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Wirtschaft

Wenn die Heuschrecken zuschlagen

Beteiligungsgesellschaften in der IT-Branche

Das Geschäftsmodell der so genannten Finanz-Heuschrecken hat in der gesamten "altmodischen" Wirtschaft in den letzten Jahren für viel Aufruhr gesorgt.

Durch ihr Vorgehen, der Beteiligung an finanzschwachen oder verschuldeten Firmen und das darauf folgende Ausweiden verwertbarer Bestandteile, sind diese Finanzspezialisten zu ihrer unsympathischen Bezeichnung gekommen: Die Finanzfirmen, so der Vergleich, würden über wehrlose Opfer herfallen wie ein Heuschreckenschwarm, sie einkreisen, befallen, kahlfressen und anschließend weiter ziehen.

Gegen diese Stigmatisierung wehren sich die "Heuschrecken" naturgemäß. Sie seien keineswegs brutale Gewinnmaximierer, die ohne Moral und Anstand über Unternehmen herfallen und nichts als Arbeitslosigkeit und kaputte Firmenmäntel mit übergehängten Schulden zurücklassen würden. Vielmehr verfolge das Konzept der Hedge-Fonds, Venture-Kapitalisten oder Private Equity-Banker mehrheitlich, übernommenen Firmen eine Chance für einen Neuanfang zu geben, indem ihnen Kapital zugeschossen wird und eine Restrukturierung stattfinden kann.

Die Wahrheit liegt in der Mitte

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte. Mit dem Konzept des so genannten "Leveraged Buyout" (LBO) ist ein Heuschreckenbefall, ob freundlich oder feindlich, immer eine hochriskante Angelegenheit. Das Kapital für ein LBO wird stets unter hohen Zinsen am Finanzmarkt aufgenommen und steuerschonend als Schulden in das übernommene Unternehmen transferiert. Dessen Sanierung entscheidet dann über die Rückzahlung: Reicht der erzielbare Cashflow aus, dann kann das Unternehmen gesunden und wird dann an die Börse gebracht oder weiter verkauft, was hohe Renditen bringt. Geht eine Restrukturierung schief, dann wird das mit Schulden überhäufte Unternehmen seinem Schicksal überlassen, sprich: in den Konkurs geschickt. Das Nachsehen haben die Geldgeber, nicht die Heuschrecken, die höchstens um ihre Renditen und Management Fees umfallen.

In den letzten Jahren haben sich für die Heuschrecken-Finanz vornehmlich, aber keineswegs ausschließlich Firmen aus dem IT-Bereich angeboten, die durch die New Economy-Blase und danach durch die Globalisierung am Elektronikmarkt in Bedrängnis gekommen sind. Und auch viele jener, die auf neue Trend aufspringen und von denen es nur wenige schaffen. Von den mehr als 3000 internationalen Risikokapitalfirmen haben sich immerhin rund 380 auf die Softwarebranche spezialisiert. Doch nicht nur Restrukturierungen, sondern auch Gewinn versprechende neue Unternehmen sind auf dem Kaufzettel. So betragen die Venture-Investitionen in IT-Firmen, die sich mit Sicherheitslösungen beschäftigen, rund 20 Prozent, gefolgt von den Bereichen Mobility-Lösungen und Content-Management.

Oftmals wird von in Bedrängnis geratenen Firmen eine Heuschrecke geradezu herbei gesehnt, wie etwa im tragischen Fall des Handyherstellers BenQ Mobile. Doch hier haben die meisten Hedge-Funds eine Abwehrhaltung gezeigt, die für die Branche unüblich ist. Interessiert sich nicht einmal mehr eine Heuschrecke für ein marodes Unternehmen, ist wirklich Feuer am Dach. Man wird sehen, wie weit das mysteriöse deutsch-amerikanische Investorenkonsortium kommt, das sich als einziges noch für BenQ Mobile interessiert.

Heuschrecken in Österreich?

Heuschrecken in der österreichischen IT-Branche sind eher selten, aber sie kommen indirekt vor. Einige Beispiele: So ist etwa die Alcatel-Ausgliederung Nextira One im Besitz des US-Finanzinvestors Platinum Equity und der Finanzierungsgesellschaft ANB Amro Capital Finance, beide in der Branche als "gute Heuschrecken" tituliert. Bei Nextira One ging es ganz klar um Restrukturierung, die aus heutiger Sicht auch ganz gut gelungen sein dürfte: Das Unternehmen ist auf einem recht guten Weg.

Ein anderes Beispiel ist das Philips-Buyout NXP Semiconductors, der Philips-Chipsparte. Unter anderem betreibt NXP eine Entwicklungsstätte für kontaktlose RFID (Radio Frequency Identification) im steirischen Gratkorn. Die Forschungszentren Wien und Gratkorn beschäftigen 620 Mitarbeiter. Philips hat den Bereich im vergangenen Jahr an eine Gruppe von Finanzinvestoren abgegeben (KKR, Bain Capital, Silver Lake Partners, Apax und Alpinvest). Nun muss die 53 Jahre alte Chipsparte sich als NXP einen eigenen Namen machen. Lediglich der kleingedruckte Zusatz "founded by Philips" soll noch auf die Herkunft deuten. NXP steht übrigens im dynamischen Firmennamen-Neudeutsch für "Next Experience". Welche Erfahrung man damit macht, muss sich erst weisen. Denn bei NXP greifen sicherlich die Methoden und Mechanismen der klassischen Heuschrecken-Taktik, wobei durch die Substanz des Unternehmens aber nicht unbedingt ein böses Erwachen für die weltweit 6700 Mitarbeiter und 600 Wissenschaftler stehen muss.

