Eduard Rüsing
China ist nicht das einzige Land, das in Sachen KFZ mit kostengünstigen Zulieferern auf den Weltmarkt drängt. Neben China, als einem der bereits heute größten Auto-Absatzmärkte, rücken weitere Niedriglohnländer wie die zentraleuropäischen Staaten inklusive Russland, Indien oder Mexiko in den Blickpunkt.
Das sollte für europäische Zulieferer Grund genug sein, sich bereits heute Gedanken über Kostensenkungen und eine engere Verbindung zu den Herstellern zu machen. Ein SCM-System kann in beiden Fällen die Position eines Zulieferern stärken. Deshalb investierte Knorr-Bremse jetzt europaweit in die Optimierung der Beschaffungsprozesse des Unternehmensbereichs ‚Systeme für Nutzfahrzeuge', unter anderem auch durch den Einsatz der Supply Chain Management-Lösung von Infor Global Solutions.
Bis 80 Prozent des KFZ kommen von Lieferanten
Die Zusammenarbeit und die gegenseitige Verantwortung beziehungsweise Abhängigkeit zwischen Hersteller und dem gesamten Zuliefernetz werden immer enger. Bis zu rund 80 Prozent des KFZ werden mittlerweile durch Lieferanten hergestellt. Die am optimalsten funktionierende Fertigungskette wird das kostengünstigste und beste Produkt liefern. Die dazu entwickelten SCM-Systeme und ihre Strategien werden seit einigen Jahren diskutiert. Bei ersten umgesetzten Projekten wird von signifikanten, zum größten Teil zweistelligen Einsparungen berichtet.
Dabei kommt jeder Prozentpunkt der eingesparten Beschaffungskosten mit einer gewissen Hebelwirkung beim Gewinn an. Das Marktforschungsinstitut Gartner nennt einen Beschaffungsanteil am Umsatz von 40 Prozent über alle Branchen betrachtet. Bei einer angenommenen Gewinnspanne von 10 Prozent hat also jede prozentuale Einsparung in der Beschaffung einen in diesem Verhältnis größeren Gewinnsprung zur Folge.
Auch der Mittelstand kann mit SCM Vorteile erreichen
Eine engere Verzahnung mit den Lieferanten - eventuell bis hin zu einer Just-in-time-Anlieferung - hilft auch im Mittelstand bei steigenden Materialkosten die Fertigungstiefe zu verringern und damit einen Teil der Kosten und der Verantwortung weiterzugeben. Wichtig ist das nicht nur für die eigene Kostensituation, denn z. B. im Automobilsektor bewerten die Hersteller im Rahmen der Audits bei ihren Zulieferern auch deren Beschaffungsprozesse mit ihren Lieferanten.
Knorr-Bremse in München hat 2003 Restrukturierungsmaßnahmen und durchgehende Prozessverbesserungen auf den Weg gebracht, die bereits in 2004 die Ertragskraft des Konzerns entscheidend gestärkt haben. Denn der Gewinn wuchs gegenüber 2003 um glatte 20 Prozent auf 130 Mio. EUR, was zum großen Teil den Strukturverbesserungen zugute geschrieben wird. Zur Optimierung des Beschaffungswesens des Nutzfahrzeugbereichs wird die webbasierte Automotive-SCM-Lösung SupplyWEB von Infor europaweit eingeführt.
Kostengünstige Anbindung bei umfangreicher Funktionalität
SupplyWEB, die SCM-Lösung der Infor Global Solutions vereint E-Connectivity-Werkzeuge und durchgehende Transaktionsüberwachung. Es ermöglicht sowohl traditionelle EDI-Kommunikation als auch webbasierende Methoden. Aufgrund der offenen Schnittstellen und im System integrierter EDI-Funktionalitäten können auch Daten von einem existierenden EDI-System in SupplyWEB eingebunden werden. Mit den offenen Schnittstellen garantiert das SCM-System auch die Kommunikation zwischen allen ERP-Systemen der beteiligten Partner. So lassen sich alle Elemente eines Beschaffungsprozesses abbilden: angefangen von der Preisvereinbarung über Bestell-, Transport- und Abrechnungsinformationen bis hin zur integrierten Lieferantenbewertung und Reklamationsabwicklung.
