Herr Rastl, Sie waren nach allgemeiner Legendenbildung derjenige, der bei Jon Postel von der IANA damals die erste Top Level Domain TLD.at hat registrieren lassen. Welche Herausforderungen stellten sich denn damals vor 20 Jahren an der Uni Wien, um dem Internet in Österreich konkretes Leben einzuhauchen?
Genau genommen war nicht ich es, der die Mail an Jon Postel bezüglich der Registrierung der TLD .at geschrieben hat, sondern Walter Kunft von der TU Wien im Namen des ACONET-Vereins. Der "Verein zur Förderung eines österreichischen, wissenschaftlichen Datennetzes (ACONET)", wie er offiziell heißt, wurde 1986 gegründet, seine Mitglieder waren die EDV-Zentren der österreichischen Universitäten.
Als wir an der Uni Wien begannen, uns mit dem Internet-Protokoll zu beschäftigen, und begriffen hatten, was Internet-Adressen und -Namen sind, und dass da in den USA eine Top Level Domain für Österreich eingetragen werden musste, schien es mir passend, diesen Schritt über den ACONET-Verein zu veranlassen, denn das war ja nicht eine Angelegenheit alleine des EDV-Zentrums der Uni Wien, sondern aller Universitäten. Das kommerzielle Internet gab es damals noch nicht. Der Eintrag von ".at" war überhaupt keine Herausforderung, sondern Walter Kunft schickte die Mail an Jon Postel und der antwortete prompt: "done". Leider ist diese Mail nicht erhalten geblieben. Wir hatten keine Ahnung, dass das einmal als ein historisch bedeutsames Ereignis wahrgenommen werden würde.
Welche Organisationen und Firmen hatten denn in dieser ersten Pionierphase konkretes Interesse an einer derartigen Registrierung, schließlich steckte das World Wide Web bis gegen Mitte der neunziger Jahre noch ziemlich in den Kinderschuhen?
In dieser Pionierphase war das Internet eine rein akademische Angelegenheit, nur die Universitäten, aber keine Firmen oder andere Organisationen hatten daran bereits ein Interesse. Das WWW gab es damals noch nicht, das lernte ich erst bei einem Vortrag von Tim Berners-Lee anlässlich einer vom ACONET-Verein veranstalteten Tagung 1992 in Innsbruck kennen - und erkannte selbst da noch nicht die große Bedeutung, die das einmal haben sollte.
Welches waren denn die Motive der beteiligten Personen, sich im Vorläufer des Internets in Österreich "einen Namen" zu machen?
Wir wollten Erfahrungen mit dem Internet-Protokoll sammeln, das geeignet war, Rechner unterschiedlicher Hersteller mit einem "neutralen" Protokoll zu verbinden, im Gegensatz zu den firmenspezifischen Kommunikationsprotokollen wie IBM/SNA oder DECnet. Kommerzielle Motive spielten keine Rolle, und es dachte auch niemand darüber nach, ob man sich da "einen Namen" machen" würde. An den Universitäten war es eben möglich, sich mit interessanten Neuerungen ohne Rücksicht auf Nützlichkeit oder wirtschaftliche Gesichtspunkte zu beschäftigen. Deshalb ist das Internet in Europa von einzelnen akademischen Institutionen ausgegangen, während die EU-Kommission auf ein anderes Pferd setzte, die so genannten OSI-Protokolle, und das Internet-Protokoll als eine unerwünschte amerikanische Konkurrenzentwicklung verdrängen wollte. Erst Jahre später ließ die EU-Kommission von dieser fehlgeleiteten Förderpolitik ab.
Das Internet hat sich rasant vom Außenseiter zum Marktplatz von Ideen gewandelt. Aber auch die Kommerzialisierung der Communities nimmt zu, und das professionell organisierte Cybercrime bedroht sowohl die Integrität der Nutzer als auch die Vertrauenswürdigkeit der Unternehmen? Wie sieht denn Ihre persönliche Bilanz heute aus?
Es hat in diesen zwanzig Jahren eine rasante Entwicklung stattgefunden, mit vielen Innovationen, die zumindest für mich überraschend gekommen sind: Der Siegeszug des WorldWide Web, die Leistungsfähigkeit von Suchmaschinen, die Wirkung von p2p-Filesharing, der Umfang und die Qualität von kooperativem Content wie Wikipedia etc., und da wird es auch in den nächsten Jahren noch manche Innovationen geben, mit denen das Internet selbst die Trendforscher überraschen wird. Nicht so überraschend ist es, dass das Internet zu kriminellen Zwecken genutzt wird - da ist schon eher überraschend, dass es so lange dauert, bis die Gesellschaft damit einigermaßen klarkommt. Natürlich ist die begeisterte und auch naive Kooperation der Internet-Pioniere längst einem harten kommerziellen Konkurrenzkampf gewichen, wo viele Kreise ihren mitunter kriminellen Vorteil suchen. Das ist das reale Leben, dem wir uns stellen müssen, wir leben längst nicht mehr im Paradies, wo auch die Raubtiere friedlich mit allen zusammenleben.
Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit gelten als Schlagworte, die sich heute unter dem Begriff "Online" bzw. "Web Reputation Management" subsummieren lassen. Wie sieht denn Ihrer Meinung nach die Zukunft im Netz aus, wird sich eher die dunkle oder eher die lichte Seite durchsetzen?
Es wird sich die lichte Seite durchsetzen, aber dazu ist es nötig, dass die Gesellschaft diese neue Kulturtechnik wirklich verinnerlicht und über eine ausreichende "Internet Literacy" verfügt. So wie wir unseren Kleinkindern beibringen, nicht alles, was sie vom Fußboden auflesen, in den Mund zu stecken, so müssen auch die Internet-User lernen, mit den Risken und Gefahren im Internet umzugehen. Einmalig in der Kulturgeschichte ist es, dass beim Internet erstmals die Eltern von ihren Kindern lernen müssen, und die traditionellen Muster gesellschaftlicher Entwicklung scheinbar auf den Kopf gestellt werden.
Was schlussfolgern Sie denn aus diesen Tendenzen?
Jedenfalls müssen wir, die wir das Internet mitgestalten, rechtzeitig Maßnahmen entwickeln, das Vertrauen in diese Technologie zu stärken und den Missbrauch zurückdrängen, ohne allerdings dabei zu Panikmache und Polizeistaat zu greifen. Meine große Sorge ist, dass die Politik - in Unkenntnis über die Funktionsweise des Internet - versucht, Probleme auf eine althergebrachte Art zu lösen, die zwar beim Internet scheitert, aber als Nebenwirkung schwerwiegende Gefahren für unsere Gesellschaft heraufbeschwört, wie zum Beispiel die Verpflichtung zur Vorratsdatenspeicherung: Es sollte doch jedem klar sein, welches Missbrauchspotential da geschaffen wird, wenn man von Amts wegen alle Kommunikationsdaten aller Bürger abspeichert, und niemand sollte so naiv sein zu glauben, dass diese Daten nur zur Bekämpfung der Schwerkriminalität genutzt werden.




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Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 