2-11-2006 | Aus MONITOR 11/2006 Gedruckt am 24-09-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/8516
JobTraining

Personalmanagement

Weil der Mitarbeiter es Wert ist

Als die Wirtschaft noch brummte, schaffte er fleißig vor sich hin und war quasi ein wohlbehütetes Familienmitglied der Firma. Als sich die Zeiten änderten, und Rotstifte auch vor den Personalabteilungen nicht Halt machten, betrachtete man ihn als Kostenverursacher und rationalisierte ihn weg, soweit dies nur möglich war. Inzwischen sind die Szenarien eines bevorstehenden Arbeitskräftemangels auch in den Chefetagen angelangt und haben die Unternehmenslenker zur Besinnung auf ihr höchstes Gut gebracht: den Mitarbeiter.

Dunja Koelwel , Annelie Weigand

Arbeitsmarkt-Experten rechnen auch im Blick auf die demographische Entwicklung in den kommenden Jahren mit einem dramatischen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Bei Ingenieursberufen und in der ITK-Branche macht sich teilweise schon heute bemerkbar, worauf sich andere Branchen wohl noch einzustellen haben. So kommt beispielsweise das Wiener Beratungsunternehmens Robert Fitzthum Management Consulting in seinem aktuellen "IT-Indikator" zu folgendem Ergebnis: "In bestimmten Bereichen wie etwa bei Java oder C++ ist es bereits heute ziemlich schwer, erfahrene Spezialisten zu finden."

Mit Engpässen bei den Programmierern haben laut IT-Personalberater Robert Fitzthum aber die meisten Länder in Kontinentaleuropa, darunter auch Deutschland, zu kämpfen. In Deutschland können aktuell sogar rund 18.000 Ingenieurstellen derzeit nicht besetzt werden, meldete Ende April der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in Düsseldorf. "Das entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer Steigerung von mehr als 30 Prozent", sagte VDI-Direktor Dr.-Ing. Willi Fuchs. Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. (BITKOM) registrierte im Rahmen seines vierteljährlich ermittelten Branchenbarometers für das erste Quartal dieses Jahres einen sich verschärfenden Fachkräftemangel, der sich als Wachstumsbremse für den durchaus positiv gestimmten Markt erweise.

„Nur wenn die Mitarbeiter darauf vertrauen können, dass das Unternehmen gut und richtig geführt wird und sie fair behandelt werden, konzentrieren sie sich in höchstem Maße auf ihre Aufgaben und unsere Kunden.“ - Dr. Ulrich Schwanengel Firmengründer und Geschäftsführer der ConSol Consulting & Solutions Software GmbH und „Deutschlands beste Arbeitgeber 2006“.

Der Anteil betroffener Unternehmen habe sich innerhalb eines halben Jahres von 18 auf 36 Prozent erhöht, jedes dritte Unternehmen finde inzwischen kein geeignetes Personal. "Dieses Problem spitzt sich weiter zu", prognostiziert Verbands-Präsident Willi Berchtold. "Entsprechend klare Zahlen gibt es zwar für Österreich nicht", meint Dipl.-Ing. Wilfried Seyruck von der Linzer Programmierfabrik. "Denn nachdem während der IT-Sonderkonjunktur wie Y2K und der Euroumstellung weit überhöhte Zahlen kommuniziert wurden, ist man mit solchen Aussagen heute vorsichtiger. Aber ein wenig mehr Spezialisten dürfte es schon geben."

Gleichzeitig wächst der Druck auf die Beschäftigten. "Widersprüchliche Arbeitsanforderungen, überlange Arbeitszeiten und Leistungsdruck machen immer mehr IT-Spezialisten krank", lautet das Ergebnis einer Untersuchung, die das deutsche Gelsenkirchener Institut Arbeit und Technik (IAT) durchgeführt hat. Sie leiden bis zu viermal häufiger als andere Berufsgruppen in Deutschland unter psychosomatischen Störungen wie chronischer Müdigkeit, Nervosität, Schlafstörungen und Magenbeschwerden - erste Anzeichen für das gefürchtete Burnout-Syndrom. Wilfried Seyruck: "Das ist vor allem in Unternehmen der Fall, die die IT lediglich als Kostenfaktor sehen."

