Nach einem Meeting in China vor rund 7.000 Mitarbeitern verabschiedete sich IBM-CEO Samuel Palmisano, um anschließend in der virtuellen Welt Second Life mit mehreren Hundert Angestellten zu sprechen - auf einer privaten Insel des Unternehmens. Ende 2006 galt dies beim Konzern als offizielle Absegnung des eingeschlagenen Weges, virtuelle Welten auf ihre Business-Tauglichkeit hin zu erkunden.
Auch wer es lediglich für Spielereien hielt - und der Hype rund um Second Life erhielt zuletzt ja kräftige Dämpfer - konnte dem Ganzen eine gewisse Anziehungskraft nicht absprechen. Erstaunlich rasch wurden dort Meetings abgehalten und Kunden aus unterschiedlichen Bereichen, darunter Telekommunikation und Luftfahrt, begannen sich für die Möglichkeiten der Technologie zu interessieren.
Seit Mai unterhält IBM ein Virtual Business Center, das 24 Stunden geöffnet ist. Die Avatare sind Sales-Mitarbeiter, die mehrere Sprachen sprechen. Eines müssen allerdings auch diese eingestehen: Wenn Verkaufsgespräche in die entscheidende Phase eintreten, verlässt man sich gern auf ein sichereres Umfeld und das heißt ein Medienbruch steht an: Man greift zu Telefon oder E-Mail.
In drei bis fünf Jahren sehen etwa die Analysten von Gartner die Zeit der virtuellen Welten auch im Enterprise-Umfeld endgültig angebrochen. Bedeutung wird diesen ohne große Überraschung im Marketing prophezeit. Doch auch für kollaboratives Design sowie andere Arten dislozierter Zusammenarbeitet könnten sich die Second Lives von morgen eignen.
Enterprise 2.0
Zahlreiche Web 2.0-Anwendungen sind der aktuellen Unternehmenspraxis weit näher und damit mit schneller erkennbarem Nutzen verbunden als virtuelle Welten derzeit. Allen voran geht es darum die Produktivität jedes Einzelnen voranzutreiben, das gemeinsame Verfassen und Überarbeiten von Berichten gilt als gängiges Beispiel. Doch dort soll nicht Halt sein: Laut einem Ende Juni von Gartner veröffentlichen Bericht breitet sich die Entwicklung auch in Richtung von Enterprise-Applikationen aus.
Der großflächige Einzug von Web 2.0-Applikationen im Unternehmen dürfte damit lediglich eine Frage der Zeit sein. Andrew P. McAfee, Associate Professor für Betriebswirtschaft an der Harvard Business School, fasst in einem Artikel im Sloan Management Review die damit angesprochenen Technologien kurz als SLATES zusammen - search, links, authoring, tags, extensions, signals. Auch er ist überzeugt, dass eine neue Art des Business-Kommunikation bevorsteht, die es ermöglicht spontaner und schließlich auch wissensbasierter zusammenzuarbeiten.
Dass es dabei "nur" darum ginge, die Produktivität voranzutreiben, ist nicht zu unterschätzen. So kommt McAfee zum Schluss, dass dieses "höchst produktive und kollaborative Arbeitsumfeld" sowohl die Wissensarbeit als auch ihre Ergebnisse besser sichtbar macht. Dies wiederum könnte ein wichtiger Motor für Innovation sein.
Fest steht indes, dass große Netzwerke ohne entsprechende Interaktionsmöglichkeiten als Einbahnstraßen gelten. Der Aspekt von Web 2.0, dass Interaktion die Identifikation fördert, führt schließlich zu einem Ansatz, den Technik-Blogger Dion Hinchcliffe "peer production" nennt. Und diese habe schließlich im Open Source ihr Potenzial gezeigt.
Widgets und ERP
Auf die Veränderungen, die Web 2.0 mit sich bringt, bereiten sich auch ERP-Anbieter wie SAP vor. Jenen Anwendern, die mit Internet, Instant Messaging und Blogs aufgewachsen sind, will das Unternehmen künftig Lösungen an die Hand geben, die wendiger und kleiner sind. Zwar dürfte sich erst zeigen, wie Hochverfügbarkeit und unternehmensweite Integration mit coolen Widgets und Mashups zusammengehen, in einem ersten Schritt stellt SAP jedoch kürzlich Widgets vor. "My Pipeline" etwa ist für Vertriebsmanager gedacht, die über die Aktivitäten ihres Sales-Teams im Bilde wollen. "My Open License Opportunities" eröffnet Vertriebsmitarbeitern einen Überblick, was dem Kunden bereits verkauft wurde und welche Software-Lizenzen zu Erneuerung anstehen.
SAP stellte auch seine erste Social Networking Site vor, Harmony. Mitarbeiter verwenden diese vorrangig wie ein schwarzes Brett, allerdings würde mit der Zeit auch das Business thematisiert und etwa der Stand von Implementierungserfahrungen erfragt.




1/2012
8/2011
7/2011


Mag. Carl-Markus Piswanger, MAS ist freier Journalist, Projektberater und hauptberuflich IT-Architekt. Er ist ausgebildeter Versicherungskaufmann, studierter Historiker und postgradualer E-Government-Experte. Er war beim ISP Netway, der Österreichischen Post und der Seibersdorf Research beschäftigt und seit 2004 als IT-Architekt im Bundesrechenzentrum. Der Wiener ist glücklich nicht verheiratet und hat einen Sohn. 