Dr. Wolfgang Martin
Worauf kommt es beim Stammdatenmanagement an? Da gibt es zwei wesentliche Aspekte: den der Synchronisierung von Stammdaten, ein eigentlich bekanntes Problem, und einen neuen Aspekt, den der Historisierung von Stammdaten.
Sychronisierung
Beginnen wir mit der Frage der Synchronisierung. Wir wollen prozessorientiert sein. Unsere Prozesse sollen abteilungs- und unternehmensübergreifend sein, sie sollen applikationsunabhängig sein. Dazu ist Stammdatenmanagement eine wesentliche Voraussetzung. Wir brauchen ein einheitliches "Geschäfts-Vokabular" für unser Unternehmen. Wenn wir mit unseren Händlern, Lieferanten und Kunden kollaborieren wollen (oder müssen), dann muss dieses Geschäfts-Vokabular auch über unsere Unternehmensgrenzen hinaus nutzbar sein und genutzt werden. Denn Stammdaten definieren Datenobjekte und Strukturen in der Geschäftslogik von Services in einer SOA (service oriented architecture). Sie gehören also zu den fachlich betriebswirtschaftlichen Metadaten. Es geht darum, alle irgendwo gespeicherten und oft widersprüchlichen Stammdaten in ein konsistentes Geschäfts-Vokabular für alle Services in einer SOA zu überführen.
Die Lösung dazu ist bekannt: Man braucht ein Repository mit den folgenden Merkmalen:
- Templates für die unterschiedlichen Typen von Stammdaten (Kunden, Produkte, Lieferanten, Mitarbeiter, Händler oder andere unternehmensspezifische Typen),
- Werkzeuge für einen kontinuierlichen Qualitätsmanagement-Prozess,
- Werkzeuge zum inhaltlichen Anreichern von Stammdaten,
- Mehrsprachenunterstützung,
- Publish & Subscribe Distributionsmechanismen zur Stammdatensynchronisierung.
Die meisten Lösungen in den Unternehmen sind immer noch Marke Eigenbau, da Produktangebote bisher mangelhaft waren. Doch inzwischen gibt es bei einigen Anbietern interessante Lösungsansätze. Relativ fortgeschrittene Lösungen gibt es vor allem bei den Anbietern von Datenintegration und erste Ansätze bei den Applikations- und Applikations-Infrastrukturanbietern. Insbesondere die Lösungen der Datenintegrationsanbieter sollte man sich aber jetzt anschauen, wenn die eigene Lösung zu teuer wird oder wenn man sich im Zuge einer SOA-Initiative dem Thema Stammdatenmanagement endlich stellen muss.
Der zeitliche Aspekt
Das klassische Repository genügt aber heute in vielen Fällen nicht mehr, denn Stammdaten leben! Ursprünglich dachte man: Stammdaten sind Daten, die längere Zeit gültig sind und über längere Zeit unverändert bleiben. Das ist in der Welt virtueller Unternehmensnetze und globaler Kollaboration aber nicht mehr unbedingt der Fall. Nehmen wir ein paar Beispiele:
- Kategoriemanagement lokaler Produkte in einer Supermarktkette: Nicht nur, dass gleiche Produktkennungen in verschiedenen Supermärkten verschiedene Produkte bedeuten können, sondern hier gilt insbesondere: Lokale Produkte kommen und gehen, und dann kommen sie wieder. Wie können Sie hier Performancevergleiche machen?
- Catering im Restaurationswesen: Buffets und Tageskarten werden aus Kosten- und Wettbewerbsgründen kontinuierlich geändert. Wie schaffen Sie hier eine Kostenkontrolle?
- Elektronischer Handel: Aktien beispielsweise ändern sich stetig durch Neuemissionen, Rückkäufe, Verkäufe von Unternehmensteilen, Fusionen etc. Wie können Sie hier die Performance von Aktien über die Zeit kalkulieren, um als Händler richtig zu investieren?
- Mautsysteme: Mautobjekte (ein Lastwagen eines Spediteurs beispielsweise) kommen an einem Ort ins Mautgebiet, verlassen es an einem anderen und kommen dann zu einem anderen Zeitpunkt wieder ins Mautgebiet. Wie kontrollieren Sie die Performance?
Wo liegen die Problemzonen?
Genug der Beispiele, was ist das gemeinsame Problem? Die Historie der Stammdaten zu kennen, um Nachvollziehbarkeit (bei Prüfungen durch den Auditor) und Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Mit anderen Worten: ein Repository gibt uns nur einen Schnappschuss der Stammdaten, was man aber in mehr und mehr Fällen braucht, ist die zeitliche Fortschreibung des Repository. Die Zeit wird zu einer neuen Dimension im Stammdatenmanagement. Damit erhalten wir eine Versionierung der Stammdaten und können so Konsistenz der Stammdaten zu jedem Zeitpunkt leisten. So lösen wir die Problemstellungen in den obigen Beispielen.
Stammdaten sollen ja den bekannten "single point of truth" liefern. Wir liefern jetzt diesen single point of truth zu jedem Zeitpunkt, eine wesentliche Voraussetzung für Prozess-Orientierung und die Einführung einer SOA. Und wo sind die Lösungen? Produkte sind noch rar. Die großen SOA Verfechter sind noch nicht so weit. Aber im Data Warehouse Umfeld gibt es schon erste, hoch interessante Produkte. Und es gibt Spezialisten, die den Prozess der Historisierung von Stammdaten auf Basis von Standardprodukten professionell bauen.
Die Forderung der Nachvollziehbarkeit der Regulierungs- und Regierungsbehörden (Sarbanes Oxley, Basel II, Insolvency, IFRS) lässt uns keine Wahl und nur noch wenig Zeit: "Stammdatenmanagement, also Synchronisierung und Historisierung von Stammdaten, tut Not!"




1/2012
8/2011
7/2011


Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. 