Georg Lankmayr
An den Möglichkeiten einer mobilen Unternehmenslösung, die häufig vom Arbeitsplatz "abwesenden" Berufsgruppen in die inner- und zwischenbetrieblichen Informations- und Kommunikationsprozesse einzubeziehen und dadurch wesentliche Zeit-, Kosten oder Qualitätsvorteile zu erzielen, wird sich auch weiterhin nichts ändern. Die gute Nachricht für den Mobile User ist, dass der Markt 2006 erstmals ein Endgerät bietet, das "die Sprache" der öffentlichen Breitbandnetze (UMTS/HSDPA) ebenso spricht, wie die alternativer lokaler Übertragungstechnologien (IP-Networks/WLAN).
Es bleibt zu hoffen, dass die Anbieterindustrie auch in Zukunft an der Integration von Technologieplattformen arbeiten wird. Das dürfte schon heute die 1,4 Mio. österreichischen Business User freuen, die laut der neuesten INSET-Studie "Mobile Business Solutions", von verschiedensten mobilen Geschäftsanwendungen enorm profitieren könnten (siehe Schaubild 1).
Welcher Anbieter "besitzt" den Kunden?
Die schlechte Nachricht ist, dass der Markt noch immer durch ein ausgeprägtes Defizit an innovativen Bundling Solutions (beispielsweise Endgerät, Softwarelizenz und Datentarif im Paketpreis) in seiner weiteren Entwicklung gehemmt wird. Die seit mehreren Jahren postulierte Maxime der "synergetischen Bündelung von Anbieterkompetenzen" wird erst langsam zur Realität.
Neben historischen Gründen liegen die Herausforderungen vor allem auch in einer Grundsatzfrage begründet, die derzeit von Schweden bis Italien heftig diskutiert wird: Wer darf den nun eigentlich den Kunden im Mobile Enterprise Business "besitzen"? Telekomanbieter, Endgerätehersteller, Softwareentwickler, IT-Dienstleister? Eine nahe liegende Antwort lautet wohl: Der Kunde gehört dem innovativsten und schnellsten Anbieter. Etwas anders formuliert geht es darum, den Branchenkontext sowie die Mobilitäts- und Informationsbedürfnisse relevanter Zielgruppen möglichst genau zu verstehen, ein integriertes Lösungsangebot zu entwickeln und daraus konkrete, messbare Vorteile abzuleiten, um Entscheidungsträger von Investitionen zu überzeugen.
Ausgewählte Studienergebnisse zum österreichischen Markt
Einen Beitrag dazu leistet die aktuelle INSET-Studie "Mobile Business Solutions 2006". Die Untersuchung zeigt auf, bei welchen Berufsgruppen durch innovative mobile Lösungen die größten Einsatz- und Verbesserungspotenziale erzielt werden können und stützt sich dabei insbesondere auf Befragungsergebnisse von 720 Arbeitnehmern aus sieben Branchensegmenten. Die untersuchten Business User wurden in vier systematische Übergruppen unterteilt. Die erste Gruppe bildeten so genannte vertikale operative Berufsgruppen. Dazu zählen Servicetechniker, Lager- und Transportarbeiter, Schienen- und Kraftfahrzeugsführer, Fertigungsfacharbeiter oder Handwerker. Die zweite Gruppe umfasste Sonderberufsgruppen aus der öffentlichen Verwaltung sowie dem Gesundheits- und Sozialwesen (Einsatz- und Sicherheitskräfte, Ärzte, Kranken- und Sozialpflegepersonal, Lehrer). Weiters wurden klassische Dienstleistungsberufe untersucht. Dazu zählen Verkaufsmitarbeiter, Handelsvertreter und Immobilienmakler, Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte oder Bank- und Versicherungskaufleute. Die letzte Gruppe bildeten verschiedene Management- und Verwaltungsberufe, also Geschäftsführer und Bereichsleiter, Finanzspezialisten oder EDV-Spezialisten.
Durch die Untersuchung konnten die Einsatz- und Marktpotenziale relevanter mobiler Lösungsansätze (mit Ausnahme von Telematik-Anwendungen, die nicht in die Untersuchung miteinbezogen wurden) in Österreich, Deutschland und einer Reihe weiterer europäischer Länder bewertet werden. Vor allem der genaue Blick auf die Betrachtung der branchenspezifischen Ergebnisse überraschte dabei schon so machen Experten. Nachstehend einige Ergebnisse.
