8-1-2007 | Aus MONITOR 1/2007 Gedruckt am 18-04-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/8641
Strategien

Open Source

Self-Made-Mentalität bringt Freie Software zum Anwender

Kommt das baldige Ende für Microsoft Office? Wohl kaum. Aber überwiegend kostenlose Online-Dienste könnten zumindest teilweise Word, Excel & Co. ersetzen. Noch gravierender sind die Vorteile bei Groupware-Anwendungen.

Lothar Lochmaier

Loginseite von www.onlinecampus.at

Die von der Österreichischen Hochschülerschaft initiierte Groupware-Anwendung OpenXChange ist darauf ausgelegt, rund 250.000 österreichischen Studenten E-Mail, Kalender, Adressbuch, Foren und Dateiablage sowie VoIP-Telephonie, Chat- und SMS-Funktionen zur Verfügung zu stellen. Und das auch noch mit einfachem Webbrowser für Microsoft-Anwendungen. Können also diverse Open Source basierte Mailclients wie Thunderbird, Evolution, Kmail..., Outlook und andere proprietäre Programme ersetzen?

Das dürft zwar etwas hoch gegriffen sein, aber der für die Systembetreuung zuständige Hosting-Provider Kubus.net berichtet von einer bisher reibungslosen Implementierung. "Das Projekt Onlinecampus ist erfolgreich angelaufen. Bisher sind keine technisch relevanten Probleme aufgetreten", sagt Wolfgang Kuba, Geschäftsführer des Internet- und VoIP-Providers.

Die Funktionalität werde laufend erweitert. Seit kurzem wird sogar Speicherplatz für eigene Dateien oder das Veröffentlichen einer eigenen Homepage bereitgestellt. Weitere Funktionalitäten sind geplant, wie eine Skriptenbörse zum Austausch und Download von Skripten sowie das Bilden von Arbeitsgruppen mit gemeinsamen Speicherplatz und eigenem Kalender.

Versetzt man das Projekt in die Unternehmenswelt, so kann der multimediale "Onlinecampus" mit kommerziellen Produkten durchaus mithalten, etwa mit Betriebsystem-Funktionen wie Userverwaltung, Authentifizierung, Anmeldung, Groupware-Funktionen von Exchange/Notes, Dateiserver, MS Outlook/Notes Client oder dem Dokumentenaustausch und Foren, die nicht unbedingt microsoftlastig sind, hofft Wolfgang Kuba. Der Ersatz von Altsystemen sei prinzipiell ohne große Einschränkung möglich: "Verwendet man z.B. Remote Desktop, lässt sich das Betriebsystem mit seiner Authentifizierung natürlich nicht einfach ersetzen", schränkt der Geschäftsführer ein.

Bisher dient OpenXchange für die österreichischen Studenten im Wesentlichen als Hosting Service auf der Basis von Application Providing. Dies nutzen Unternehmen ebenso wie Behörden, wenn auch nicht in dieser Größenordnung. Online Dienste werden aber sicherlich Word, Excel & Co nicht gänzlich ersetzen, weil Unternehmen sowie die öffentliche Hand kritische Daten und Dokumentenbestände generell, sowie auch aus datenschutzrechtlicher Gründen, in eigener Regie belassen.

Zunehmende Koexistenz

„KMUs sind in Österreich eindeutig die Vorreiter und aus den Anfragen zu schließen wird der Markt weiterhin stark wachsen.“ - Anita Frank, Marketing & Vertrieb Frank Robin Linux Systems

Hinzu kommt, dass die von Microsoft vor kurzem gestartete Kooperation mit Novell viel Unruhe in die kreative Szene gebracht hat. "Eine Koexistenz von Closed und Open Source Software gibt es bereits in vielen IT-Infrastrukturen, und es wird sie zukünftig vermehrt auch innerhalb von Softwareherstellerunternehmen geben, die beides anbieten", erläutert Anita Frank, zuständig für Marketing & Vertrieb bei Frank Robin Linux Systems in Wien. Das Unternehmen arbeitet seit Jahren mit Linux, sowohl im Server- als auch im Desktop-Bereich.

