Glaubt man den Marketingaussagen, müsste allein der Besitz der neuesten Technologie zum geschäftlichen Erfolg führen. Für Entscheider und Investoren ein schwieriges Terrain: Welche Rolle spielt Technologie für die erfolgreiche Einführung und den Betrieb eines ERP-Systems?
Gegensätze am Markt
Beobachtet man den ERP-Markt in Österreich kann man die Anbieter ganz grob in zwei Gruppen einteilen: Die einen sind häufig schon deutlich über einem Jahrzehnt am Markt. Sie verfügen über einen wahren Supermarkt an Funktionalitäten und zahlreiche Referenzen. Größere Anbieter aus dieser Gruppe bedienen zahlreiche Branchen, kleinere Anbieter sind in der Regel auf wenige Branchen ausgerichtet. Das einzige Problem dieser Systeme: sie sind technologisch "veraltet" oder - um es dezenter auszudrücken - verwenden seit Jahren etablierte Technologien. Der große Funktionsumfang wirkt wie ein Ballast, der den schnellen Technologiesprung in die moderne Welt nur in Dosen und vielen Schritten möglich macht. Der wohl bekannteste Vertreter dieser Gruppe ist SAP.
Dem gegenüber steht eine zunehmend wachsende Gruppe von Systemen, die erst innerhalb der letzten zehn Jahre konzipiert und entwickelt wurden. Diese Systeme verfügen über sehr flexible Architekturen, technologische "Features" auf dem neusten Stand und - in aller Regel - über sehr ergonomische Benutzeroberflächen. Der einzige Mangel hier: es fehlt an allen Ecken und Enden an Funktionalität, insbesondere eher trickreiche Hintergrundfunktionen und Integrationsaspekte fehlen. Ein typischer und seit kurzem auch notorischer Vertreter dieser Gruppe ist Semiramis. Die Pole am Markt sind damit definiert, die den Entscheider letztlich stets zu Kompromissen zwingt.
Es wird wieder in Entwicklung investiert
Interessant ist, dass insbesondere die etablierten funktionsorientierten Anbieter seit einiger Zeit zur Aufholjagd im Technologiebereich angesetzt haben. Trendsetter ist hier unter anderem SAP, das nach langen Jahren der Zurückhaltung im Technologiebereich nun wieder konsequent investiert. Schlagwort ist hier die neue EAI-Basis Netweaver. Einzig - anders als bei vielen anderen Anbieter - ist bei SAP Technologie nie ganz Selbstzweck, sondern wird konsequent mit Businessnutzen verknüpft. Wie hier langfristig der Erfolg sein wird, kann SAP wegen seiner großen Kundenbasis sicher aufzeigen.
Zweiter Trendsetter ist Microsoft, das einerseits als Anbieter von Basistechnologien wie auch als ERP-Anbieter selbst auftritt. Von der breiten Entwicklungsinitiative rund um .NET, Share-Point-Server oder Microsoft Snap profitieren nicht nur die ERP-Systeme aus dem Hause Microsoft, sondern auch andere, insbesondere kleinere Anbieter. Diese können mit vergleichsweise wenig Ballast konsequent auf neue Technologien setzen. Ein brandaktuelles Beispiel aus der Schweiz sind die in der Presse viel zu wenig beachteten Textilhandels-Experten von Medeas. Der Horgener Anbieter hat seine mit mehreren hundert Installationen fest etablierte Lösung in den letzten Jahren konsequent auf .NET umgebaut. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und kann selbst dem einen oder anderen Mitbewerber noch gute Anregungen geben. Aber nicht nur Medeas, zahlreiche Anbieter haben sich nach langen Jahren der Kosmetik dazu aufgemacht, ihre teilweise etwas verstaubten Systeme auf Vordermann zu bringen und von Grund auf zu renovieren.
Programmieren statt Denken
Systeme, die auf modernen Technologien aufbauen, sind flexibler wie die häufig despektierlich als Elefanten oder Tankschiffe titulierten etablierten Anbieter. Flexibilität ist dabei eine Größe, die für viele Anwendungsunternehmen zu einer kritischen Größe geworden ist: Ist das eingesetzte ERP-System flexibel genug, um eine neue Unternehmensstrategie der Geschäftsführung auf der Prozessebene umzusetzen und zu stützen?
Solche und ähnliche Fragen sind in vielen Unternehmen an der Tagesordnung und dominieren das häufig nicht ganz ungetrübte Verhältnis zwischen IT-Verantwortlichem und Unternehmensleitung. Dennoch: Flexibilität kann auch schaden. Eine der meist verbreitesten Unsitten ist die "Programmieren statt Denken"-Mentalität einiger Anbieter. Wenn das eigene System so flexibel ist, dass man es ja in jedem Fall schnell und einfach programmieren kann, muss man sich ja nicht die Mühe machen und eine gute konzeptionelle Lösung erarbeiten. Flexibilität steht auch in einem direkten Konflikt mit Integration - quasi dem zweiten Wunsch vieler Anwenderunternehmen. Doch Integration bedeutet, dass das System ein Rückgrat benötigt, dass zwar beweglich, aber nicht bis zur Unkenntlichkeit flexibel sein sollte.
Rückschlüsse für Entscheider
Wie nun ist der Aspekt "innovative Technologie" bei einem ERP-System zu bewerten? Grundsätzlich muss man festhalten, dass technologische Innovation keine dominierende Größe für den ERP-Erfolg ist. Die ERP-Zufriedenheitsstudie zeigt immer wieder, dass Systeme mit Technologien aus den 80er Jahren noch immer treu ihren Dienst verrichten. Die Anwender sind zufrieden und freuen sich über die häufig günstigen Betriebskosten. Natürlich ist auch das Gegenteil der Fall: veraltete Technologien zementieren Prozesse.
Damit wird klar: bei ERP dreht sich letztendlich fast alles um Prozesse und Funktionen. Diese müssen im Vordergrund stehen. Moderne und innovative Technologien sind nicht Ziel, sondern Mittel beziehungsweise "Enabler". Damit wird auch klar, wie man Technologien beurteilen muss: Stets in ihrer Relation zu den Prozessen. Ist ein Anbieter nicht in der Lage, den Nutzen einer Technologie in klarem Bezug zu konkreten Funktionen und Prozessen zu erläutern, sondern wartet nur mit Allgemeinplätzen, etwa den Total-Costs-of-Ownership auf, kann man die jeweilige Technologie schlicht vergessen.



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Dr. Manfred Wöhrl ist Geschäftsführer der R.I.C.S. EDV-GmbH (Research Institute for Computer Science, www.rics.at), spezialisiert auf Securitychecks und Security-Consulting. 