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IKT-Trends

Softwaremarkt Österreich

Die Zukunft gehört den IT-Architekten

Software: Trend zur Ostauslagerung, doch Spezialisten bleiben gefragt

Conrad Gruber

Der österreichische Softwaremarkt in der Post-New Economy-Ära ist im besseren Zustand als so manche Unkenrufe der letzten Zeit erwarten lassen. Die gesamte Branche inklusive Consulting setzt ungefähr sechs Milliarden Euro um, Tendenz leicht steigend. Und auch bei der Beschäftigung gibt es im Moment keinen Grund zur Klage, wenn man davon absieht, dass die Zeit der Luxusgehälter für Softwarespezialisten vorbei ist und Standardprogrammierer ohne Weiterbildung ihre Chancen schwinden sehen.

Dieses Resümee zieht Manfred Prinz, seines Zeichens Vorstand beim Verband der Österreichischen Softwarehersteller (VÖSI) und Österreich-Geschäftsführer des US-Softwareunternehmens Computer Science Corporation (CSC). In Österreich wie auch global steige der Softwaremarkt "zwar nicht dramatisch, aber er steigt", sagt Prinz. Die Situation ist gemischt: Während in den Oststaaten und in Schwellenländern ein hoher Bedarf an Standardapplikationen besteht, um gewissermaßen die "Grundausstattung" mit Software abzudecken, sei in den Industriestaaten schon ein gewisser Trend zur Spezialisierung zu beobachten. Hier zeige sich, dass nach der relativen Sättigung des Marktes mit Betriebssystemen, Office- und Verrechnungssoftware die Nachfrage eher nach komplexeren, eingebetteten ("embedded") Systemen steigt, erklärt Prinz. Das betrifft etwa die Auto- und Maschinenproduktion und weiterführende Themen wie Verkehrstelematik, aber auch spezielle Industriesoftware wie zum Beispiel Product Lifecycle Management und alles, was einen "komplexen Aufwand innerhalb der Wertschöpfungskette von Unternehmen" erfordert.

ERP nach wie vor gefragt

Daneben ist "allgemeine" Software zur Unternehmenssteuerung (Enterprise Ressource Planning, ERP) nach wie vor auch gefragt: "Hier geht es um die Gesamtintegration eines Unternehmen in sein Liefer- und Verkaufsumfeld", sagt Prinz. Da sich Unternehmen ständig verändern und im Idealfall auch wachsen, sei eine Marktsättigung hier kaum zu befürchten. Zusätzlich explodiere das Datenvolumen, da gespeichert wird, was das Zeug hält: Personenbezogene Daten, Telematikdaten, Geschäftsdaten, Kommunikationsdaten, Analysedaten usw. Hier werde der Bedarf nach Datenbanken und entsprechender Storage-Software noch eine ganze Zeit ungebrochen steigen, meint Prinz, und parallel dazu die Hardware-Nachfrage ebenfalls. Um die Unmengen an Daten zu verwalten und so im Zaum zu halten, werde man noch reichlich Spezialisten benötigen.

Für den österreichischen IT-Arbeitsmarkt bedeute dies, dass die Zukunft in der Spezialisierung des Informatikers liegt. Derzeit gibt es etwa 110.000 bis 120.000 "professionelle IT-Leute" in Österreich, wobei diese Zahl nicht nur Programmierer und Spezialisten umfasse, sondern auch das weite Feld der IT-Consulter. Alle zusammen kommen auf eine durchschnittliche Wertschöpfung pro Mitarbeiter zwischen 80.000 und 120.000 Euro im Jahr, je nach Umfang und Qualifikation der Tätigkeit. Prinz: "Die Grenze zum Consulting verschwimmt natürlich, aber ohne wirtschaftliches und unternehmerisches Verständnis kommt kein Softwarespezialist mehr aus".