Unspektakulär, aber enormes Marktpotenzial: Mobile Zeit- und Leistungsdokumentation
Ein interessantes Ergebnis kristallisierte die Untersuchung bei Anwendungen für die mobile Zeit- und Leistungsdokumentation (Mobile Performance Management) heraus. Dabei geht es um die simple Eingabe von Informationen wie Fahrtzeiten, Kilometerabrechnungen, erbrachte Leistungen oder Qualitätsinformationen. Von vielen Unternehmen werden derartige Informationen zur Leistungssteuerung und -verrechnung (etwa im Controlling) verwendet. Von vielen Anbietern als "Nischenanwendung" negiert, zeigt die Studie, dass in Österreich rund 300.000 Beschäftigte quer durch alle Branchen von derartigen mobilen Lösungen enorm profitieren können. Zu den Hauptzielgruppen in der Industrie zählen vor allem technische Servicefachkräfte, Fertigungs- und Lagerfachkräfte oder auch konventionelle Handwerker. Weitere Zielgruppen finden sich im mobilen Sozial- und Pflegedienst oder im Dienstleistungssektor, wo bereits erste größere Projekte auch in Österreich realisiert wurden.
Wesentliche Vorteile für Unternehmen ergeben sich aus Praxissicht insbesondere dann, wenn die Zeit-/ Leistungsdokumentation durch entsprechende Anwendungen direkt in den mobilen Arbeitsprozess integriert wird (d.h. dort wo die Information entsteht). Durch die mobile Erfassung und Bearbeitung von Zeit-/Leistungsinformationen über geeignete Endgeräte und entsprechende Softwareapplikationen können beispielsweise administrative Verwaltungskosten durch Doppelerfassungen vermieden, die Effizienz der Abläufe gesteigert und die Transparenz erhöht werden. Der Lösungsansatz eignet sich vor allem auch für Klein- und Mittelbetriebe, die meist über keine Standardsoftwaresysteme verfügen, aber bereits durch eine schlanke, kostengünstige Anwendung große Verbesserungen erzielen könnten. Eine interessante Lösung als ASP-Variante bietet beispielsweise der österreichische IT-Dienstleister LG Nexera. Die Lösung zielt vor allem darauf ab, die Abrechnungsprozesse in der Bauindustrie zu optimieren.
Große Einsatz- und Verbesserungspotenzial bieten auch Lösungsansätze, die den mobilen Zugriff auf diverse Warenwirtschaftssysteme (ERP/SCM-Systeme) ermöglichen. In Österreich gibt es rund 220.000 Business User, beispielsweise Techniker in serviceintensiven Branchen, die täglich bestimmte Transaktionen, Dispositionen oder Messungen mobil ausführen. Durch entsprechende mobile Anwendungen entsteht für diese Mitarbeiter die Möglichkeit, relevante Informationen in Echtzeit zu verarbeiten. Das Unternehmen kann dadurch signifikante Effizienzsteigerungen, eine Erhöhung der "First Yield Rate" oder eine Verringerung des Lagerbestandes, und damit eine Verbesserung der Liquidität, durch mobil ausgelöste Bestellvorgänge über das Warenwirtschaftssystem erzielen.
Mobile CRM- und BI-Anwendungen
Der mobile Zugriff auf elektronische Kundendatenbanken (CRM-Systeme), Reporting-Informationen (Business Intelligence-Systeme) oder sonstige Wissensdatenbanken gilt schon länger als einer der interessantesten "Mobilisierungskandidaten" insbesondere im Vertriebsaußendienst bzw. im Management (beispielsweise zwecks "mobiler" ad hoc-Analysen). In Österreich gibt es rund 280.000 Business User, die für die Nutzung mobiler CRM-Lösungen prädestiniert sind.
Das Industrieunternehmen Trodat realisierte beispielsweise eine mobile SAP-Lösung. Durch Anbindung an das SAP-System über BlackBerry von A1 Vodafone können Vertriebsmitarbeiter nicht nur unterwegs E-Mails bearbeiten oder Termine verwalten, sondern jederzeit auch auf aktuelle Kundenkennzahlen wie Umsatz oder Auftragsstand zugreifen (mehr dazu finden Sie Heft).
