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"Das Paradies im Keller" - das Weinarchiv im Palais Coburg

Große Aha-Erlebnisse in einer Welt der Normen und Standards sind bekanntlich selten. Mir entrann ein mächtiges Aha, laut hörbar, als neulich das Weinarchiv des Wiener Palais Coburg für einen Besichtigungstermin seine Pforten öffnete.

Das Palais im Zentrum Wiens (Coburgbastei) wurde aufwändig restauriert und 2003 wiedereröffnet. Es ist architektonisch sehr spannend mit einer gelungenen Symbiose aus alter und neuer Architektur. Allein ein Blick in das Foyer des Haupteingangs zahlt sich aus.

Bekannt ist, dass das Archiv zu den weltweiten Top-Wein-Adressen zählt. Auch langjährige WeinkennerInnen würden allein wegen seiner Größe und Dichte lange benötigen, um es zu erschließen, ähnlich wie einem großen Museum - übrigens sind auch die Werte vergleichbar. Das Wort "Archiv" ist für uns IT-Cracks natürlich nichts neues, es ist ein Thema, das zunehmend von Bedeutung in der IT-Branche ist. Der Unterschied ist, dass im Datenarchiv viel "mehr oder weniger" Wertvolles liegt, in diesem Weinarchiv "mehr und viel mehr" Wertvolles. Dabei sind die Weinkeller nur ein Teil eines Gesamtkonzepts - der Komplex besteht zusätzlich noch aus Hotel mit 35 Suiten, Bistro und Restaurant. Man möchte aber fast meinen, alles sei um den Wein herumgebaut.

Was liegt im Weinarchiv?

Der Frankreichkeller ist das Herzstück des Weinarchivs. Wirklich alles, was Rang, Namen und Jahrgang hat, findet sich hier, am meisten natürlich die großen Chateaux der Grand Cru Classé aus dem Bordeaux.

Mein Weinkeller hat drei Quadratmeter, die Keller des Palais Coburgs sind eigentlich nur um 752 Quadratmeter größer. Leider sind aber auch die Qualitäten komplett andere: Es raschelt dort nur so von Moutons, Yquems, Gayas aber auch Krachers - also von Weinen der besten Weingüter der Welt. Das Weinarchiv ist aufgeteilt in mehrere weingeografisch zugeordnete moderne Kelleranlagen. Da gibt es das Herzstück, den Frankreichkeller, der alles aus dem Bordeaux bietet, was an Top-Weinen durch die Jahrzehnte gekeltert wurde. Auch Burgund hat seinen Platz, nicht so mächtig zwar, aber doch die großen Namen - Romanée Conti, Richebourg, La Tache. Beim Elsass wurde mir mitgeteilt, als ich vor den beiden vollen Boden-Decke-Regalen stand, dass auch von dort "ein bisserl was da sei", so viel zum Thema Understatement. Ich durfte sogar - ganz kurz - einen Mouton Rothschild ´61 in der Hand halten, einer der besten Jahrgänge (98 Parker-Punkte) aus einem der besten Weingüter der Welt.

Als nächstes ging es in den Neue-Welt-Keller, passend auch der jüngste Kellerraum. Dieser wurde einem Schiffsrumpf nachempfunden und beinhaltet ein paar Tausend Flaschen Wein aus den USA, Australien und Südamerika. Dort finden sich auch die Spanier und Portugiesen, die ebenfalls viel mit dem Schiff unterwegs sind. Die Kollektion an "Screaming Eagles" (ist ein Wein, kein Bluesmusiker - klingt ziemlich verwechselbar) ist sehr beeindruckend, aber lang nicht das einzige Genusswerte aus Übersee.

Der Alte-Welt-Keller, der alle Ränge und Namen aus Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz beinhaltet, birgt über 260 Sassicaia, ein italienischer Spitzenwein mit Weltruhm aus internationalen Rebsorten (Sassi= ital. "Stein" - wegen des Bodens), beginnend mit dem allerersten aus 1968.

Der Weinkeller beinhaltet Tausende Wein- flaschen aus Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz. im Hintergrund sieht man die Großflaschen stehen, z. B. auch 15-Liter Flaschen (Nebukadnezar).

Wenn diese drei Stationen abgearbeitet wurden, ist man schon vom Staunen erschöpft. Die drei kleinen Stationen - in Quadratmetern und nicht in Werten gemessen - sind der Yquem-Keller (Top-Süßweingut aus Sauternes/Bordeaux), der Champagner-Keller und der (versteckte und leider nicht zugängliche) Raritätenkeller. In letzterem lagern Raritäten wie die wertvollste Normalflasche des Hauses - ein Yquem aus 1811 - begleitet von Romanée Conti ´34 und ein paar Moutons ´45. Der älteste noch trinkbare Wein der Welt ist ebenfalls im Archiv zu finden, ein 1727er Rüdesheimer Apostelwein.

Wenn es um Schaumweine geht, dann findet sich im Champagnerkeller alles was Jahrgangsnamen hat, vor allem Dom Pérignon, es gibt auch die passende Lounge dazu. Aber auch "Witwen" (Veuve Cliquot) und "Krüge" (Krug) findet man.

Derzeit sind im Archiv fünf Sommeliers für die Weinberatung beim Gast und weitere drei Personen für die Weinadministration tätig. Ein derartiges Vorhaben hat natürlich ein erklärtes Ziel: Einerseits die kontinuierliche Wertsteigerung des Inhalts durch perfekte Lagerungsbedingungen, professionelle Marktbeobachtung und Marktwertanalysen, die auch dem Kunden nach dem Motto "Gute Kunden, faire Preise" zugute kommen. Natürlich spielt sich alles im Topsegment ab, aber auch das hat seinen (wachsenden) Markt.

Das Palais Coburg hat 2007 den begehrten und raren "Grand Award" von Wine Spectator gewonnen. Dieser ist weltweit erst 76-mal vergeben worden, das erste Mal überhaupt für einen Weinkeller in Österreich. Auch im wesentlich größeren Deutschland wurde der Preis erst einmal vergeben, die meisten Verleihungen gingen in die USA und Frankreich.

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Dunja Koelwel

Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. ..mehr..

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