Andreas Roesler-Schmidt
Da hat man dem Konsumenten gerade erst HD-ready Fernseher eingeredet, bis er sie zwar nicht im von der Industrie erhofften, aber dennoch beachtlichem Ausmaß zur Fußball-WM gekauft hat - und schon dreht sich auf der diesjährigen IFA alles um "Full HD". Die Flatscreens müssen also volle 1080 Zeilen darstellen, quasi das höhere High Definition. Wer auf den WM-Hype reingefallen ist, darf sich doppelt ärgern.
Zwar eint die beiden HD-Varianten, dass es nach wie vor praktisch keine Inhalte dafür gibt. Die wenigen Sender, die von ersten Receivern überhaupt erst eingefangen werden können, strahlen bisher in erster Linie auf HD hochgerechnetes Filmmaterial aus. Und HD-Demofilmchen werden in der siebenten Wiederholung nicht spannender. Die aktuellen Full-HD Geräte sind aber gegenüber den noch zur WM verkauften deutlich ausgereifter. Schade nur, dass zuhause dennoch griesliges Bild aus dem Antennenkabel auf den Superschirm kommt.
Grund zur Hoffnung, die nunmehr vorhandene Bildqualität auch auszureizen könnte da allenfalls eine große Filmauswahl auf Scheibe bringen. Doch im Kampf, ob nun HD-DVD oder BluRay das Rennen macht, hat sich die Branche gegenüber der IFA 2005 kaum einen Schritt bewegt. Sonys Verschiebung des PS3 Starts ist für die BluRay Disk sicher ein Rückschlag. Eine aktuelle Studie geht davon aus, dass die gewohnte DVD noch bis 2010 dominieren wird.
Rund um Musik
Abseits der großen Flachbildschirme dominierte ein kleines Gerät die IFA, zumindest immer dann wenn es um Musik ging. Dabei war dessen Hersteller selbst nicht einmal auf der Messe vertreten. Rund um Apples iPod hat sich eine inzwischen gigantische Zubehörindustrie entwickelt. Wo früher vor allem Noname-Hersteller Dockingstations und Lautsprecher feilboten, setzen zunehmend Premium-Hersteller auf Apples MP3-Player.So nimmt Harman/Kardons "Go + Play" dank einer höhenverstellbaren Ablage und dem Universal Dock Adapter fast alle iPods auf und macht daraus eine Art modernen Ghettoblaster. Bis zu 16 Stunden lang geben die Lautsprecher Musik von der Festplatte wieder und erinnern an Zeiten, als acht D-Batterien fürs Radio noch regelmäßig auf dem Einkaufszettel standen. Bei JBL wird aus dem iPod beinahe schon eine Skulptur, wenn man ihn in die Mitte des "Radial" steckt. CD-Wechsler im Auto sind endgültig passé: Hersteller wie Pioneer oder Becker zeigten Radios mit iPod-Steuerung, so dass man den Player im Handschuhfach anschließen und alles übers Radiodisplay kontrollieren kann. Diskussionen über die Highend-Tauglichkeit von MP3 gehören dabei der Vergangenheit an. iPod-Dockingstations als Zubehör für große Hifi-Anlagen bieten Hersteller im gehobenen Segment inzwischen mit Selbstverständlichkeit an. Mit der Multiroom-Funktion des jeweiligen Audioherstellers integriert, lässt sich die Dosenmusik dann auch in anderen Räumen wiedergeben. Das macht auch Logitechs Wireless DJ Music System. Bis zu 50 Meter weit werden die Musikdateien vom PC ins Wohnzimmer übertragen. Gegenüber dem Vorgängermodell erleichtert nun ein Display auf der Fernbedienung die Bedienung: Es lässt durch die komplette Musiksammlung der PC blättern und Playlisten zusammenstellen.
Auch ohne Apples Gerät drehte sich in Berlin vieles um MP3 und Lifestyle-Geräte, um es wiederzugeben. Zu den wenigen Geräten, die dabei aus der Masse (vor allem asiatischer Billigplayer) hervorstechen können, zählt Samsungs K5. Er soll das mobile Musikhören aus der Einsamkeit herausholen. Man schiebt einfach an der Unterseite integrierten Mini-Lautsprecher auf und schon kann eine ganze Gruppe die Musik gemeinsam genießen. Große Musikleistung darf man sich von den flachen Minispeakern nicht erwarten, dafür glänzt das Gerät mit einer ähnlich Benqs Chocolate-Handy gestalteten Touchscreen-Bedienung und brillantem OLED-Bildschirm fürs Fotobetrachten. Auch Philips' GoGear 9200 kommt im dünnen Hochglanzformat und zeigt, dass OLED mittlerweile auch tadellos für Bilder taugt.
