Lothar Lochmaier
Größere Entsorger bereiten sich auf die Anforderungen aus der europäischen Gesetzeslage vor. In Österreich gibt man sich vorsichtig und wartet erst einmal die nationale Umsetzung der EU-Richtlinie WEEE ab (Directive on Waste Electrical and Electronical Equipment). "Es bedarf gezielter Länderstrategien, da die Verordnung in den Mitgliedsstaaten sehr unterschiedlich umgesetzt wird", sagt Franz Sauseng, Geschäftsführer der EVA GmbH, ein in Wien angesiedeltes Tochterunternehmen des deutschen Dienstleistungs- und Rohstoffkonzerns Interseroh AG.
Dabei geht es nicht nur darum, Altgeräte durch den Shredder zu jagen und über irgendwelche Drittmärkte elegant zu entsorgen. Die Zielmarke in Österreich liegt hoch: Jährlich rund 33 000 Tonnen Altgeräte vom Rasierer bis zur Waschmaschine sollen wiederverwertet werden. Allerdings macht sich auf breiter Front bereits eine Welle der Ernüchterung breit.
Es laufen zwar immerhin erste intensive Gespräche zwischen Industrie, Umweltministerium sowie dem Handel. Der österreichische Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI) lehnt jedoch aufgrund der sensiblen Thematik derzeit eine konkrete Stellungnahme ab, wie die rechtlichen Vorgaben in die Praxis umgesetzt werden.
Entsorger preschen vor
Also preschen scheinbar die Entsorger vor. EVA etwa betreibt in Österreich seit einigen Jahren ein Sammel- und Verwertungssystem für gewerbliche Verpackungen und will seine Aktivitäten weiter in Richtung Osteuropa ausdehnen. "Diejenigen, die sich mit dem Thema intensiv beschäftigt haben, ziehen sich wieder davon zurück, da sie einsehen, dass eine einheitliche Lösung derzeit unmöglich ist", kritisiert Sauseng.
Erst im August erteilte das Umweltministerium der EVA GmbH die Zulassung für ihr landesweites Rücknahmesystem. Das Unternehmen offeriert den Kunden effiziente Systemlösungen mit schlankem Overhead, wie es im Fachjargon heißt. "EVA ist das effizienteste Rücknahme System in Österreich, es deckt alle rechtlichen Anforderungen bei größtmöglicher Kosteneffizienz ab", betont Sauseng.
Die Unternehmen benötigen dazu eine Infrastruktur, welche die Bereiche Logistik, Recycling und Management abdeckt. Denn ein mit Spediteuren und Recycling-Partnern selbst organisiertes Netzwerk ist sehr aufwändig und teuer. Deshalb haben sich bereits erste europäische Netzwerke gebildet wie das Recycling Network Europe (RENE), ein Zusammenschluss mittelständischer Betriebe und Logistikexperten. Der Verbund verfügt über 53 Standorte in 16 Ländern und kann bis zu 620.000 Tonnen elektronische Altgeräte pro Jahr umweltgerecht recyceln.
Die Produzenten und Entsorgerverbünde wollen ganz nebenbei ihre Wertschöpfungskette durch so genannte "Trade-in"-Programme um neue Varianten optimieren und bereichern. Für die Hersteller liegen die Vorteile spezifischer Abnahmeverträge auf der Hand: Sie müssen sich beim Recycling und Entsorgung nicht mit Fremdprodukten herumschlagen und können insbesondere bei höherwertigen Produkten entsprechende finanzielle Vorteile realisieren. Zum Beispiel erhalten sie vom Entsorger einen Rabatt, wenn Kunden ihr Altgerät gegen ein Nachfolgeprodukt umtauschen.
Inwieweit sich ein derartiges Outsourcing-Konzept auf breiter Front durchsetzt, bleibt abzuwarten. In der European Recycling Platform (ERP) sind etwa die vier Konzerne Braun/Gillette, Electrolux, HP und Sony vertreten. Der Zusammenschluss hat seine Tätigkeit offiziell am 13. August aufgenommen und operiert neben Österreich in Irland, Portugal und Spanien.
Folgen sollen weitere Länder wie Frankreich, Deutschland, Italien, Polen und Großbritannien. Die ERP-Allianz repräsentiert derzeit nach eigenen Angaben indes nur einen Marktanteil von rund 15 Prozent am gesamten europäischen Aufkommen. "Solche Netzwerke spielen nur dann eine Rolle, wenn sie in jedem EU Land eine Zulassung als Sammelsystem hätten", gibt Franz Sauseng zu bedenken.
Paneuropäische Lösung in weiter Ferne
Im Klartext: Eine paneuropäische Lösung mit einem transparenten und überschaubaren Verfahren liegt noch in weiter Ferne. Während etwa in Deutschland das so genannte Clearinghouse-Modell zum Einsatz kommt, das die Verantwortung und damit die Aufgaben beim Hersteller belässt, hat sich Österreich für einen noch komplexeren systemischen Ansatz entschieden.
Dieser Ansatz sieht vor, dass die Hersteller einem Entpflichtungs-System beitreten, das die Sammlung, Behandlung und Verwertung der Altgeräte sowie den Nachweis über die erreichten Recycling- und Verwertungsquoten übernimmt. Dabei lautet das Motto: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Derzeit können die Kunden zwischen fünf unterschiedlichen Rücknahmesystemen wählen.
