Die Anforderungen an die Menge, Verfügbarkeit und auch Datensicherheit wachsen ständig. Datenspeicherung ist sicher eines der wichtigsten Themen in der Unternehmensstruktur. Auf der Prioritätenliste nimmt das Thema einen hohen Platz neben solchen Tagungsordnungspunkten wie Netzwerk und Sicherheit ein. Und ein plötzlicher Datenverlust wird immer folgenschwerer. Datenrettungsingenieure spüren die Veränderungen unmittelbar. Neue Technologien zwingen sie zur Optimierung ihrer Tools und Werkzeuge. Und sie können auch praxisnah beurteilen, welche Folgen neue Ansätze zur Datensicherung haben.
Digitale Bevölkerungsexplosion
Ein wichtiger Faktor ist allein schon die immer unüberschaubarere Datenmenge. Die Festplatten der Zukunft sind überbevölkert, das Risiko des Datenverlustes steigt. Pro Tag entstehen weltweit rund 52 Milliarden Megabyte an Daten. Zugleich wird der Raum für die Daten immer enger. Die Speicherkapazität von PC- und Notebook-Festplatten ist in den letzten Jahren um etwa das 500-Fache gestiegen. Auf einer schon heute leicht verstaubten 2.5-Zoll-Festplatte mit 40 GByte Kapazität werden 2.7 Milliarden Bytes abgebildet.
Beim neuen "perpendicular recording" liegen die Daten nicht in einer Reihe, sondern übereinander. Forschungslabore in der Schweiz haben bis zu 26 Billionen so genannter "Inseln" mit der Höhe von zwei Kobalt-Atomen auf einem Quadratzoll untergebracht. Jede Insel bietet Platz für einen Bit. Diese Zukunftsmusik ist vielleicht überzeichnet. Die Kapazitäten von Harddisks werden sich aber in der Alltagshardware alle zwei Jahre verdoppeln. Nicht einberechnet ist das immer größere Volumen an Mailverkehr, in dem sich auch immer mehr kritische Informationen verbergen.
Zwischen Kosten- und Paragraphendruck
Das Mehr an Daten muss sicherer und verfügbarer abgespeichert werden, aber die Kosten sollen nicht unbedingt steigen. Vor diesem Bündel an Voraussetzungen stehen alle Administratoren schon jetzt. Auf der rechtlichen Seite kommen zu den altbekannten zivilrechtlichen Vorschriften über die Archivierung geschäftsrelevanter Inhalte auch aktuelle Vorschriften wie das "Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmen" (KonTraG).
Die seit Anfang dieses Jahr gültigen Regelungen Basel II ziehen zwar bei Nichteinhaltung keine direkten Sanktionen für ein Unternehmen nach sich. Aber als verbindliche Vorschriften zur Kreditvergabe zwingen sie Banken zur Beurteilung der operativen Risiken eines Unternehmens. Datenverlust - zum Beispiel der Buchhaltungsdaten - ist definitiv ein solches operatives Risiko. Datensicherheit wird damit zum Bonitätsfaktor.
Speicherdisziplin gegen verstreute Dateninseln
Zudem müssen Administratoren mit einer immer unübersichtlicheren Speicherlandschaft kämpfen. Datenrettungsexperten bekommen auch diese Probleme mit. Daten befinden sich heute häufig überall - aber nicht dort, wo sie hingehören. Etwa auf lokalen Festplatten eines Notebooks oder auf externen Festplatten, die ohne Wissen des Administrators angeschlossen wurden, oder auch in Nachrichtentexten und E-Mail-Anhängen einer Mailbox. Für Datenrettungsingenieure heißt dies, dass die verschiedensten Patienten in ihrem Reinraum eintreffen können.
Smartphones, verschlüsselte Festplatten, auch USB-Sticks können wichtige Informationen erhalten, die den Aufwand einer Datenrettung bisweilen rechtfertigen. Und wer einmal seine persönliche Mailbox zum Überlaufen gebracht hat und deswegen nicht mehr damit arbeiten konnte, kann den Ernst dieses Problems bestätigen. Gerade dann, wenn im Kundenkontakt wichtige Abreden nur per Mail dokumentiert sind.
Konjunkturen der Datenrettung 2002 bis 2006
Die Langzeitbeobachtungen aus vier Jahren Datenrettungspraxis in den Laboren von Kroll Ontrack belegen einige der oben skizzierten Faktoren, die schon jetzt wirksam sind. Nahezu 60 Prozent aller Fälle von Datenverlust gehen mittlerweile auf Hardware-bedingte Probleme zurück. Im Jahr 2002 lag dieser Wert aus den Laboren von Kroll Ontrack noch bei 44 Prozent. Ein möglicher Grund hierfür ist der oft aus falscher Sparsamkeit unterlassene Austausch alter Backupsyteme. Folgenschwere Schäden durch Verschleiß kommen so häufiger vor. Das gilt insbesondere für Bänder. Außerdem erfordert die heutige Speicher-Hardware mit ihren immer enger gesetzten Sektoren eine wesentlich höhere mechanische Genauigkeit, um auf gleichem Raum ein Vielfaches an Daten unterzubringen. Somit sinkt die Fehlertoleranz, die zu Lesefehlern führt.Eine schlechte Lagerung einer Festplatte kann zum Beispiel zu einer unkorrekten Spurenverfolgung durch den Schreib-/Lesekopf führen. Je enger die Spuren sind, umso folgenschwerer sind schon kleine Abweichungen. Aufgrund der hohen Informationsdichte auf engsten Raum sind die Auswirkungen eines Datenverlusts heute auch oft gravierender als früher. Ein weiterer Grund für die Zunahme der Hardwareschäden scheint der zunehmende Einsatz von Notebooks zu sein, die unterwegs einem höheren Beschädigungsrisiko ausgesetzt werden.
