Herr Baan, was hat Sie nach einem langen unternehmerischen Auf und Ab wieder bewegt, ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zurückzukehren?
Wer meine Geschäftigkeiten verfolgt hat, weiß, dass ich immer aktiv gewesen bin. Denken Sie nur an WebEx, TopTier und den Unternehmensstart von Cordys in den Niederlanden. Jetzt sind wir bereit für den nächsten Schritt. Nach den USA im letzten Jahr erschließen wir mit Cordys nun den deutschen Markt.
Welche Erfahrungen lassen sich denn aus der früheren Zeit mit dem Softwareunternehmen Baan in die neue Zeit produktiv herüber nehmen?
Die positiven Erfahrungen haben wir aus der Zeit mitgenommen. So wissen wir, dass Unternehmen bei der Einführung einer neuen Software nicht auf ihr bereits bestehendes System verzichten möchten. Daher haben wir die Cordys Gesamtlösung so konzipiert, dass die Altsysteme durch das SOA-Grid weiter genutzt werden können. Diese positiven Aspekte haben wir zwar in unsere Arbeit einfließen lassen. Wir haben aber mit der Cordys Lösung ein komplett neues Produkt entwickelt. Rund 250 Spezialisten waren an dem Projekt beteiligt. Mit der Akquisition des Softwareanbieters abaXX konnten wir weitere erfahrene Experten für uns gewinnen. Insgesamt haben wir vier Jahre konzentriert an einer Lösung gearbeitet. Dank der intensiven und konstruktiven Entwicklungszeit ist die Business-Process-Management (BPM)-Lösung auf Basis von Service Oriented Architecture (SOA) ein integriertes, vollständig aufeinander abgestimmtes System geworden.
Wie schätzen Sie denn heute den Markt für die prozessorientierte Unternehmenssoftware ein? Welche aktuellen und künftigen Trends sehen Sie, um als Player auf diesem Gebiet erfolgreich abzuschneiden?
Cordys ist der einzige Anbieter eines vollständig integrierten Toolsets. Andere Technologieexperten kaufen Features hinzu und ergänzen damit ihr Produkt. Die Lösungen sind häufig nicht kompatibel. Unsere Software dagegen ist aus einem Guss. Zudem haben wir mit der Akquisition von abaXX unsere vertikalen Bereiche ausgeweitet und bieten nun europaweit Branchenlösungen für Bankwesen, Verwaltung und Industrie an. Dabei passen die Lösungen von abaXX zu hundert Prozent auf die Cordys Software. Das ermöglichen insbesondere die SOA-basierte Lösung und die Kommunikation über Webservices. Cordys reagiert damit äußerst flexibel auf Kundenwünsche und liefert innerhalb kürzester Zeit Ergebnisse. Insgesamt geht der Trend ganz klar hin zur Gesamtlösung. Produkte, die die Fach- und IT-Abteilungen gleichermaßen unterstützen, werden stark nachgefragt.
Wird es weitere Fusionen und Übernahmen geben? Werden weitere Player vom Markt verschwinden?
Grundsätzlich ist ein starker Wettbewerb auf dem BPM-Markt zu beobachten. Neueste Studien zeigen, dass Best-of-Breed-Anbieter für den Kunden die optimale Wahl darstellen. Ich gehe davon aus, dass auch zukünftig große Unternehmen kleinere akquirieren, um ihr Produkt zu komplettieren und speziell auf ihre Zielgruppen zuzuschneiden. Die Softwareanbieter werden sich weiterhin am Markt behaupten, die eine hochwertige Gesamtlösung anbieten und so Anforderungen erfüllen, die zurzeit noch nicht abgedeckt werden.
Mit Ihrem neuen Unternehmen Cordys zielen Sie auf die Verschmelzung zwischen BPM und SOA - sind dort nicht sehr viele große und spezialisierte Anbieter unterwegs?
Zunächst haben Sie Recht. Service Oriented Architecture und BPM sind die aktuellen Trends auf dem Softwaremarkt. Jeder möchte sich ein Stück vom Kuchen abschneiden. Wir sprechen hier von Mitbewerbern wie SAP oder Oracle. Zwar erweitern alle großen Unternehmen ihr Produktportfolio in diese Richtung. Einen originären Anbieter gibt es aber nicht im Umfeld von SOA und BPM. Cordys hingegen bietet eine voll integrierte BPM-Suite (BPMS) an, die nur für diesen Zweck entwickelt wurde. Alle Komponenten sind aufeinander abgestimmt. Das garantiert hundertprozentige Funktionalität. Mit einem flexiblen Modellierungswerkzeug lässt sich die Lösung an individuelle Anforderungen anpassen.
Cordys existiert bereits seit 2001. Warum gehen Sie jetzt erst in den deutschen Markt hinein?
