Alexandra Riegler
Rasante Marktveränderungen, Outsourcing, Merger und Akquisitionen führen in vielen Unternehmen dazu, dass Organisationsstrukturen kaum länger als sechs Monate unangetastet bleiben. Die IT wird auf Trab gehalten, die Anforderungen an die Flexibilität ihrer Architektur sind höher denn je: Dass sich Transformationsprojekte über viele Monate hinziehen, ist längst nicht mehr akzeptabel. Das große Ziel ist eine am Business ausgerichtete Infrastruktur, die schnell veränderlichen Anforderungen gewachsen ist. Als Lösung schlechthin gilt die serviceorientierte Architektur (SOA). Sie unterstützt als Rahmen Kern- und Querschnittsprozesse und wahrt gleichermaßen unternehmerische Flexibilität und Effizienz der IT-Kostenstruktur.
Ohne große Überraschung rangiert SOA damit bei jedem fünften Unternehmen ganz oben auf der Prioritätenliste - wichtiger wird nur noch Business Intelligence bewertet, so die Ergebnisse einer Capgemini-Studie. "Nach einer längeren Anlaufphase dürfte 2006 zum Einstiegsjahr für SOA werden", prophezeit Martin Raab, Vizepräsident bei Capgemini.
Weil niemand ein Projekt in die Welt setzt, ohne am Ende auch Kostenvorteile lukrieren zu wollen, lockt SOA durch die mehrfache Verwendung von Services. Dennoch findet sich die Kostenreduktion erst auf Platz drei bei der Capgemini-Befragung, nur 14 Prozent zielen zuerst auf zusätzliches Geld in der Kassa durch Synergieeffekte. Anders jedoch jenseits des großen Teichs: US-Firmen konzentrieren sich erfahrungsgemäß stärker auf Einsparungspotenziale.
Kritisch nähert sich der Wiederverwendbarkeit ein Report von Berlecon Research unter dem Titel "SOA in der Praxis". Während Anbieter darauf verweisen, dass SOA die durchschnittliche Nutzung von Programmcode erhöht, scheint dies in der Praxis nicht immer eine zentrale Rolle zu spielen. Die Analysten vermuten, dass die Wiederverwendung entweder nicht ausreichend wirtschaftlich oder realisierbar ist oder, dass Organisationen zumeist noch am Beginn ihrer Umsetzungen stehen, die Möglichkeit der Wiederverwendung jedoch erst später sichtbar wird.
Eine Applikation für alle
Weit fortgeschritten in ihrem SOA-Vorhaben ist die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA). Gemeinsam mit CSC, Microsoft und Siemens arbeitet man dort seit mehr als einem Jahr an der Erweiterung und Reorganisation der IT-Infrastruktur und -Dienstleistungen. Zuletzt wurde der erste Teil des Projekts "Elektronische Feststellung und Erledigung in der Unfallversicherung" - kurz EFEU - fertiggestellt, das in seiner Endform bei allen vier heimischen Unfallversicherungsträgern verwendet werden soll. Auf SOA fußend kommt bei EFEU die Integrationsplattform .NET zum Einsatz.
Im Vordergrund stehen insbesondere die Standardisierung und Vereinfachung der bestehenden Geschäftsprozesse. Schwerpunkte sind dabei eine integrierte Workflow-Applikation, die die Business-Prozesse unterstützen soll sowie die Einführung des Elektronischen Akts.
Nach erfolgreicher Umsetzung des Teilstücks "Akt und Workflow" folgen bis Ende 2007 in fünf Etappen schließlich alle Bereiche der elektronischen Feststellung und Erledigung.
Markus Breyer, Public Sector-Verantwortlicher bei Microsoft, zeigt sich zuversichtlich, dass der anspruchsvolle Part der Mehrfachverwendung der Applikation in der Praxis gelingt: "Nach der Fertigstellung kann diese standardisierte Lösung in Form von Application Sharing für gleiche Aufgaben bei allen Sozialversicherungsträgern eingesetzt werden."