Mobiles Büro- und Reisemanagement
Ein weiteres Einsatzpotenzial ergibt sich auch mit Anwendungen, die ein mobiles Büro- und Reisemanagement (Mobile Travel Management) ermöglichen. Damit können Mitarbeiter beispielsweise die flexible Buchung von internen Arbeitsplätzen oder Besprechungsräumen, die transparente Genehmigung und Abrechnung von Geschäftsreisen oder die integrierte Reservierung von Hotelübernachtungen, Firmen-PKWs oder Flügen über mobile Mitarbeiterportale durchführen. Für Unternehmen entstehen klare Vorteile in der internen Koordination und Transparenz der Abläufe. Der administrativen Verwaltungsaufwand kann dadurch merklich reduziert werden und häufige Rückfragen des Außendienstes im Back Office entfallen.
In Österreich sind Anbieter derartiger Lösungen, die immerhin ein Nischenmarktpotenzial von rund 77.000 (Premium) Business Usern aufweisen, noch nicht zu finden. Erste Lösungsansätze entwickelt aber beispielsweise der finnische Start up Meridea, gegründet als Joint Venture zwischen Accenture und Nokia. Die Lösung zielt vor allem darauf ab, Reisenden mobile Self Service-Dienstleistungen anzubieten. Das Produkt "SmartAirline" eröffnet die Möglichkeit, Buchungsbenachrichtigungen zu erhalten, Flüge zu suchen, Reservierungen zu erledigen oder für Buchungen zu zahlen. Zusätzlich können den Kunden automatisch alle gebuchten Flugrouten auf ihr Handy geschickt werden. Und nicht zuletzt sind mit SmartAirline Umbuchungen via Handy möglich.
Mobile E-Mail und präsenzbasierende Handy-Dienste
Ein laufendes Nachrichten-, Termin- und Kontaktmanagement zählt mittlerweile bei vielen Berufsgruppen zu den typischen und meist täglich durchgeführten Routinetätigkeiten, um eine effiziente Kommunikation, Koordination und Zusammenarbeit mit Kollegen, Vorgesetzten oder Kunden sicherzustellen. Das klassische mobile Büro eignet sich für sämtliche Berufsgruppen als effizientes Koordinations- und Kommunikationswerkzeug, die einen wesentlichen Anteil der Arbeitszeit nicht an einem stationären Arbeitsplatz ausüben. In Österreich beträgt das Marktpotenzial rund 340.000 Business User. Mehr als zwei Drittel aller Anwender finden sich in der Dienstleistungsbranche, im Management, in Industriebetrieben sowie im Handel. Entsprechende Lösungen bieten sämtliche Telekomanbieter. Der Mobilfunkbetreiber ONE bietet beispielsweise in Kooperation mit Microsoft und dem Internetprovider EUnet Outlook am Handy für Unternehmen ohne eigenen Exchange Server. Das Produkt-Bundle umfasst Hosted Exchange durch die Firma EUnet, Endgeräte mit Windows Mobile Oberfläche inkl. Push E-Mail, Kalender und Kontakte sowie ein Datenpaket (mehr dazu finden Sie Heft).
Eine zusätzliche "Aufwertung" von Mobile E-Mail bieten in Zukunft auch so genannte präsenzbasierende Dienste, auch Presence Awareness-Anwendungen genannt. Dabei sieht man über ein entsprechendes Display am Handy zum Beispiel, ob ein Kollege gerade spricht, in einer Besprechung ist oder derzeit nicht erreichbar ist. Vorteile sind etwa eine Reduktion der Kommunikationskosten durch eine signifikante Verringerung von fehlgeschlagenen Anrufversuchen bei Kollegen oder schlichtweg eine vereinfachte und verbesserte Zusammenarbeit von internen und unternehmensübergreifenden Teams in einer Multitasking-Umgebung.
Wurde von Kritikern der mobilen Arbeitswelt die mangelnde Kontrolle von Mitarbeitern stets als Kontrapunkt angeführt, so dürfte nun dank Presence Awareness, das Handys jetzt auch zum "passiven" Kommunikationsinstrument macht, wohl auch ein weiterer Diskussionspunkt ausgeräumt worden sein.
Wie Watzlawick schon sagte: "Man kann nicht nicht kommunizieren!" Das gilt jetzt auch für Handys.
DI Georg Lankmayr, Geschäftsführender
Gesellschafter, INSET Research & Advisory Unternehmensberatung GmbH. Für
Fragen zur Studie „Mobile Business Solutions 2006“ bzw. zur Anforderung
des Executive Summary wenden Sie sich bitte per E-Mail an:
georg.lankmayr@inset-advisory.com




1/2012
8/2011
7/2011


Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 