Die Zukunft liege daher nicht mehr bei der Tätigkeit der Programmierung oder Wartung an sich, sondern im Berufsbild des "IT-Architekten". Dieser müsse - neben Programmierkenntnissen - ein umfassendes Bild einer Branchenproblematik haben, Prozesse verstehen und sie einer Lösung zuführen. Was früher der Wirtschaftsinformatiker war, sind heute noch weitaus spezialisierte Experten wie der Medizin-, der Biologie- oder Maschinenbauinformatiker, sagt Prinz: "Wirtschaftsinformatik alleine zu beherrschen ist heute ein Muss". Darüber hinaus sollten sich Experten vor allem mit naturwissenschaftlichem oder Ingenieurwissen "aufkreuzen", um gute Jobchancen vorzufinden.

Mit dem Berufszugang, sprich, der Ausbildung, ist Prinz in Österreich im Großen und Ganzen "zufrieden": "Die Ausbildung ist ok, die Studiengänge der Universitäten sind auf hohem Niveau". Die Idealvoraussetzungen für einen jungen "IT-Architekten" seien die Eigenschaften "hervorragend ausgebildet, mehrsprachig und reisewillig". Prinz: "Wenn Firmen so jemanden bekommen, ist das in der Regel der Auftakt für eine erstklassige Berufslaufbahn".

Solcherart qualifizierte Personen brauchen sich auch keine Sorgen um die Zunahme eines anderen Trends machen: Die Auslagerung ("Offshoring", "Nearshoring") von (weniger komplexeren) Softwarearbeiten nach Osteuropa oder gar nach Indien oder China. Prinz: "Natürlich gibt es diesen Trend, er nimmt europaweit und auch in Österreich zu". Dennoch sei Sorge fehl am Platz: Während Standardsoftware-Programmierer heutzutage eher im Osten zu finden sind, bestehe die Gefahr einer Auslagerung komplexer IT-Dienste eher nicht, urteilt Prinz. Denn "Österreich hat ohnehin relativ wenig Standardsoftware-Produktion, das bedienen hier alles die Tochterfirmen der großen Konzerne". Für Spezialisten wiege die Gefahr eines Outsourcings daher eher geringer.

Das zeigte sich zum Beispiel anhand der Auslagerung von Programmierdiensten der Siemens Österreich-Softwareschmiede PSE nach China, "ein prominentes Beispiel für Offshoring", wie Prinz sagt. Routine-Dienste gingen außer Landes, Entwicklung und Spezialwissen bleiben weiterhin bei der heimischen PSE konzentriert - wobei noch nicht klar ist, was nach dem Verkauf der Siemens-Handy-Sparte an die taiwanesische BenQ passieren wird. Denn die Wiener PSE lieferte einen großen Teil der Handy-Software....

Auch CSC selbst lagere "natürlich"aus: "Es gibt nichts daran zu rütteln, dass die billigere Arbeitskraft im Osten und in Asien ist. Jede Branche hat das schon erkannt, da ist die Softwareindustrie sicher keine Ausnahme".

Chance für "höchstqualifizierte Mitarbeiter"

Auch Oracle Österreich-Chef Helmut Eichert schließt sich diesem Urteil an: In der heimischen IT-Branche hätten - im Gegensatz zu den Boom-Zeiten um die Jahrtausendwende - nur mehr "höchstqualifizierte Mitarbeiter" Chancen auf eine gute Karriere, sagt Eichert. Bei Oracle würden z.B. weniger komplexe Unternehmensbereiche wie Buchhaltung, grundlegende Programmierarbeiten und Servicehotlines zunehmend "rund um den Globus" verlagert. Aus China selbst sieht Eichert dagegen keine Bedrohung für die Softwarebranche heran dämmern. Bei Software hätten Chinesen - im Gegensatz zur Industrie- und Konsumproduktion - "keine Wettbewerbsstellung", daher gebe es derzeit keinen diesbezüglichen Handlungsbedarf im Westen.

