Wenn man verzweifelt nach einer Veranschaulichung für das Phänomen Web 2.0 sucht, dann wird man beim virtuellen Multiplayer-Game Second Life fündig. Diese Computer-Parallelwelt beschreibt am deutlichsten, was in in der Zukunft des Internet alles möglich sein kann.
Das Prinzip ist denkbar einfach: Die kalifornische Firma Linden Labs stellt Serverplatz zur Verfügung und lädt alle Menschen ein, in einer künstlichen 3D-Welt als Avatar spazieren zu gehen. Das Game hat kein definiertes Ziel: Es entsteht dort eben das, was entsteht, wenn Menschen in einer Gemeinschaft zusammen sind: Häuser, Büros, Geschäfte, Strassen, Autos, Banken, Diskotheken, Rotlichtbezirke, Weiterbildungseinrichtungen, Schauräume von Firmen, Redaktionen, Meeting-Points, Konferenzen, Kirchen usw.
Das wichtigste aber ist, dass sich in Second Life auch eine Bank befindet. Denn die virtuelle Welt verfügt über eine eigene Währung, den so genannten Linden Dollar, mit dem virtueller Handel getrieben wird: Zu haben sind Grundstücke, Kleidung, Dienstleistungen, Fahrzeuge, Gegenstände aller Art, die man selbst in 3D-Programmen entwerfen und weiterverkaufen kann. Das Schöne dabei: Die so erworbenen Linden-Dollars kann man an der Second Live-Börse im Web in echte Dollars umtauschen. Ein paar tausend Menschen verdienen damit bereits namhafte Summen.
Jedenfalls ist die wirkliche Welt ganz Feuer und Flamme für Second Life: Die letzte größere Ansiedelung betraf Mercedes Benz: Der Autohersteller eröffnete einen Schauraum im Web. Auch immer mehr Österreicher gehen in den virtuellen Raum: Beko zum Beispiel, die Agentur Trimedia oder das Wifi Salzburg. Zuletzt wollten die EU und die Schwedische Botschaft nach Second Life, der französische Präsidentschaftswahlkampf lief auf vollen Touren dort ab.
Hype oder Flop? Die zukünftige Rolle von Second Life ist schwer vorherzusagen. Aber dass das Konzept folgenlos bleibt für die Web 2.0-Internet-Generation, ist mit Sicherheit auszuschließen. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich die Idee zu einer Größe aufschwingt, die man aus heutiger Sicht noch gar nicht richtig abschätzen kann und die Dinge verändert, die wir heute unter persönlicher und geschäftlicher Interaktion verstehen.



1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 