Andreas Roesler-Schmidt
Wie verwirrend SAPs NetWeaver-Marketing sein kann, illustriert ein Gespräch, dass der Monitor vor einiger Zeit mit einem von SAP als NetWeaver-Referenz empfohlenen Anwender führte. Nach ausführlicher Beschreibung der SAP-Implementierung in jenem Unternehmen, lautete die harmlose Frage des Monitor-Autors: "Und welche Vorteile bringt ihnen dabei NetWeaver?". Die Antwort des IT-Leiters kam ebenso prompt wie verblüffend: "NetWeaver? Nein, NetWeaver verwenden wir nicht." - "SAP hat gesagt, Sie sind NetWeaver-Referenz" - "Nein, wir verwenden FI, CO, [...], aber NetWeaver ist nicht dabei." Jenem ominösen NetWeaver, das zwar Versionsnummern erhält und wie ein Produkt vermarktet wird, aber als solches gar nicht existiert, auf die Spur zu kommen, ist also nicht einfach.
Wenn SAP nicht das einzige Thema ist, stößt man schnell an die Grenzen der Spezialisierung, daher suchten wir Unterstützung bei einem noch stärker spezialisierten Experten. Wir fanden ihn in Peter Färbinger, Gründer und Herausgeber des ERP-Fachmagazins E-3, der durch seine Spezialisierung auf das ERP-Umfeld naturgemäß die SAP-Entwicklungen wesentlich genauer verfolgen konnte als wir und auch in noch engerem Kontakt mit SAP-Anwendern steht.
Um dem Mythos NetWeaver auf die Spur zu kommen, empfahl uns Peter Färbinger bis zu den Anfängen von R/3 zurückgehen: "Die strategische Zielrichtung von SAP war bereits damals die Integration. Sie wollten ein integriertes System liefern, das ohne Schnittstellen-Problematik rund läuft und in dem die Daten konsolidiert sind", erzählt Färbinger aus den Anfangstagen. "Bei den ersten R/3 Systemen hat man ja auch eine Datenbank, in der alles drinnen ist. Das haben sie mit R/3 sehr gut umgesetzt."
Aber das wirkliche Leben kommt eben oft anders: R/3 war sicher gut, brachte aber die Integration nicht so zustande, dass man sich darüber keine Gedanken mehr machen müsste. "Einerseits weil es selbst gewachsen ist und neue Funktionen wie CRM oder das Data Warehouse dazugekommen sind, andererseits weil kaum ein Kunde eine reine SAP-Umgebung betreibt." Der ursprüngliche integrierende Gedanke mit einem ERP-System ließ sich nicht wirklich umsetzen. "Hasso Plattner hat das sehr früh erkannt. Ich erinnere mich an einen historischen Auftritt auf der Sapphire 2001 in Lissabon: Hasso Plattner hat dort das erste Mal die Idee eines Daten-Hubs an die Öffentlichkeit gebracht: eine "Exchange Infrastruktur", wie sie dann später auch als Produkt genannt wurde, an der man verschiedene Systeme andocken kann, in der die Daten in einer heterogenen Umgebung automatisiert hin- und her fließen können. Die Exchange Infrastructure, die heute Teil von Netweaver ist, hat er damals bereits skizziert."
Auch Fremdsysteme waren auf diesen Diagrammen bereits eingebunden. Aus der Exchange-Plattform ist zunächst "mySAP Technology" entstanden, das eine integrierende Middleware hätte werden sollen. "Dann hat SAP aber gesehen, das R/3 selbst sich auch im Kernsystem weiterentwickeln müsste. Man hat sich überlegt, wie lange man noch mit ABAP statt Java arbeiten kann. An allen Ecke gab es Probleme, weil das klassische R/3 immer komplexer geworden und der ursprüngliche Integrationsgedanke immer mehr verloren gegangen ist." mySAP Technology als Blueprint für die Integrationsplattform ist recht schnell wieder in Vergessenheit geraten, als Shai Agassi mit der NetWeaver-Idee kam.
SAP - und andere Sichtweisen
NetWeaver ist in der SAP-Sicht weit mehr als klassische Middleware und leistet mehr als EAI (Enterprise Application Integration). Es soll ein Werkzeug sein, das nicht nur die Systeme integriert, sondern auch eines um Prozesse zu steuern und zu entwerfen. "Tatsächlich ist es aber derzeit eher ein Konglomerat aus verschiedenen Teilen, die alle gut und wichtig sind. Man kann aber nicht von einem homogenen Produkt reden", relativiert Färbinger das von SAP verbreitete Bild. "In den SAP Köpfen ist NetWeaver der Zuckerguss, der die ersehnte Integration in einer ERP-Landschaft, die einheitliche Sicht, die Datenkonsistenz und -Konsolidierung wiederherstellen soll. Das ist ein sehr ehrenhafter und wichtiger Gedanke, aber nicht neu." Schließlich versucht das IBM mit Websphere schon sehr lange, und viele andere - darunter Datenbankhersteller wie Oracle - bieten ähnliche Werkzeuge, um die Datenkompatibilität, und -integrität herzustellen.