Den Zulieferprozess und dessen IT-Unterstützung zu optimieren ist eine Seite der Kostenreduzierung. Weitere Vorteile werden erreicht, wenn man die für jeden Artikel optimalste Beschaffungsmethode einsetzen kann. Deshalb unterstützt das Programm nicht nur die konventionellen Lieferabrufe, sondern auch Beschaffungsmethoden wie Kundeneinzelaufträge, sequenzgenaue Lieferung, eKanban oder SMI (Supplier Managed Inventory).
"Mit den großen Lieferanten hatten wir bereits über das klassische EDI eine elektronische Beschaffung realisiert. Aber wir wollten auch die mittleren und kleinen Zulieferer elektronisch anbinden, denn die waren bisher oft vor den nicht gerade geringen Investitionskosten für eine EDI-Anbindung in Höhe von mehreren tausend Euro zurückgeschreckt", beschreibt Wolfgang Stifter, Project Manager Logistics bei Knorr-Bremse, die Ausgangssituation. Durch die Einführung des relativ preisgünstigen SupplyWEB sei es zum Beispiel in Ungarn erst möglich geworden, mittlerweile gut 90 Prozent des Einkaufsvolumens elektronisch abzuwickeln. Dort war die EDI-Anbindung auch aufgrund der Unternehmensgrößen nur bei einem sehr geringen Prozentsatz der Zulieferer realisiert.
Die Einführung der Infor-SCM-Lösung in den Knorr-Bremse-Werken in Deutschland und Ungarn hat mit über 90 Prozent elektronischer Beschaffung in beiden Ländern eine gewisse ‚Sättigungsphase' erreicht. Heute wickeln in Deutschland und Ungarn fast 100 Lieferanten insgesamt 3.400 Sachnummern mit 23.000 Lieferabrufen bzw. 51.000 Lieferscheinpositionen im Jahr via SupplyWEB ab. Die Produkt-Einführung wird auch in den anderen Knorr-Bremse-Werken in Europa in Tschechien, Frankreich, England und Italien weiter vorangetrieben und soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.
"Die Vorteile der Beschaffung per SupplyWEB liegen auf der Hand", zieht Wolfgang Stifter ein positives Fazit. "Wir haben jetzt datensichere und einheitliche Kommunikations-Prozesse und -Dokumente mit unseren Lieferanten, für die klassisches EDI nicht infrage kommt. Und durch den 30-Minuten-Übertragungsrhythmus der Lieferabrufe und die gesamte Transparenz über die neu strukturierte Lieferprozesse erreichen wir sehr kurze Reaktionszeiten auf Bestelländerungen."
Der elektronische, weitgehend automatisierte Datenaustausch führe zudem zu einem geringeren Verwaltungsaufwand aufgrund einer Reduzierung der manuellen Tätigkeiten in den einzelnen Prozessschritten, wie z.B. beim Dokumentenversand der Lieferabrufe oder beim Wareneingang. Darüber hinaus würden auch die direkten Übertragungsgebühren (Fax-, Telefon-, Portokosten) entscheidend gesenkt.
Aber auch für die Lieferanten sieht der Projektmanager wichtige Vorteile durch SupplyWEB: z.B. die schnelle Bereitstellung und hohe Verfügbarkeit der Lieferabrufe, aktuelle Informationen über den Lieferstatus, einfache Erstellung von Standard-Versanddokumenten und deren Nachvollziehbarkeit, automatisches Verbuchen der Lieferschein-DFÜ im Wareneingang oder eine Reihe wertvoller Statistikfunktionen. "Das zeigt, dass beide Seiten, Knorr-Bremse und die Lieferanten, von einer elektronischen Beschaffung entscheidend profitieren."
Eduard Rüsing ist freier Fachjournalist in Karlsruhe




1/2012
8/2011
7/2011


Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 