Das Bezahlungsniveau in der österreichischen Softwarebranche stagniert dagegen nach dem Niedergang des Hypes um die New Economy, wo teilweise für einfache Softwarebetreuungen Traumgagen bezahlt wurden. Bei besonders gefragten Fachleuten gebe es zwar schon dann und wann einmal eine Gehaltserhöhung, plaudert Prinz aus der Schule, doch die hohe Fluktuation in der Branche bedinge recht kurze Gehaltskarrieren, die bei Neueinstellungen wieder von vorne beginnen und dem Unternehmen Personalkosten sparen helfen. Als Vorstand eines Verbandes, der auch bei den Branchen-Kollektivvertragsverhandlungen mitredet, zeigt sich Prinz aber zufrieden: "Zwar wurden die Mindestgehälter leider in der Hype-Phase festgeschrieben, aber das Niveau ist in Summe in Ordnung. Der Kollektivvertrag ist jetzt drei Jahre alt und wird von beiden Seiten angenommen, es gibt also keinen Grund, ihn aufzuschnüren". Die ganz teuren Jobs bekämen ohnehin nur mehr die Top-Spezialisten.

Was die Softwareproduktion selbst betrifft, so meint Prinz auch, dass die großen Debatten um das Für und Wider von Lizenz-Betriebssystemen versus Open Source "abgeklungen" sind. "Betriebssysteme sind zum Commodity geworden, wer was einsetzt, ist mittlerweile eine Frage der Weltanschauung oder des Geschmacks, aber nicht mehr so sehr der Kosten". Als "pragmatischer Ansatz" gefällt Prinz der Zugang der Gemeinde Wien, die sowohl Linux als auch Lizenz-Software gemischt einsetzt, um zu sehen, wo sich was in welchem Umfang besser bewährt. Und was die Ersparnis beim Einsatz von Linux & Co. betreffe, so "muss sich das jeder selbst ausrechnen", meint Prinz. Den "absoluten Vorteil" gebe es nicht mehr, der "Glanz des Open Source" sei schon etwas abgeblättert.

Eines beschäftigt aber auch die heimische Softwarebranche mehr als das Auslagerung von Softwarediensten in den Osten: Die nach wie vor enorm starke Dominanz der USA am weltweiten Markt. Um dem entgegenzusteuern, forderten Europas Softwareverbände zuletzt eine "Clusterbildung" der europäischen Unternehmen, um "der Übermacht der USA die Stirn zu bieten", wie es Karl Heinz Streibich, Chef der deutschen Software AG, ausdrückt. "Es gibt kein Naturgesetz, dass die Software aus Silicon Valley kommen muss", gab sich Streibich vor einiger Zeit auf einer VÖSI-Diskussion rebellisch. Die Entwicklung eigener Produkte und deren Export seien der Schlüssel zum Erfolg und damit die Herausforderung für die Zukunft, so Streibich. Die Europäer müssten vom Patriotismus der Amerikaner lernen. Die EU sollte mehr Geld in die Forschung und Entwicklung stecken, anstatt "über Subventionen aussterbende Industriezweige am Leben zu erhalten". Während die US-Softwareindustrie laut Streibich den Markt für Standardsoftware beherrscht, seien die mehr auf kundenorientiertes Arbeiten spezialisierten europäischen Softwarefirmen für die Zukunft "gut aufgestellt". Ein weiteres Problem der europäischen Softwareindustrie sei, "dass sie nicht kapitalmarktfähig ist", ergänzt VÖSI-Präsident Peter Kotauczek. Gerade auch für Österreich sei "eine adäquate Börse" wichtig, um die Kapitalbasis zu verstärken.

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MONITOR-Autoren
Lothar Lochmaier

Lothar Lochmaier studierte nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann Sozial-und Wirtschaftsgeschichte sowie Politikwissenschaft in München, Madrid und Berlin. Heute arbeitet er als freiberuflicher Fach- und Wirtschaftsjournalist für diverse Print- und Online-Medien. Seine Schwerpunkte sind die Bereiche Informationstechnologie, Energiefragen und Managementthemen. ..mehr..

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