Die Stichwörter des Verkehrs im 21. Jahrhundert lauten Telematik und computergesteuerte Autos. Die Entwicklung in diesen Bereich ist fortgeschrittener, als viele Autofahrer ahnen. Zwar ist in den breiten Massenautos bis jetzt maximal ein "Bordcomputer" vorhanden, der die üblichen Steuerungsfunktionen für Klimaanlage, Autoradio, Fahrdaten und, so vorhanden, Navigationssystem zentral bündelt und anzeigt, doch ist die Informationstechnologie mittlerweile weitaus leistungsfähiger.
Die Ursprünge von IT im Auto gehen allesamt auf Initiativen der großen Hersteller und weniger der Politik mit ihren Telematikprojekten zurück. Der größte Autohersteller der Welt, General Motors (GM), ist mit dem System "OnStar" bereits 1995 auf den Markt gekommen. Aber erst seit heuer ist es Standardausstattung für GM-Autos, die in Nordamerika verkauft werden. Das System arbeitet auf der Basis von Mobilfunk- und GPS-Daten und sorgt für eine Schnittstelle zwischen dem Autofahrer und einem GM-Dienstleistungszentrum zur Notfallhilfe, zur Fahrzeugdiagnose und zur Orientierung. Vor allem soll es ein "Sicherheitstool" sein bzw. wird von GM als solches beworben.
Auch die europäischen Hersteller sind hier aber nicht faul gewesen. Vor allem BMW hat Standards gesetzt. Seit der Einführung des Anfangs belächelten iDrive-Systems als Multifunktionstool mit nur einem Bedienrad im Jahr 2001 im damals neuen 7er ist genug Zeit vergangen, dass sich BMW-Fahrer an diese Lösung gewöhnt haben und dass diese nun auch in den anderen Modellserien zum Einsatz kommt. Das iDrive bedient heute Navigations-, Telekommunikations-, Audio- und Fahrwerkseinstellungen. Bei gleichzeitiger Erhöhung der Funktionsvielfalt soll dabei auch die Fahrzeugbedienung erleichtert werden. Konkurrenten wie Audi sind mit dem MMI-System (Audio Multimedia Interface) auf Java-Basis nachgezogen, ebenso wie Mercedes mit "Comand" oder Porsche mit PCM.Kommunikation wird ausgebaut
Allen diesen so genannten Head-Units ist es gemein, dass ihre Interaktivität beschränkt ist, aber die Kommunikationsmöglichkeiten ständig ausgebaut werden. BMW setzt in letzter Zeit verstärkt auf Zusatzfeatures, die über das Ziel eine einfachen, komfortablen Bedienung von Sicherheits-, Klima- und Kontrollfeatures und dem Audiosystem hinaus gehen. Der neueste Streich sind etwa "BMW Assist" und "BMW Online", Lösungen, mit denen BMW-Fahrer sowohl Kontakt mit einer Zentrale halten und standortbasierte Dienste nützen können, als auch Kommunikationslösungen wie E-Mail im Auto vorfinden."BMW Assist" ist ein "Reiseassistent", der Notruf und Pannenhilfe mit automatischer Ortung bietet, daneben einen Auskunftsdienst mit Adressen und Zielführungsübermittlung für Hotels, Restaurants und eine Unzahl an "Points of Interests" wie etwa Geldautomaten oder Tankstellen. Das BMW Call Center vermittelt auf Knopfdruck zu Telefonnummern aus dem Telefon- und Branchenbuch. Der Service ist bis jetzt in Österreich, Deutschland und Italien verfügbar, weitere Länder sollen folgen. Der Dienst "BMW Online" vernetzt den Fahrer wiederum mit dem BMW-Internetportal, das neben Mobilitätsinfos für die ganze gefahrene Strecke oder Hotelreservierung auch ein "mobiles Office" mit E-Mail-Account anbietet.
Mit diesen Lösungen streben vor allem die Premiumhersteller mit Riesenschritten in Richtung echter Telematikdienste. Und hier rennen sie in Österreich offene Türen ein. So hat sich als Firma des Infrastrukturministeriums die "Austria Tech" formiert, die die Ziele des österreichischen "Telematikrahmenplans" vorantreiben soll. An Projektpartnern und IT-Telematiklieferanten mangelt es dabei nicht: Neben den großen Telematikanbietern wie Kapsch, Siemens und Efkon sind eine Reihe kleinerer Firmen und Forschungseinrichtungen mit an Bord, darunter etwa Mondocom, Igisa Software, ArtiBrain, Gesig, Veraut, Aplica, Advanced Computer Vision, EBE Elektrotechnik, Prisma Solutions, GeoVille, mgTron Traffic Sensors, die beiden Mobilfunknetzbetreiber Mobilkom und T-Mobile sowie Forschungsgesellschaften wie Joanneum Research, ARC Seibersdorf und Arsenal Research und letzten Endes die Asfinag. Auch Firmen wie Telematica, SensorDynamics, Becom oder Kathrein arbeiten in diesem Bereich mit. Auf internationaler Ebene engagieren sich unter anderem Intel und Sanyo bei IT im Auto.
