Das heutige Internet kommt in die Jahre. Seine Struktur macht es schwierig, neue Wünsche und Vorstellungen zu integrieren, die sich aus den praktischen Erfahrungen der vergangenen 25 Jahre ergeben haben. Das World Wide Web Consortium (W3C) in Cambridge (Massachusetts) weiß davon ein Lied zu singen: Für den Kopf dieses Gremiums, Web-Erfinder Tim Berners-Lee, bedarf es schon erheblichen Standvermögens, die vielfältigen Wünsche seitens der Anwender in geordnete Bahnen zu lenken. Denn bei allen Öffnungsbestrebungen für neue Dienste kann an der Grundstruktur nichts geändert werden, ohne das Ganze zu gefährden. Das neue Web 2.0 und noch mehr das künftige Web 3.0 haben mit dem Ur-Web nur die Basis gemeinsam.
Diese Erfahrungen sind auch an der National Science Foundation (NSF) nicht vorüber gegangen. Im Frühjahr 2005 hatte die NSF zu einem Workshop geladen. Ein Arbeitsteam um den Princeton-Professor Larry Peterson kam zu dem Ergebnis, dass man eine neue Forschungsplattform schaffen sollte für ein Internet des 21. Jahrhunderts: Die Idee des GENI (Global Environment for Network Innovations, http://geni.net) war geboren. Schnell war man sich im Klaren, dass die Basis eine dynamisch sich verändernde optoelektronische Ebene wäre, ergänzt durch Knoten, große Datenspeicher und ganze Cluster von Prozessoren sowie drahtlose Sub-Netze zum Endverbraucher: Alles das wurde als "GENI-Substrat" bezeichnet.
Wie man GENI zum Laufen bringt

Das Advanced Land Vehicle (ALV) von Martin Marietta Aerospace in Denver (CO) war das wohl erste Fahrzeug der Welt, welches sich selbstständig in einem Gelände orientieren konnte. Da zu dieser Zeit die Standard-Prozessoren noch vom Typ i386 waren, hatte BBN in Cambridge einen Spezialrechner beigesteuert, der in Echtzeit auf die sich verändernden Daten beim autonomen Fahren reagieren konnte (Bild: Martin Marietta).
Wer ist Chip Elliott? Selbst Insider kennen ihn kaum: Er kommt von BBN, die in den vergangenen 50 Jahren an der Spitze vieler Technologieentwicklungen standen, insbesondere wenn es um regierungsnahe Entwicklungsaufgaben ging. Das Unternehmen wurde 1948 gegründet von den beiden MIT-Professoren Richard Bolt und Leo Beranek sowie dem ehemaligen Bolt-Studenten Robert Newman unter dem Firmennamen Bolt, Beranek & Newman, später abgekürzt BBN. Das Unternehmen hat seinen Sitz gleich um die Ecke vom MIT und ist wegen der Nähe zu seinen Auftraggebern auch in Washington vertreten (http://www.bbn.com). BBN gilt als einer der Pioniere für das seinerzeitige ARPANET, welches die Keimzelle und der Vorläufer des heutigen Internets war. Eine andere Entwicklung unter wesentlicher (Computer-)Beteiligung von BBN war Anfang der 80er Jahre das Advanced Land Vehikel von Martin Marietta, das erste selbständig navigierende Fahrzeug. Es war Vorbild für den heutigen Marsrover.
So wie in dem vergangenen Vierteljahrhundert das Internet von einem fast obskuren Netzwerk der Forscher zu einem kritischen Stück der nationalen IT-Infrastrukturen wurde, so müsste heute aus den genannten Basisbausteinen ein neues Netz gezielt erarbeitet werden, dass die Erfordernisse der Zukunft erfüllen kann. Das ist weder in ein paar Monaten zu erforschen, geschweige denn zu realisieren. Und es könnte für Elliott zu einer Daueraufgabe werden, wie es mittlerweile für Berners-Lee im 3WC ist: Auch der hat sich seinerzeit, als er noch bei der CERN in Genf war, nicht träumen lassen, die "Web-Spielerei" nun als Kopf einer bedeutenden Organisation fortzuführen. Es ist eine gigantische Aufgabe, ein solches "Neues Internet" zu skizzieren, die Technologien zu definieren und zu entwickeln und für eine dauerhafte Nutzung adaptionsfähig zu halten.




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Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 