"Wir stehen hier noch ziemlich am Anfang mit unseren Bemühungen, in der Region Paris (Ile de France) unsere Aktivitäten rund um Multimedia und IT zu starten", erläutert Patrick Cocquet, CEO von Cap Digital (www.capdigital.com) im neu renovierten Altbau mitten in Paris. Nicht nur für ihn, sondern auch für den Autor war es gar nicht so leicht, in die Geheimnisse der französischen IT Einblick zu bekommen. Als bekennender Europäer musste ich mehrmals nachfragen, um dann doch einen Kontakt zum Deutschland-Büro von FIZIT (Französisches Informationszentrum für Industrie und Technik) zu bekommen. Man hatte Österreich im Bezug auf IT-Informationen irgendwie ganz vergessen und so war ich nach einigen Jahren der erste Journalist auf offizieller IT-Recherche-Mission in Frankreich. Ich konnte dann auch nicht genug betonen, dass ich es sehr schade fände, dass Informationen über die französische und ganz allgemein europäische IT so schwer zu bekommen seien. Denn neben guten Produkten ist auch die Information über dieselben sowie deren entsprechende Vermarktung ein wichtiger Bestandteil für den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen.
Der Pariser IT-Cluster besteht derzeit aus 220 Klein- und Mittelbetrieben, 16 Großunternehmen, 30 öffentlichen Stellen/Universitäten und acht Unternehmensverbänden mit insgesamt über 400 Mitgliedern. "Alleine im Bereich "Neue Medien" bestehen in unserem Einzugsgebiet etwa 110.000 Arbeitsplätze", unterstreicht Cocquet die Bedeutung des Segments. Möglich wäre ein Ausbau auf 300.000 Arbeitsplätze (europaweit arbeiten etwa zwei Millionen Menschen im IT-Sektor), da rund um Paris die zweitgrößte Zahl (führend ist das Gebiet um London) an entsprechend ausgebildeten Personen zur Verfügung steht. Aufgabe des Clusters ist es, in sechs definierten Bereichen (Digitaler Lebensstil; Neue Medien; Ausbildung; Wissensmanagement; Digitales Erbe; Videospiele) die wirtschaftliche Entwicklung des Sektors voranzutreiben. Erreicht werden soll dies zunächst durch Anregung der Forschung & Entwicklung: "Wir evaluieren die Projekte, die dann aufgrund dieser Empfehlung viel leichter zu Geldmitteln kommen", weiß der CEO. Gleichzeitig werde auch aktiv an der Erschließung von Finanzierungen gearbeitet, es werden Erfahrungen ausgetauscht (Best Practice) und letztlich wolle man auch internationale Märkte erobern. "Von den bisher eingegangenen 85 Vorschlägen konnten wir etwa die Hälfte für eine Förderung empfehlen und haben dafür 27 Mio. an Fördermitteln (jeweils ca. 30% der Gesamtkosten) vergeben", so Cocquet.
Auf der Datensuche
Über einen recht unscheinbaren Hinterhof erreichen wir mit SPAD (www.spadsoft.com) ein hoch spezialisiertes Unternehmen mit 30 Mitarbeitern. Die in ihrem Heimatland gut bekannte Firma erschließt sich soeben den europäischen Markt für Data Mining und Data Quality Management und hat nach meiner Einschätzung sicher ein großes Erfolgspotenzial. "Wir verfügen über 20 Jahre Erfahrung mit den komplexen mathematischen Formeln, die ein gezieltes Suchen nach Daten ermöglichen", betont Generaldirektor Francois Abella. Gerade durch neue Gesetze wie Basel II und Sarbanes-Oxley sei heute die Nachverfolgbarkeit von Daten immer wichtiger. "Wir wissen aus Erfahrung, dass nach fünf Jahren bis zu einem Drittel der Daten Probleme machen, da sie etwa nicht mehr lesbar sind. Daher gilt es, Datenbanken regelmäßig mit entsprechenden Werkzeugen zu säubern", unterstreicht Abella. So werde die Software des Unternehmens etwa für die französischen Steuererklärungen genutzt, um hier Datenkonsistenz zu gewährleisten. Aber auch über 150 französische Großunternehmen bedienen sich der Daten-Qualitäts-Werkzeuge: "Unser Software unterstützt Hersteller etwa bei der laufenden Anpassung von Branchen-Normen, die sich ja dauernd ändern!" Derzeit sind die Produkte des Unternehmens in 25 Ländern in drei Sprachen (auch in Englisch und Spanisch) erhältlich.
