Andreas Roesler-Schmidt
Kein anderes Kürzel dominierte die diesjährige Internationale Funkausstellung in Berlin so wie HDTV. Ganze Hallen waren dem hochauflösenden Fernsehen gewidmet und alle Hersteller bringen immer größere - und insgesamt den Kinderkrankheiten entwachsene - Flachbildfernseher mit Plasma- und LCD-Technik. Gleich in beiden Gattungen konnte Samsung die derzeit größten Modelle zeigen: Ist schon der größte LCD-TV (82 Zoll) beeindruckend, überwältigt der 102-Zoll Plasma-Riese völlig - spätestens, wenn einem der Moderator im TV in Lebensgröße vis-a-vis steht. Aufgrund der Preise sind diese Extremgrößen fürs erste wohl eher im öffentlichen Bereich interessant - eigentlich schade, die HD-Schönheiten für Abflugstafeln am Flughafen zu verwenden.
Die beiden Flachbild-Varianten nähern sich im Preis einander an, die alte Regel "Kleiner Fernseher LCD, großer Fernseher Plasma" verwischt zunehmend. Da Plasma immer noch mit der Lebensdauer (Einbrennen) zu kämpfen hat und der früher unangenehme Nachzieheffekt bei LCD weitgehend behoben ist, geht die Branche von einem Trend zu LCD aus. Daneben ist aber auch der Röhrenfernseher als Massengerät immer noch lebendig - bei Samsung wurde ihm daher als "SlimFit" Modell ein LCD-artiges Design mit schmaler Röhre verpasst.
Dass HD-Fernsehen wirklich besser aussieht, konnte es auf der IFA endgültig beweisen. Einigen wagten es, Filme in HD und "normal" zum Vergleich nebeneinander vorzuführen - ein Vergleich den HD haushoch gewinnt. Ob die Euphorie der Branche allerdings gerechtfertigt ist und Konsumenten wie wild zu (immer noch nicht billigen) HD-ready Geräten greifen, bleibt fraglich. Was nützt der Fernseher, wenn das Programm fehlt?
Außer einem Astra-Demokanal, Prosieben und dem teuren Bezahlfernsehen Premiere herrscht Mangelware. An HD-Content auf Disk mangelt es ohnehin, da die BluRay- und HD-DVD-Lager immer noch streiten. Auch der Hoffnungsträger Fußball-WM ist vage - das Spiel wird auch nicht besser, wenn man jeden Grashalm sieht. Wenn die TV-Branche daran erinnert, dass ja auch das Farbfernsehen dank Fußball-WM zum Durchbruch kam, mischt sich Zweckoptimismus mit Naivität: Der Sprung ist nicht derselbe.
Zwar ist HDTV deutlich besser, aber das derzeitige PAL-Bild schmerzt auch nicht so, dass man mit einem guten aktuellen Gerät unzufrieden wäre. Es fehlt jener Leidensdruck, der in den USA das schreckliche NTSC-Bild (Spitzname "Never the same Color") recht rasch durch HDTV ablösen ließ. Abgesehen davon, dass die Mehrheit der Sender die HD-Kosten noch scheut, liegt in den Filmarchiven ohnehin kaum Material dafür. Schade, denn schärfer wär's.
Streaming strömt ins Wohnzimmer
Zwei grundlegende Ansätze für den Medienkonsum etablierten sich auf der IFA: Eine Reihe von Consumer Geräten bekommt Anschluss ans Netzwerk, um ebenso wie eigens dafür geschaffene "Media Receiver" Audio/Video-Dateien von einem als Medienserver dienenden PC im Arbeitszimmer zu empfangen. Die reinen Media Receiver (Samsung, Sony, Fujitsu Siemens und Thomson zeigten solche Geräte) beschränken sich darauf, die empfangenen Multimedia-Daten an den Fernseher weiterzugeben. Am anderen Ende stehen diejenigen, die gleich einen auf Multimedia getrimmten PC (meist mit Windows Media Center Edition) unter den Fernseher stellen, der im Mittelpunkt allen Multimedia-Konsums steht und per Fernbedienung (Logitech und Microsoft zeigten geeignete) von der Couch aus gesteuert wird.
Philips erweiterte seine Streamium-Serie und brachte neben den WACS700 Stereoanlagen, die Musik über WLAN in verschiedene Räume übertragen, und die Musik dank einer intelligenten Fernbedienung dem Nutzer durchs Haus folgen lässt, das Wireless Music Center WACS5. Das ermöglicht die Einbindung vorhandener Hifi-Anlagen in das Streamium-System und speichert bis zu 1500 Audio-CDs. Philips spielt aber auch in der Media-PC Fraktion und zeigte zusammen mit Intel das Showline Media Center, das einen PC fürs Wohnzimmer beherbergt. Mit 250 GB Festplatte dient er als Personal Video Recorder und kann an entsprechenden Fernsehern Filme in HD abspielen oder an andere im Netz senden. Für den reibungslosen Ablauf sorgt dabei der Standard Universal Plug and Play (UPnP), der auf der IFA von nahezu allen Herstellern zur Übertragung zwischen PCs und Consumer-Geräten gewählt wird. UPnP ermöglicht es, Multimedia zwischen Geräten unterschiedlicher Hersteller zu streamen, die sich idealerweise auch selbstständig erkennen und konfigurieren.
Direkt im Fernseher bietet Toshiba einen Netzwerkanschluss, über den man nicht nur Mails und Internet bekommt, sondern auch die Verbindung zu PCs und LAN-Festplatten. Auf letztere speichert der Fernseher Filme in HD, die dann allen Geräten im Netz zu Verfügung stehen. Die Grenzen der Unterhaltungselektronik überschreitet Daewoo. Deren IP Set Top Box gibt nicht nur Multimedia-Streams wieder, sondern integriert auch mit bestehenden Haustechniknetzen. So lässt sich vom Licht bis zu Jalousie, Klimaanlage und Hausgeräten alles über den Fernseher steuern.
