Die Virtualisierung des IT-Arbeitsplatzes nimmt immer mehr konkrete Formen an. Viele Anwender fordern und einige Hersteller pushen derzeit sogenannte OnDemand-Lösungen in den Markt. Das lange Jahre tot geglaubte, um das Jahr 2000 propagierte Application Software Providing, lebt als Software as a Service (SaaS) wieder auf. Zwangsläufig müssen sich deshalb auch die IT-Spezialisten damit beschäftigen.
Für sie gilt es beim Management der Softwarebestände ohnehin, durchgängig für interne Transparenz und Überblick zu sorgen. Das Problem im Nachgang allein mit dem Hersteller auszumachen, etwa durch eine Neujustierung bei Volumenlizenzen, reicht künftig kaum mehr aus. Sicherlich sind einerseits auch die Hersteller gefordert, sich bei der Einführung von OnDemand bzw. SaaS-Lösungen mit klar nachvollziehbaren Lizenzmodellen auseinanderzusetzen.
Auf der anderen Seite gestaltet sich dadurch auch für Unternehmen die Kalkulation für einen konkreten Geschäftsvorfall sowie die damit verbundene ROI-Berechnung wesentlich komplexer. "Das erfordert auf Anwenderseite eine weitaus höhere Kompetenz bei der Erstellung von Profitabilitätsanalysen", gibt Rüdiger Spiess von IDC zu bedenken. Ein "mentales Upgrade" sei deshalb auf beiden Seiten erforderlich.
Überblick gefragt: Die Tücke steckt im Detail

„Desktop-Virtualisierung gibt einen kleinen Vorgeschmack, mit welchen Problemen sich zukünftige ROI-Kalkulationen und Budgetverantwortliche herumschlagen müssen.“ - Rüdiger Spiess, IDC
Wird aber diese einfache Form des Anwendungsbezugs nicht eingehalten und gibt es auch OnSite-Komponenten, steigt der Messaufwand auf beiden Seiten, sowohl für die Hersteller als auch für die Anwender. "Damit wird auch die Kontrollierbarkeit und Kalkulierbarkeit schwieriger", gibt der IDC-Analyst zu bedenken. Folglich seien zusätzliche Instrumente bzw.Tools erforderlich, die genaue Auskunft über das Verbrauchsverhalten der Softwarefunktionen der Endanwender Aufschluss geben, empfiehlt Spiess.
Wie sich Unternehmen bzw. die IT-Spezialisten auf neue Lizenzmodelle wie SaaS oder Software on Demand vorbereiten können, erläutert Stephan Glathe, Geschäftsführer beim Lizenzmanagement-Spezialisten enteo Software. Nur abwarten, was auf die Unternehmen zukomme, reiche nicht aus: "Die Kunden benötigen in jedem Fall eine Lösung zur Inventarisierung der auf den Endgeräten installierten Software."
Einige Lizenzmodelle erfordern zudem auch die Ermittlung der Softwarenutzung oder von Hardwareeigenschaften. Damit könne der Kunde einen Überblick gewinnen, welche Assets (Soft- und Hardware) vorhanden seien, empfiehlt der Experte. Zudem gelte es, proaktiv die vorhandenen Lizenzverträge zu sammeln und insbesondere für neue Lizenzmodelle gemeinsam mit den IT-Verantwortlichen eine Ermittlung des jeweiligen Lizenzbedarfs durchzuführen.
Da ein manuelles Lizenzmanagement sehr schnell an seine Grenzen stößt, empfiehlt enteo Software der Einsatz einer maßgeschneiderten Lizenzmanagement-Lösung. "Mit Blick auf zukünftige Lizenzmodelle sollte der Kunde darauf achten, dass die Lösung über ein offenes und einfach zu erweiterndes Regelwerk zum Abbilden der Lizenzmodelle verfügt", fasst Glathe zusammen. Idealerweise biete die Lösung auch die Möglichkeit, neue Lizenzmodelle und Vertragstemplates per Download zur Verfügung zu stellen.
Neue Spieler beleben den Markt
Zusätzlich forciert wird der Markt durch zahlreiche neue Spieler im Bereich der Virtualisierung der gesamten Infrastruktur, insbesondere der Server- und Desktop-Umgebung. Mit den SWsoft Virtuozzo Management Tools etwa soll die Verwaltung der Virtualisierungslösungen anderer Hersteller möglich sein. SWsoft setzt in der ersten Phase der Markteinführung auf die Unterstützung von VMware und Xen. Aber auch andere Technologien sollen bald schon folgen.
Damit erhielten die Administratoren von Rechenzentren eine bisher beispiellose Kontrolle über ihre virtualisierten Ressourcen, da sie nun verschiedene Virtualisierungslösungen einsetzen könnten, ohne an die Verwaltungswerkzeuge eines einzelnen Herstellers gebunden zu sein, bekräftigt Serguei Beloussov, CEO bei SWsoft. "Die Software-Lizenzierung, so wie wir sie bisher kannten, stirbt aus oder ist schon tot", bilanziert der Experte.
Von diesem Trend in der Virtualisierung könnten am Ende auch die Software-Hersteller selbst profitieren. "Dies erschließt neue Einsatzmöglichkeiten und Möglichkeiten für Lizenzeinnahmen, bei für den Kunden gleichzeitig sinkenden Kosten pro Benutzer", fasst Beloussov zusammen. Aus Sicht der Anwender bzw. Unternehmen ist dabei vor allem bedeutend, dass die Spielregeln nicht willkürlich von den Software-Herstellern geändert werden.
Fazit: Lizenzlandschaft wird noch komplexer
Auch die Mehrkern-CPUs stellen eine weitere Herausforderung für die Software-Hersteller dar. Denn die einfache serverbasierte Lizenz passt nun nicht mehr so einfach ins Schema. Im Aufwind befinden sich zudem verstärkt sogenannte Hybrid-Lösungen, bei denen ein Teil der Funktionalität OnSite abgewickelt wird, das heißt direkt unter der Herrschaft des Endanwenders, während andere Funktionalitäten OnDemand von einem oder mehreren IT-Herstellern bezogen werden.
Eine ergänzende Schwierigkeit liegt zudem in der Komplexität der Service orientierten Architekturen (SOA). Welche Modelle sich letztlich durchsetzen, ist derzeit noch unklar. Selbst Microsoft hätte hier alles andere als eine klare Lösungsformel parat, gibt Brian Gammage, Vice President Client Computing Research, bei den Marktforschern von Gartner zu bedenken. "Bei Großkunden sollten komplexere Preismodelle akzeptabel bleiben", ergänzt Rüdiger Spiess von IDC.
Als Schreckgespenst unter Experten gilt die Telekommunikationsbranche, wo schon heute eine Unzahl von gestaffelten Telefonie-Tarifen für die unterschiedlichsten Kommunikationskanäle existieren. Die Auguren rechnen zwar nicht unbedingt damit, ein ähnlich gelagertes Chaos künftig im Applikationsbereich der Softwarebranche vorzufinden. "Dennoch gibt die Desktop Virtualisierung einen kleinen Vorgeschmack, mit welchen Problemen sich zukünftige ROI-Kalkulationen und Budgetverantwortliche herumschlagen müssen", fasst Spiess zusammen.




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5/2011


Dr. Manfred Wöhrl ist Geschäftsführer der R.I.C.S. EDV-GmbH (Research Institute for Computer Science, www.rics.at), spezialisiert auf Securitychecks und Security-Consulting. 