Alexandra Riegler
Auf den Prioriätenlisten stehen Speicherprojekte immer noch ganz oben: Kaum ein Unternehmen, das nicht gerade mehr Platz für Daten schafft, dem Storage Networking auf die Beine hilft oder seine Speichermanagementdisziplin überdenkt. "78 Prozent der Unternehmen in EMEA sind überzeugt, dass ihre Datenbestände in den kommenden zwei Jahren weiter anwachsen, vor allem auf Grund erhöhten E-Mail-Aufkommens", zitiert Michael Väth, Senior Vice President und General Manager EMEA von Hitachi Data Systems (HDS) eine jüngst in Auftrag gegebene Studie.
Seit Daten nicht mehr einfach weggespeichert werden, sondern als Business-kritischer Asset mit ständiger Zugriffsmöglichkeit auf ihre Ausbeute warten, gibt es nichts, was sich nicht optimieren, wo sich nichts anbauen ließe.
Zweistellig an der Hardware vorbei wächst dabei weiterhin die Speicherverwaltungssoftware: Die Kunden sind laut IDC bereit, Geld für Datensicherheit, Storage Resource Management (SRM) oder Compliance in die Hand zu nehmen.
Seit selber bauen, wonach der Kunde verlangt, zu lange dauert und nicht mehr im Trend liegt, wird hinzugekauft was die Budgets halten. Dass die Bedürfnisse der Kunden oftmals von der Akquisitionsgeschwindigkeit überholt werden und den perfekt ausgeklügelten Portfolios ohnehin die Transparenz fehlt, tut der Übernahmewut auch keinen Abbruch.
Big Bangs mit Fragezeichen
Der größte Zukauf in der Geschichte Sun Microsystems war gleichzeitig einer der erklärungsbedürftigsten: 4,1 Mrd. Dollar in bar legten die angeschlagenen Sparc-Macher im Sommer für Storagetek auf den Tisch, während die Branche witzelte, ob die Zukunft des Internet jetzt Magnetband hieße. Sun-President und COO Jonathan Schwartz zeigt die inneren Werte des Deals auf: das Unternehmen sei "profitabel und Cash-flow-positiv". Neben der runden Milliarde Dollar in den Portokassa, verschaffte sich Sun auch eine wichtige Flächendeckung in seiner Sales- und Support-Organisation. "Unterbesetzt lässt es sich schwer Druck machen", resümiert Schwartz da in seinem Weblog.
Auch gäbe es keine unnötigen Überschneidungen im Portfolio, ein Argument, das ein halbes Jahr davor wohl auch Symantecs Chairman und CEO John Thompson ins Treffen führte. Um 13,5 Mrd. Dollar sicherte er sich den heiß begehrten Speichersoftware-Bauer Veritas. Die Strategie hinter dem Kauf ist eine langfristige, großes Potenzial wurde da bescheinigt, jedoch wenig rasch greifbarer Nutzen. Welche Schlagkraft Veritas im Portfolio eines der führenden Hardware-Anbieter gehabt hätte, darüber lässt sich nur mehr spekulieren.
Appetit auf immer mehr
Die Akquisitionslisten von EMC erinnern bisweilen an die Namensgebung von Wirbelstürmen in einem aktiven Jahr: Man weiß selten, welcher Buchstabe gerade aktuell ist. Auf die großen Fische wie Documentum (1,7 Mrd. Dollar) und Legato (1,3 Mrd. Dollar) folgte Verdaubares wie Backup- und Restore-Anbieter Dantz Development (50 Mio. Dollar) und die Software-Schmiede System Management Arts, kurz Smarts (260 Mio. Dollar). EMC steckte in den vergangenen zweieinhalb Jahren nicht weniger als viereinhalb Mrd. Dollar in die Akquisition von Software-Unternehmen und brachte damit einen lange unterversorgten Bereich auf Vordermann.
Doch auch wenn EMC stets Zahlen lieferte, von denen die Konkurrenz nur träumte, die Investoren wussten die Performance nie so richtig zu schätzen, der Aktienpreis bewegte sich lange Zeit um eher bescheidene 14 Dollar. Zu wenig traute man der Fähigkeit des Speicherriesen, auch ohne Zukäufe Wachstum zustande zu bringen.
Jüngster Zuwachs ist die Software-Schmiede Captiva, die den Markt für Input Management Solutions bedient. Um 275 Mio. Dollar nimmt es EMC nun auch mit Daten auf Papier auf und digitalisiert sie zum Asset: Information Lifecycle Management streckt seine Fänge damit bis zum Post-it aus.
Kurzfristig sehen die Analysten von Gartner durch den Captiva-Deal zwar EMCs Aufstellung bei Versicherungen und Finanzdienstleistern verbessert, langfristig wäre das Geld jedoch besser im Bereich analytischer oder kategorisierender Technologien angelegt gewesen.
