Reinhold Fleischhacker
Bei grobem Hinschauen geschehen bei einer Aufstellung tatsächlich sonderbare Dinge: Da stellt ein Klient wildfremde Personen (Repräsentanten genannt) in irgend einen Raum, hört sich an, was die derart "Aufgestellten" so von sich geben - und geht nach etwa einer Stunde mit neuen Erkenntnissen nach Hause. Dabei machen diese wildfremden Personen (auch "Stellvertreter" genannt) nichts anderes, als zu fühlen, wie sich ihre Position in der Konstellation und im Raum anfühlt. Fühlen sie sich unwohl (das kann bis zu Schwindelgefühlen und Magenschmerzen reichen), so verändern sie ihre Position in der Konstellation - so lange, bis sich alle Stellvertreter wohl fühlen. Das ist dann die "Lösungskonstellation".
Was bei so einer Aufstellung genau passiert und wie man sich das Geschehene erklären kann, darüber scheiden sich die Geister, es konnte noch keine wissenschaftliche Erklärung gefunden werden. Jedenfalls kann festgestellt werden, dass hier Gefühle und Gedanken irgendwie verwoben werden (was ja eine durchaus interessante, erkenntnistheoretische Konstellation ergibt),
Nun haben aber Gefühle im Berufsleben für gewöhnlich wenig Platz. Welchen Job man in welcher Firma anstrebt und annimmt - das gilt als "rationale" Entscheidung und nicht als Frage des "Wohlfühlens" (wobei auch solche Entscheidungen durchaus auch mittels eine systemischen Aufstellung treffsicher entschieden werden kann). Auch gibt es kaum mehr einen Kongress, der mit Coaching und Management zu tun hat, wo nicht auch die Aufstellungsarbeit Thema eines Workshops oder gar einer Keynote ist.
Das Forschungsprojekt
Ein interessantes Forschungsprojekt hat allerdings schon stattgefunden. Der in Karlsruhe lebende Berater Peter Schlötter hat an der Management Uni in Witten eine Ausbildung zum Therapeuten und Coach absolviert und kam im Rahmen dieser Ausbildung mit der Aufstellungsarbeit in Verbindung. Und war gleich begeistert. Doch immer wieder stieß er auf ungläubige Skepsis. Da er für seine Doktorarbeit ein Forschungsprojekt brauchte, kam ihm eine geniale Idee: er stellte eine reelle Aufstellung aus einem Beratungsfall mit so genannten "stummen Vertretern" in einem eigens angemieteten Raum nach und schleuste 130 Versuchspersonen durch diese Konstellation (natürlich immer nur eine nach der anderen). Und siehe da: Alle 130 Versuchspersonen äußerten signifikant an jedem der sieben Plätze (aus so vielen Beteiligten bestand die Konstellation) die gleichen Gefühle - das ergab insgesamt fast 1000 Wortmeldungen. (Siehe auch nebenstehende Fotoreihe).
Was aber beweist das Forschungsprogramm? "Doktorvater" Fritz Simon: "Das beweist, dass es ganz allein auf die Konstellationen selber ankommt. Und dass da nicht irgendetwas zwischen den Repräsentanten läuft". Somit ist Aufstellungsarbeit doch zu einem beobachtbaren Phänomen geworden (was ja vor allem Simon selber bis dahin angezweifelt hatte) und ist von dem Ruf, dass das alles "Humbug und Zufall" sei, befreit. Allerdings weiß man immer noch nicht, warum man aus einer bestimmten Konstellationen von Personen oder Figuren im Raum Erkenntnisse ziehen kann, was hier aus kognitiver Sicht vor sich geht. Simon: "Das muss jetzt noch naturwissenschaftlich erforscht werden".
Tetralemma- Selbstversuch
Interessierte können ganz einfach einen Selbstversuch wagen: Wenn wir vor schwierigen Entscheidungen stehen, verspüren wir gewöhnlich ein Dilemma. "Soll ich dies machen oder das andere"? fragen wir uns. Insa Sparrer und Matthias Varga schildern in dem Buch "Ganz im Gegenteil" (ein Muß für Querdenker) einen eleganten Ausweg aus dem Dilemma: Das Tetralemma. Zu "dieses" und "das andere" kommt dann auch noch "beides" und "keines von beiden". Dann hat man zwar vier Fragen anstatt von zwei, aber das ist nur auf den ersten Blick ein Problem - in Wahrheit hat man dann mehr Optionen. Vor allem kann man das Problem dann räumlich lösen. Ganz allein, im stillen Kämmerlein.
Das geht dann so: Man nehme vier Kartons, beschrifte diese mit "dieses", "das andere", "beides" und keines von beiden". Die Kartons verteilt man jetzt im Raum (Wohnzimmer, Büro), am besten mit der Schrift nach unten. Und dann stellt man sich auf jeden der vier Kartons und testet nur, wie wohl man sich dabei im Raum fühlt. Und wenn man dann den Karton gefunden hat (eigentlich den Platz im Raum), an dem man sich am besten fühlt, hat man meist auch die Lösung.
Buchtipps zum Thema:
"Vertraute Sprache und ihre Entdeckung". Peter Schlötter schildert sein Forschungsprogramm im Detail. Carl-Auer Verlag, www.carl-auer.de
"Das unsichtbare Netz". Bestsellerautorin Renate Daimler schildert einige Aufstellungen im Rahmen ihrer Ausbildung bei Sparrer und Kibèd (ohne jegliche Erklärungsversuche - denn der Titel wäre irreführend). Kösel Verlag
"Die Sprache des Raumes" von Reinhold Fleischhacker. Der Autor versucht, sich das Funktionieren der Aufstellungsarbeit zu erklären und stößt dabei auf viele Fragen. Frequenz Verlag, www.frequenzverlag.at




1/2012
8/2011
7/2011


Alexandra Riegler arbeitet als freie Journalistin in den USA. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Themen Technologie und Forschung. 