Nach ätzender Berichterstattung über das Antitrust-Verfahren und vor allem den widersprüchlichen Aussagen der Microsoft-Mitarbeiter, die oftmals mehr Schaden anrichteten als sie der Sache Microsofts dienten, hat die Berichterstattung Microsoft betreffend eine neue Fokussierung erfahren. Die Gates-Company kauft sich ihre neuen Märkte. Was mit einem fünf Millarden Dollar Investment bei AT&T vorerst seinen Höhepunkt fand, begann schon vor zwei Jahren mit einer kräftigen Investition bei Comcast. Ziel all dieser Anstrengungen ist, das noch nicht sehr weit verbreitete Schmalspurbetriebssystem Windows CE, das, verglichen mit anderen Windows-Versionen, noch nicht wirklich aus den Startlöchern herausgekommen ist, als Standard beim digitalen Fernsehen durchzudrücken. Wie man sich das bei Microsoft vorstellt, läßt sich am Beispiel Großbritannien ablesen. Der Einstieg begann mit einer Fünf-Prozent-Beteiligung beim drittgrößten Kabelnetzbetreiber, die durch einen 30-prozentigen Anteilskauf bei der Nummer zwei, Telewest, ergänzt wurde. Den vorläufigen Abschluß findet der Einstieg ins britische Kabelgeschäft mit einer weiteren Beteiligung in der Höhe von 30 Prozent bei der größten britischen Kabelgesellschaft, CWC. Sollte er auch den letzten Deal unter den Argusaugen der bitischen Kartellbehörde durchbringen, kann er seine beiden Hauptkonkurrenten, AOL und Oracle, aus dem Markt drängen, die als Hauptanteilseigner der Firma Network Computer Inc. das Betriebssystem für die TV-Set-Top-Boxen von CWC und Telewest lieferten. Sollte alles glatt gehen, hat Microsoft in den britischen Kabelfernsehmarkt etwa sieben Milliarden Dollar investiert, aber das Investitionskarusell dreht sich weiter. Für die Deutsche Telekom soll Microsoft bereits Anwendungen entwickeln, die Internet und digitales Fernsehen unter der Haube von Windows CE vereinen sollen. Ein erstes Produkt wurde ja bereits auf der CeBIT Home im letzten Jahr vorgestellt. Web-TV heißt der Combi-Dekoder für Internet und Fernsehen, und er läuft, keine Frage, unter dem Betriebssystem Windows CE. Wen wundern da noch die nicht dementierten Gerüchte über eine Beteiligung Microsofts an der Deutschen Telekom, die sich allerdings in der kolportierten Größenordnung von einer Milliarde Dollar bescheiden ausnehmen, vergleicht man sie mit dem Engagement, das die Redmondianer in Übersee und Großbritannien an den Tag gelegt haben. Der Kabelfernsehmarkt hat für ein amerikanisches Unternehmen wie Microsoft schon traditionell eine große Bedeutung, haben doch die Cablenetworks der USA schon seit langem eine bedeutende Rolle im Medienmix gespielt, während diese Entwicklung in Europa erst viel später eingesetzt hat. Aber Bill Gates denkt nicht nur an die Wired-Community, er denkt auch "wireless" und wird dafür auch noch dieses Jahr das passende Produkt anbieten, das Wireless Portal, das Internet und Mobilfunk zusammenführt. Um auch in diesem Bereich gleich mit dem entsprechendem Nachdruck die Akzeptanz des Microsoft-Produktes voranzutreiben, hat sich Gates auch noch zum "Drüberstreuen" mit 600 Millionen Dollar beim US-Mobilfunker Nextel als Partner eingekauft. Keine Frage, daß sich Nextel verpflichtet hat, seinen Kunden das Microsoft-Produkt anzutragen. Auch im Mobilfunk möchte Gates nicht nur zu Hause punkten. Um auch im europäischen GSM-Markt der Zukuft dabei zu sein, der natürlich auch die entsprechenden Internet-Services anbieten wird, hat man sich die Unterstützung der schwedischen Software-Schmiede Sendit gegen eine Beteiligung von 127 Millionen Dollar gesichert. Die Schweden sind Spezialisten in der Herstellung von Internetsoftware für GSM-Netzbetreiber und deren Endgeräte, die Handies. Damit wird uns demnächst wohl auch ein Microsoft-Produkt aus Herrn und Frau Österreichers liebstem Spielzeug, dem Handy, entgegenlachen. A propos lachen, vor wenigen Tagen erst brachte der Cyberspace-Guru und Internet-Papst Nicholas Negroponte fast 2.000 Kunden des Unisys-Konzerns zum Lachen, die sich in Madrid versammelt hatten, um über die Zukunft des Internets zu befinden. Negroponte, im Umgang mit Microsoft nie sehr zimperlich, riß das Auditorium zu Lachstürmen hin, als er sehr pointiert ausführte, warum die Welt, gäbe es Microsoft nicht, schon längst digitalisiert wäre. Ein bißchen schmerzt mich diese Häme, wenngleich ich natürlich weiß, daß Erfolg immer seine Neider hat und Negroponte vielleicht der größere Visionär, aber nicht der erfolgreichere Entrepreneur ist. Nicht "Nicolausi oder Osterhasi" lautet die Frage, sondern wie bleibe ich in einem Markt am Ball, von dem man nicht einmal die allernächste Zukunft klar erkennen kann, den Kenner mit der Behauptung charakterisieren, daß in den nächsten fünf Jahren 5 Marketing- und 10 Technik-Paradigmenwechsel uns verunsichern werden. Und in diesem alten Spiel hat auch diesmal, wie es scheint, in Sachen Erfolg der "alte" Fuchs Bill die Nase vorn und Nico vielleicht die Lacher (und eitlen Neider) auf seiner Seite, meint für diesmal wieder Ihr
Michael Nobbe



1/2012
8/2011
7/2011


Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 