Conrad Gruber
Der Outsourcing-Boom der vergangenen Jahre ist 2004 einem Höhepunkt zugestrebt. Zu Ende letzten Jahres wanderten weltweit insgesamt 826.000 IT-Jobs aus den Industrienationen in Billiglohnländer ab. Die jährliche Zuwachsrate beträgt dabei 5,9 Prozent, erhob der Marktforscher Frost & Sullivan. Die Abwanderung fand hauptsächlich aus den USA und Japan statt, in Europa sind die Deutschen Auslagerungs-Weltmeister bei IT-Jobs.
Wie in den vergangenen Jahren profitieren Indien und China am meisten von dieser Entwicklung. In diesen Ländern wird das Outsourcing durch Steueranreize und staatliche Unterstützung gefördert, außerdem sind die Löhne niedrig. Besonders China will durch Regierungsinitiativen Indien seinen Rang als führendes IT-Outsourcing-Land streitig machen. Weitere Länder, in denen Billigprogrammierer werken, sind Brasilien, Mexiko, Malaysia, Polen, Rumänien und Russland.
Hält IT-Outsourcing, was es verspricht?
So weit, so gut. Aber hält IT-Outsourcing immer alles, was es verspricht? Alcatel Austria-Chef Franz Hofbauer ist diesbezüglich guter Dinge. Schließlich hat er sein Unternehmen im Verbund des französischen IT-Riesen zu einem "Kompetenzzentrum" für Outsourcing - in diesem Fall für Mobilfunk-Netzwerktechnik und Handy-Vertriebslogistik - gemacht. Hofbauer: "Im Zentrum stehen Outsourcing-Aufträge, die wir mit One, tele.ring, Hutchison und mit der Telekom-Infrastuktursparte von ABB abgeschlossen haben." Auf diese Weise habe sich die Österreich-Tochter nach schmalen Jahren mit schmerzlichem Mitarbeiter-Abbau wieder aufgerappelt.
Das ist schön für Alcatel und - dem Vernehmen nach - auch schön für die auftraggebenden Firmen, die sich Einsparungen von mehreren Millionen Euro über ein paar Jahre erwarten. Hofbauer: "Dieses Konzept macht Sinn. Der Mobilfunkanbieter spart, und wir können bei mehreren Aufträgen Synergien nutzen."
Mit 1. Juli lagerte auch T-Mobile aus: Der zweitgrößte österreichische Mobilfunk-Netzbetreiber übergibt 33 Mitarbeiter und die gesamte Gerätelogistik an den Logistikdienstleister Arvato, der dafür die entsprechende T-Mobile-Betriebsstätte in Wien-Schwechat übernommen hat.
Die Schattenseiten: Seit 2001 wurden laut einer Studie der Unternehmensberater Kreutzer Fischer & Partner am heimischen Mobilfunkmarkt 920 Arbeitsplätze abgebaut. Dies nicht allein durch Outsourcing, aber auch. Zu rechnen sei auch mit einem weiteren Personalabbau, aber: "Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht", meint Unternehmensberater Andreas Kreutzer.
Der Direktor der Wiener Arbeiterkammer. Werner Muhm, hat seine zusätzlichen Zweifel an ausschließlich betriebswirtschaftlich motivierten Auslagerungen: "Umstrukturierungen wie etwa Outsourcing werden bei österreichischen Managern offenbar immer beliebter". Man könne damit auch schnelle Erfolge, "zumindest solche auf dem Papier", vorweisen. Aber, so Muhm weiter: "Jedes Outsourcing senkt die Beschäftigtenzahl über Nacht. Jede Auftrags-Übernahme bläht den Umsatz auf, freilich ohne natürliches Wachstum."
Nur bis zu gewissem Grad sinnvoll
Wie Experten meinen, ist Outsourcing nur bis zu einem gewissen Grad sinnvoll, nämlich dort, wo es sich nicht um zentrale und lebensnotwendige Bereiche eines Unternehmens handelt, zum Beispiel den Kern des IT-Betriebs. Die schief gegangene Auslagerung desselben hat einige Firmen wieder dazu bewogen, Outsourcing-Aufträge rückgängig zu machen: etwa die deutsche Batteriefirma Varta, die eine Offshoring-Produktion in Singapur wieder zurück nach Deutschland geholt hat.