Thema Multimediavernetzung
Vielleicht ist der neue jährliche Rhythmus der IFA für das vernetzte Heim einfach zu schnell. Denn rund um das Thema Multimediavernetzung ist es gegenüber dem Vorjahr beinahe stiller geworden, anstatt dass die lange versprochene Vernetzung endlich wirklich an Schwung gewinnt. Immer noch sind wirklich durchgängige Gesamtlösungen Mangelware. Wer heute seine Mediengeräte vernetzt, muss trotz vereinzelter Standards mit Bastelarbeit rechnen und Lücken akzeptieren. Das Zusammenwachsen von PC- und Unterhaltungselektronikindustrie scheint seine Zeit zu brauchen.Einen der konsequentesten Ansätze verfolgte schon bisher Fujitsu Siemens (FSC). Sein Activy Media Center 570 (nicht zu verwechseln mit der ähnlich genannten Windows Version, das Fujitsu-Gerät ist kein PC, sondern ein "geschlossenes" Consumer-Gerät) konnte schon bisher unter anderem Fernsehprogramme aufnehmen, Timeshifting (Live-TV pausieren) sowie Videos von anderen UPnP-kompatiblen (Universal Plug and Play) Geräten wiedergeben bzw. an diese streamen. Zur IFA erweitert neue Software das Gerät um "Follow Me TV": Das laufende Fernsehprogramm kann nicht mehr nur pausiert werden, sondern anschließend an einem beliebigen anderem Ort im Haus fortgesetzt werden, sofern dort ein FSC Media Player 150 oder ein anderes per LAN oder WLAN verbundenes UPnP-"Empfangsgerät" steht. Wozu das gut ist, verdeutlicht der Werbeclip: Er schaut Fußball, Sie will den romantischen Film. Gentlemen-like gibt er nach und pausiert das Match, um im Schlafzimmer weiterzuschauen ohne eine Sekunde zu verpassen. Noch können die kleinen Media Player nur das abrufen, was vorher am großen Gerät pausiert wurde. In weiterer Folge sei aber die komplette Fernsteuerung geplant. Dann kann man das Live-TV (vom Server gestreamt) von Beginn an im Schlafzimmer benützen und auch dort die Timeshifting-Funktion des Hauptgeräts "auslösen", so dass alle Aufnahmen an zentraler Stelle landen. Insbesondere SAT-Haushalte könnten sich dann außerdem die mühsame Verkabelung aller Zimmer ersparen.
Wie weit bastelfreie, lückenlose Lösungen noch entfernt sind, zeigen die Pläne des deutschen Premium TV-Herstellers Loewe, das Heimnetzwerk 2008 Realität werden zu lassen. So lange werde schlichtweg die Wandlung von proprietären Lösungen zu reibungslosen Standards dauern, erklärt Technik-Vorstand Gerhard Schaas. Dann aber will das Unternehmen auch gehobenen Wünschen gerecht werden. Der Fernseher soll zur Zentrale des Heims werden und dafür nicht nur auf Server zugreifen und IPTV abspielen sondern auch mit Hausautomationssystemen gekoppelt werden können. Dann lassen sich nicht nur Multimediadaten verteilen, sondern am Bildschirm auch das Haus bzw. dessen Heizung, Jalousien etc. steuern. Noch ist nichts fix, aber Schaas deutete vor allem auf den EIB-Standard hin (in der Hausautomation gibt es ähnlich viele Standards wie im Home Media Bereich). Immerhin könnten erste Multiroom-Funktionen, so man denn mehrere Loewe-Geräte besitzt, schon früher kommen. Auch hier wäre dann pausieren und fortsetzen von TV überall im Haus möglich.
Quasi "von unten" betrachtet Netgear, bisher vor allem als Hersteller von Netzwerkroutern und ähnlichem bekannt, das Thema Vernetzung - nämlich bei der Infrastruktur. Vor allem Powerline soll bei der Übertragung von High Definition Material helfen. Mit seinem neuen "Digital Entertainer" sorgt Netgear aber auch dafür, dass über diese Netze Inhalte fließen. Das Gerät unterstützt die Standards DLNA, UPnP und Intels Viiv, um auf entsprechenden PCs gelagerte MP3s, Videos und Bilder abzurufen. Dieses Triumvirat der Standards dürfte generell immer öfter den Weg in Multimediaabspielgeräte finden.
Nicht, dass es schon viel HD-Content gäbe, wer ihn jedoch im Hausnetz verteilen will, sollte aber noch ein wenig warten bis Kopierschutzfragen geklärt sind. Wie es nämlich wirklich funktionieren wird, HD-Aufzeichnungen zu verteilen, weiß auf der IFA nämlich noch kein Hersteller.
Immerhin: Full HD Fernseher kann man nunmehr bedenkenlos kaufen, zumindest wenn man weiß, dass der mit bisherigen TV-Signalen nicht das beste Bild abgibt und ohnehin ein neues TV-Gerät überfällig ist. Inhalte in High Definition bleiben aber überfällig.






1/2012
8/2011
7/2011


Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 