Leicht rückgängig sind dagegen Datenverluste durch Anwenderfehler oder durch korrupte Software. Leichtere Bedienbarkeit schließt Datenverluste bei neueren Anwendungen oft aus. Aber deren zunehmende Komplexität macht einen Teil der Verbesserung wieder zunichte. Ein wichtiger Grund für Datenverlust scheint aber zumindest aus Sicht der Datenspeicherung seinen Schrecken verloren zu haben: Der Prozentanteil von Schäden durch Computerviren ist von 7 auf 2 Prozent eingebrochen. Dieser Trend ist eindeutig auf die veränderte Bedrohungssituation zurückzuführen. Wurden vor wenigen Jahren Viren lanciert, um möglichst große Aufmerksamkeit zu erregen, so haben es die Täter im Cybercrime heute auf Geld abgesehen. Dazu gilt es vor allem, Informationen auszuspionieren. Daten auf der Festplatte können oder sollen dafür sogar durchaus intakt bleiben. Profitorientierte Malware will möglichst lange unerkannt bleiben und darf deswegen so wenig wie möglich offensichtlichen Schaden verursachen.
Permanente Innovation der Datenrettung
Für den Datenretter ergibt sich, dass das Einsatzgebiet eines professionellen Datenretters immer größer wird. Zumal er ja auch immer damit rechnen muss, dass veraltete Technologien in der Speicherung noch weiter zum Einsatz kommen. Selbst die Festplatten selber als Hauptmedium der Datenspeicherung werden immer vielfältiger und die eingesetzten Methoden müssen hier immer Schritt halten. Sind Festplatten aus Laptop und Notebook noch in der Regel standardisiert und basieren in ihrer Datenverwaltung in der Regel auf dem NTFS-Standard von Microsoft, sind die aus Kostengründen beliebten externen Festplatten verschieden organisiert. In der Regel beruhen sie auf Linux-Dateisystemen, die aber oft individuell von Hersteller zu Hersteller angepasst sind und immer wieder neu zu rekonstruieren sind. Solche Geräte sind oft nur in der Anschaffung billig. Die Reparatur ist im Ernstfall dann umso teurer.
Außerdem werden Flash-Festplatten in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Von einigen Seiten wird das Ende der Harddisk zwar sicher verfrüht ausgerufen. Experten rechnen aber schon bis 2013 mit einem Anteil von 50 Prozent der so genannten Solid State Disks (SSD). Gerade attraktive Hybrid-Lösungen, die von Microsofts Vista auch unterstützt werden, finden sicher ihren Platz am Markt. Flash-Speicher sind grundsätzlich anderes organisiert als eine magnetische Festplatte. Professionelle Datenrettungsanbieter wie zum Beispiel Kroll Ontrack haben sich aber schon bei der Bearbeitung von USB-Sticks, Handy-Festplatten oder auch digitaler Speicherkarten Grundwissen erarbeitet. Doch jedes Medium bringt neue Aufgaben und neue Bauteile für das digitale Puzzle-Spiel.
Auch in großen Backupsystemen von Unternehmen wird die Vielfalt der Speicherlandschaften die Experten immer weiter fordern. RAID-Systeme als Basis der verschiedensten Speichernetzwerke wie SAN und NAS bleiben der vorherrschende Backup. Aber Kostendruck und Datenmenge zwingen auch hier zu immer neuen Ansätzen. Virtualisierung und Deduplikation sind die Zauberworte die auch spezielle Szenarien des Datenverlustes ergeben. Bei virtuellen Laufwerken kann entweder der Fehler auf der Ebene der einzelnen virtuellen Laufwerke liegen. Oder die zentrale Virtual Machine organisiert die Laufwerke falsch und Daten können nicht gefunden werden. Die hier notwendige Komprimierung der Daten kann auch zu Fehlern beim Auslesen führen.
Datenrettung bleibt auf der Agenda
Datenverlust ist ein Risiko für jedes Unternehmen und wird es auch bleiben. Unternehmen, deren Daten vermeintlich verloren sind, wird es immer geben. Und der Druck, in der Datenrettung neue Verfahren zu entwickeln, wird nicht kleiner werden. Denn auch in Zukunft wird der geschäftliche Fortbestand von Unternehmen Im Ernstfall von der Hilfe von Spezialisten abhängen.





1/2012
8/2011
7/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 