Engagement lässt zu wünschen übrig

Den Beschäftigten geht es nicht gut. Immer mehr Arbeit für immer weniger Geld, kaum Anerkennung für erbrachte Leistungen und stets drohender Arbeitsplatzverlust prägen ihren Alltag. Kein Wunder, dass viele den Spaß an der Arbeit verlieren, sich zurücknehmen und nur noch "Dienst nach Vorschrift" tun. Fast die Hälfte der Mitarbeiter empfinden kaum Arbeitsfreude, lässt sich dem jüngsten Human-Resources-Monitor (HRM) entnehmen, der alljährlich den Entwicklungstand des Personalmanagements in Österreich und Deutschland unter die Lupe nimmt.

"Ungeachtet eines freundlicheren wirtschaftlichen Umfelds ist das Engagement von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Unternehmen weiterhin nur schwach ausgeprägt", ermittelte Ende letzten Jahres die Managementberatung Towers Perrin in einer weltweit durchgeführten Studie. In Österreich arbeiten lediglich 15 Prozent der Beschäftigten "hoch engagiert", heißt es.

Fehler im Management

„Da in der IT die Halbwertszeit von Wissen besonders kurz ist, nämlich nur etwa zwei Jahre, kommt hier auf Unternehmen eine besondere Herausforderung zu.“ - Dipl.-Ing. Wilfried Seyruck, Gründer der Linzer Programmierfabrik

Durch brachliegenden Arbeitseifer geht für die Unternehmen ein beträchtlicher Teil an Produktivität verloren, wertvolles Humankapital bleibt ungenutzt. Der Fehler liegt aber nicht bei den Mitarbeitern, sondern bei den Managern und Führungskräften, die die Ressource Mitarbeiter im Streben nach Kosteneinsparung und Gewinnmaximierung völlig aus den Augen verloren haben. Durch eklatantes Fehlverhalten in der Vergangenheit haben Führungskräfte ihre Glaubwürdigkeit verspielt, das Vertrauen ihrer Mitarbeiter verloren und damit auch deren Einsatzbereitschaft gebremst. Die Leistung der Mitarbeiter ist aber von entscheidender Bedeutung für den Geschäftserfolg.

Potenziale erkennen

Die Mitarbeiter als Leistungsträger anzuerkennen und ihr Potenzial freizusetzen, wird in den kommenden Jahren eine große Aufgabe für die Unternehmenschefs sein. Es sind die Mitarbeiter, in deren Köpfen wertvolles Wissen aus dem Unternehmen, zu Kunden, Produkten oder Dienstleistungen angehäuft ist. Sie sind die Schnittstelle zum Markt und repräsentieren das Image des Unternehmens in der Öffentlichkeit.

"Gerade jetzt, wo sich ein Mangel an qualifizierten Fach- und Führungskräften abzeichnet, kommt den Unternehmen die Aufgabe zu, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich das Potenzial von hochqualifizierten Spezialisten und manchmal auch Individualisten voll entfalten kann", heißt es in der HRM-Studie. Wilfried Seyruck: "Da in der IT die Halbwertszeit von Wissen besonders kurz ist, nämlich nur etwa zwei Jahre, kommt hier auf Unternehmen eine besondere Herausforderung zu."

Unternehmenskulturen sind entscheidend

Die Nase vorn werden dabei die Unternehmen haben, die eine gezielte Personalpolitik betreiben, ein attraktives Arbeitsumfeld bieten und es verstehen, ihre Mitarbeiter zu Höchstleistungen aus eigenem Antrieb zu motivieren. Diverse Untersuchungen haben zu dem Ergebnis geführt, dass die tatsächlich gelebte Unternehmenskultur ausschlaggebend dafür ist, inwieweit die Mitarbeiter bereit sind, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten im Sinne der Unternehmensziele Gewinn bringend einzusetzen. Faktoren wie mitarbeiterorientiertes Führungsverhalten, Glaubwürdigkeit, Respekt, Verantwortungsbewusstsein, Fairness, Anerkennung, Entfaltungsmöglichkeiten, Entscheidungsfreiheit oder Entwicklungsperspektiven und last but not least eine angemessene Bezahlung spielen dabei im Hinblick auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter eine wichtige Rolle.