Versicherer auf neuen Wegen
Ähnliche Herausforderungen stehen für die Versicherungsbranche an. Die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit Partnern und Dienstleistern, beispielsweise im Sales-Bereich, stellt zwar eine Angebotserweiterung in Aussicht, nicht jedoch ohne neue Formen der Kooperation und Kundenorientierung umzusetzen. Nur die erfolgreiche Integration eigener und fremder Vertriebskanäle sichere den Weg zum Kunden, so die Überzeugung der Analysten der Boston Consulting Group, die Ansprüche an die Versicherungswirtschaft in den kommenden zehn Jahren zu eruieren suchten.
Mit seinen zahlreichen Mergern der letzten Jahre stellte sich für den Versicherer Uniqa die zusätzliche Herausforderung, eine Vielzahl an Systemen unter einen Hut zu bringen. Bisher verteilten sich bei Uniqa Standard-Unternehmenssoftware und Eigenentwicklungen auf Großrechner, Client-Server-Umgebungen und Web-Server. Inzwischen jedoch benötigt die Versicherung Schnittstellen, die vom Front-end bis zu den internen Prozessen im Backoffice reichen. Darüber hinaus steht für die Zukunft die Integration von Partnersystemen an.
"Es galt daher die Host-Anwendungen vor allem den eigenen Außendienstmitarbeitern und den externen Geschäftspartnern Browser-basierend zugänglich zu machen", erklärt Christian Ruppnig, zuständig für IT-Strategie und Software-Architektur bei Uniqa. Die vorhandenen Host-Systeme und deren Business-Logik wurden mit Unterstützung der Software AG über Web Services angebunden. "So konnte man die bestehenden IT Investitionen wiederverwenden, erspart sich den Entwicklungsaufwand und hat garantiert gleiche Funktionalität sowohl in der Web- als auch in der Hostumgebung. Zusätzlich können Partnerunternehmen die Services in ihren Systemen verwenden", Ruppnig weiter. Auf dieser Basis optimierte Prozesse würden zur Effizienzsteigerung und Erhöhung der Servicequalität sowohl bei den Geschäftspartnern als auch im Konzern führen.
Der nächste entscheidende Schritt bei Uniqa lautet Business Process Management: "Workflow und Geschäftsprozesse sind das große Thema", so Ruppnig. Für heuer steht noch der Proof of Concept an, die weiteren Schritte folgen dann 2007.
Bewegliche Produktion
Unterschiedliche Datenformate beim Austausch von Produktionsinformationen mit Kunden und Zulieferern führten bei Magna Steyr zuletzt dazu, dass für jeden Kunden ein eigenes Procedere aufgesetzt werden musste. Die Datenaustauschprozesse zu automatisieren, rückte damit in entsprechende Ferne: Fehleranfälliges, manuelles Eingreifen wurde notwendig, das zu teuren Produktivitätseinbußen führte.
Mit IBM und Prostep entwickelte der Automotive-Fertiger nun neue und dynamischere Prozesse zum Austausch der Designdaten. Für die Darstellung der aufwändigen Workflows und deren Überwachung zeichnet WebSphere verantwortlich. Basierend auf einem Mix dreier Industriestandards und unter Einsatz von SOA, können die Erfolge bereits beim Namen genannt werden: Kosteneinsparungen und höhere Produktivität haben die Wettbewerbsfähigkeit von Magna Steyr verbessert. Thomas Hainlen, Direktor Bereich Industrie bei IBM, zeigt sich zufrieden über die Entwicklung der automatisierten Workflows, die allesamt "praktisch plattformunabhängig arbeiten."




7/2011
6/2011
5/2011


Dr. Manfred Wöhrl ist Geschäftsführer der R.I.C.S. EDV-GmbH (Research Institute for Computer Science, www.rics.at), spezialisiert auf Securitychecks und Security-Consulting. 