29-12-2008 | Aus MONITOR 1/2009 Gedruckt am 25-05-2013 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/11054
Strategien

Portrait Informatik-Kompetenzzentrum Saarbrücken

IKT-Forschung hautnah

Von den 32 Mrd. Euro des 7. Forschungsrahmenprogramms der Europäischen Kommission sind neun Mrd. für den Bereich der Informations- und Kommunikations-Technologien (IKT) vorgesehen. Da wird man natürlich neugierig, was mit diesen Geldern so alles passiert. Ein Lokalaugenschein im deutschen Informatik-Kompetenzzentrum Saarbrücken.

Rüdiger Maier

Die vielfältigen Studienangebote im Studienfach Informatik an der Universität des Saarlandes ziehen junge Leute aus aller Welt an.

Die Zugfahrt von Frankfurt nach Saarbrücken (der kleine Flughafen wird nur selten direkt angeflogen) führt unter anderem durch idyllische Weinbaulandschaften entlang des Rheins. Das Saarland wiederum war ein immer zwischen Frankreich und Deutschland umkämpftes Bergbaugebiet (vor allem Kohle) mit der darauf aufbauenden Stahlindustrie. Von der Stahlkrise heftig getroffen, versuchte man, hier auch einen High-Tech-Forschungsstandort aufzubauen. Und das gelang dank zähem Bemühen letztlich: Heute ist vor allem Saarbrücken als Informatik-Cluster in Deutschland führend und bemüht, auch international mehr Bekanntheit zu erlangen. Aus geschichtlicher Perspektive nimmt es nicht Wunder, dass die Universität des Saarlandes vor 60 Jahren auf einem ehemaligen Militärgelände gegründet wurde.

Grundlagenforschung und Start-Ups

Die Wissenschaftler der Universität des Saarlandes arbeiten eng mit den Max-Planck-Instituten für Informatik und Softwaresysteme, dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und dem Zentrum für Bioinformatik zusammen. Diese Forschungsinstitute befinden sich auf dem Campus in unmittelbarer Nachbarschaft zu den derzeit 19 Informatik-Lehrstühlen der Universität. Insgesamt forschen dadurch über 350 Wissenschaftler in der Saarbrücker Informatik, darunter 28 Professoren, 55 Assistenten, 95 Post-Doktoranden und 220 Doktoranden.

All diese Informatikkompetenzen im Saarland zu bündeln, zu vernetzen und zu koordinieren, ist das Ziel des 2004 gegründeten Kompetenzzentrums Informatik Saarland, dem Prof. Philipp Slusallek vorsteht. Er ist wissenschaftlicher Direktor am ausschließlich über Projekte finanzierten Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und ist Spezialist für Computer-Grafik. "Wir sind stolz darauf, dass wir hier durch die beiden Max Planck Institute auch Grundlagenforschung in der IT betreiben können, was europaweit einmalig ist!" Und die Erweiterung läuft auf Hochtouren: "Derzeit sind sechs Gebäude für die Informatik im Bau!" Das besondere Informatik-Klima hat zu einer ganzen Reihe erfolgreicher Firmengründungen im IT-Bereich geführt, darunter so renommierte Unternehmen wie IDS-Scheer, SAP Retail Solutions, Infor und andere. Im letzten Jahrzehnt wurden - unterstützt vom Starterzentrum auf dem Campus und dem Science-Park vor den Toren der Universität - über 160 Firmen gegründet, rund die Hälfte im IT-Sektor. Insgesamt sind dadurch über tausend Arbeitsplätze entstanden.

Realitätsnahe Computergrafik

Am Institut für Programmiersprachen und Compiler-Konstruktion von Prof. Reinhard Wilhelm geht man etwa der für den Alltag oft lebenswichtigen Frage nach, ob ein „Embedded System“ rechtzeitig reagiert. Das hier ausgegründete Unternehmen AbsInt wurde für die Tests der IT-Systeme im neuen Airbus A 380 zugelassen Im Bild: Dr. Christian Ferdinand (links), Geschäftsführer der AbsInt GmbH und sein Mitarbeiter Dr. Daniel Kästner

Im dunklen Raum sitzt dann die auf meine Initiative hier erstmals zu einer ITK-Recherche zusammengekommene Gruppe europäischer Wissenschaftsjournalisten (www.eusja.org) bei der Vorführung der Computergrafik-Projekte zum "Echtzeit-Ray-Tracing". "Ich forsche hier seit dem Jahr 2000 an dieser revolutionären Technologie, die in ihren Ursprüngen schon über 20 Jahre alt ist. Aber erst jetzt stehen uns die entsprechenden Rechenkapazitäten dafür zur Verfügung", gibt Slusallek einen Einblick in die langen Zeithorizonte von der Forschung bis zur Anwendung.

Die neue Software ermöglicht bildliche Darstellung am Computer in bislang noch unbekannter Qualität. "Das bisher eingesetzte Rendering-Verfahren erzielt niemals so realitätsgetreue Abbildungen wie unser Verfahren, das allerdings hohe Rechnerleistungen erfordert!" Die Technologie eröffnet so neue Möglichkeiten vom Computerspiel über computergenerierte Filme bis hin zum Autobau.

