10-7-2007 | Aus MONITOR 7-8/2007 Gedruckt am 25-10-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/9093
Netz & Telekom

Pay as you drive

Auto-Versicherer planen User-Tracking via GPS

Da es für unfallfreies Fahren höhere Rabatte gibt, basteln Autoversicherer wie die Uniqua an neuen Marketingkonzepten - für ein junges, experimentierfreudiges, aber nicht ganz so zahlungskräftiges Klientel. Künftig könnte ein GPS-Navigationssystem jede Bewegung im Cockpit aufzeichnen.

Lothar Lochmaier

1. Im Fahrzeug installierte Telematikbox.
2. Ermittlung von Position, Geschwindigkeit und Zeit über GPS-Signal.
3. MapMatching: Die Software gleicht GPS- Koordinaten mit dem digitalen Straßennetz ab. Tempolimits und Straßennamen sind als Attribute hinterlegt. Bei Überschreitung des Tempolimits ertönt ein Warnsignal.
4. Die Telematikbox sendet Fahrdaten an die Versicherung.
5. Eine individuelle Rechnung für den Versicherten wird erstellt. (Quelle: PTV AG)

Einige Autoversicherer in Europa überlegen, ihre Kfz-Klienten über ein satellitengestütztes Überwachungssystem (GPS) zu erfassen. Das Usertracking liefert in Echtzeit permanent Informationen über die genaue Position, die gefahrene Route und sogar über die aktuelle Geschwindigkeit. Fernziel ist ein Satellitenortungssystem, aus dem sich kilometergenau die Kfz-Prämien errechnen lassen.

In Großbritannien hat "Pay as you drive" - frei übersetzt: "Zahle nur das, was du an Kilometern gefahren hast" - beim Versicherer Norwich Union die Testphase bereits hinter sich. In der Schweiz bietet die DBV-Winterthur seit Oktober 2006 ausgewählten Gewerbekunden mit "Auto-Profi" eine satellitengesteuerte Kfz-Police an. Der Fokus liegt aber ausschließlich bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen und deren Fuhrparks.

Technisch gesehen gehört ein derartiges Usertracking im professionellen Güterverkehr längst zum Standard, etwa mit dem Ziel einer durchgängigen Chargenrückverfolgung. Die Versicherung selbst beauftragt in der Regel Systemintegratoren, die das Projekt in Eigenregie abwickeln und die Ergebnisse für die Versicherung online bereit stellen. "Eine Investitionen in eine eigene Infrastruktur ist für die Versicherung damit nicht notwendig", sagt Kristina Stifter, Pressesprecherin vom deutschen Telematikanbieter PTV AG.

Das Auto wird dazu vom Anbieter mit einer Onboard-Unit ausgerüstet. Dies kann eine einfache Blackbox sein, die nur GPS-Koordinaten sendet. Oder diese ist mit einem intelligenten Map Matching versehen, die aus den Daten die gefahrene Strecke rekonstruieren, ohne die sich letztlich keine Versicherungsprämien ermitteln lassen.

Die Anbieter werben mit dem Slogan einer um bis zu 30 Prozent niedrigeren Prämie für unfallfreies Fahren. Die Sache hat aber auch einen Haken: Überschreitet der Versicherungsnehmer über längere Zeit die erlaubte Höchstgeschwindigkeit, so sammelt er Minuspunkte. Bei mehreren Überschreitungen fiele dann die Prämie wieder weg.

Die Versicherungsprämie passe sich flexibel an das tatsächliche Fahrverhalten an und sei somit gerechter, betont Kristina Stifter. Vor allem umsichtige Fahrer mit wenigen Kilometern seien begünstigt. "Erste Studien haben bewiesen, dass die Teilnahme an diesem Versicherungssystem einen positiven Einfluss auf das Fahrverhalten hat. Es wird also sicherer für Eltern und ihre Kinder", hofft die PTV.

Dennoch ist auch der Datenmissbrauch bzw. die Datenweitergabe an Dritte nicht ausgeschlossen. So könnten etwa Behörden die Daten anfordern, um Strafzettel für Verkehrssünder auszustellen. Gesetzlich ist dies ein sensibles Terrain, das wissen auch die Versicherer. Sie sondieren das Thema in erster Linie für das Produktmarketing, um junge Zielgruppen mit attraktiven Angeboten zu erschließen.

Die Pläne der Versicherer rufen zudem den Widerstand der Verbraucher- und Datenschützer hervor. "Wir sammeln schon seit geraumer Zeit ausführliche Informationen zu diesem Thema", erläutert Obmann Stephan Pawlitschek von Magpie, einer Non-Profit Organisation von IT-Experten zum Schutz der Privatsphäre in Datennetzen. (www.magpie-world.org)

So habe in Österreich die Uniqua-Versicherung bereits im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit IBM und der Mobilkom Austria die Testphase einer "nutzungsoptimierten Versicherung" eingeleitet und wolle diese bis zur Serienreife entwickeln. Dabei speichere eine "Black-Box" die Fahrtstrecken der tatsächlich gefahrenen Kilometer und übermittle diese der Versicherung.

"Die Versicherung beteuert zwar, den Datenschutz ernst zu nehmen, jedoch hegen wir hier ernsthaften Zweifel", gibt Stephan Pawlitschek zu bedenken. Zahlreiche Fragen seien nicht eindeutig geklärt, etwa wer diese Daten zu welchem Zweck auslesen dürfe. Auch bei einem Versicherungswechsel sei unklar, was mit den bereits angesammelten Daten passiere.

Die Auswirkungen eines derartigen Usertrackings seien deshalb sehr weit reichend, sagt Pawlitschek: "Noch niemals zuvor hatte jemand ein so genaues Bewegungsprofil", bilanziert der IT-Sicherheitsexperte. Deshalb seien die Daten nicht ausreichend geschützt, so dass auch unbefugte Personen Zugriff darauf hätten.

Die Anbieter von Telematiktools und Autoversicherer versuchen indes, derartige Bedenken in punkto Datenmissbrauch zu zerstreuen. Nur wer explizit seine Zustimmung erteile, könne von diesem neuartigen Versicherungssystem Gebrauch machen. "Die Versicherung leitet an die Rechenzentrale nur die ID-Nummern und keine persönlichen Daten weiter", bekräftigt Kristina Stifter von PTV.

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