Beim Information Lifecycle Management überwiegen in Österreich derzeit noch produktorientierte Ansätze. Nur eine Minderheit fasst ILM als einen gesamtheitlichen, von der Speicherinfrastruktur unabhängigen Prozess auf. Dennoch zeichnet sich ab, dass aufgrund wirtschaftlicher und regulatorischer Anforderungen ILM langfristig einen festen Platz auf der IT- und Storage-Agenda der Anwenderunternehmen einnehmen wird.
So beschäftigen sich bereits heute fast 76 Prozent der im Rahmen einer aktuellen Experton Group Untersuchung befragten Unternehmen mit dem Information Lifecycle Management. Etwa jedes vierte Unternehmen hat nach eigenen Aussagen ILM bereits punktuell umgesetzt; eine komplette, unternehmensweite Umsetzung hat mit nur sieben Prozent der Befragten allerdings eher Seltenheitswert. Nur eine Minderheit von 23 Prozent indessen verweigert sich bis auf weiteres dem Information Lifecycle Management-Ansatz. So rudimentär die ILM-Ansätze in der Praxis auch ausfallen: ILM wird in Zukunft nicht mehr wegzudenken sein.
Große Unternehmen haben die Nase vorn
Generell sind große Unternehmen in Sachen ILM deutlich weiter fortgeschritten als der klassische Mittelstand mit unter 500 Mitarbeitern, wo die Anforderungen in der Regel weniger komplex ausfallen. Im Branchenvergleich erwartet die Experton Group in den kommenden 24 Monaten besondere ILM-Dynamik aus den Branchen Telekommunikationsdienstleistungen und Energieversorger, aus dem Finanz- und Versicherungssektor sowie vom Gesundheitswesen.
Themen, die sich mit ILM-Konzepten effizient adressieren lassen, sind beispielsweise Business Continuity und Disaster Recovery beziehungsweise die Datensicherheit, die Bewältigung des Datenwachstums, die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und Langzeitarchivierung sowie generell die Kostenkontrolle im Bereich der Speicherinfrastrukturen. So gehen die Anwenderunternehmen derzeit einzelne "Pain Points" an und greifen dabei auf ILM-Elemente zurück. Die wichtigsten Anwendungen für das ILM sind dabei E-Mail, ERP und CRM beziehungsweise entsprechende Archivierungslösungen, wie die vorliegende Analyse zeigt.
Nach Einschätzung der Experton Group hat rund die Hälfte der österreichischen Unternehmen auf der technologischen Seite bereits einen Teil der Grundlagen für ILM geschaffen. Die Server- und Speicher-Konsolidierung genießen bei den im Rahmen dieser Untersuchung Befragten bis Ende 2006 eine mittlere bis hohe Priorität, ebenso die Konsolidierung bei der Backup- und Recovery-Architektur (Software). Auch Storage-Netzwerke wie SAN und NAS sind vielfach umgesetzt oder geplant. Bereits 51 Prozent der Befragten haben bis Ende 2005 SANs realisiert; weitere vier Prozent wollen in Zukunft SANs einsetzen. Immerhin 19 Prozent nutzen NAS. Rund vier Prozent wollen in Zukunft erste NAS-Implementierungen angehen. Ein zentrales Storage Resource Management (SRM) hatten Ende 2005 allerdings erst 23 Prozent der Befragten im Einsatz. Künftig beabsichtigen jedoch rund 36 Prozent der Anwenderunternehmen, ein SRM zu realisieren.
Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen wichtiger Treiber
Die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen und Regularien erweist sich als ein wichtiger Treiber für ILM. Dabei geht es vor allem um die Langzeitarchivierung von Daten. Die Sensibilität für dieses Thema ist bei den Befragten recht hoch, der Kenntnisstand über konkrete Regelungen im Detail stellt sich bei den befragten IT-Funktionen aber als lückenhaft dar. Außerdem sind nur 30 Prozent der Befragungsteilnehmer in der Lage, auf gerichtliches Verlangen ohne größeren Aufwand eine volle Korrespondenz aus einem Geschäftsvorgang, beispielsweise die E-Mail-Kommunikation, vorlegen zu können. Der Mangel an geeigneten Such- und Retrieval-Mechanismen ist nicht nur unter Effizienzaspekten negativ, sondern kann auch zum Verstoß gegen Regelungen wie etwa SOX und damit zu empfindlichen Geldstrafen führen.
