Das Orakel von Delphi war die wichtigste Kultstätte des antiken Griechenlands und galt als Mittelpunkt der Welt. Dort saß eine Priesterin, die so genannte Phytia, über einer Erdspalte, aus der ethylenhaltiges Gas aufstieg. Solcherart in Trance versetzt, sonderte sie Weissagungen zu jeglichem Thema ab, das von den zahlreich herbeiströmenden Pilgern an sie herangetragen wurde. Sie beeinflusste die Entscheidungen von einfachen Bürgern, Geschäftsleuten, ja sogar Königen. An frequentierten Tagen arbeiteten mehrere Priesterinnen im Schichtdienst.
Die Phytien der IT-Branche von heute haben vor allem zu Jahreswechsel Hochsaison. Statt langer, weißer Gewänder tragen sie Business-Anzüge (oder Business-Dresses) und sitzen in den Büros der großen Marktforschungsunternehmen dieser Welt. Ihre Weissagungen sind oft nicht minder einflussreich als die ihrer antiken Vorbilder, obschon sie - so bleibt zu hoffen - nicht beim Inhalieren psychoaktiver Substanzen zustande kommen.
Verkehrter Markt:

„Es gibt immer eine Chance, schneller zu wachsen als der Markt.“ - Christian Rosner, S&T
Die Macht der Konsumenten:
Auch Gartner Research erwartet einen signifikanten Umbruch in der Branche. "Prioritäten, Märkte, Unternehmenskulturen und Technologien ändern sich rapide", meint Gartner-Vizepräsident Daryl Plummer. IT müsse deshalb vor allem danach trachten, einen quantifizierbaren Mehrwert zu liefern, der dem Business insgesamt hilft, den immer stärker konsumentengetriebenen Anforderungen gerecht zu werden. Generell finde eine "Consumerization" der IT-Industrie statt. "Früher hat der Business-Markt die Entwicklung getrieben, heute ist es der Consumer-Markt", so Gartner-Österreich-Chef Manfred Troger.
Neue Business-Modelle:

„Skalierbare Services im Software- und Infrastruktur- bereich sind ein Wachstumsmarkt.“ - Edmund Haberbusch, Telekom Austria
Dynamischer Softwaremarkt:
Wachstumstreiber werde mit 8% der Softwaremarkt sein. Der Servicemarkt bleibe mit 6% stabil, wobei vor allem Outsourcing mit 7,5% das Wachstum stützen werde. Der Hardwaremarkt werde um einen halben Prozentpunkt stärker wachsen als 2006, 6,5% ist die Prognose. Getragen werde das allgemeine Wachstum vor allem von den "Emerging Markets" wie Brasilien, Russland, Indien oder China.
Umworbener KMU-Markt:
Der überproportional hohe Anteil an KMU in den Wachstumsmärkten wird laut IDC auch zu einer strategischen Fokussierung der Anbieter auf diesen Marktsektor führen. Wichtige Software-Player wie SAP, IBM und Microsoft werde das sogar zu einer Überforcierung ihrer "Software-as-a-service"-Modelle (SaaS) verleiten. Die Telekom Austria hat es nicht zuletzt dank solcher Modelle unter die heimischen Top10-IT-Dienstleister geschafft. Dazu Edmund Haberbusch, Marketingleiter Business Solutions der Telekom Austria: "Skalierbare Services im Software- und Infrastrukturbereich sind ein Wachstumsmarkt. Wir bieten zum Beispiel Hosted Exchange, Kundenbeziehungsmanagement- oder Unternehmenssoftware-Lösungen an. KMU nehmen gerne alles, was standardisiert angeboten wird. Durch das Sharing der Ressourcen können sie sich Lösungen leisten, die früher nur Großbetrieben vorbehalten waren."
SaaS, SOA und "Service-as-a-software":
In jedem Fall werde SaaS letztendlich auch die Verbreitung serviceorientierter Architekturen (SOA) vorantreiben, glaubt IDC. Andererseits würden IT- und BPO-Serviceanbieter unter dem Druck der Offshore-Konkurrenz die Entwicklung von "Service als Software"-Modelle beschleunigen.
Schlacht um den Business-Information-Markt:
Dynamische IT-Plattformen für Business-Intelligence sieht IDC als letzte große Nische, die "noch zu vergeben" ist und sagt für 2007 eine Schlacht um die Marktführerschaft voraus. "Das wird ein heiß umkämpfter Markt, wo bei wir bei den Anbietern der Informationsplattformen einen verstärkten Utility-Ansatz (als dynamisches, outgesourctes Service, Anm.) erleben werden", glaubt Seidler.
Virtuelle Maschinen:
Die Virtualisierung der IT-Infrastruktur werde sich weiter schnell ausbreiten und für Hardware- und Infrastruktursoftware-Anbieter auch neue Chancen eröffnen. Eine davon sei die Entwicklung einfacher, kostengünstiger Software-Appliances oder "AppPods" wie IDC diese Geräte nennt.
Outsourcer unter Druck:

„Neue Killer-Applikationen oder externe Faktoren, die das Wachstum ankurbeln, wird es 2007 nicht geben.“ Joachim Seidler, IDC
Trend zum Teil-Outsourcing:
"Schwimmen oder Untergehen", wird laut Gartner die Devise für Outsourcer sein - vor allem in Hinblick auf den notwendigen Ausbau verstärkt nachgefragter Angebote in Richtung selektives Outsourcing und Multisourcing. S&T-Chef Christian Rosner sieht die Entwicklungen gelassen: "Es gibt immer eine Chance, schneller zu wachsen als der Markt, etwa mit neuen Geschäftsmodellen, speziellen Branchenpaketen oder einem anderen Ressourcen-Mix - auch aus unseren Niederlassungen in Zentral- und Osteuropa. Wir werden uns 2007 die Themen ‚Global Delivery' und ‚Reuse' bewährter Service-Pakete auf die Fahnen heften", so Rosner.
Energie als Flaschenhals:
Probleme sieht Gartner auch auf Rechenzentrumsbetreiber zukommen. Bis 2008 würden 50% nicht die nötigen Power- und Cooling-Kapazitäten erreichen, die durch die immer größere Packungsdichte bei den High-Performance-Systemen notwendig werden. Dagegen erwartet Gartner bei neuen PCs durch zunehmend integrierte Management- und Support-Tools eine Reduktion der Betriebskosten um die Hälfte bis 2010.
Im Netz gefangen:
Gewarnt wird vor Investitionen in "falsche" Netzwerktechnologien. Gartner erwartet, dass Unternehmen bis 2011 auf diese Weise insgesamt 100 Milliarden US-Dollar sinnlos verbrennen werden. "Es mangelt an einheitlichen Standards. Der Einkauf neuer, proprietärer Systeme kann sich schnell als Fehlinvestition erweisen, wenn die Technologie nicht abhebt", ergänzt Troger.
Modulare Plattformen:
Bei Betriebssystemen kommt es laut Garnter zu einem Paradigmenwechsel. "Vista wird die letzte große einheitliche Version von Microsofts Windows", so die Vorhersage. Generell gehe die Zeit monolithischer Betriebssysteme zu Ende. Im Kommen seien modulare Installationen, die inkrementell erweitert und upgedatet werden können - eine Entwicklung die von Gartner im Hinblick auf Flexibilität und Qualität positiv bewertet wird.
Dauerbrenner Sicherheit:
Das Security-Thema werde indes noch drängender werden als es bisher schon ist. Hinter der Verbreitung von Schadprogrammen werden mehr und mehr kriminelle Motivationen wie Betriebsspionage oder Erpressung stehen. Angesichts automatisierter und industrialisierter Malware-Produktion hinken gängige Security-Mechanismen hinterher.
Ob alle Key-Predicions der beiden großen Marktforscher, die hier auszugsweise zusammengefasst sind, zu- oder eintreffen werden, wird schon die nahe Zukunft weisen. Sollte es nicht so sein, wird man die Analysten jedenfalls getrost beim Wort nehmen können. Denn anders als die oft kryptischen Weissagungen der antiken Hellseherinnen von Delphi sind ihre Prognosen recht konkret und lassen wenig Deutungsspielraum zu.




1/2012
8/2011
7/2011


Mag. Dominik Troger gehört seit 1992 zum MONITOR-Team. Er begann als News-Redakteur und betreute viele Jahre die MONITOR Weiterbildungsbeilage "Job Training". Seit dem Jahre 2000 war er als Chef vom Dienst tätig, mit Dezember 2009 übernahm er die Chefredaktion. 