Andreas Roesler-Schmidt
Nachdem die Branche schon seit einiger Zeit mit Spannung auf "Mendocino" blickt, enthüllte SAP auf der Cebit Details und den Zeitplan. Mendocino ist nach der Stadt benannt, die genau in der Mitte zwischen Redmond und SAPs Niederlassung in Palo Alto liegt. Es soll bisher getrennte Welten - die Microsoft Office-Umgebung sowie SAP-Software - miteinander verbinden und vor allem jenen Usern, die nicht direkt in SAP-Clients arbeiten, einfachen Zugriff auf ausgewählte Informationen aus dem SAP-System gewähren.
"Betriebswirtschaftliche Prozesse sollen auf einfache Weise direkt in der meistverwendeten Anwendersoftware ausgelöst werden können", erklärt Oliver Hoffmann, Solution Sales Director bei SAP Deutschland. "In den meisten Unternehmen ist das eben Microsoft Office." So erhält ein Mitarbeiter, der einen Termin in den Kalender einträgt, seitlich ein Mendocino-Fenster, in das er zusätzliche Informationen zum Termin eingeben kann, etwa zu welchem Kunden oder Projekt der Termin gehört. Dabei basiert die Auswahlmöglichkeit auf Informationen aus dem SAP ERP, so dass der Mitarbeiter nur Projekte auswählen kann, für die er zuständig ist. Umgekehrt fließen die Eingaben wieder ins ERP zurück. Dadurch wird aus dem Outlook-Termin eine Buchung für die Zeiterfassung im ERP-System, aus der in weiterer Folge die Abrechnung generiert werden kann. Geeignet ist diese Vorgehensweise auch für "Employee Self Services". Mitarbeiter können Urlaubsanträge einfach vom Outlook-Kalender aus bearbeiten. Mendocino sorgt dabei dafür, dass Informationen aus dem SAP HR-System berücksichtigt werden, wie der noch zu Verfügung stehende Resturlaub. Die Eingaben fließen dann durch den SAP-Workflow zur Freigabe an den entsprechenden Manager.
"Bisher läuft es meist so, dass man für solche Informationen immer Kollegen, die hauptsächlich mit SAP arbeiten, darum bitten musste, die Informationen rauszusuchen und zu mailen", weiß Hoffmann. Nunmehr können Manager ohne Mühen mit dem SAP-Client das Überwachen von Budgets und Team Management Funktionen von Outlook aus selbst durchführen. "Das Ziel ist, jenen die nur gelegentlich Informationen aus dem SAP brauchen einen einfachen Zugang zu gewähren. Die klassischen Anwender, die etliche Buchungen durchführen, werden sicher auch langfristig weiterhin mit einem SAP-Client arbeiten."
Für Firmen mit Gelegenheitsanwendern könnte Mendocino als SAP-Zugang nebenbei auch aus Kostengründen interessant werden: Die User-basierenden Lizenzkosten sind zwar noch nicht bekannt, werden aber für einen Mendocino-Client deutlich unter dem SAP-Client liegen. Derzeit befindet sich Mendocino in einer Preview-Phase, in der weltweit 50 ausgewählte Kunden das System im Testbetrieb ausloten können. Ende April/Anfang Mai ist die "Ramp Up"-Phase geplant, in der eine bereits breitere Kundenschicht das System auch produktiv einsetzen kann. Ende Juni soll Mendocino laut SAP-Plänen frei verfügbar sein. Im Herbst sollen noch weitere Funktionen wie die Einbindung von CRM-Funktionen und dem Reisemanagement als Mendocino-Anwendung folgen.
Anfang 2007 könnte für viele Unternehmen und Systemintegratoren der Zeitpunkt sein, an dem Mendocino richtig spannend wird. Dann nämlich erscheint ein Software Development Kit (SDK), mit dem firmenspezifisch Szenarien für Mendocino entwickelt werden können. "Hier bietet sich Integratoren auch ein neues Feld für kreative Lösungen", meint Hoffmann. Rein theoretisch ließen sich mit dem SDK sogar sämtliche SAP-Funktionen ansprechen, was in der Praxis natürlich wenig Sinn machen würde. Aber wenn im eigenen Unternehmen die SAP-User mit den ewig gleichen Fragen von Kollegen belästigt werden, könnte es sinnvoll sein, genau diesen Prozess über Mendocino abzuwickeln. Eine volle Alternative zum klassischen Client soll Mendocino ja nicht sein, aber mit dem SDK können Unternehmen dann auch eigene Prozesse darüber abwickeln. Feststehen dürfte bereits, dass SAP mit Mendocino die "Reichweite" ihrer Systeme in den Unternehmen deutlich erhöht, da nicht mehr nur SAP-geschulte Anwender damit arbeiten werden.



1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Manfred Wöhrl ist Geschäftsführer der R.I.C.S. EDV-GmbH (Research Institute for Computer Science, www.rics.at), spezialisiert auf Securitychecks und Security-Consulting. 