Mit OpenOffice wachse zwar ein starker Konkurrent heran, allerdings werde es keine Ablöse von MS Office geben, sondern eher ein Nebeneinander, prognostiziert Frank: "Eine friedliche Koexistenz wäre wünschenswert, damit die guten Dinge von beiden Seiten genutzt werden können." Fest steht aber auch, dass Linux und andere OSS-Anwendungen bereits einen festen Platz in der österreichischen IT-Landschaft erobert haben. Die Basis hierfür bildet eine bis in die öffentliche Verwaltung hinein stark ausgeprägte "Self-made-Mentalität", an dessen Spitze sich die Stadt Wien mit dem Vorzeigeprojekt "Wienux" gesetzt hat.

Aber auch viele kleinere Unternehmen setzen auf SUSE Linux, Mandriva, Debian, Ubunto und andere Server und Desktop-Anwendungen. "Im OSS-Groupwarebereich kann man schon von einem festen Standbein sprechen", bilanziert Anita Frank. Das Unternehmen hat in Österreich mittlerweile über 150 OSS-Groupware Installationen etabliert und betreut sowie eine beträchtliche Anzahl von GPL-Installationen.

Die meisten Installationen bei Linux Systems spielen sich im Bereich bis 100 User ab. Es gibt aber auch einige Installationen mit 300 bis 400 Usern, wie beispielsweise das Krankenhaus Reutte, Berger Logistik oder die Traussnig AG. Eine weitere Referenz stellt die höhere technische Lehranstalt HTL Kaindorf dar, mit über 2000 Usern, die ebenfalls Open-Xchange einsetzen.

Treiber dieser Entwicklung ist neben der öffentlichen Hand auch der Mittelstand. "KMUs sind in Österreich eindeutig die Vorreiter und aus den Anfragen zu schließen wird der Markt weiterhin stark wachsen", prognostiziert Anita Frank. Zudem gebe es im Großkundenbereich wie auch bei Behörden zahlreiche Evaluierungen und Linux Systems hofft deshalb auf eine Reihe neuer Projekte.

Mangelndes einheimisches Know-how treibt Kunden nach Deutschland

Die gestiegene Akzeptanz und Bereitschaft auf OSS zu setzen, hat aber auch eine Kehrseite. "Leider fehlen besonders in diesem Bereich Dienstleister mit Know-how für die innovativen OSS-Lösungen und die damit verbundenen komplexen Szenarien", gibt die Expertin zu bedenken. So verwundere es kaum, dass heimische Kunden sich bei deutschen Nachbarn nach Lösungskompetenz umsehen müssten, etwa Berger Logistik, die sich an einen Münchner Dienstleister wendeten. "Dies ist leider kein Einzelfall", beklagt Frank.

Gegenüber dem Groupware-Bereich ist das Wachstum im Desktop-Bereich etwas verhaltener. Noch fehlt es an der User-Akzeptanz, da dieser sich nur schwer von seiner gewohnten Arbeitsumgebung verabschiedet. Oft handelt es sich um triviale Dinge, etwa wenn Icons nicht so aussehen wie am Windows-Desktop oder wenn sich Menüs nicht dort befinden, wo der User sie gewohnt ist. Microsoft sitz hier am längeren Hebel und hat einen Usability-Standard vorgegeben, der auch für OSS-basierte Oberflächen das Maß aller Dinge darstellt.

Der Desktop soll schließlich nicht nur funktionell sein, sondern er muß auch "schick" sein, ein Kriterium auf das techniklastige OS-Anbieter noch zu wenig achten. Dennoch kommen auch Experten nicht umhin, anzuerkennen, dass ein normaler Büro-Arbeitsplatz für Office-Anwendungen inklusive das Mailen und Surfen heute schon problemlos von Linux & Co. abgedeckt werden kann. Dies zeigen auch die Erfahrungen der Stadt Wien, wo zirka 1000 User relativ reibungslos am Linux Desktop arbeiten.

