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Branchen-Monitor

Großes Optimierungspotenzial bei RFID

Funkwellen übernehmen die Kontrolle

Die drahtlose Funktechnologie RFID steht noch in den Kinderschuhen. In Handel, Logistik und Security stehen viele Möglichkeiten offen.

Aufbringung von RFID-Tags (Bild: Dematic)

Conrad Gruber

Seit der Ausgabe der neuen Reisepässe in Österreich kommt es hierzulande gewissermaßen "schleichend" zu einem bevölkerungsweiten Einsatz der Funktechnologie RFID (Radio Frequency Identification). Denn in jedem der neuen Chip-Reisepässe ist im vorderen Einband auch ein solcher Funksender eingebaut - um Reisepassdaten an den Grenzkontrollstellen berührungslos und damit einfacher auslesen zu können.

Im Großteil der Bevölkerung findet dies wenig Beachtung, was den interessanten Einsatzmöglichkeiten der RFID-Technologie aber keinen Abbruch tut. Denn die Variantenvielfalt ist groß: Im Einzel- und Großhandel genau so wie in allen Spielarten der Logistik, letztlich auch in Kombination mit Zutrittssystemen, Zeitüberwachung, Diebstahlschutz und auch im Gesundheits- und Pflegebereich.

Es besteht Nachholbedarf

Welcher Nachholbedarf hier herrscht, lässt sich zum Beispiel im mittelständischen Einzelhandel absehen: Besonders im Logistikbereich bei Klein- und Mittelbetrieben ist enormes Optimierungspotenzial vorhanden, wobei die RFID-Technologie an dieser Stelle neue Wege aufzeigt, um den Anforderungen nach verbesserter Qualität und geringeren Lieferzeiten passend zu begegnen. Vorteilhaft bei der Verwendung von RFID ist in erster Linie die hohe Qualität und die Schnelligkeit der erhobenen Daten, wissen Experten wie Michael Hompel, Chef des deutschen Informationsforums RFID.

Während in der Lagerhaltung trotz bereits bestehender Verwaltungssysteme lange Suchzeiten besonders durch nicht erfolgte oder fehlerhafte Datenaufnahmen die Regel sind, mangelt es in der Produktion oftmals an der Aktualität und Genauigkeit der Daten. Die Folge sind hohe Ineffizienzen bei Produktionsplanung und -steuerung.

"Neben Logistik und Handel werden insbesondere auch die Verbraucher von RFID profitieren", ist Hompel überzeugt. In Krankenhäusern könnten RFID-Chips zur Verwaltung von Medikamenten und Patientendaten eingesetzt werden, Medikamentenpackungen etwa mittels Funkwellen identifiziert werden.

In der Zeiterfassung und bei Zutrittskontrollsystemen könnten RFID-Chips ebenfalls gute Dienste leisten. Bei diesen Einsatzmöglichkeiten stehen allerdings Bedenken der Datenschützer einer effizienteren Abwicklung der Berechnung von Arbeitszeiten gegenüber, die in vielen Betrieben sogar noch mit herkömmlichen Stechkartensystemen oder zumindest mit Magnetkarten erledigt wird.

Günter Karjoth, RFID-Spezialist am IBM-Forschungszentrum in Zürich, nennt noch weitere Anwendungsmöglichkeiten, etwa Tickets, Kundenkarten, Bibliotheken-Leihausweise und vieles andere. In der Schweiz trat kürzlich sogar die Pflicht zur RFID-Kennzeichnung für Hunde in Kraft. Diese bekommen den kleinen Sender künftig implantiert. In diversen In-Lokalen Europas ist es chic geworden, mittels eines unter die Haut geschobenen RFID-Chips Zutritt zu bekommen und Getränke zu bezahlen.

Künftige Einsatzgebiete sind etwa auch die Geschwindigkeitskontrolle bei Autos (Section Control), meint Karjoth. Im Gesundheitsbereich eigne sich auch der so genannte "VeriChip", eine Art unter die Haut des Menschen eingepflanzte E-Card mit medizinischen Daten. Die Europäische Zentralbank überlege sogar, Geldscheine zur Falschgeldbekämpfung mit RFID-Chips auszustatten.

Logistig und Zugangskontrolle als Wachstumsbereiche

Neben Logistik und Handel werden insbesondere auch die Verbraucher von RFID profitieren. - Dr. Michael Hompel, Chef des deutschen Informationsforums RFID

Einer der europäischen Hersteller von RFID-Anwendungen ist zum Beispiel die niederländische Firma Smartrac. Der RFID-Produzent konzentriert sich neben der Produktion von RFID-Chips für Kredit- und Bankkarten im Bereich E-Payment sowie für E-Passports, kontaktlose Reisepässe und Führerscheindokumente im High-Security-Bereich auch auf sein Standard-Segment. Hierbei werden Chips für kontaktlose Karten im öffentlichen Nahverkehr und Zutrittskontrollen sowie Tags und Labels zur Tieridentifikation produziert. "Wir erwarten in diesem Segment weiteres Wachstum, besonders im Bereich Logistik und Zugangskontrolle", sagt Smartrac-Sprecher Max Hohenberg.

Als Weltmarktführer "im Bereich der Verwendung von elektronischen Komponenten in Logistiklösungen auf Basis von RFID" bezeichnet sich die Siemens-Tochter Dematic in Linz, der es vor allem um "die Einbettung einzelner Elemente in ganzheitliche IT-Lösungen" geht.