Junge Forscher

Vor zehn Jahren bestanden digitale Inhalte überwiegend aus Text. Heute hingegen werden viele Informationen über Videos, Audio-Daten und Grafiken transportiert. Das stellt selbst schnelle Computer vor große Herausforderungen, wenn sie zum Beispiel Informationen als Bilder erkennen oder gesprochene Sprache verstehen sollen. Der Exzellenzcluster "Multimodal Computing and Interaction" stellt sich dieser Herausforderung und fördert ganz verschiedene Forschungsprojekte der digitalen Welt von morgen. "Vor einem Jahr wurde er von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder an unserer Universität eingerichtet" ist der wissenschaftliche Koordinator Hans-Peter Seidel stolz.

Wenn Menschen miteinander kommunizieren, verbinden sie ganz unbewusst Sprache, Gesten und Mimik miteinander. Das Ziel des Exzellenzclusters Informatik ist es, Computersysteme zu bauen, die eine ganz ähnliche Interaktion mit dem Benutzer ermöglichen, wie sie heute Menschen untereinander pflegen. Dafür ist es notwendig, dass alle Informationsformen vom Computer verstanden werden, aber auch selbst erzeugt werden können. Derzeit forschen zwölf junge Wissenschaftler mit eigenen Forschungsgruppen im Exzellenzcluster, zwanzig sollen es insgesamt werden. In einem Vortrag stellte Meinard Müller sein Forschungsprojekt vor, in dem er sich der Welt der Musik über den Computer annähert.

Sein Forschungsziel ist es, Musikdatenbanken nicht nur über Textinhalte und Noten, sondern auf ganz vielfältige Weise zu erschließen. Wer etwa nach einem Lieblingstitel sucht, könnte dem Computer ein Melodiefragment vorpfeifen und danach suchen lassen. Ein Musikwissenschaftler soll anhand neuer Suchverfahren bestimmte Notenkonstellationen, Harmonieverläufe oder Rhythmen schnell finden und die genauen Zeitpositionen innerhalb der jeweiligen Aufnahmen automatisch ansteuern können.

Informatik-Schloss Dagstuhl

Eine gute halbe Stunde Autofahrt durch ländliche Gegenden von der Universität entfernt liegt das von einer verfallenen Burgruine überragte Schloss Dagstuhl, wichtiger Teil des Informatik-Netzwerkes im Saarland (siehe dazu auch MONITOR 12-2008, S. 32 f.). Prof. Reinhard Wilhelm, der wissenschaftliche Direktor des Schlosses führt uns durch die ehrwürdigen Hallen mit bewegter Geschichte, die mich auch wegen der Ruine am Berg an Schloss Hernstein bei Wien erinnern. Beim Abendessen und später bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz kommen wir ins Gespräch mit der gerade für eine Woche tagenden internationalen Arbeitsgruppe "Emerging Uses and Paradigms for Dynamic Binary Translation (DBT)".

Der sperrige Begriff hat bei Software-Entwicklern große Aufmerksamkeit gewonnen, da DBT große Flexibilität in der Kontrolle und Veränderung eines Programms während seiner Anwendung ermöglicht. Daher sind beim Seminar auch Teilnehmer von Firmen wie Microsoft, Intel oder Sun vertreten. Wilhelm: "Da wir uns die Bewilligung jedes Seminars vorbehalten, haben wir auch bei dieser Veranstaltung einige junge Wissenschaftler in die Gruppe hineinreklamiert, damit die Mischung der Teilnehmer alle Aspekte beinhaltet!" Bei Wurst, Käse, Brot, Bier und Wein gehen die Diskussionen zum Thema und zur Zukunft der IT anschließend im gemütlichen Aufenthaltsraum noch lange weiter.

Rund 3.000 Informatiker von Hochschulen, Forschungseinrichtungen und aus der Industrie nehmen jährlich an den wissenschaftlichen Veranstaltungen in Dagstuhl teil. Seit 2005 gehört Schloss Dagstuhl zur Leibniz-Gemeinschaft, in der zurzeit 82 führende außeruniversitäre Forschungsinstitute und wissenschaftliche Serviceeinrichtungen in Deutschland vertreten sind.

(Alle Bilder: Kompetenzzentrum Informatik der Universität des Saarlandes.)

Future Media Internet

Der Telekommunikations-Professor Thorsten Herfet arbeitet derzeit zum Thema "Transport im zukünftigen Medien-Internet". Er geht davon aus, dass weltweit schon 2010 bis zu 90 % des Datenverkehrs durch IP-basierte Filme hervorgerufen werden wird. "Unser jetziges Internet-Protokoll ist aber nur auf Text ausgelegt. Daher brauchen wir neben dem weiteren Ausbau der Bandbreite ein Protokoll, dass audiovisuelle Inhalte genauso gut transportieren kann!"

Herfet sucht das neue AHEC-Protokoll durch die Verschmelzung der Vorteile der bekannten Protokolle TCP und UDP zu erschaffen. Daraus entstehe dann ein "media enabled TCP protocol". "Der Einbau in Geräte wird wohl schleichend geschehen, da grundsätzlich keine Hardware-Veränderungen für das neue Protokoll notwendig sind. Letztlich ist aber die Einführung auch eine politische Frage", blickt Herfet in die Zukunft.

 

  • Artikel bookmarken
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb

Userkommentare

DISQUS ist ein Service von disqus.com und unabhängig von monitor.at - siehe die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

comments powered by Disqus