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Strategien

Kostenrechnung

Keine Kaffeesudleserei: IT-Ausfall richtig kalkulieren

Um sich dagegen zu wappnen, benötigen Unternehmen ein systematisch organisiertes Betriebskonzept. Wie aber lassen sich die Kosten möglichst genau berechnen? Experten warnen vor allzu einfachen Methoden, wie abgehobenen mathematischen oder "esoterisch" geprägten Modellen.

Eine führende britische Forschungsuniversität erlitt einen katastrophalen Datenverlust, nachdem in der Informatikfakultät ausgerechnet an einem Wochenende in den Morgenstunden ein Feuer ausgebrochen war, berichtet Kroll Ontrack, Experte für die Datenwiderherstellung, in seinen zehn kuriosesten Fällen des vergangenen Jahres.

Die Folge des Vorfalls bestand darin, dass Qualm und Löschwasser die meisten IT-Gerätschaften beschädigten. Immerhin konnten die Experten dreißig PCs noch retten und Daten mit einem Volumen von mehr als einem Terabyte rekonstruieren. Manchmal haben Unternehmen Glück, so dass die große Katastrophe ausbleibt. Doch sollten Firmenlenker sich nicht darauf verlassen. Denn oftmals sind es nur kleine Nachlässigkeiten, die einen rasanten Schneeballeffekt in der IT auslösen.

Was würde etwa passieren, wenn nicht nur Server, Festnetzanschlüsse oder die E-Mail-Kommunikation ausfielen, sondern auch die IP-Telefonie (VoIP). Mobile Business-Lösungen sowie zahlreiche externe Speichermedien erhöhen die Gefahr, Schädlinge ins Unternehmen einzuschleppen. Passiert das Unerwartete trotzdem und sind IT-Prozesse plötzlich "offline", so liefert eine "Betriebsstörung" nützliche Anregungen für eine gründliche Revision der Prozesslandschaft.

Fest steht, dass ein klar umrissenes Prozedere für den Notfall die Zeit bis zum erfolgreichen "Wiedereintritt" in den Markt verkürzt. Aber: Ungefähr 80 Prozent der Masse eines Eisbergs liegt unterhalb der Wasseroberfläche, weshalb es vielen Unternehmen schwer fällt, die für sie relevanten Risiken konkret einzuschätzen. Mathematische Modelle eignen sich nur bedingt, und haben sich in der Praxis häufig als eine Art "Kaffeesudleserei" erwiesen.

Es macht nämlich schon einen großen Unterschied, ob es sich um den systembedingten Ausfall bei einer Flugreservierung oder einem Online-Broker handelt, oder aber bei einem Unternehmen, das weit weniger kritische Prozesse im Internet betreuen muss. Eine grundlegend falsche Annahme ist es, Sicherheitsmaßnahmen als Maßnahmen für mehr Umsatz zu betrachten. Auch wenn IT-Sicherheit vielfach als "Business Enabler" dargestellt wird, so werden die Maßnahmen doch in erster Linie zur Kostenreduktion ergriffen.

Allzu simple Berechnung als Stolperstein

Häufig erweisen sich deshalb allzu simpel gestrickte Berechnungen des Security-Return-on-Invests (ROI) als Stolperstein. Man kommt nicht umhin anzuerkennen, dass der Blick in die Zukunft immer auf der Basis einer Prognose erfolgt, um den ROI abzuschätzen. Je differenzierter sich die Entscheider im Unternehmen mit den Ausfallszenarien und deren Abhängigkeiten auseinander setzen, sowie mit der Erforschung der Zusammenhänge und Ursachen beschäftigen, umso genauer fällt die Prognose im Laufe der Zeit aus.

Kurzum: Ein einfaches Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadenshöhe ist Kaffeesudleserei. Experten sehen hier erhebliche Handlungsdefizite bei den Unternehmen. Oftmals wird die Bedeutung der IT-Systeme überschätzt, ohne konkrete Berechnungen, einfach auf Basis des Bauchgefühls. Nicht selten führt auch die Eskalation von kleineren Ausfällen oder Unterbrechungen an den Vorstand zu dem allgemeinen Verständnis, dass ein Ausfall nicht akzeptabel ist.

