7-3-2008 | Aus MONITOR 3/2008 Gedruckt am 23-04-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/9718
Thema: BPM,SOA IT-Consulting

Consulting

IT-Berater auf dem Vormarsch

Einen Berater ins Haus holen galt eine Zeitlang als schick, dann im Zuge der Dotcom-Krise als verpönt. Mittlerweile setzen Unternehmen wieder zunehmend auf externe Kompetenz. Dabei nehmen es beratende Dienstleister inzwischen durchaus mit klassischen Managementberatern auf.

Dunja Koelwel

Wer als Beratung suchender Unternehmer durch Messen spaziert, über Webseiten surft oder in Verbänden nachfragt, bekommt mittlerweile nicht nur die klassischen Managementberater als kompetente Ansprechpartner genannt, sondern auch oftmals beratende IT-Dienstleister. Diese haben sich mittlerweile ein beachtliches Stück des Kuchens gesichert, nämlich rund 25%. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie von Lünendonk, das im Rahmen von Studien Beratungsunternehmen auf ihre Kompetenz hin durchleuchtet. Als IT-Berater bezeichnet Lündendonk dabei "große, meist internationale Dienstleistungsunternehmen, die neben Dienstleistungen wie IT-Beratung, Systemintegration, IT- und Business-Process-Outsourcing auch in großem Umfang Strategie und Managementberatung erbringen."

Die Ausbildungsrichtungen der Berater/ IT- Experten der IT-Beratungs-und Systemintegrations- Unternehmen - Grafik www.lünendonk.de

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist die Tatsache, dass sich IT-Berater immer näher bei den klassischen Beratungshäusern positionieren und als harter Wettbewerb auftreten. Damit dürfte der Meinung mancher klassischer Managementberater, beratende IT-Dienstleister seien keine ernstzunehmende Konkurrenz, bald ein Ende gesetzt sein. Ganz abgesehen davon, dass IT-Beratern im Rahmen der erwähnten Studie nach durchgeführter Beratung auch im Bereich Managementberatung überdurchschnittlich gute Beratung attestiert wurde. Damit dürfen sie sich also durchaus fast auf Augenhöhe mit den klassischen Beratern sehen.

Für dieses doch erstaunlich Ergebnis hat Michael Bauer, Geschäftsführer des IT-Beratungshauses Trivadis Österreich, auch eine Erklärung parat: "IT wird heute nicht mehr aus den IT-Abteilungen, sondern aus den Fachabteilungen betrieben. Es gibt kaum Projekte, wo nicht nachweislich ein schneller ROI erzielt wird. IT wird somit immer mehr zum Business-Treiber und es ist wichtig zu wissen, was ist machbar und was nicht. Und eben dies ist die Kompetenz beratender IT-Dienstleister." Ergänzend meint DI Dr. Johannes Adler, Geschäftsführer beim IT-Berater Anecon: "Klassische Managementberatung holt sich oft bei den IT-Details die Expertise von IT-Beratern hinzu. Im umgekehrten Fall aber kaum. Das liegt daran, dass die IT als zentraler Kostenfaktor auch wesentlicher Baustein für die Umsetzung von Geschäftszielen ist. Insofern bearbeitet ein IT-Berater auch einen wesentlichen Bereich, um Veränderungen und Geschäftsweiterentwicklung zu betreiben - also klassische Managementberatung. Deswegen unterstellt man IT-Beratern auch Softskills in der Managementberatung, nicht aber umgekehrt."

Bruno von Rotz, verantwortlich für die deutschsprachige Region beim Open Source Consultant Optaros: „Wer eine neutrale Beratung zum Thema ERP haben will, wird nicht zum Hersteller gehen. Hier sind die klassischen Berater gefragt.“

Das hat auch die bereits oben zitierte Umfrage ergeben: Unternehmen unterstellen den klassischen Managementberatern nämlich im Umkehrschluss im Bereich des IT-Consultings nur eine durchschnittliche bis schwache Leistung. Anders sieht es nur dann aus, wenn Unternehmen noch keine Erfahrung mit Beratern gemacht haben. Dann schätzen sie das Know-how der Gesamtdienstleister eher mit durchschnittlich ein und das der klassischen Berater mit gut.

Kompetenzen erkennen

Doch was ist dann die unterschiedlichen Kompetenz von klassischen Beratern und beratenden IT-Dienstleistern? Nach Auffassung von Bruno v. Rotz, verantwortlich für die deutschsprachige Region beim Open Source-Consultant Optaros, sollte man am besten strikt zwischen Beratungs- und Implementierungsauftrag unterscheiden. "Wer eine neutrale Beratung zum Thema ERP haben will, wird nicht zum Hersteller gehen. Wer die richtige Desktop-Lösung für sein Unternehmen kennen lernen will, wird auch nicht zu den Anbietern direkt gehen. Hier sind die klassischen Berater gefragt. Doch eine Kombination von Beratungs- und Implementierungserfahrung ist durchaus sinnvoll, denn ein rein theoretisches Wissen ist gerade in Technologiefragen nicht immer fundiert genug. Hier ist oft Umsatzerfahrung wichtiger."

