Conrad Gruber
Die Lösung: Chavez plant die Gründung eines staatlichen Computerkonzerns namens "Technological Industries of Venezuela". In einem Joint-Venture mit dem bisher im Westen kaum bekannten chinesischen PC- und Software-Hersteller Langchao will Chavez um mehr als fünf Milliarden eine große Computerfabrik auf die grüne Wiese bei Caracas stellen, die fortan Scharen von Menschen Arbeit geben und im Vollbetrieb 150.000 PC pro Jahr ausstoßen soll. Der Preis für ein Gerät soll nicht mehr als umgerechnet 300 Euro betragen.
Die Idee macht zweifellos Sinn: Denn Computer müssen - zumindest nach einer staatlichen Verteilungslogik oder unter dem Blickpunkt der digitalen Entwicklungshilfe - in der Tat nicht so teuer sein wie sie derzeit immer noch sind. Nicholas Negroponte, Chef des MIT Media Lab in Boston, der ein ähnliches Projekt eines 100-Dollar-Billig-Laptops mit chinesischer Linux-Software verfolgt, rechnet vor, dass die Marktpreise heute angebotener Geräte nur zur Hälfte aus Hardwarekosten und zum Rest aus Marketing- und Vertriebsaufwendungen sowie Gewinnanteilen und Steuern bestehen. Verzichtet man darauf, seien Computer auch für arme Länder mehr oder weniger leistbar.
Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen den Ideen von Chavez und Negroponte: Der venezolanische Präsident attackiert mit seinem Staats-PC die internationalen Hersteller direkt und will sie "zu mehr Wettbewerb", sprich: zu Preissenkungen zwingen und verfolgt damit eine klare antikapitalistische Linie. Negroponte dagegen will dafür sorgen, dass sein Billig-Laptop dezidiert als Entwicklungshilfeprojekt - wie von der UNO am letzten Weltgipfel der Informationsgesellschaft gefordert - läuft und nicht am freien Markt erhältlich sein soll. Man kann gespannt sein, welche Vision sich letzten Endes durchsetzt.



1/2012
8/2011
7/2011


Mag. Carl-Markus Piswanger, MAS ist freier Journalist, Projektberater und hauptberuflich IT-Architekt. Er ist ausgebildeter Versicherungskaufmann, studierter Historiker und postgradualer E-Government-Experte. Er war beim ISP Netway, der Österreichischen Post und der Seibersdorf Research beschäftigt und seit 2004 als IT-Architekt im Bundesrechenzentrum. Der Wiener ist glücklich nicht verheiratet und hat einen Sohn. 