Im Bereich des Data Mining sieht Abella die größte Konkurrenz in Anbietern wie SAS und Cognos. Ganz selbstbewusst meint er aber, "dass wir durch die enge Kooperation mit Universitäten einfach die besseren mathematischen Formeln in unsere Produkte integriert haben." So könne die Software etwa bei Befragungen sehr schnell erkennen, welche Daten wirklich relevant für ein aussagekräftiges Ergebnis seien. Damit lassen sich Fragebögen nach kurzen Testläufen in der Endfassung sehr effizient gestalten. Aber auch Aussagen, warum Kunden einem Unternehmen treu bleiben oder nicht, findet die Software schnell und sicher. Auf jeden Fall müsse aber zunächst die Qualität der Daten sichergestellt sein, um dann richtige Aussagen treffen zu können. Bisher habe man die Lösung praktisch nur in Frankreich verkauft (ca. 3.500 Kunden), jetzt sei aber eine Internationalisierung geplant. "Unsere Preise bewegen sich zwischen 5.000.-- und etwa 70.000.-- Euro, womit wir meiner Beobachtung nach deutlich unter den Preisen der Konkurrenz liegen", gibt sich Abella siegesgewiss.
Kooperation mit österreichischen Universitäten
Im Rahmen eines im September des Vorjahres gestarteten und mit 2,5 Mio. Euro finanzierten EU-Projekts hat sich das junge Unternehmen Darkworks (www.darkworks.com) auf die Entwicklung einer Online-Spiele-Plattform in einem GRID-Umfeld spezialisiert. Koordinator des Projekts ist der Innsbrucker IT-Professor Thomas Fahringer, auch die Kepler Universität Linz ist im Team vertreten. "Wir wollen tausenden Nutzern gleichzeitig die Teilnahme am Online-Spiel ermöglichen. Dafür greifen wir je nach Bedarf auf die Ressourcen eines Rechenzentrums zu", erläutert der Darkworks-Projektmanager Alexis Arragon. Können bisher nämlich maximal 64 Spieler an eher langsamen Online-Spielen mitwirken, so soll die GRID-Architektur des Systems eine Ausweitung auf viel schnellere Spiele und wesentlich mehr Teilnehmer ermöglichen. "Für die Spieler muss die Nutzung nach wie vor ganz einfach sein, die sehr komplexe technische Umsetzung über eine neuartige GRID-Architektur ist ganz unsere Herausforderung", so Arragon. Dieselbe Architektur soll auch für eine Online-Lern-Plattform genutzt werden, Unternehmens-Partner dafür ist die englische Firma BMT Cordah.
Weitere besuchte Firmen
Unsere Tour durch die französische IT führte uns auf die Messe "Mobile Office" (www.mobileoffice.fr) im Pariser Palais de Congres. Hier standen uns die Unternehmen Baracoda (Jungunternehmen mit Spezialgebiet drahtlose Übertragung/Bluetooth; www.baracoda.com), Masternaut ((Telematik-Tochter des französischen Autobahnbetreibers Sanef; www.masternaut.com) sowie der Telekom-Anbieter Orange (www.orange-entreprises.com) Rede und Antwort. Weiters präsentierten das Jungunternehmen Zenops (Spieleentwicklung für Handys; www.zenops.com) sowie die beiden Großunternehmen und RFID-Spezialisten Axway (www.axway.fr) und IER (www.ier.fr) ihre oft beeindruckenden Entwicklungen.
Messe CARTES 2007
Die CARTES 2007 wird heuer erstmals mit der Fachmesse IDentification kombiniert, die sich auf Sicherheitstechnologien und Biometrie konzentriert. Weitere Themenschwerpunkte sind Zugangskontrollen, Verschlüsselung, RFID und e-Government. Als Partnerland wird Japan heuer durch die Beteiligung am Kongress und spezielle Darbietungen in den Messehallen auf sich aufmerksam machen. Nach dem Erfolg im vergangenen Jahr, rechnet man heuer mit 20.000 Besuchern, 480 Ausstellern und 1.700 Kongressteilnehmern.
13. - 15. November 2007; Parc des Expositions de Paris-Nord Villepinte ; www.cartes.com




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Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 