Als Vorteil der klassischen Berater zeigen sich also meist fundierteres Wissen unter anderem in Sachen Strategieberatung, Kostenanalyse, Business Development und systemische Organisationsentwicklung sowie Change-Management. Die beratenden IT-Dienstleister punkten wiederum hauptsächlich mit Umsetzungs-Know-how auch bei komplexen IT-Systemanforderungen, Wissen um die Geschäftsprozessoptimierung und die IT-Organisation. Als Nachteil ist bei ersteren das teils fehlende und bei letzteren das möglicherweise subjektiv gefärbte Umsetzungswissen zu sehen.

 

Michael Bauer, Geschäftsführer des IT-Beratungshauses Trivadis: „IT wird heute nicht mehr aus den IT-Abteilungen, sondern aus den Fachabteilungen betrieben.“

Beratung suchende Unternehmen müssen sich daher entscheiden, was ihnen wichtiger ist: die Erstellung eines relativ neutralen Konzeptes oder ein subjektiv gefärbtes aber technisch fundiertes Umsetzungswissen. Hilfreich kann in diesem Zusammenhang auch die Fragestellung sein, ob man sich lieber in die Hände eines kleinen Beratungshauses begibt oder ein großes internationales vorzieht. Klaus Heidenreich, Manager Sales & Marketing des SAP-Partners itelligence, meint dazu: "Die Stärke der Großen ist wohl das umfassende Know-how mit Erfahrungen und Referenzprojekten in den verschiedensten Branchen und den unterschiedlichsten Aufgabenstellungen. Wer sich an die Großen wendet, kann ziemlich sicher sein, jemand mit Branchenexpertise zu finden. Der Vorteil der Kleinen liegt hingegen darin, dass sie eine mittelständische Vorgehensweise mit Branchenwissen bieten. Wer weniger Wert auf Papierkonzepte legt und mehr auf eine klare Darstellung, fährt mit kleinen Beratungsunternehmen besser."

Prognosen für die Zukunft: "3. Modus Beratung"

Wie sich die Beraterszene künftig entwickeln wird, scheint allerdings noch völlig offen. Jörg Hossenfelder, Geschäftsführer bei Lünendonk, meint, dass sich der Markt in den kommenden Jahren thematisch aufgliedern wird in Spezialisten, die etwa eine besondere Expertise hinsichtlich Branche aufweisen und die so genannten Allrounder, die Beratung und Umsetzung aus einer Hand bringen. Erstere punkten mit ihrem Spezialwissen, die anderen bieten Unternehmen einen besseren Projektüberblick, da sich Kosten und Ansprechpartner einfacher einordnen lassen.

Jörg Hossenfelder, Geschäftsführer bei Lünendonk: „Der Markt wird sich in den kommenden Jahren thematisch aufgliedern in Spezialisten, die etwa eine besondere Expertise hinsichtlich Branchen aufweisen und die sogenannten Allrounder, die Beratung und Umsetzung aus einer Hand bringen.“

Johannes Adler wiederum geht davon aus, dass beide Beratungssegmente bestehen bleiben, allerdings durchaus mit starken Überschneidungen und Synergien. "Es gibt eine Vielzahl an Managementberatungsthemen, die bei den klassischen Consultants besser aufgehoben sind, etwa Changemanagement, Business Development oder Kostenanalyse." Für ihn ist aber weiter auch absehbar, dass sich beide Beratungsansätze - also einerseits Fachberatung mit inhaltlichem Expertenwissen und Prozessberatung mit Schwerpunkt auf Organisation, Prozess- und Kommunikations-Architekturen - weiter annähern werden. Adler: "Das bedeutet, dass die jeweiligen Beratungsansätze Elemente, Inhalte und Aufgabenfelder des anderen Ansatzes aufgreifen werden. So werden sich vermutlich mehr IT-Berater mit Themen der Strategieentwicklung beschäftigen und immer mehr klassische Berater erobern die Geschäftsprozessoptimierung." Das sieht auch Michael Bauer so. Er meint ebenfalls, dass sich der Markt stärker durchmischen wird. "IT wird auf der einen Seite Commodity, auf der anderen Seite kann eine nicht funktionierende IT schnell tödlich für ein Unternehmen werden. Nur die Unternehmen, die die Möglichkeiten der IT ausnützen können, werden langfristig im Markt bestehen." Adler: "Hier hört man immer öfter den Begriff ‚3.Modus der Beratung', der beide Felder in sich vereint. Wie dieser jedoch exakt zu definieren ist, steht noch in den Sternen."

In einem sind sich aber alle einig: Der Berufsstand der Berater ist sicher kein Auslaufmodell. Jörg Hossenfelder abschließend: "Berater arbeiten konjunkturunabhängig: Ist die Lage gut, benötigen Unternehmen Consulting für das Wachstum, ist die Lage schlecht, dann benötigen sie Beratung zur Kostenreduktion. Auch die Globalisierung und die sich schnell wandelnden Anforderungen an Unternehmen sorgen für genügend Arbeit!"

Marktvolumen der IT-Beratung in Deutschland, Österreich & Schweiz
  • Strategieberatung: 30,5 Prozent
  • Organisationsberatung: 33,7 Prozent
  • HR Consulting: 10,6 Prozent
  • IT-Beratung: 25,2 Prozent

(Quelle: BDU e.V. für 2006)

 

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