Apropos: Der Kunstname "BenQ", mittlerweile zumindest im Mobilfunkbereich als Synonym für spektakuläres Scheitern und ein mahnendes Beispiel dafür, was alles an Schlechtem passieren kann, wenn sich ein deutsches Traditionsunternehmen wie Siemens mit "taiwanesischen Heuschrecken" einlässt, bedeutet sinniger Weise: "Bringing Enjoyment and Quality (to Life)". Die 3000 Mitarbeiter der deutschen BenQ Mobile haben sicherlich schon mehr gelacht.

Ein weiteres Beispiel für ein Heuschreckenexperiment, von dem auch Österreich tangiert ist, ist mit Einschränkungen auch Atos Origin. Das Unternehmen, das aus der Fusion des französischen IT-Dienstleisters Atos mit der Philips-Tochter Origin entstanden ist, stand zuletzt im Visier der US-Heuschrecke Blackstone. Unter derartigen Spekulationen wurde die Aktie des IT-Dienstleisters Ende vergangenen Jahres zeitweise um bis zu 20 Prozent in die Höhe getrieben. CEO Bernard Bourigeaud betonte zuletzt, sein Unternehmen "steht interessanten Übernahmeangeboten offen gegenüber" und befinde sich auch "regelmäßig in Kontakt mit Investmentgesellschaften".

Im Reigen des Private Equity-Kapitals waren international neben Konzernablegern wie z.B. Wincor Nixdorf (Ex-Siemens) in Österreich zuletzt auch Firmen wie Schrack Energietechnik oder Herold Business Data. Historische New Economy-Deals betrafen u.a. heute nicht mehr existierende Firmen wie EMTS, dem Handyreparaturkonzern, aber auch den Mautspezialisten Efkon oder betandwin.com (heute bwin). Der viel versprechende heimische Internet-Telefoniespezialist Jajah wiederum hat in Kalifornien Investoren gefunden.

Unterschiedliche Ergebnisse

In Summe sind Heuschrecken-Engagements höchst unterschiedlich zu bewerten. In der Aufräumphase nach der New Economy-Blase haben sie teilweise durchwegs gute Dienste geleistet, wenn ein Engagement aber einmal schief ging, dann mit Bomben und Granaten. Das Hauptproblem der Hedge- und Venture-Fonds-Geschäftspolitik orten Experten in der Intransparenz der Vorgänge und der Strategie. Nicht selten gehen einer Übernahme massive - aber immer noch legale - Aktienbeeinflussungen voraus, etwa die Spekulation auf niedrigere Kurse durch Leerverkäufe. Im Einklang mit Übernahme-Announcements, Sanierungs-Statements oder der Bekanntgabe allzu kurzfristiger Geschäftsziele können Heuschrecken den Wert börsenotierter Firmen durchaus in ihrem Sinne beeinflussen. Große Unternehmensberatungsfirmen stehen ihnen dabei meist zur Seite.

Das muss nicht immer schlecht für die Zielfirmen sein, was auch damit zu tun hat, dass die Heuschrecken gesitteter geworden sind. Die rabiaten Frühzeiten der Private Equity-Branche in den 1980ern, wie sie in Filmen wie "Wall Street" mit Michael Douglas gezeichnet und in dem Streifen "American Psycho" überzeichnet wurden, sind anscheinend vorbei. Das Geschäftsgebaren ist sanfter geworden, eine gewisse Verantwortung hat sich eingestellt, was auch damit zu tun hat, dass die Strafen für Finanzmanipulationen gerade in den USA weitaus strenger geworden sind, aber auch konservative Geldgeber wie Pensionsfonds begonnen haben, in Hedge Funds zu investieren und dabei an Stabilität interessiert sind.

Zuletzt haben Heuschrecken-Fonds vermehrt in IT-fremden Branchen von sich hören gemacht. Ein eher unliebsamer Fall war die Übernahme des deutschen Armaturenherstellers Grohe durch Finanzinvestoren, die zu Werksschließungen und einem Mitarbeiter-Exodus führte. Ein anderer, beachtlicher Fall ist der Verkauf der ehemaligen Gewerkschaftsbank Bawag an ein Konsortium unter Führung des US-Hedge Fonds Cerberus, dessen Name allein ein gewisses Maß an Aggression ausstrahlt. Man wird erst später beurteilen können, was dieser Akt der Verzweiflung der Bawag wirklich gebracht hat und was Heuschrecken letzten Endes Wert sind.

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MONITOR-Autoren
Christian Henner-Fehr

Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. ..mehr..

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