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Kommunikation

Ist Internet die vierte Kulturtechnik?

Klares "Nein" zur Kulturtechnik Internet

Ist Internet die vierte Kulturtechnik? - Zu dieser Frage hatte die ISPA Ende März zu einem philosophischen Abend in den Festsaal der Akademie der Wissenschaften geladen. Nein, lautete die einhellige Antwort der Expertenrunde. Der Abend verlief trotzdem amüsant-informativ. Alle Teilnehmer zollten dem Internet als überaus wichtigem Medium größten Respekt, sparten aber auch nicht mit Kritik.

Podium (v.l.): Gerhard Zeiler, Rudolf Scholten, Johannes Hahn, Moderatorin Andrea Schurian, Konrad Paul Liessmann, Peter Rastl, Ide Hintze, Virgil Widrich (Bild: Harald Hinterhölzl/Fotofc)

Die drei Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen sollte man trotz aller Internet-Begeisterung nicht ganz vergessen. Vor allem Lesen und Schreiben seien absolut wichtige Voraussetzungen für die Internet-Nutzung, betonte der Wiener Philosophie-Professor und Wissenschaftler des Jahres Konrad Paul Liessmann in seinem Impulsreferat. Der Unterschied sei: "Schreiben und Lesen muss hart erworben werden, man muss es mühsam lernen". Internet sei bestenfalls als "sekundäre Kulturtechnik" zu bezeichnen.

Liessmann gestand aber ein, dass sich unsere Einstellung und der Gebrauch der Kulturtechniken in der heutigen Zeit verändere: "Ich kann schreiben, aber nicht mit der Hand", zeigte er am eigenen Beispiel drastisch auf, wie sehr wir durch Computer und Internet schon vereinnahmt sind und wie selbstverständlich wir diese Dinge bereits im Alltag nutzen. Sein Vortrag barg aber auch durchaus lehrreiche, anschauliche Details. So gab er einige historische "Glanzlichter" in punkto Lesen und Schreiben zum Besten. So waren es in der Antike und im Mittelalter vor allem Mönche und Gelehrte, die Lesen und Schreiben beherrschten. Adel und Klerus ließen sich zumeist vorlesen und schreiben. Im Mittelalter gab es außerdem viele Leute, die lesen, aber nicht schreiben konnten. Interessant war auch ein anderer Berufsstand: Die Kopisten. Sie konnten meistens nicht lesen - angeblich, um so den Text nicht verstehen, interpretieren, und dabei verändern zu können.

Zuerst Kulturtechniken lernen...

Liessmann ging auch auf die Vorzüge und Charakteristika des Internets ein. Er hob die Komplexität und Vielfältigkeit hervor. Man könne zum Beispiel "unterschiedliche Formen der Kommunikation organisieren, von virtuellem Bassenatratsch bis hin zu einer Spezialistenkonferenz". Liessmann äußerte sich schließlich kritisch über zu frühen Einsatz von Computer und Internet bei Schülern. Bei sogenannten Computerklassen sei die Lese- und Rechenfähigkeit sowie vor allem auch das Abstraktionsvermögen schlechter als bei Klassen, wo der Computer erst später oder nur sehr sporadisch eingesetzt worden ist. Liessmanns Resumée: Wichtig sei "das richtige Verhältnis zwischen dem Erwerb und der Übung der richtigen Kulturtechniken - plus Sprechen und Denken - und deren Verbindung mit den avancierten Kommunikationstechniken unserer Zeit zu finden."

Wissenschaftsminister Hahn bezeichnete Internet als "epochale Entwicklung, vergleichbar mit der Entwicklung der Nullen oder des Rades", während der ehemalige Wissenschaftsminister und heutige Vorstand der österreichischen Kontrollbank, Rudolf Scholten, bemerkte: "Ob Kulturtechnik oder nicht, ist mir egal." Der dreifache Familienvater bemerkte aber, dass Internet als Schulgegenstand problematisch sei, denn "da muss man erst den Lehrer finden, der das besser kann als die Kinder." Gerhard Zeiler, Chef der RTR-Gruppe, stellte zwei Thesen zur Wirkung des Internets in den Raum. Er sprach erstens von einer "Demokratisierung der Wissensgesellschaft" und zweitens von einer "Chance für eine stärkere Demokratisierung des kreativen Prozesses". Plattformen wie beispielsweise youtube und myspace würden heute jedem Kreativen offen stehen.

Epochal, aber Vorsicht angebracht

"Das Internet ist etwas, das uns zwingt, in ein Rechteck hineinzuschauen, das vorgibt, die Welt abzubilden", äußerte sich der Filmproduzent Virgil Widrich äußerst kritisch und warnte vor den Grenzen zum digitalen Abbild der Wirklichkeit. Es sei daher "von Vorteil, spät den Umgang mit dem Internet zu lernen, weil man zuerst schreiben, lesen, und vor allem denken lernen" sollte, so Widrich. Die ständige Verfügbarkeit sei auch ein Fluch und werde wenig genützt. Künstler-Kollege, Ide Hintze, Begründer der Schule der Dichtung, wo es auch virtuelle Internet-Klassen gibt, erwies sich als Internet-Befürworter. Die Entwicklung des Internets sei ein "epochaler Vorgang, vergleichbar mit dem Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit." Internet selbst sei kein Lehrgegenstand, "aber es gibt vieles zu lernen, was das Internet auslöst", zeigte sich Hintze überzeugt.

"Mit Kulturtechnik ist in den letzten 20 Jahren alles mögliche inflationär bezeichnet worden", näherte sich Peter Rastl, Leiter des EDV-Zentrum der Uni Wien und "Vater des Internets in Österreich", vorsichtig-ironisch der Thematik. Internet als vierte Kulturtechnik zu bezeichnen, da sei das Fragezeichen am Ende durchaus berechtigt. Allerdings sei die Bedeutung des Internet heute unbestritten, "wir haben nur Anfang der 80-er Jahre keine Ahnung davon gehabt", so Rastl und gab einen Einblick in einige Internet-Überraschungen wie den Siegeszug des World Wide Web, der Suchmaschinen, aber auch Negatives wie Spam und Computer-Kriminalität. Bemerkenswert sei, dass "der Umgang mit Internet bereits unsere Art zu Lesen verändert hat", meinte Liessmann. Er zeigte sich bestürzt darüber, dass "Studenten das Lesen eines klassischen Buches heute schwer fällt", noch schlimmer sei an den Unis das Problem "Copy and Paste". Somit könnte das Internet oder besser gesagt die sich dadurch erst eröffnenden Möglichkeiten und Dienste wohl besser und treffender als Anti-Kulturtechnik bezeichnet werden.

(Wer die Diskussionsrunde (nochmals) sehen und hören will: Auf der ISPA Website ist ein Videostream abrufbar. www.ispa.at)

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