Es ist ja nicht so, dass hier im TechWatch die Unzulänglichkeiten des Windows Mobile Betriebssystems im mobilen Alltagseinsatz noch nie in allen Details angeprangert wurden. Und dass ich das Palm OS - trotz aller Aufs und vor allem Abs, die Palm in den letzten Jahren so durchlebt hat - immer noch für das am besten für den im mobilen Alltag geeignete System halte, ist kein Geheimnis.
Die Tatsache, dass Palm jetzt seit kurzem mit dem Treo 750v (v für Vodaphone) auch in Europa ein unter Windows Mobile laufendes Treo Smartphone anbietet, gibt aber genug Anlass, um wieder einmal die Tauglichkeit eines Windows-Gerätes für mobile Poweruser zu überprüfen. Die Frage lautet im Prinzip: Kann Palm aus Windows Mobile etwas Benützerfreundliches machen? Schließlich ist Palm genau dafür bekannt - auch wenn das benützerfreundliche Palm OS gar nicht mehr dem Unternehmen gehört.
Die äußere Erscheinung des Treo 750v wirkt gegenüber dem 650 mit Palm OS deutlich moderner (allerdings wird auch das gerade abgelöst - später mehr), endlich ist der Antennenstummel weg. Das modernere Bild relativiert sich schnell beim Einschalten: Der Neue hat ein sowohl in der Auflösung (bescheidene und vor allem rückständig augenfeindliche 240x240 Pixel) als auch in der Helligkeit ein deutlich schlechteres Display als der "Alte". Ein klassischer Tribut an den immer noch katastrophalen Stromverbrauch von Windows Mobile.
Spürbar hat Palm versucht, seinem Ruf als Hersteller von gut bedienbaren Mobilgeräten durch Anpassungen im Detail auch unter Windows gerecht zu werden: So kann man vom "Heute" Schirm aus direkt einen beliebigen Teil des Vor- oder Nachnamen eintippen und die Ergebnisliste wird dabei entsprechend gefiltert. Extra ins Adressbuch zu gehen, wird dadurch unnötig und man kann seine Kontakte sehr schnell auffinden (für verwirrte Roadwarriers, die mal den passenden Nach- beziehungsweise Vornamen nicht wissen ideal). Die bekannte 5-Wege-Steuertaste ermöglicht zum Teil auch unter Windows einhändig ohne Stift durch das System zu navigieren wie man es von Palm OS kennt. Während das dort allerdings bis in den letzten Winkel klappt, scheitert Palm hier an Windows Mobile-Tücken: Bereits in Outlook kommt man ohne Stift nicht weiter, wenn man in einen anderen Ordner wechseln will.
Was versöhnlich stimmt, ist dabei, wie gut Outlook Mobile funktioniert: in Verbindung mit einem Exchangeserver nämlich tausendmal besser als das spartanische Versamail der Palm OS-Geräte. Es gibt einfach keine bessere Kombination für mobiles E-Mail als das aktuell Mobile Outlook mit einem Exchange-Server. Unter Palm OS können da bestenfalls (kostenpflichtige) Third Party-Lösungen wie GoodLink mithalten. Und ja, beim mobilen Mailen ist man auch als Palm (OS) Enthusiast geneigt, über einen Umstieg nachzudenken. Dass der Akku allerdings am Tagesende schon wieder leer ist (selbst kurze Reisen also ohne Ladegerät unmöglich), während der Palm OS Treo noch weitere 5-6 Tage durchkommt, verdrängt den Gedanken wieder.
Woran Palm mit den Detailverbesserungen an der Oberfläche nichts ändern konnte: Windows Mobile verlangt vom Anwender viel Arbeit, sehr viel Arbeit. Unnötig oft ist durch Menüs und Pop-Ups zu klicken, die im mobilen Alltag ebenso stören wie die Stiftbenützung, wenn man nur eine Hand frei hat.
Sieht man den Treo 750v ohne Palm-Vorbelastung, erhält man das derzeit in vielen Details am besten gelöste Windows-Telefon. Auch der Formfaktor ist etwa dem extrem breiten HP Messenger Welten voraus. Windows-Veteranen und -Neueinsteiger werden es schätzen. Palm-User werden sich trotz UMTS mit einem derart "unmobilen" Windows Mobile kaum anfreunden können und müssen weiterhin neidisch auf Mobile Outlook schielen. Und dass die jüngste Palm OS-Variante (der Treo 680) zwar ähnlich dem 750v in modernen Gehäuse und endlich ohne Antennenstummel kommt, aber ohne UMTS - das lässt ein wenig Zweifel aufkommen, wie sich das Palm OS im immer härter umkämpften Smartphonemarkt auch hierzulande durchsetzen soll.




1/2012
8/2011
7/2011


Mag. Carl-Markus Piswanger, MAS ist freier Journalist, Projektberater und hauptberuflich IT-Architekt. Er ist ausgebildeter Versicherungskaufmann, studierter Historiker und postgradualer E-Government-Experte. Er war beim ISP Netway, der Österreichischen Post und der Seibersdorf Research beschäftigt und seit 2004 als IT-Architekt im Bundesrechenzentrum. Der Wiener ist glücklich nicht verheiratet und hat einen Sohn. 