Interview IoT
Bild: RNF
Karl Grün, Director Development am Austrian Standards Institute
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Interview – Karl Grün, Austrian Standards

Chaos muss man sich erst leisten wollen

Karl Grün ist Director Development bei Austrian Standards. Im Interview spricht er unter anderem darüber, wie Standards und das "Recht des Stärkeren" zusammenpassen, und welche Chancen sich auf diesem Feld auch für KMU bieten.

Austrian Standards, früher bekannt unter dem Namen Österreichisches Normungsinstitut, kümmert sich seit 1920 als unabhängige und neutrale Plattform um einen transparenten Normungsprozess in Österreich. Außerdem ist die das Institut Mitglied von CEN, dem European Committee for Standardization, von ETSI, dem European Telecommunications Standards Institute, und von ISO, der International Organization for Standardization. Rund 4.000 österreichische Fachleute aus den unterschiedlichsten Bereichen entwickeln dort Standards, überwiegend im Dialog mit europäischen und internationalen Expertinnen und Experten.

Auch in der IT spielen Standards eine große Rolle. Ihre Geschichte ist eine Geschichte von Schnittstellen. Denn Silo-artige IT-Systeme lösen zwar einzelne Probleme, der wirkliche Mehrwert entsteht aber erst in der Verknüpfung mehrerer Systeme und vieler Informationen. Was eine Schnittstelle aber erst wirklich nutzbar macht, ist Standardisierung. Nur wenn alle Systeme die gleiche Sprache sprechen, können sie auch interagieren. Beim Internet of Things spielen Schnittstellen und Standards wieder eine große, wenn nicht die entscheidende Rolle.

Am 18. Oktober veranstaltet Austrian Standards den IoT-Fachkongress "Big Data, Cloud, Datenschutz & Co. – mit Standards zum Erfolg". Aus diesem Anlass hat sich monitor.at mit Karl Grün, Director Development bei Austrian Standards Institute und Doktor der Physik, zum Interview getroffen.

Herr Grün, wie wichtig sind Standards für das IoT?

Es geht bei IoT darum, dass Dinge intelligenter werden. Intelligent bedeutet, dass sie mit dem Menschen, aber auch miteinander kommunizieren können. Geräte unterschiedlicher Anbieter müssen eine gemeinsame Sprache sprechen. Dabei kommen Standards für den Datenaustausch ins Spiel, die von denen, die es betrifft, festgelegt werden – um einer sprichwörtlichen babylonischen Sprachverwirrung entgegenzuwirken. 

Man hat manchmal den Eindruck, die Unternehmen der IT-Branche einigen sich nicht immer gerne auf gemeinsame Standards, sondern konkurrieren mit ihren Lösungen bis einer stark genug ist, die anderen zu verdrängen. Der Stärkste setzt sich durch.  

Das hat man nicht nur in der IT. Ich bin mit Videokassetten aufgewachsen. Sie kennen noch VHS, Video2000 und Betamax? Da war das Thema die fehlende Interoperabilität. Wenn man sich auf einen Standard geeinigt hätte, hätte das bessere System gewonnen. Aber es gibt auch gewisse Skaleneffekte zu beachten: Wenn ich meine Schnittstellen teile, kann ich dann nicht größere Märkte bedienen? 

Ich denke, dass bei manchen Unternehmen nicht so sehr die technischen Aspekte zu einer starken Marktpräsenz geführt haben, sondern vor allem Markenversprechen, Image, Reputation. Aber wenn man sich Konsortien ansieht, dann sieht man, dass sich die Player auch zusammentun, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Selbst wenn es ein eigenes Süppchen ist, gibt es immer noch ein Mehr-Gänge-Menü. Eine gewisse Vielfalt schadet auch nicht. Das ist, was manche missverstehen: Ein Standard muss nicht immer nur zu EINER Lösung führen. Standards lassen auch immer andere Lösungen zu. Aber sie schaffen Transparenz und damit Vertrauen bei der Nutzung von Produkten und Lösungen. 

Es geht also eher darum, gemeinsam stark zu sein?

Standardisierung ist geprägt durch einen Multi-Stakeholder-Prozess. Nicht einer diktiert, sondern es gibt einen Dialog mit anderen Marktpartnern. Der Prozess ist auf Konsens ausgelegt, überzeugen durch Sachargumente statt durch überstimmen. Damit kommt man zu einer optimalen Lösung, bei der auch jeder mitziehen kann. 

Big Data, Cloud und Internet of Things – alles aktuelle IT-Themen, die spannend klingen und denen große Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft vorausgesagt werden. Das Wort "Standards" hingegen klingt spröde und langweilig. Dabei sind sie doch die Grundlage für das Zusammenspiel aller dieser Systeme, oder? 