Wohin die Reise geht, ist noch nicht ganz ausdefiniert und hängt auch von der politischen Willensbildung ab, wie Reinhard Pfliegl, Chef der Austria Tech, betont. Zum einen würde die Einführung einer kilometerabhängigen Straßenmaut die Telematik-Weiterentwicklung zweifellos beflügeln, andererseits muss man auch damit rechnen, ohne diese "Treiber" auszukommen,Walter Hecke, ehemaliger Asfinag-Vorstand und nun Geschäftsführer bei Kapsch Telematik, hat jedenfalls schon Vorarbeit geleistet: Seine Firma bietet ein kleines Gerät ("Tag"), das jedem Auto einen Sender für Telematikdienste geben könnte. Neben den eher ungeliebten Effekten wie einer automatischen Mautabbuchung könnte das "Tag" auch mit Bezahlfunktion ausgestattet werden, etwa an der Tankstelle oder beim McDonald's-Drive-In, meint Hecke. In weiterer Folge könnte eine solche Vorrichtung mit Telematikzentren - wie sie etwa die Asfinag errichtet - verlinkt und ein Passivzugriff aufs Auto gestattet werden. Die Big Brother-Vision dazu ist, dass etwa die Zentrale steuernd aufs Auto eingreift, falls man einmal das Gaspedal unangemessen stark durchdrückt oder versehentlich als Geisterfahrer unterwegs ist.
Neue Möglichkeiten mit Mobilfunk und GPS
Doch die Entwicklung geht weiter. Die Möglichkeiten von Mobilfunk in Kombination mit GPS-Daten sind unerschöpflich. Das US-Start-Up Inilex hat gerade erst ein neues System vorgestellt, mit der sich Autos sogar über das Internet steuern lassen. Über GPS- und Drahtlosfunk-Technologien können beispielsweise der Motor und das Licht des angeschlossenen Autos ein- und ausgeschaltet sowie die Türen entsperrt oder verriegelt werden. Die GPS-Unterstützung garantiert darüber hinaus, dass der jeweilige Aufenthaltsort des Autos mit einem Mausklick abgerufen werden kann. Das System soll aber nicht nur Autodieben das Handwerk legen, sondern kann auch eingesetzt werden, um den Aufenthalt von Familienmitgliedern nachzuverfolgen. Kinder, die das Auto von ihren Eltern ausborgen, können so bequem von zuhause aus "überwacht" werden. Verlässt das Auto einen bestimmten vorgegebenen Ortsteil, werden die Autobesitzer per E-Mail oder Telefonanruf verständigt. Auch Geschwindigkeitsüberschreitungen oder Veränderungen im Reifendruck können vom System gemeldet werden. Überschreitet das Auto eine voreingestellte Geschwindigkeit, werden genauer Standort und Zeitpunkt aufgezeichnet.Noch wesentlich sinnvollere Anwendungen finden Informationstechnologien im Auto in der Flottensteuerung. Das beginnt bei intelligenten Lösungen für Mietwagenfirmen und geht bis zu Telematik-Ausstattungen für große Flotten und Frächter. Wer in den USA ein Auto bei einem großen Verleiher ausborgt, wird feststellen, dass diese mit einem Barcode identifiziert werden können. Das ist das simple Prinzip. Die komplexeren Anwendungen bestehen in Kombinationen von GPS-Ortung, Telematik und elektronischem Fahrtenbuch. Und das alles verknüpft mit sofortiger elektronischer Verarbeitung von Fahrten, Standzeiten, Inkasso und Ausgaben. Einsatzplanung für Fahrzeuge und Außendienst kann auf diesen Daten aufgebaut werden, darüber läuft das Qualitätsmanagement. Unnötige Fahrten und vor allem Stillstände können damit vermieden werden, was Ersparnis bringt. Die Lohndaten für den Fahrer liegen verarbeitungsfähig vor und müssen nicht aus dem Fahrtenschreiber oder Bordbuch ausgewertet werden. Das spart Zusatzkosten und auch eventuelle Überstunden.
Wie die ferne Zukunft der IT im Auto aussieht, darüber kann allerdings jetzt nur spekuliert werden. Auf der einen Seite sind Ortungssysteme in Verknüpfung mit diversen Dienstleistungen oder Verrechnungssysteme sicherlich nützlich sowie zeit- und kostensparend, auf der anderen Seite wollen auch die Datenschützer ein Wörtchen mitreden. Denn das durch die mobile Anbindung mögliche Tracking hilft nicht nur bei Autodienstahl, sondern kann auch missbraucht werden, für illegale Überwachungen oder gar für Stalking. Dazu sind auch häufige Fehlalarme ein Problem, wie beim GM-System Onstar erkannt wurde. Und auch die Speicherung der Mobilitätsdaten wirft letzten Endes Probleme auf.








1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 