Auch bei der Motorradfirma KTM im oberösterreichischen Mattighofen ist man nicht uneingeschränkt überzeugt von den Vorteilen des Outsourcing. Werner Vonbank, Vorstand der KTM Sportmotorcycle AG: "Natürlich gab es manchmal Überlegungen, die Produktion zu verlagern. Wir haben dazu aber momentan keinen Bedarf." Auch mit vermeintlich kostenschonendem Teilezukauf habe KTM schlechte Erfahrungen gemacht: "Wir haben Rahmen aus Tschechien bezogen, die letztlich durch Transport und Logistik teurer gekommen sind, als wenn wir sie hier hergestellt hätten."
Es sei eine gefährliche Annahme, warnt Vonbank, nur die Lohnkosten in Billiglohnländern im Auge zu haben. Denn auch die Qualität müsse stimmen: "Wir haben plötzlich bemerkt, dass einige unserer Lieferantenteile schlechtere Qualität hatten. Bis sich herausstellte, dass der Zulieferer selbst einen Teil der Produktion aus China bezog, ohne es uns mitgeteilt zu haben". Bei einem anderen Zulieferer stellten sich Batterien aus Indonesien als "Ramsch" heraus.
KTM hat die Sache anders gelöst: Mit dem US-Softwareanbieter Parametric Technology haben sich die Mattighofener einen Product Lifecycle-Spezialisten ins Haus geholt, der die innere Wertschöpfungskette der Produktion einschließlich aller Einzelteile optimiert und das Beste aus dem Workflow herausholt. Die Software verfolgt ein Einzelteil vom Design am Computer über die ingenieursmäßige Verarbeitung bis zum Einbau in das fertige Motorrad, überwacht also den kompletten Produktzyklus. Auf diese Weise lasse sich die Genauigkeit und Geschwindigkeit der Verarbeitung ebenso steigern wie die Fehleranfälligkeit verringern. Auch neue Produktideen lassen sich durch Simulation auf ihre Umsetzung prüfen. Der Vorteil: Das Zusammenspiel aller Beteiligten inklusive Zulieferern funktioniert besser, da auch diese in das System eingebunden sind. Und es ist nicht mehr notwendig, Produktionen auszulagern, da sich der Kostenvorteil in Luft aufgelöst hat.
Kein Pessimus!
Der IT-Spezialist Atos Origin kann den Pessimismus bei Outsourcing-Aufträgen allerdings nicht teilen und unterstreicht dies deutlich durch seine Geschäftsaktivitäten: Chef Hans Leisentritt hat einige SAP-Projekte bei großen Konzernen eingesammelt, so etwa bei Schoeller Bleckmann Oilfield, Zumtobel oder Chemson. Noch heuer peilt Leisentritt drei weitere IT-Großaufträge an und will den Umsatz "um zehn bis 15 Prozent" steigern.
Zumtobel-Vorstand Andreas Ludwig begründet die Entscheidung für das Outsourcing wie folgt: Er habe sich für die Auslagerung entschieden, da IT für den international tätigen 7900-Mitarbeiter-Konzern "nicht zur Kernkompetenz" gehöre. Atos Origin wurde nach einem internen Auswahlverfahren, in dem unter anderem Siemens Business Service, IBM oder T-Systems den Kürzeren zogen, der Zuschlag gegeben. Bei Atos Origin werde nun die gesamte IT für alle weltweiten Konzerntöchter von Zumtobel erledigt. Nur die "Anwender-IT" inklusive unternehmenskritischer Prozesse verblieb bei Zumtobel im Haus.
Outsourcing-Boom in der Produktentwicklung
Die Grenze wird aber nicht immer so eng gezogen, zumindest anderswo: Der Outsourcing-Boom hat nach IT-Services jetzt auch die Produktentwicklung erfasst. Laut einer Studie der Marktforscher von AMR Research haben im vergangenen Jahr rund 15 Prozent der produzierenden Unternehmen der USA Teile ihrer Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten an Service-Dienstleister abgegeben. Weitere zehn Prozent haben dies im laufenden Jahr vor, so die Prognosen der Marktforscher.