Anempfohlen werden inzwischen auch erste Trennungen: Vor zwei Jahren um stolze 635 Mio. Dollar übernommen, raten Marktbeobachter, die erfolgreiche VMware in die Unabhängigkeit zu entlassen. Mit einem Umsatz von 100 Mio. Dollar setzen die Virtualisierer mehr Geld beim Zerteilen des Open Source-Betriebssystems Red Hat um als die OS-Macher selbst mit Verkäufen und Services. Und auch wenn ein solcher Umsatzbringer in der Bilanz gern gesehen ist: Investoren würden eine eigenständige VMware nur so umschwirren und die Shareholder kämen so endlich auf ihre Kosten.
Ruhigere See
Um die Bedeutung eines abgestimmten Software-Portfolios weiß auch Hitachi Data Systems, entsprechend sorgfältig widmet man sich der Anpassung und Aufstockung. Hinzu kommen laufende Verbesserungen im Bereich von Professional Services und Marketing. Gartner spendierte zuletzt sogar eine Beurteilung in Geschmacksrichtung "positiv". Einzig das Wachstumspotenzial in den mittleren Produktklassen scheinen die nach eigenen Angaben führenden Anbieter für "Application Optimized Storage" nicht entsprechend zu nutzen.
Nach außen hin ruhiger, jedoch mit einer Reihe neuer und wichtiger Kooperationen navigiert IBM im Speichermarkt. Unangefochten etwa im Segment Bandspeicherung gilt es für Big Blue seinen Marktanteil bei Disks auf Vordermann zu bringen. Und auch im Software-Segment gilt es an der Führungsrolle zu arbeiten.
Zwar ist IBM traditionell weit voraus beim Thema Virtualisierung, zuletzt konnte jedoch EMC mit seinem überfälligen Invista-Projekt einiges an Boden gut machen. Der große Unterschied zum Virtualisierungsangebot von IBM und HDS: Bei beiden Systemen lassen sich wichtige Funktionen nur über proprietäre Lösungen nutzen.
Auf und ab
Sein Engagement für den Markt von Storage Management Software verstärkt Gemischwarenanbieter Computer Associates (CA) mit seiner Mitte Oktober getätigten Übernahme von iLumin. Die Firma bietet Software zur Archivierung von E-Mails an, zudem Lösungen für Mailbox-Management und Compliance-Überwachung.
Das Investment war ein durchaus notwendiges, CA fiel bei seinen Ausgaben für Storage Management gegenüber der Konkurrenz zuletzt immer deutlicher zurück. Insbesondere in den wachstumsstarken Segmenten wie Datenschutz, Replikation und Archivierung, aber auch in seiner Domaine Backup verlor der Software-Riese an Boden.
Entscheidend für den iLumin-Deal wird sein, ob CA die Mittel aufbringen kann, um das Unternehmen am ereignisreichen Markt entsprechend zu pushen. Gefragt sind durch die Konsolidierung mit dem Bereich Record Management die engere Integration der Lösungen, aber auch weitreichendere Partnerschaften mit Enterprise Content Management-Anbietern (ECM).
Schwächen im Software-Bereich mag es geben, an der stetigen Festigung seiner Spitzenposition im Speicherbusiness hindert dies HP nicht: Mit einem schlagkräftigen Hardware-Portfolio macht sich der IT-Riese ganz vorne breit.
Die letzte Übernahme datiert auf Ende September: AppIQ, ein Storage Resource Management-Anbieter (SRM), der - und wer behauptet das nicht - Software herstellt, die verspricht, aus Speicherlandschaften das Maximum herauszuholen.
Attraktiv an AppIQ ist vor allem sein über OEM-Abkommen gelegter Zugang zu so genannten Application Programming Interfaces (API) zahlreicher Hersteller, etwa jenen von EMC. Hinzu kommen Reseller-Abkommen unter anderem mit HDS und Sun Microsystems.
Immer stärker baut indes Dell seine Positon im Speichermarkt aus und punktet vor allem bei kleineren und mittleren Lösungen. Das Portfolio tadellos in Schuss und das weltweite Service im Griff, folgt nun auch die Marktabdeckung dem Erfolgsbeispiel.
Kaum besser könnte auch das Geschäft für Network Appliance laufen. Mit seinem lückenlosen NAS-Angebot, legt das Unternehmen der Konkurrenz immer wieder zweistellige Wachstumsraten vor. Seinem Compliance-Portfolio fügte NetApp im Juni Decru hinzu, ein Unternehmen das unterschiedliche Verschlüsselungsanwendungen im anbietet, die sich nützlich in Speichernetzwerke einbringen lassen.
Zwischen Pragmatismus und Visionen
Das Gerangel um die leckersten Bissen am Markt steht auch weiterhin an der Tagesordnung. Der Kunde ist dabei herausgefordert zwischen Sparstift und Zukunftstauglichkeit zu navigieren, den heterogen gewachsenen Landschaften ein straffes Managament Tool aufzusetzen und gleichzeitig die rasch wachsenden Portfolios der Anbieter zu durchschauen.
Bei all der Unstetigkeit scheint für Sun-Manager Schwartz eines jedoch sicher: "Wenn es eine Zukunft des Internet gibt, so ist dies meiner Meinung nach nicht der Computer, ein bestimmtes Speichermedium oder ein Stück Software. Kunden lassen diese jeden Tag hinter sich. Aber ihre Daten geben sie nie auf."





1/2012
8/2011
7/2011


Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. 