Neben RFID-Komplettlösungen zur Optimierung des Asset Tracking (z.B. von Mehrwegverpackungssystemen) werde die Technologie zur Optimierung von Materialflüssen wie etwa Staplerleitsystemen oder Kommissionieranlagen eingesetzt, sagt Dematic-Geschäftsführer Roman Stiftner. In solchen Fällen sei die Einbindung von RFID-Systemen über eine Middleware in die Unternehmenssteuerung äußerst ratsam, also in ein Warehouse Management System oder in große ERP-Systeme wie SAP.

Zuletzt hat sich auch Philips in Österreich (beziehungsweise die neue Philips-Ausgliederung NXP) um den Einsatz von RFID-Chips verdient gemacht. Das Forschungs- und Entwicklungszentrum von NXP im steirischen Gratkorn kann dabei gleich mit einem Großauftrag aus den USA aufwarten: Das Unternehmen wurde vom US-Außenministerium neben Infineon als Zulieferer sicherer Halbleitertechnologie für die neuen elektronischen US-Reisepässe ausgewählt. Gegenstand des Auftrags ist ein kontaktloser Smart-Chip, von NXP Semiconductors in Gratkorn entwickelt, das laut NXP Österreich-Sprecher Alexander Tarzi als weltweites Kompetenzzentrum für Smart-Chip-Technologie bei NXP fungiert.

Sicherheitsfragen

All diese Dinge werfen allerdings eine Reihe von Sicherheitsfragen auf, meint IBM-Mann Karjoth, der an sich dem RFID-System aufgeschlossen gegenüber steht. Es sei nicht zu überprüfen, welche Daten letztlich am Chip gespeichert sind sowie wann und wohin er sie sendet; Bewegungsprofile und andere Daten können gesammelt oder Cookies auf den Chip gesetzt werden; in größerem Stil könne damit sogar Industriespionage betrieben werden. Karjoth: "Es lohnt sich also durchaus, wenn man sich Gedanken über datenschutzfördernde Techniken macht."

Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist der Jeanshersteller Levi Strauss. Dieser hat neulich die ersten Jeans ausgeliefert, die mit RFID-Etiketten ausgestattet sind. Im Rahmen eines Pilotprojekts mit einem US-Handelspartner sollen die RFID-Chips Barcodes ersetzen. In welchen Läden die markierten Hosen verkauft werden, wollte Levi Strauss nicht bekannt geben. "Die Etiketten tragen dieselben Informationen wie Barcodes, also den Namen des Produkts, Größe und Farbe. Mit diesen Informationen können die Händler ihren Bestand leichter kontrollieren", sagt Levi Strauss-Sprecher Jeffrey Beckmann. Die Datenschützer der Initiative "Caspian" (Consumers against Supermarket Privacy Invasion and Numbering) befürchten allerdings, dass durch die Markierung mit RFID-Chips Datenschutzbestimmungen und die Privatsphäre der Kunden verletzt werden könnten.

"Unternehmen wie Levi Strauss stellen RFID-Tests als harmlos dar, es handelt sich dabei aber um eine sehr bedenkliche Technologie", argumentiert Aktivistin Katherine Albrecht. Die Datenschützer befürchten, dass zahlreiche Informationen über die Träger der Jeans auf den Etiketten gespeichert werden könnten, diese können von jedem beliebigen RFID-Lesegerät, etwa an einer Supermarktkasse, abgerufen werden.

Vorerst will Levi Strauss die Chips nur in Anhänger-Etiketten integrieren. "Die Applikation von RFID-Chips in Anhänger öffnet eine Schleuse. Früher oder später werden die Chips für den Träger unsichtbar in die Kleidung integriert sein", befürchtet Albrecht. Gegen Benetton hat "Caspian" bereits einen Boykott initiiert, nachdem das Unternehmen angekündigt hatte, die Kleidungsstücke mit RFID-Etiketten auszustatten. Benetton hat die RFID-Tests daraufhin gestoppt.

Mittlerweile schlagen die Gegner auch mit Technik zurück: Der Wissenschaftler und RFID-Kritiker Andrew Tanenbaum von der Freien Universität Amsterdam hat ein Anti-RFID-Gerät entwickelt. Der RFID-Guardian, wie das Gerät genannt wird, überwacht das Umfeld des Benutzers und warnt in dem Fall, wenn jemand in der Nähe versucht, RFID-Chips auszulesen.

Weiter gehende Vorschläge macht auch IBM-Spezialist Karjoth. Austricksen kann man etwa einen RFID-Sender, wenn man ihn mit Alufolie umwickelt. Destruktive Zeitgenossen können ihn auch in die Mikrowelle legen, obwohl eigentlich die Entfernung der kleinen Antenne am Chip reichen würde. Ein RFID Sensor Detector erkennt Lesestationen für RFID und lässt sich mit Internet-Anleitung selbst zusammen bauen. Mit "Active Jamming" wiederum kann der Empfang der Radiowellen blockiert bzw. gestört werden. Mit RFID-Zappern zerstört man mit einem starken Magnetfeld den Chip. Ein RFID Blocker wiederum ist ein "Störsender", der den RFID-Empfängern Milliarden von Daten vorgaukelt und sie dadurch heillos verwirrt. Man sieht, es gibt bei RFID noch einige entgegen gesetzte Interessen auszubalancieren.

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MONITOR-Autoren
Dr. Manfred Wöhrl

Dr. Manfred Wöhrl ist Geschäftsführer der R.I.C.S. EDV-GmbH (Research Institute for Computer Science, www.rics.at), spezialisiert auf Securitychecks und Security-Consulting. ..mehr..

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