Derzeit ist NetWeaver in der Realität ein Konglomerat von einzelnen Bausteinen wie dem Enterprise Portal oder dem Solution Manager. Einer der wichtigsten Bestandteile, die Exchange Infrastructure, dient als Datendrehscheibe - als Hub, der aus SAP- und Non-SAP-Systemen Daten zu Verfügung stellt und für einen Datenfluss in einer heterogenen Systemlandschaft sorgt. "Teilweise hat sie sogar SAP selbst vor einem Desaster bewahrt: Die SAP-Systeme waren schon so komplex geworden, dass SAP selbst dieses Werkzeug gebraucht hat." Der Web Application Server dient inzwischen als Basis für beinahe alle Systeme. Hier ist SAP aber keineswegs der einzige Anbieter. Da sich hier alle Hersteller hervorragend an Standards halten sind sie auch austauschbar.
Produkt oder Marketing?
"NetWeaver" ist heute also eigentlich nur ein Marketingprodukt, der Überbegriff für eine Menge von Einzelprodukten. "SAP hört das sehr ungern, weil es in kein schlüssiges Konzept passt und auch nicht gut fürs Marketing ist, liefert aber selbst den Beweis dafür - allein in der Tatsache, dass es keine NetWeaver-Zertifizierung gibt." SAP bildet Berater aus und zertifiziert sie am Ende eins Kurses. Man kann Zertifizierungen für Enterprise Portals, für XI, und viele weitere Einzelprodukte bekommen. Im SAP-Schulungsplan gibt es aber keinen Kurs für "NetWeaver", geschweige denn eine entsprechende Zertifizierung. Es ist eben ein Konglomerat, viel zu komplex und inhomogen, um einen durchgehenden Schulungsplan zusammenstellen zu können. SAP hat soviel in NetWeaver hineingestopft, dass gar keine Ausbildung möglich wäre - wer den letzten Kurs absolviert, müsste beim ersten wieder anfangen, da sein Wissen nicht mehr aktuell wäre.
Aber auch kaufen kann man "NetWeaver" nicht: Den NetWeaver-Kern mit den wichtigsten Basisfunktionen und Highlights (Enterprise Portal, Solution Manager, Master Data Management, Exchange Infrastruktur, Web Application Server) kann man nicht erstehen, weil er Bestandteil einer mySAP-Lizenz ist. "Wenn man einen alten R/3-Vertrag in eine mySAP Business Suite wandelt, hat man das Recht, alle Produkte, die unter dem Namen NetWeaver zusammengefasst sind zu verwenden. Netweaver als solches kann man nicht kaufen, braucht aber auch niemand." Wenn SAP oder insbesondere Shai Agassi im Rahmen seiner Keynotes von NetWeaver 2004 oder 2005 spricht, bezeichnet es kein Produkt, sondern bestimmte Meilensteine oder Release Dates, wo man ein Paket mit bestimmten Versionen der einzelnen Komponenten enthält. "In der Praxis stellt sich das aber fast ausschließlich als Marketing heraus: Vielen Kunden ist NetWeaver völlig egal, aber sie brauchen für ihre heterogene Landschaft die XI. Niemand kümmert sich darum, in welchem Paket das drinnen ist. Es hat jeder individuelle Anforderungen und niemand hat alle diese Module im Einsatz."
Sie tragen zwar jetzt einen NetWeaver-Stempel, aber auf Entwicklungsebene und als Module beim Bestandskunden hat sich nicht viel geändert. "Wenn jemand früher das Business Warehouse eingesetzt hat, setzt er es jetzt auch ein und macht die Releasezyklen mit. Es ist lizenztechnisch ein Bestandteil von NetWeaver, hat aber damit nichts zu tun. Das spricht aber nicht gegen die Qualität der Produkte. Es ist bloß dasselbe was es vorher auch war, nur eben in aktuellerer Version."
Was SAP-Anwender tatsächlich machen
Alte Gewohnheiten gibt man ungern auf: Ein Drittel der SAP-Bestandskunden denkt nicht daran, sich von R/3 zu verabschieden. Immerhin fast die Hälfte setzt aber Portale ein, wie sie mit NetWeaver in den Vordergrund getreten sind.Was SAP anbietet ist weitgehend bekannt, doch wer benützt die Systeme der SAP überhaupt - und wie? Eine Studie der RAAD Consult über die SAP-Anwender in Österreich geht dieser Frage nach. Im Fokus stand der Einsatz der mySAP Business Suite bei SAP-Bestandskunden in Österreich.