Gut geführt zum Erfolg

Es lohnt sich, eine gute Unternehmenskultur zu pflegen. Dies zeigt beispielsweise die Erfolgsgeschichte der ConSol Consulting & Solutions Software GmbH mit Stammsitz in München. Das High-End-IT-Beratungs- und Softwarehaus wurde Anfang Januar zum Gesamtsieger im Wettbewerb "Deutschlands beste Arbeitgeber 2006" gekürt und stach damit 164 weitere Anwärter auf den Titel aus. Der Wettbewerb basiert auf anonymen Mitarbeiterbefragungen und wird seit vier Jahren vom Wirtschaftsmagazin Capital und weiteren Kooperationspartnern durchgeführt. ConSol führt seinen Erfolg darauf zurück, dass die Mitarbeiter vor allem mit der glaubwürdigen und transparenten Arbeit der Geschäftsführung hoch zufrieden sind. "Nur wenn die Mitarbeiter darauf vertrauen können, dass das Unternehmen gut und richtig geführt wird und sie fair behandelt werden, konzentrieren sie sich in höchstem Maße auf ihre Aufgaben und unsere Kunden", sagt Firmengründer und Geschäftsführer Dr. Ulrich Schwanengel.

So bietet etwa die Unternehmensleitung ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, eigene Ideen oder auch Kritik einzubringen und legt Wert darauf, die Angestellten aus erster Hand über die neuesten Entwicklungen und Pläne des Unternehmens zu informieren. "Wissen ist bei ConSol kein Machtinstrument, sondern Ausdrucksmittel und Entwicklungspotenzial für alle Mitarbeiter", heißt es. Seit dem Gründungsjahr 1984 befindet sich das High-End-IT-Beratungs- und Softwarehaus auf Wachstumskurs. Erst kürzlich vermeldete es ein "überdurchschnittliches Wachstum - an Aufträgen, Umsatz und Mitarbeitern" im ersten Quartal 2006.

Wertekultur zahlt sich aus

Dass sich eine Wertekultur letztendlich in barer Münze auszahlt, hat die Unternehmensberatung Deep White wissenschaftlich bewiesen. "Ein Drittel des betriebswirtschaftlichen Erfolges ist auf die Wirkung der gelebten Wertekultur des Unternehmens zurückzuführen", lautet das Fazit einer Studie, die das Beratungsunternehmen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medien und Kommunikationsmanagement (MCM) der Universität St. Gallen im Jahr 2004 durchgeführt hat. "Unternehmen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen, eine entsprechende Kultur ihrer Werte pflegen und den Mitarbeitern Raum zur Entfaltung von Ideen und Leistung bieten, haben langfristig eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Geschäftserfolg als straffe 'Performance-Jäger'", so die Studie.

Neues Bewusstsein

Inzwischen erkennen immer mehr Firmenlenker die Zeichen der Zeit und entdecken die Vorteile einer werteorientierten Unternehmenskultur für sich. In Berlin haben sieben junge Führungskräfte die "Wertekommission - Initiative für Werte Bewusste Führung e. V." ins Leben gerufen, und sind damit Ende letzen Jahres erstmals an die Öffentlichkeit getreten. Die Kommission will sich für eine "Unternehmenskultur neuer Prägung" einsetzen und dafür auch "die rund zwei Millionen Entscheider und Führungskräfte in der Bundesrepublik" begeistern. Sechs Werte hat die Kommission als Basis ihrer Aktivitäten definiert: Nachhaltigkeit, Integrität, Vertrauen, Respekt, Mut und Verantwortung.

Die Idee einer neuen Unternehmenskultur versuchen engagierte Wissenschaftler und Praktiker auch auf Veranstaltungen in die Unternehmenswelten zu tragen. Zum Symposium "Mit Sinn und Werten führen" lud hier etwa das Konferenz-Unternehmen Business Circle Ende Juli nach Wien ein. Es richtete sich an Manager, die dem Thema Führung von Menschen und Unternehmen neue Bedeutung geben wollen.

Denn er hat schon begonnen, der Kampf um gute Arbeitskräfte. Unternehmensleiter tun gut daran, sich den Wert ihrer Mitarbeiter ins Gedächtnis zu rufen und sich für deren Wohlergehen und eine gute Unternehmenskultur einzusetzen, wenn sie eines Tages nicht ohne Belegschaft dastehen wollen. Die Mitarbeiter sind schließlich das wahre Kapital einer Firma.

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