Wir haben die Zeit genutzt, ein Produkt zu entwickeln, das speziell auf den deutschen Markt und seine Anforderungen zugeschnitten ist. 2005 startete Cordys mit seiner Lösung erfolgreich auf dem niederländischen Markt. Nach den USA 2006 erweitern wir jetzt unseren Fokus auf die Kernmärkte Zentraleuropa und Großbritannien.
Nach eigenen Angaben wollen Sie "die Lücke zwischen Fach- und IT-Abteilung schließen". Tatsächlich wird das Image der IT-Abteilung immer noch sehr stark als "Bremser der Geschäftsprozesse" und nicht als "Treiber" oder zumindest Wegbereiter einer dynamischen Entwicklung wahrgenommen?
Die gängigen Lösungen stellen unterschiedliche Sichten auf die Prozesse dar. Dabei modellieren die Fachbereiche ihre Geschäftsprozesse, die IT-Abteilung gestaltet Workflows. Cordys BPMS dagegen nutzt ein einheitliches Modell und eine einheitliche Sprache (Business Process Modeling Notation, BPMN). Die Sichten der Fach- und IT-Bereiche werden auf demselben Abstraktionsniveau harmonisiert. Da beide Abteilungen ein einheitliches Modell nutzen, werden Übersetzungen nicht mehr benötigt. Basierend auf einer übersichtlichen IT-Landschaft funktioniert die Zusammenarbeit unter den Fachbereichen reibungslos. Das spart Zeit und Aufwand.
Welchen technologischen Ansatz sehen Sie denn als unverwechselbares Markenzeichen von Cordys?
Unsere Lösung zeichnet sich durch ein einheitliches Toolset aus, das ohne aufwändige Kommunikation zwischen "Drittkomponenten" auskommt. Kommuniziert wird dabei über Standards mit der bereits vorhandenen IT-Infrastruktur.
Sind neben Deutschland auch Aktivitäten in anderen europäischen Ländern wie Österreich oder Osteuropa geplant, soll die Expansion also weiter gehen?
Ja! Nach den USA und Deutschland erschließen wir auch die Märkte Zentraleuropas und Großbritanniens.
Welche Rolle spielen denn China und Indien in Ihren Wachstumsplänen? Welche Umsatzgrößen, Mitarbeiterzahlen und Branchen liegen denn in Ihrem Fokus?
Natürlich sind China und Indien interessante Märkte für uns. Zunächst fokussieren wir unsere Expansionsstrategie jedoch auf die eben genannten Länder.
Gibt es Ihrer Meinung nach aus Anwendersicht große Unterschiede zwischen kleinen und mittleren Unternehmen sowie den Großkonzernen? Ist deren Herangehensweise an die Optimierung der Geschäftsprozesse komplett unterschiedlich?
Grundsätzlich befinden sich mittelständische Unternehmen und Großkonzerne in derselben Lage: Sie müssen mit der sich schnell und kontinuierlich weiterentwickelnden Wirtschaft mithalten. Dadurch verkürzt sich der Produktlebenszyklus deutlich. Zwar haben die kleineren Unternehmen meist weniger Ressourcen im IT-Bereich, um Veränderungen in den Geschäftsprozessen systemseitig abzubilden. Doch einen wesentlichen Zeitunterschied zu den Großunternehmen gibt es nicht. Denn durch Fusionen und Übernahmen stehen gerade die internationalen Konzerne vor der Herausforderung, ihre komplexen, unbeweglichen IT-Landschaften erst einmal zu optimieren.
Sie haben in früherer Zeit bereits in die Konferenz-Software WebEx investiert. Sehen Sie darin auch einen Teil der zu optimierenden Geschäftsprozesse, oder sind derartige Online-Konferenzen eher eine Randerscheinung in der zunehmend von Web 2.0-Technologien geprägten Businesswelt?
Konferenz-Software wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Einen Weg, Kunden und Geschäftspartner flexibel in die Kommunikation einzubinden, sehen wir beispielsweise in dem Modell Software as a Service (SaaS). Unternehmen können Konferenz-Anwendungen wie andere Dienste über das Internet beziehen. Unsere Erfahrungen im Umgang mit Konferenz-Software wie WebEx haben wir in die Kollaborationskomponenten der Cordys Lösung einfließen lassen. Hierzu passt auch die Komponente abaXX.Teamrooms. Sie erleichtert und unterstützt den Informationsaustausch im Unternehmen sowie die Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden.




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Mag. Dominik Troger gehört seit 1992 zum MONITOR-Team. Er begann als News-Redakteur und betreute viele Jahre die MONITOR Weiterbildungsbeilage "Job Training". Seit dem Jahre 2000 war er als Chef vom Dienst tätig, mit Dezember 2009 übernahm er die Chefredaktion. 