Neben der allgemeinen wirtschaftlichen Situation werden Investitionsentscheidungen stark von der Produkt- und Preispolitik SAPs beeinflusst, kommt die Studie zum Schluss und stellt eine Verunsicherung der SAP-Kernkundschaft (also den R/3-Anwendern) fest, was die maximalen Laufzeiten der Wartungsverträge der einzelnen R/3-Releases betrifft. Trotz der Zusage "dass es keinen unbetreuten SAP-Kunden geben wird" soll durch eine Begrenzung von Wartungszeitraum und Supportumfang ein Umstieg auf mySAP forciert werden. So wurden jüngst auch Anwender, die von älteren R/3-Versionen auf das neueste Release R/3 Enterprise migrieren bzw. dieses planen mit Limitierungen der Wartungszeiträume konfrontiert.
Bei den Großkunden ist der Markt weitgehend gesättigt, SAP hat daher (wie die anderen Anbieter auch) in letzter Zeit den Mittelstand ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt - rund die Hälfte der Kunden sind mittelständische Unternehmen.
Rund ein Drittel der Bestandskunden setzt bereits mySAP ein während ein weiteres Drittel keinerlei Ambitionen hat, ihre R/3 Standardsysteme durch mySAP-Funktionalitäten zu ergänzen. Hauptgrund für eine baldige mySAP-Einführung dürfte in Österreich der Funktionsumfang sein - wesentliches Unterscheidungskriterium zu R/3 und jener Punkt ("Funktionale Vollständigkeit"), den die befragten Unternehmen mit der Durchschnittsnote 2,5 in Zusammenhang mit dem Wechsel von R/3 zu mySAP am höchsten bewertet haben.
Die Studie vergleicht die derzeitige Entwicklung der Akzeptanz der mySAP-Lösungen mit den Vorgängen bei der Ablösung von R/2 durch R/3. Bestandskunden hatten auch da zunächst zurückhaltend reagiert, erst als nach erheblichen Zugeständnissen bei Lizenzgebühren eine kritische Masse von rund 10 Prozent gewechselt hatten, stieg die Migrationsbereitschaft deutlich.
Im Bereich Enterprise Application Integration (EAI) erreicht SAP einen Anteil von rund 58 Prozent, 15 Prozent machen Eigenentwicklungen aus. 44 Prozent der SAP-Kunden benützen SAP Portal-Lösungen, 39 % bevorzugen Eigenentwicklungen.
Bedeutung von Unternehmensportalen steigt
Das Bewusstsein über die Bedeutung von Unternehmensportalen für die Wertschöpfung wächst beständig. Portale werden mittlerweile weniger aus Imagegründen implementiert, sondern der Business-Nutzen rückt stärker in den Vordergrund. Die Vorgehensweise bei der Planung von Projekten ist konkreter.
Ermöglicht werden die Business-Vorteile unter anderem durch einen Einstellungswandel der Unternehmen. Denn diese sind mittlerweile auch dazu bereit, geschäftskritische Informationen wie zum Beispiel ERP-Daten über Portale bereit zu stellen. Diesem Trend hat sich auch SAP nicht verschlossen. Im Rahmen der NetWeaver-Funktionalitäten wird das Enterprise Portal als Standardoberfläche entwickelt. Da Anwender aus Sicht der SAP nicht mehr nur Transaktionen auslösen, sondern zudem vermehrt auf Inhalte zugreifen sowie mit anderen Benutzern online kommunizieren sollen, konzentriert der Hersteller seine Entwicklungsbemühungen nunmehr auf das Portal als universelle Benutzeroberfläche. Gleichzeitig will der ERP-Spezialist auf diesem Wege die Trennung von Geschäftslogik und Benutzer-Schnittstelle vollziehen, die mit dem SAP GUI-Client nicht ohne weiteres zu bewerkstelligen ist.
In der Fortsetzung lesen Sie, weshalb SAP so intensiv für NetWeaver wirbt und welcher zu wenig betonte, essentielle Vorteil NetWeaver von Mitbewerbsprodukten unterscheidet und dem Konzept Sinn verleiht. Außerdem lassen wir SAP selbst in Sachen NetWeaver zu Wort kommen, holen die Einschätzung von Analysten ein und gehen Anwender-Wünschen und -Sorgen nach. Wir blicken in die Zukunft NetWeavers als Business Process Platform. Und wir lösen auf, weshalb SAP-Kunden manchmal nicht wissen, dass sie NetWeaver einsetzen.




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Manfred Wöhrl ist Geschäftsführer der R.I.C.S. EDV-GmbH (Research Institute for Computer Science, www.rics.at), spezialisiert auf Securitychecks und Security-Consulting. 