Demzufolge gibt es also zahlreiche Ungereimtheiten in der landesweiten Umsetzung der EU-Vorgaben: "Es ist noch zu kurz, um Antwort auf die Frage zu geben, ob und wie Länderanstrengungen die WEEE EU-weit bewältigbar machen", bestätigt Helmuth Nagl, Geschäftsführer der Salzburger Metall- und Kabelverwertung (SMK). Zu schaffen macht den Spezialisten vor allem das unüberschaubare Verwaltungsprozedere.
"Schon der Dokumentenlauf kompliziert die Umsetzung wesentlich, so dass individuelle Strategien wenig ausrichten können", beklagt Nagl. Fazit: Am Ende wird der Konsument wohl irgendwie die Zeche bezahlen, die in das jeweilige Produkt eingepreist wird, nach Angaben der Wirtschaftskammer 30 bis 50 Millionen Euro jährlich. Bei einem Kühlschrank wären dies Zusatzkosten von etwa 30 Euro.
Fernziel "grüne Elektronik" ?
Höhere Maßstäbe an umweltgerechte Entsorgung und Wiederverwertung
Nur rund zehn Prozent des in der Europäischen Union anfallenden Elektro- und Elektronikschrotts wird fachgerecht entsorgt. Der Rest landet auf der Deponie oder wird verbrannt. Während Gold und andere Edelmetalle recycelbar sind, gibt es insbesondere für die Wiedergewinnung von Blei momentan keine ökonomisch vertretbare Lösung. Deshalb ist die "bleifreie" Produktherstellung eines der wichtigsten Ziele. Seit 1. Juli 2006 sollen nur noch Geräte im Handel sein, die keine Schwermetalle und bestimmte Flammschutzmittel enthalten.
Maßgeblich für das Fernziel "grüne Elektronik" ist indes nicht die WEEE-Richtlinie (2002/96/EG), sondern ROHS (Reduction of certain hazardous Substances) 2002/95/EG. Sie beschränkt die Verwendung gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten und zwingt die Hersteller zu mehr Umweltbewusstsein in der Produktentwicklung.
Der recycelbare Anteil wird sich voraussichtlich durch die beiden EU-Verordnungen WEEE bzw. ROHS nicht weiter erhöhen, sondern eher sogar verringern, da die Hersteller im Produktaufbau und Design vermehrt Kunststoffe einsetzen, die aufgrund der Flammhemmer bzw. Oberschichten-Lackierung nur thermisch recycelt werden.
Auch die Lötpaste darf kein Blei mehr enthalten. Die bleifreien Bauteile sowie die Lötpaste gehen die Lötverbindung erst bei einer höheren Löttemperatur ein. Eventuell sind dadurch die meisten bisher eingesetzten Reflow- und Wellenlötanlagen nicht mehr einsatztauglich.
Tohuwabohu
Die Europäische Harmonisierung der EU-Richtlinie (WEEC) ist noch unausgegoren Jedes Land kocht sein eigenes Süppchen - noch organisieren die Hersteller die Verwertung für jeden einzelnen EU-Staat gesondert. In Deutschland wird in fünf Gruppen entsprechend der Geräteart gesammelt, in Österreich nach Größe sortiert und in Ungarn beispielsweise nach der Kennungsgröße des Zolls. Die unterschiedliche nationale Umsetzung erschwert ein koordiniertes Vorgehen.
Durch das aktive Management des gesamten Produktlebenszyklus hoffen die Anbieter so genannter Reverse Supply Chain Management Systeme auf neue Absatzchancen - modulare Entsorgungs- und Wiederverwertungssysteme entlang der gesamten Wertschöpfungskette gewinnen an Boden.
Höhere Produktpreise?
Dipl.Ing. (FH) Ernst Luckner, Geschäftsführender Gesellschafter, KERP Consulting GmbH (in Gründung), im Gespräch mit dem MONITOR.
Wird sich der recyclebare Anteil durch die neue Verordnung ändern?
Hier haben wie ein Beispiel aus der Vergangenheit und ein Leitbild für die Zukunft. Über die Erfahrungen der Recyclingwirtschaft mit den Altfahrzeugen sehen wir, dass eine Innovation der Recyclingprozesse notwendig ist. Hier wurden die vorgegebenen Quoten durch die Anwendung einfacher Shredderprozesse ohne eine technologisch hochwertige Stoffsortierung nicht ausreichend erfüllt. Genauso notwendig ist aber die Einbindung der Hersteller zur Verwendung von Sekundärmaterial als Rohstoff für neue Produkte
Werden die Hersteller tatsächlich ihrer Verpflichtung nachkommen oder werden sie versuchen, irgendwie die Kosten auf andere abwälzen?
Durch die zusätzlichen Aufgaben der Hersteller sehen wir schon eine geänderte Kalkulationsgrundlage, die eine Erhöhung der Produktpreise nach sich zieht. Insgesamt sehen wir im KERP Kompetenzzentrum allerdings einen Trend zu einer verbesserten Produktgestaltung, bei welcher der Konsument wieder die Möglichkeit hat, wie bisher in einem breiten Angebot von Produkten nach den unterschiedlichsten Kriterien auszuwählen. Ökodesign und umweltgerechte Produktgestaltung wird in der Zukunft sicher einen höheren Stellenwert auch für die Konsumenten bedeuten.




7/2011
6/2011
5/2011


Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. 