5-6-2007 | Aus MONITOR 6/2007 Gedruckt am 25-10-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/9004
Strategien

Softwareentwicklung & Gender

Auf der Suche nach der Software-Qualität

Software-Entwicklung ist kein einfacher, sondern ein komplexer, anspruchsvoller Job. Welche Bedeutung hat aber Gender, also Geschlecht, auf die Software-Entwicklung?

Christine Wahlmüller

„Software-Entwicklung ist ein sozialer Aushandlungsprozess zwischen unterschiedlichen Interessen.“ - Mag. Sara John, Abteilung für Gender- und Diversitätsmanagement der WU Wien

Mit dieser Frage haben sich drei Wissenschaftlerinnen der WU Wien beschäftigt. Anhand dreier Fallstudien mit konkreten Softwareentwicklungsteams wurde erforscht, wie sich Geschlecht in Software-Entwicklungsprozessen wieder findet.

Software-Entwicklung ist alles andere als ein neutraler objektiver Vorgang, sondern vielmehr "ein sozialer Aushandlungsprozess zwischen unterschiedlichen Interessen", definiert Sara John, die gemeinsam mit Edeltraud Hanappi-Egger und Doris Allhutter das Forschungsprojekt "Gendered Software Design: Zur Sichtbarmachung der Gender Scripts in technologischen Artefakten" an der Abteilung für Gender und Diversitätsmanagement der WU Wien durchgeführt hat.

Laienhaft gesagt, hängt es vom jeweiligen Individuum und SW-Entwicklungs-Team, aber auch von den AuftraggeberInnen und NutzerInnen ab, welche Software letztendlich entsteht und benutzt wird. Dabei ging es den drei Forscherinnen aber nicht um den Ansatz, ob Männer anders als Frauen entwickeln, sondern prinzipiell um die Qualität in der Software-Entwicklung.

Mit "Mind Scripting" zum Ziel

Auf die Fragen nach der Qualität stellen Software-Entwickler, aber auch Entwicklerinnen natürlich technische Fakten und Abläufe, d.h. von der Planungsphase bis zur erfolgreichen Integration in die Systemumgebung in den Vordergrund. "Was sie nicht sagen, ist, dass dahinter viel subtilere, unbewusste Qualitätsvorstellungen ablaufen", erzählt Sara John. Ziel des Projekts war es daher, genau diesen unbewusst laufenden Vorstellungen bei der Software-Entwicklung auf den Grund zu gehen.

Dazu wurde das neue Verfahren "Mind Scripting" entwickelt. Ausgangspunkt dabei war die im Kontext der Frauenbewegung der 70er Jahre von Frigga Haugg entwickelte Methode der "Erinnerungsarbeit". Sie versucht, gezielt Ideologien und Alltagstheorien, die das eigene Denken und Handeln mitbestimmen, einer Reflexion zugänglich zu machen. "Mind Scripting, verstanden als Prozess des Dekonstruierens von Mind Scripts (d.h. konkret von kurzen Texten der EntwicklerInnen) erlaubt es, die gesellschaftlichen, vergeschlechtlichten und durch Erfahrungen in technischer Ausbildung und professioneller Praxis erworbenen Diskurse sichtbar zu machen", heißt es im Forschungsbericht über die neue Methode.

Erprobung in der Praxis

"Mind Scripting" wurde zunächst in einer Art Vorstudie für eine Fallstudie mit Wirtschaftsinformatik-Studierenden angewandt, um so erste Ergebnisse zur sozialen Konstruktion in der SW-Entwicklung und in SW-Qualitätskonzepten zu gewinnen. Die zweite Fallstudie wurde mit einem Entwicklungsteam eines Unternehmens aus der Spieleentwicklung durchgeführt. Konkret ging es um die Begleitung der Entwicklung eines Adventure Games. Bei der dritten Fallstudie ging es um die Beobachtung, Analyse und Begleitung eines Entwicklungsteams, das gerade dabei war, eine Suchmaschine zu realisieren.

Konkret wurden im Zuge des "Mind Scriptings" die EntwicklerInnen dazu aufgefordert, kurze, anonyme Texte über aktuell im Entwicklungsprozess wichtige Themen zu schreiben. "Dann begann die Arbeit der Dekonstruktion, d.h. Wir haben nach gemeinsamen Denkstrukturen gesucht", erzählt John. "Nicht der Unterschied zwischen Mann und Frau war der Punkt, sondern inwiefern bei beiden professionelle Denkmuster zum Einsatz kommen, die immer wieder zu spezifischen stereotypen Entscheidungen führen", erklärt die junge Wissenschaftlerin, selbst Informatikerin.

Ein Vergleich der drei Fallstudien zeigt deutlich, dass SW-Entwicklung im Rahmen sozialer Aushandlungsprozesse stattfindet. Allhutter/Hanappi-Egger/John sprechen von einem expliziten und einem impliziten Qualitätsverständnis der SW-EntwicklerInnen. Viele Entscheidungen laufen also eher automatisch ab und oft werden Stereotype aktiviert und fließen unbewusst und unreflektiert in die SW-Entwicklung ein. Dies müsse bei der SW-Entwicklung viel mehr beachtet werden, propagieren die Forscherinnen einen "erweiterten Qualitätsbegriff".

Der SW-Entwicklungsprozess soll um eine zusätzliche Feedback-Schleife erweitert werden. Hanappi-Egger nennt diesen Ansatz "Triple-loop-Learning". Konkret müssen die drei Fragen wie, was und warum gestellt werden. Zwei Schleifen waren bis dato schon in der Praxis im Einsatz. Die dritte Schleife, die z.B. implizite Vorannahmen und Gender Scripts von SW-EntwicklerInnen hinterfragt muss aber auch unbedingt angewandt werden, schlagen die Wissenschaftlerinnen vor. Insgesamt kann die SW-Qualität so verbessert werden, die fertige Software enthält dann künftig weniger stereotypisierende "Einschreibungen", nach den Erkenntnissen der Forscherinnen.

www.wu-wien.ac.at/gender

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