Konkret drückt sich diese ‚falsche' Annahme durch zu kurze Wiederherstellungszeiten (Recovery Time Objective) aus. Jede Verkleinerung der RTO führt jedoch zu einem unproportional hohen Anstieg der Kosten für Ersatzsysteme. Dies wiederum führt zu erheblichen Fehlinvestitionen, die an anderer Stelle fehlen. Der Grat zwischen über- und unterdimensionierter Prävention ist schmal.

Ein zentraler ‚Fehler' ist die Entkopplung von Business und IT: Letztere läuft Gefahr, die Anforderungen in aller Regel vollkommen überhöht abzubilden. Die Folge: Ein sehr aufwändiges und detailreiches Disaster-Recovery-Konzept, das aufgrund seiner hohen Kosten vom Business abgelehnt wird. Oftmals starten die Unternehmen daraufhin einen meist nicht sehr erfolgreichen zweiten Anlauf mit erniedrigten Anforderungen.

Externe Dienstleister versuchen dem entgegen zu wirken, indem sie deutlich machen, was der Kunde von einer Security ROI-Betrachtung erwarten kann und welche Ansätze nur eine Scheinsicherheit vermitteln. Falls die dann abgeschätzten Kosten aber weiterhin vom Business nicht mitgetragen werden, sind alle Beteiligten so frustriert, so dass die Übung gleich zu Beginn wieder einschläft.

Das Projekt eines umfassenden Konzepts für die IT-Notfallvorsorge verstaubt infolgedessen in den Aktenschränken. Die IT hat sich zwar alle Mühe gegeben und viel Zeit investiert, und der Businesspart anscheinend seine Aufgabe erfüllt. Nur die Ergebnisse fehlen. Diese Blockierung ist dann nur noch schwer aufzuheben, es wird keine oder zumindest nur ein suboptimale Lösung ausgewählt.

"Falsche" Annahmen vermeiden

Um diesem allgemeinen strategischen Dilemma zu entkommen, müssen die Unternehmen sich über einige grundlegende Aspekte Klarheit verschaffen. Zunächst einmal gilt es "falsche" Annahmen zu vermeiden. Häufig fehlen adäquate Strukturen zur Erfassung von bezifferbaren Kosten. Beispielsweise ist kein "Cost Code" zur Erfassung von Reparaturaufwänden vorhanden, so dass die "Reparaturaufwände" in "Produktionsaufwände" hinein gerechnet sind.

Hinzu kommt der Hemmschuh, dass Abhängigkeiten zwischen Sicherheitsereignissen sowie die zeitliche und örtliche Ungleichverteilung von Sicherheitsereignissen nicht berücksichtigt werden. Folglich wird die Unsicherheit von Schätzungen nicht als Parameter integriert (Cost of Residual Uncertainty). Es wird versucht, Erfahrungen anderer Unternehmen auf das Eigene zu übertragen, wo dies nicht möglich ist. Und schließlich wird die Existenzbedrohung eines IT-Ausfalls bei sehr bedrohlichen, aber unwahrscheinlichen Ereignissen, gleich gänzlich außer Acht gelassen.

"Recovery Time Objective"

Deshalb gilt es die richtigen Fragen zu adressieren, beim konzeptionellen Ansatz einer internen Bewertung. Wie lange darf das betreffende System ausfallen, wie lange dauert der Wiederanlauf? Bei der "Recovery Time Objective" handelt es sich um die Zeit, die vom Zeitpunkt des Schadens bis zur vollständigen Wiederherstellung der EDV-Systeme vergehen darf. Der Zeitraum reicht hier von "null Minuten" (Systeme müssen sofort verfügbar sein), bis zu mehreren Tagen oder Wochen, je nachdem wie relevant die Systeme für das Funktionieren der Geschäftsprozesse sind.

Danach beginnt die Ermittlung des individuellen unternehmerischen Risikos. Wie konsistent ist der Datenbestand, wie hoch ist der Datenverlust, der in Kauf genommen werden kann? Dabei handelt es sich um die möglichst präzise Ermittlung des Zeitpunkts, wann und wie oft etwa die Datensicherung auf den unterschiedlichen Ebenen erfolgen soll, das heißt, wie viele Daten bzw. Transaktionen zwischen den einzelnen Sicherungen verloren gehen können. Neben diesen eher grundsätzlichen Fragestellungen hilft eine klare Vision der einzelnen Kostenblöcke, die sich in bezifferbare, schätzbare und nicht-bezifferbare Kosten untergliedern lassen.

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MONITOR-Autoren
Alexander Hackl

Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. ..mehr..

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