Die nachfolgende "Klick by Klick Generation" ist noch offener gegenüber neuen Anwendungen. Multimedial ausgestattete Mobiltelefone oder andere digitale Medien lassen noch Platz für den individuellen Spieltrieb, was Linux-Desktop-Anwendungen ebenso positiv beeinflussen dürfte wie die notwendige Einführung vieler OSS-Applikationen in den Unternehmen und Behörden.

Kosten-Nutzen-Verhältnis sorgfältig austarieren

Aus Kosten-Nutzensicht jedenfalls scheinen die Vorteile bereits zu greifen. OSS setzt auf offene Standards und kann sich so mit nahezu jeder Software austauschen. Und genau das ist ein wichtiger Punkt, um Kosten zu senken. Allerdings ist es nicht das einzige Kriterium. "Es geht in der IT längst nicht mehr nur um Anschaffungs- oder Lizenzkosten, genauso wichtig sind Themen wie Integration, Interoperabilität, Unabhängigkeit und Flexibilität", gibt Anita Frank zu bedenken.

Aus Sicht der Unternehmen ist eine offene Architektur auch deshalb wichtig, um schnell auf Änderungen und Erweiterungen in der IT reagieren zu können. Groupwarelösungen wie Open-Xchange oder die Messaging-Lösung Scalix lassen sich dank ihrer Standards in nahezu jede vorhandene IT-Infrastruktur integrieren und schützen damit einmal getätigte Investitionen.

Die Unabhängigkeit und Flexibilität von OSS Lösungen ist auch gefragt, wenn es um neue Technologien geht, die in immer kürzeren Abständen erscheinen, was am Beispiel von Web-2.0-Technologien deutlich wird. "Damit sparen Unternehmen langfristig Kosten", argumentiert Frank. Ganz so einfach ist diese Gleichung natürlich nicht, denn im Einzelfall muss jedes Unternehmen bzw. jedes Projekt für sich betrachtet werden. Häufig wird der Vorteil günstiger Lizenzkostenblöcke nach der Einführung durch einen relativ hohen Betreuungsaufwand bzw. Nachjustierung wieder zunichte gemacht.

Dennoch sind Unabhängigkeit und Kostenersparnis nicht nur bei der öffentlichen Hand die treibende Kraft, wenn es um neue Projekte geht. Der Einsatz von Freier Software führt teilweise zu erheblichen Einsparungen in der öffentlichen Verwaltung, von denen letztlich auch die IT-Unternehmen profitieren. Das bestätigt auch eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Das Institut hat immerhin 209 öffentliche Verwaltungen und IT-Unternehmen nach ihren Einschätzungen zur quelloffenen Software befragt.

Knapp die Hälfte der 115 befragten öffentlichen Einrichtungen glaubt, dass sich durch den Einsatz von Open Source Software die Kosten um mehr als 50 Prozent senken lassen. Weitere 20 Prozent halten immerhin noch ein Viertel für realisierbar. Und für etwas mehr als die Hälfte der Einrichtungen ist die Umstellung auf Open Source-basierte Anwendungen sogar zum Bestandteil einer mittel- oder langfristigen IT-Gesamtstrategie heran gereift.

Fazit

Demnach dürfte auch künftig die öffentliche Hand die treibende Kraft beim den Einsatz von Open Source-Lösungen sein. Anhaltende Umstrukturierungen führen in den nächsten Jahren zu zahlreichen neuen IT-Projekten. Dies rechne sich, so die Experten vom Fraunhofer IAO, auch für IT-Unternehmen, die Open Source als Dienstleistung oder Produkt anbieten. Denn die öffentliche Hand rechnet im Bereich der Dienstleistungskosten mit Kostensteigerungen von bis zu 25 Prozent, von denen OSS-Unternehmen profitieren können, sofern die Ersparnisse durch wegfallende Lizenzkosten tatsächlich greifen.

Weiterführende Informationen

Studie: Open Source Software - Strukturwandel oder Strohfeuer? - Hrsg: Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart, November 2006 Link: www.iao.fraunhofer.de/d/projekte/oss.hbs

  • Artikel bookmarken
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb

Userkommentare

DISQUS ist ein Service von disqus.com und unabhängig von monitor.at - siehe die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

comments powered by Disqus