Conrad Gruber
Der 59-jährige Multimilliardär und zweitreichste Mann Indiens, Azim Hasham Premji, hat sich kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres selbst ein Geschenk gemacht: Zu einem stolzen Preis von 47 Millionen Euro kaufte er den Vorarlberger Chip-Entwickler NewLogic. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren als Spezialist für Wireless-LAN und Bluetooth-Anwendungen einen Namen gemacht, wollte eigentlich an die Börse gehen, entschied sich dann aber doch für einen Verkauf.
Wipro bringt NewLogic in die eigene Business-Unit zur Chip-Entwicklung ein und wird so zu einem der weltweit führenden Anbieter von Wireless-LAN- und Bluetooth-Entwicklungen. Vorarlberg soll die neue Zentrale für diesen Bereich werden, der auch vom bisherigen NewLogic-Management um Firmenchef und Gründer Hans-Peter Metzler geführt wird. Zu den Kunden der Chip-Schmiede gehören etwa Motorola, IBM, Philips, Infineon und austriamicrosystems. NewLogic verdient hauptsächlich mit Lizenzen, die mit der Zahl der produzierten Bauteile verbunden sind. Je mehr Chips ein Lizenznehmer nach den in Vorarlberg, Frankreich und München entwickelten Bauplänen herstellt, desto mehr verdient NewLogic damit.
Premji, der von seinen bisherigen Aktivitäten rasante IT-Wachstumsraten gewohnt ist, will diese Tradition auch in Vorarlberg fortsetzen. Von NewLogic erwartet er sich daher künftig 35 Prozent jährliches Umsatzwachstum, "und das werden wir auch schaffen". Dass Personal vom Firmenhauptsitz Lustenau auf billigere Standorte verlagert wird, schließt Premji aus. Im Gegenteil: Die Chip-Schmiede, die derzeit über 135 Mitarbeiter verfügt - davon 60 in Lustenau, der Rest in Frankreich und Deutschland - wird weltweites Wipro-Zentrum für den Business-Bereich Chip-Design und Lizensierungen.
Der Personalstand in Lustenau soll sogar ausgebaut werden, wobei Premji aber doch über die schlechte Verfügbarkeit von IT-Fachleutenachwuchs generell in Mitteleuropa klagt. Die Leute sollten flexibler sein, was Arbeitszeiten und Löhne betrifft, gibt sich der indische IT-Tycoon pragmatisch: "Je rascher man das akzeptiert, desto besser für alle Betroffenen."
Wipro zählt in Indien neben Infosys, Satyam Computer und TCS (Tata Consulting Services) zu den ganz Großen der IT-Branche mit einer interessanten Geschichte. Das Unternehmen wurde als "Western India Products Limited" 1945 als Hersteller von Seifen und Sonnenblumenöl gegründet, 1946 folgte der Börsegang. 1966 wurde Azim Premji als 21-Jähriger zum Firmenchef gemacht. In den 70er-Jahren begann Wipro zu expandieren und sich weiteren Geschäftsbereichen zuzuwenden, zu denen sich in den 80er-Jahren die Informationstechnologie gesellte. Ein Entwicklungsbereich wurde gegründet, der schließlich den ersten indischen 8086-Chip entwickelte. Der Hard- und Softwarebereich hieß seitdem Wipro Technologies, daneben wurden allerdings weiter Seifen produziert sowie ein Biotech-, ein Lichttechnik-, ein Medizinsysteme- und ein Finanzbereich gegründet. Im Jahr 2000 ging der Gesamtkonzern Wipro Ltd zusätzlich an die New Yorker Börse.
Heute zählen zu den IT-Kunden von Wipro rund 350 internationale Unternehmen, darunter DaimlerChrysler, General Motors, Boeing, Cisco, Prudential, Shell, Nokia, Ericsson oder Sony. Im letzten vollen Geschäftsjahr wurden umgerechnet rund 1,45 Milliarden Euro Umsatz bei weltweit 50.000 Mitarbeitern erwirtschaftet. Die Zentrale von Wipro befindet sich im südindischen Bangalore.
Die NewLogic-Übernahme dürfte nicht der letzte diesbezügliche Streich von Wipro gewesen sein. Das Unternehmen hat bereits früher angekündigt, nach weiteren "Gelegenheiten" in Europa zu suchen. Laut P. R. Chandrasekar, Chef der europäischen Wipro-Aktivitäten, werden in Mitteleuropa "Nischen-Player, die sich durch hoch qualifiziertes Personal auszeichnen", gesucht. Wipro lukriert bereits rund 30 Prozent seines Konzernumsatzes von europäischen Kunden und will diesen Anteil weiter ausbauen.
Übrigens will sich NewLogic-Gründer Hans-Peter Metzler, der bei dem Wipro-Deal rund 35 Millionen Euro verdient haben dürfte, nicht ins Private zurückziehen. Zum einen bleibt er Chef der neuen Wipro-Sparte für WLAN- und Bluetooth-Entwicklungen und wird zwischen dem Ländle und Indien hin- und herpendeln, zum anderen will er das verdiente Geld seinerseits in Start-Up-Firmen finanzieren. Die indischen Millionen könnten in Österreich also noch auf eine sehr interessante Reise gehen.
www.wipro.com
www.newlogic.com




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Mag. Carl-Markus Piswanger, MAS ist freier Journalist, Projektberater und hauptberuflich IT-Architekt. Er ist ausgebildeter Versicherungskaufmann, studierter Historiker und postgradualer E-Government-Experte. Er war beim ISP Netway, der Österreichischen Post und der Seibersdorf Research beschäftigt und seit 2004 als IT-Architekt im Bundesrechenzentrum. Der Wiener ist glücklich nicht verheiratet und hat einen Sohn. 