Dennoch bietet der Markt heute auf technologischer Seite grundsätzlich die erforderlichen Werkzeuge und Produkte, um ILM punktuell umzusetzen. Die organisatorische Seite der ILM-Umsetzung indessen steckt bei Anwenderunternehmen in Österreich noch in den Kinderschuhen. Hier geht es vor allem um die Schaffung und Standardisierung von Prozessen. Die Untersuchung der Experton Group zeigt, dass es besonders um das Change Management für die ILM-Prozesse und -Policies schlecht bestellt ist, und die Datenklassifizierung als Kern des Information Lifecycle Managements wird offenbar nur bedingt vorgenommen. Außerdem hat die ILM-Strategie kaum zu Änderungen in den Unternehmensstrukturen und Prozessen geführt. Weitere Mängel offenbaren sich außerdem bei der klaren Festlegung von Zuständigkeiten für den Katastrophenfall ("K-Fall"), bei der Ermittlung relevanter Storage-Kennzahlen und bei der Aufstellung von verrechnungsbezogenen Service Level Agreements (SLAs).
Storage-Vorhaben als Anreger
Trotz gewisser Berührungspunkte von ILM mit dem Enterprise Content Management (ECM) wird das Gros der ILM-Initiativen ausgehend von Storage-Vorhaben vorangetrieben. Die Storage-Produkt-Anbieter erweitern derzeit ihr Portfolio und legen zunehmendes Augenmerk auf Storage Management Software. Diese hilft, ILM-Konzepte umzusetzen, und sie verspricht einen Ausgleich für das teilweise unter Preisverfall leidende Hardware-Segment. Manche Speicher-Anbieter haben entsprechende Lücken im Portfolio durch Partnerschaften oder durch Fusionen und Akquisitionen komplettiert, und dieser Trend wird nach Ansicht der Experton Group bis mindestens 2007 anhalten.
Nach Meinung der Experton Group wird mittelfristig immer mehr "Intelligenz" im Sinne von ILM-Funktionen in Hardware-Komponenten wie Switches und Arrays wandern. Und die Vision der Anbieter reicht noch weiter. Vor allem die größeren Speicher- und Systemhersteller haben Ansätze des Grid Computing auf ihre Road Map gesetzt. Das Grid-Konzept ist unter anderem eine Grundlage für die On-Demand-Konzepte der Zukunft. In der Vergangenheit litten die Storage on Demand zugrunde liegenden Service-Modelle und Technologien noch unter mangelnder Reife und Akzeptanz. Im Zusammenhang mit selektivem Outtasking und verschärften gesetzlichen Vorschriften wird Storage on Demand nach Meinung der Experton Group jedoch zwischen 2006 und 2008 eine Art Renaissance erleben. Dies bestätigen auch die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung. Gemessen am prozentualen Zuwachs des Einsatzgrades ("bereits heute" vs. "erst künftig") führen "On-demand"-Dienste für Storage und ILM das Ranking an (14% vs. 16%), gefolgt von selektivem Outsourcing und Managed Services (17% vs. 13%) und ILM-Strategie- und Prozessberatung (27% vs. 16%).
Der Markt für Storage-Lösungen und -Dienstleistungen in Österreich wird 2006 im Jahresvergleich um knapp 11 Prozent wachsen. Vom Marktvolumen in Höhe von 530 Millionen Euro entfallen fast 300 Millionen Euro auf Storage-Hardware und -Software sowie etwa 230 Millionen Euro auf Storage-Dienstleistungen. Der Markt weist zwischen 2005 und 2008 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 11,0 Prozent auf, wobei sich vor allem Storage-Software und Dienstleistungen als Wachstumstreiber erweisen. Nach Einschätzungen der Experton Group dürfen bereits heute rund fünf bis zehn Prozent der Storage-Umsätze am österreichischen Markt als "ILM-relevant" gelten - Tendenz zunehmend.
Empfehlungen für ein erfolgreiches ILM
Die Experton Group spricht Anwenderunternehmen folgende Empfehlungen für die Vorgehensweise mit Blick auf ILM aus:
- 1. Kategorisierung der Datentypen im Unternehmen (z.B. E-Mail, transaktionsorientierte Daten, unstrukturierte Inhalte).
- 2. Verknüpfung von Datentypen mit Geschäftsregeln (Verfügbarkeit, Performance, Sicherheitsaspekte).
- 3. Definition von Service Levels. Die SLAs müssen pro definiertem Datentyp die geschäftlichen Anforderungen berücksichtigen.
- 4. Aufbau und-/oder Sourcing entsprechender Information Services durch die Auswahl einer möglichst flexiblen Storage-Infrastruktur (Hardware, Software, Dienstleistungen).
- 5. Lösungsauswahl nach Hersteller und Portfolio zum Aufbau eines integrierten, heterogenen "Solution Stack".
Wolfram Funk ist Senior Advisor bei Experton Group AG, www.experton-group.de




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Lothar Lochmaier studierte nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann Sozial-und Wirtschaftsgeschichte sowie Politikwissenschaft in München, Madrid und Berlin. Heute arbeitet er als freiberuflicher Fach- und Wirtschaftsjournalist für diverse Print- und Online-Medien. Seine Schwerpunkte sind die Bereiche Informationstechnologie, Energiefragen und Managementthemen. 