Gott sei Dank sprechen wir von Standards und nicht von Normen. Das Wort klingt noch spröder. "Standards" ist ein neutraler Begriff, der auch mehr enthält, als man auf den ersten Blick vielleicht glaubt.  Er bietet Chancengleichheit, er bietet Fairness am Markt, er bietet Vertrauen und Sicherheit. Das sind grundlegende Werte, die ein wertvolles Gut sind. Was wäre das Gegenteil? Nicht standardisiert, Chaos, Unordnung – das muss man sich erst leisten wollen. 

Sind Standards nicht etwas, das auf internationaler Ebene von großen Gremien, Institutionen und großen Unternehmen ausgehandelt wird? Oder ist das auch ein Thema für einen typischen österreichischen KMU? 

Standardisierung ist ein Thema für jeden, unabhängig von Größe und Art der Organisation. Auch KMU haben das erkannt und ergreifen die Chance, ihre Expertise einzubringen und ihren Nutzen aus einem groß angelegten Dialog mit anderen Marktpartnern zu ziehen. Es gibt einige Erfolgsgeschichten, bei denen KMU maßgeblich an der Entwicklung internationaler Standards mitgewirkt haben. Die werden von uns auch mit dem "Living Standards Award", der nächstes Jahr wieder vergeben wird, vor den Vorhang geholt. 

Was können sich die Teilnehmer vom IoT-Fachkongress erwarten?

Die Teilnahme an dem Fachkongress am 18. Oktober bietet eine wunderbare Gelegenheit, durch die Vorträge aus erster Hand Informationen zu Themen wie Big Data, Cloud oder IT-Security zu erhalten. Das Ganze wird heruntergebrochen auf das, was es konkret für den Einzelnen bedeutet. Darüber hinaus kann man sich mit anderen Teilnehmern vernetzen und neue Kontakte knüpfen, um den Überbegriff IoT in Konkretes, Erlebbares und im Unternehmen Umsetzbares zu zergliedern. Zum Beispiel: Was bedeutet IoT im Rahmen von Geschäftsmodellen und worauf ist zu achten?

Was ist mit dem Motto der Veranstaltung "Mit Standards zum Erfolg" gemeint?

Gemeint ist, dass Standardisierung ein sehr breit angelegter, facettenreicher Prozess ist. Es geht dabei auch darum, systematisch und strukturiert Kundenbedürfnisse zu erheben, mit anderen Marktpartnern an Lösungen zu arbeiten, die breit vom Markt antizipiert werden. Wenn das gelingt, dann kann man von einem gewissen Erfolg reden. Nach dem Motto: Der Standard bietet ein sicheres Fundament, ist ausgewogen und steht nicht auf Treibsand.  

Wie sieht es in Österreich in Sachen Standards aus? 

Vor 20 Jahren waren Normen und Standards primär national bestimmt, heute ist das ganz stark unter europäischen und zunehmend stärker unter internationalen Vorzeichen zu sehen. Auch hier zeigt sich Österreich in gewissen Branchen als Hidden Champion. Unternehmerinnen und Unternehmen ergreifen die Chance, im Dialog mit anderen internationale Standards zu initiieren und generieren einen positiven Effekt für die Wirtschaft und für Österreich. Die Standardisierung ist ein Spiegelbild der Wirtschaft. So, wie sich die Wirtschaft weiterentwickelt, entwickelt sich auch die Standardisierung weiter. War sie zum Beispiel in der IT früher eher Hardware-getrieben, sprechen wir heute über Dienstleistungen und dergleichen.  

Sie haben Physik an der TU Wien studiert, waren auch Vertragsassistent am Institut für Kernphysik der TU Wien. Wie kommt man als Physiker zu einem Institut für Standards? 

Ein Physiker ist Allrounder in den technischen Naturwissenschaften, so hat mich mein Weg eben zu Austrian Standards geführt. Und: Ein Physiker zeichnet sich dadurch aus, dass er eine ganzheitliche Betrachtungsweise hat, abstrahieren kann, ohne sich in Nicht-Greifbares zu verlieren und sozusagen immer Bodenhaftung hat – der auch, man glaubt es kaum, immer wieder ethische Überlegungen anstellt. Man erinnere sich nur an Oppenheimer und Einstein. Es gibt auch einen anderen Physiker, der durch sehr revolutionäre Projekte, die oft ein "X" im Namen haben, weltbekannt geworden ist: einen gewissen Elon Musk.

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