Denn sie machen ihr Leben leichter, machen es viel bequemer, einige Aufgaben zu erledigen – wie das Nachschlagen in Handbüchern. Man hat alles sofort zur Verfügung.

Wann werden wir den echten Durchbruch dieser Technologie im Geschäftsalltag sehen?

Soumelidis: In drei bis fünf Jahren wird das kein "Wow-Device" mehr sein, denn dann werden vielleicht 50 Prozent der Arbeitskräfte so etwas Ähnliches tragen. Man muss das aber mit anderen Dingen kombinieren, zum Beispiel im Retail-Bereich. Wir sprechen hier über die Customer Journey. Wenn der Kunde sich im Online Shop etwas ansieht und dann ins Geschäft geht, könnte das dem Verkäufer über so ein Gerät eingeblendet werden und er kann dem Kunden dann eine persönlichere Beratung bieten. Die intelligente Verknüpfung der Geräte mit bereits vorhandenen Daten ist eine offensichtliche Entwicklung. Genau das ist es, womit wir uns bei Nagarro beschäftigen, aus dieser Idee einsatzfähige Lösungen zu machen und sie softwareseitig vernünftig in die IT zu integrieren.

In welche Richtung geht die Entwicklung von Google Glass?

Lee: Wir denken über viele Dinge nach. Natürlich gibt es inkrementelle Verbesserungen, schnellere CPU, besserer Akku, weniger Wärmeentwicklung, besseres Display und so weiter. Wenn man längerfristig denkt, könnte man auch das Display überarbeiten. Könnten wir es in eine Linse einbauen? In den Augapfel projizieren? Gibt es noch andere Möglichkeiten? Das Display, wie es jetzt ist, ist OK, aber wir denken, dass wir etwa das Sichtfeld vergrößern oder die Auflösung erhöhen können.

Wird es auch wieder eine Edition für Consumer bzw. Prosumer geben?

Lee: Das ist unsere Vision. Wir wollen, dass die Technologie sich durchsetzt. Der Schlüssel dazu ist, Partner zu finden, die sich auf diesen Bereich konzentrieren und die nächste Killer-App bauen.

Soumelidis: Das ist ein tolles Betätigungsfeld für Start-ups, die aus den Einzelteilen etwas bauen, an das selbst die Leute bei Google nicht gedacht haben.

Ich finde es interessant, dass Google bei Glass seine traditionelle Strategie auf den Kopf gestellt hat – nach dem ersten Fehlversuch natürlich. Jetzt gehen Sie über den Business-Markt, lassen die Technologie und Plattform reifen und versuchen es dann wieder beim Endkonsumenten

Lee: Wir hatten eine Menge interne Kämpfe zu bestreiten, um das durchzusetzen, weil es ungewöhnlich ist. Aber wir haben es getan und heute stehen wir hier.

Luke Roberts gehen 300 Lichter auf

Mit seiner smarten LED-Hängeleuchte will das junge Wiener...

Weiterlesen

ETRON verkauft iPad-Kassen von Gastrofix

ETRON ist im Mai 2018 eine strategische Allianz mit dem...

Weiterlesen

Spezialistenausbildung in Digitaler Transformation

Ein neuer Executive Masterlehrgang der FH Kufstein Tirol...

Weiterlesen

Make Austria Digital (Again?)

Mit der Gründung einer Digitalisierungsagentur führt die...

Weiterlesen

SMART Automation gibt Gas

SMART Automation, Intertool, C4I: Laut Veranstalter Reed...

Weiterlesen

VeeamON Tour

VeeamON Tour bringt das Beste von der VeeamON in zahlreiche...

Weiterlesen

Business-Festival CEBIT startet in neue Saison

Mit neuen Themen, neuen Formaten und einem neuen Design...

Weiterlesen

LCM: Geburtshelfer für innovative Ideen

Die klugen Köpfe der Linz Center of Mechatronics GmbH...

Weiterlesen

"Haus der Digitalisierung" nimmt Fahrt auf

In der Digitalisierungsstrategie des Landes Niederösterreich...

Weiterlesen

Die Digitalisierungs-Reise der SVA

Die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft...

Weiterlesen

Ranga Yogeshwar plädiert für reflektiven Fortschritt

Die digitale Transformation geht rasend schnell voran. So...

Weiterlesen

Das Netzwerk sieht alles

Was haben moderne Netzwerke mit Gehirnen, heißen Herdplatten...

Weiterlesen

Probelauf für die flexible Energiezukunft

Ein von AIT koordiniertes Konsortium entwickelt Lösungen für...

Weiterlesen

Die neue CEBIT

Gewöhnlich kann jeder – aber einfach mal anders? Die neue...

Weiterlesen

Business-Festival für Innovation und Digitalisierung

Mit neuen Themen, neuen Formaten und einem neuen Design...

Weiterlesen

4.0-Kunden: Die anspruchsvollsten und anstrengendsten von allen

Ihretwegen bleibt im Vertrieb kein Stein auf dem anderen....

Weiterlesen

Kein Freibrief für Datenschutzverstöße

Wir haben den Rechtsanwalt Gerald Ganzger gefragt, welche...

Weiterlesen

Chatbot-Plattform "Ask Mercedes"

Der IT-Dienstleister adesso hat für Mercedes-Benz-Fahrer...

Weiterlesen

"Das ist ein Wahnsinn"

"Wir brauchen drei bis sechs Monate, um gute Leute auf...

Weiterlesen

Aus Security-Sicht ein Horror

Die Ergebnisse des jährlichen Breach Level Index von Gemalto...

Weiterlesen