Das Product Backlog ersetzt die Dokumentation
Umgesetzt wird ein solches Projekt über unterschiedliche agile Prozesse, zum Beispiel Scrum, eine der zurzeit beliebtesten Methoden. Auch hier ist die Vorgehensweise eine iterativ-inkrementelle, für die ein Product Owner als Kundenvertreter, der die fachlichen Anforderungen verwaltet und diese priorisiert, der ScrumMaster als der Prozessverantwortliche und das Entwicklerteam benötigt werden.
Umgesetzt werden die im Product Backlog formulierten Anforderungen im Rahmen von so genannten Sprints, die typischerweise zwei oder vier Wochen dauern. Am Beginn eines jeden Sprints findet das Sprint Planning Meeting statt, in dem die Arbeit für den Sprint geplant wird. In Angriff genommen werden immer die jeweils am höchsten priorisierten Anforderungen aus dem Backlog. Das Team legt sich fest, die geplante Funktionalität bis zum Sprint-Ende abzuliefern und wird im Gegenzug dafür während der Dauer des Sprints gegen Änderungen von außen geschützt.
An jedem Tag des Sprints wird ein maximal 15-minütiges Daily Scrum Meeting abgehalten, das dazu dient, die Team-Mitglieder zu synchronisieren und zu erkennen, welche Probleme dem Team im Weg stehen. Während des Sprints werden alle notwendigen Aufgaben vorgenommen, so dass ein voll funktionierendes, potenziell auslieferbares Inkrement an Funktionalität entsteht.
Am Ende dieser Phase steht ein Sprint Review Meeting, das wesentlicher Bestandteil des agilen Prinzips "Inspect and adapt" ist. Hier werden die Arbeitsergebnisse vom Product Owner als Repräsentant des Kunden begutachtet. Die Sprint Retrospektive dient der prozessualen Betrachtung des Sprints und erlaubt Verbesserungsvorschläge für die weitere Arbeit.
Vor Beginn des nächsten Sprints kann der Product Owner mittels erneuter Priorisierung des Backlogs auf allfällige Änderungen reagieren und das Ziel für die weitere Arbeit vorgeben. In seiner Funktion kanalisiert er sämtliche Anforderungen über den Backlog und steuert damit direkt die Entwicklung. Für Andreas Wintersteiger ist das ein wichtiger Vorteil gegenüber den klassischen Methoden, "denn durch die engere Einbeziehung des Kunden entsteht ein Wertvorteil, da nun der Kunde oder Kundenvertreter die Steuerung übernimmt".
Siemens IT Solutions and Services PSE setzt auf Scrum
Die Möglichkeit, rasch auf vom Kunden gewünschte Änderungen einzugehen, hat auch Siemens IT Solutions and Services PSE, den internen Anbieter des Siemens Konzerns für Programm- und Systementwicklung, dazu bewogen, Scrum für die Entwicklung von Enterprise Applikationen im Gesundheitsbereich einzusetzen. Über Erfahrungen in der Nutzung agiler Methoden verfüge man bereits, sagt Friedrich Schneck, der als Geschäftssegmentleiter im Bereich Business and Healthcare Solutions das Entwicklungsprojekt leitet, "denn unsere hauseigene Entwicklungsmethode ‚SEM', die normalerweise zum Einsatz kommt, gibt es mit ‚eSEM' auch in einer agilen Ausprägung". Mit dieser Methode wurden auch bereits große Applikationen und Lösungen für diesen Bereich entwickelt. Allerdings habe man die Architektur in diesem Fall klassisch erstellt und dann mit agilen Methoden weitergearbeitet, beschreibt Schneck die damalige Vorgangsweise.
Einen wesentlichen Vorteil dieser Methode sieht Schneck in der engen Zusammenarbeit zwischen Kunden und Entwicklerteam. "Allerdings müssen wir alle über die entsprechende Agilität verfügen, um die Vorteile von Scrum überhaupt nutzen zu können", weist er darauf hin, dass die Anforderungen für alle Seiten sehr hoch sind. Nur so könne man die "Rituale", wie Schneck die Regeln bezeichnet, einhalten. Er hat dabei eine zusätzliche Herausforderung zu bestehen, denn seine Auftraggeber sitzen an anderen Orten und nicht einen Raum weiter. "Aber wir sind überzeugt, dass diese Rituale auch über die Distanz funktionieren", gibt sich Schneck überzeugt.
Ihm, der über viele Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung verfügt, ist es aber trotzdem wichtig, "dass die alten Tugenden wie etwa eine angemessene Dokumentation nicht ganz vergessen werden". Und Schneck ist davon überzeugt, dass ein solides Architekturdesign die Grundlage für eventuelle Richtungsänderungen darstellt.
Für Andreas Wintersteiger, der mit seinem vor einem Jahr gegründeten Unternehmen auf Scrum setzt und entsprechende Trainings- und Beratungsleistungen anbietet, bedeutet die Implementierung dieser Methode in einem Unternehmen jedes Mal eine Herausforderung. "Agile Methoden bringen eine grundlegende Änderung in der Organisation mit sich. Dieser Change-Prozess verlangt Veränderung in Denkweisen, Verhaltensmustern sowie ein Kommittment aller Beteiligten."
Grundsätzlich lassen sich agile Methoden für alle Entwicklungs- und Umsetzungsprojekte nutzen, ist er überzeugt. "Scrum ist skalierbar und lässt sich bereits bei Drei-Personen-Projekten einsetzen". Nun muss die Zukunft zeigen, ob es mit den Methoden des agilen Projektmanagements gelingt, die Erfolgsquote von Software-Projekten zu erhöhen. Den entsprechenden Bedarf gibt es.



7/2011
6/2011
5/2011


Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 