Mobiles Fernsehen kommt aus Korea
Noch
kämpfen die beiden Standards für mobiles Fernsehen - Digital Multimedia Broadcasting
(DMB) oder Digital Video Broadcasting-Hanheld (DVB-H) - um die Vorherrschaft
in Europa. Beide Systeme, um Fernsehbilder auf mobile Geräte wie Handys und
PDAs zu übertragen, waren auf der IFA bereits in Aktion zu erleben. Im von europäischen
Herstellern aufgrund der Verwandtschaft zum terrestrischen Digital-TV (DVB-T)
favorisierten Standard DVB-H arbeiten derzeit allerdings erst Prototypen. Siemens
sendete während der Messe eine Hand voll TV-Kanäle mit Test-Equipment. Das Programm
war auf einem Prototyp mit großem VGA-Schirm zu empfangen, der sich auch als
PDA und Telefon nützen lässt.
Quasi mit Heimvorteil konnte Samsung in Sachen mobiles TV auf der IFA reüssieren: Da in Korea längst Realität (dort wird schon fleißig in DMB gesendet), gibt es natürlich bereits eine ganze Palette an DMB-Geräten. Was tragbar ist, wird mit mobilen Fernsehempfang versehen: Vom reinen Mobil-Fernseher mit 6-Zoll-Display, über mobile DVD-Player, die um TV-Empfang ergänzt wurden, bis hin zu einem Handheld PC der im Auto auch noch zur Navigation dient. Auf einem MiniKet-Camcorder sorgt DMB für unterhaltsameres Programm abseits langweiliger Familienaufnahmen. Dass einige neue Produkte wie das Subnotebook Q30 auch mit einer "Factory Option" DMB ausgestellt werden, zeigt wie schnell Europa mit DMB-Hardware versorgt werden könnte. Die kleinste Art, mobil fernzusehen, bietet Samsungs B250 - ein Handy, dessen Display sich auf das TV-gerechtere Breitformat drehen lässt. Dabei stehen am Handy auch Zusatzfunktionen wie ein elektronischer Programmführer zu Verfügung. Durch das Handynetz als Rückkanal lassen sich auch interaktive Sendungen realisieren. "Im Unterschied zum herkömmlichen Fernsehen gibt es keinen Medienbruch", sagt Anthony Park, Business Development bei Samsung Telecommunication Europe. "Die begleitenden Inhalte werden direkt übers Mobilfunknetz empfangen." Das System würde sich auch ideal für Teleshopping eignen, da auf Knopfdruck bestellt werden kann.
Auch bei DVB-H werden zusätzliche Möglichkeiten versprochen: "TV-Übertragung, Mobilfunk und Internet verschmelzen", sagt Thomas Schierl vom Fraunhofer Institut für Nachrichtentechnik. "Es wird überall möglich sein spezielle, vielleicht sogar auf den Aufenthaltsort zugeschnittene, TV-Angebote zu nutzen."
Dass beide Systeme funktionieren, konnten sie auf der IFA beweisen. Beide Lager wollen zur Fußball WM starten - anders als bei HDTV liegt der Nutzen von mobilem TV während der WM auf der Hand. Das DVB-H Lager muss dazu aber wohl einen Zahn zulegen, sollen auch interessante Endgeräte verfügbar sein. Korea scheint hier derzeit weit voraus.
Boom bei All-in-One Navigationssystemen
Mobile Navigationsgeräte erobern den Markt im Sturm. Die deutsche Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik spricht von einem Umsatzwachstum der Stand-Alone-Geräte von 200 % im Jahr 2005.
In der Handhabung sind sie PDA-basierten Systemen überlegen, die mit externen Empfängern und schwachen Lautsprechern meist mühselig sind, aufgrund des wesentlich niedrigeren Preises graben sie Einbausystemen das Wasser ab, auch wenn diese meist deutlich besser sind - zudem lassen sie sich leicht in mehreren Autos verwenden.
Der Platzhirsch in Sachen (Einbau-)Autonavigation, Blaupunkt, sieht zur IFA nicht länger zu, wie die günstigeren All-in-One-Geräte den Markt abgraben und präsentierte mit dem "Lucca" erstmals ein mobiles Navigationssystem, das von Festeinbauten bekannte Leistung und Bedienung in den mobilen Markt übertragen soll. Lucca ist im Gegensatz zu den bisherigen halbkugelförmigen Geräten sehr flach gehalten und zeigt den Weg auf einem großen 3,5"-Display. Über eine Halterung mit Anschluss an das vorhandene Autoradio bekommt Lucca auch die (kostenlosen) Daten des Verkehrsfunkkanals TMC. Tomtom füttert sein Topmodell Go 700 mit den Daten via Handy - für das es dafür auch als Freisprecheinrichtung dient.
Auch Sony steigt nach langjähriger Zurückhaltung in Sachen Navigation in den Ring: Neben einem DIN-Schacht-Radio setzt man vor allem auf das tragbare System NVX-P1 mit einem 3,8" Display, das auch in der 3D-Ansicht recht viel Information unterbringt. Sonys Gerät kommt mit integrierter 2,5GB-Festplatte und vorinstallierten Karten für 21 europäische Länder - damit muss man das System nicht vorm ersten Einsatz an den PC anschließen.




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Manfred Wöhrl ist Geschäftsführer der R.I.C.S. EDV-GmbH (Research Institute for Computer Science, www.rics.at), spezialisiert auf Securitychecks und Security-Consulting. 