Die Auslagerung von technischen Services ist laut AMR-Analyst Lance Travis ein kleines aber wachsendes Angebot der Outsourcing-Dienstleister. "Der Markt für ausgelagerte Entwicklungsservices weitet sich rund um den Erdball aus", so Travis. Dick im Geschäft sind traditionell die Billiglohnländer Asiens, allen voran Indien, das bereits 13 Prozent der ausgelagerten Entwicklungsarbeit erledigt. Weitere 19 Prozent der Outsourcing-Aufträge übernehmen Dienstleister in anderen asiatischen Staaten, darunter China.
Der Trend zur Auslagerung des so genannten Product Engineerings trifft die USA laut dem Branchenportal Cnet mitten in einer Diskussion um den möglichen Verlust ihrer Vormachtstellung im Hightech-Bereich. Die Auslagerung von Teilen der Produktentwicklung könnte darüber hinaus zu einer zunehmenden Verlagerung von Hightech-Arbeitsplätzen nach Asien führen. Das traditionelle Outsourcing beschränkte sich dagegen vornehmlich auf das Personalwesen oder die Abwicklung von IT-Prozessen. Für die Firmen steht natürlich auch in diesem Bereich die Kostenreduzierung im Vordergrund. Ein Großteil der Unternehmen erwartet sich laut Travis aber auch eine Flexibilisierung im Personalbereich.
Als Beweis für das zunehmende Wachstum auf dem Markt für F&E-Outsourcing führte Travis das erst kürzlich geschlossene Abkommen über ein gemeinsames Entwicklungszentrum zwischen IBM und Nortel an. "Das bedeutet den ersten großen Vertrag für IBMs 1.200 Mann starke Engineering-Services-Sparte", sagt Travis. Innerhalb der kommenden fünf Jahre soll Nortel so rund zwei Milliarden Dollar einsparen.
Outsocuring bei KMU
War bisher nur von größeren Unternehmen die Rede, empfiehlt es sich aber auch, einmal die Outsourcing-Bedürfnisse von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) unter die Lupe zu nehmen. Hier sind es nicht so die großen Auslagerungs-Deals, die von Nutzen sind, sondern kleinere bzw. temporäre Outsourcing-Verträge und Spezialformen wie Mietsoftware oder On-Demand-Computing.
Die IT einzelner Unternehmensprozesse, etwa der Arbeitszeiterfassung, Steuerung der Rohstoffbeschaffung und der Logistik kann auch ein KMU von einem auswärtigen Dienstleister verwalten lassen.
"Die Komplexität der Geschäftsprozesse bei Kleinunternehmen steht jener bei Großunternehmen um nichts nach", meint etwa Hans-Jürgen Pollirer, Obmann der Sparte IT und Unternehmensberatung in der Bundeswirtschaftskammer. Das größte Problem der IT-Dienstleister bei KMU bleibe jedoch die mangelnde Bereitschaft der Betriebe, Geschäftsprozesse anzupassen, sodass sie von der Informationstechnologie erfasst werden können, und die allgemeine Skepsis, kundenbezogene Prozesse aus der Hand zu geben. "Nehmen wir das Beispiel des Desktop-Outsourcing, wo alles rund um die Hardware am Schreibtisch von Dritten serviciert wird - in Österreich sind die Unternehmen da noch sehr skeptisch, den eigenen PC von Fremden warten zu lassen", sagt Pollirer.
ASP
On-Demand-Modelle, Mietsoftware, KMU-Spezialpakete zielen aber auf Kunden ab, die ihre IT zu variablen Kosten und flexibel aufrüsten wollen. So macht es etwa das Application Service Providing (ASP) sowohl für den gehobenen Mittelstand als auch für Kleinstunternehmen sinnvoll, die benötigte Software nur dann übers Internet zu beziehen und zu bezahlen, wenn man sie braucht. Insbesondere die betriebswirtschaftliche Software bzw. das Enterprise Ressource Planning (ERP) wird zumeist per Internet vermietet - SAP etwa hat entsprechende Pakete für KMU geschnürt. Auch IBM ist zuletzt groß ins On-Demand-Computing eingestiegen.
Die Fremdvergabe einzelner IT-Aufgaben wie des Netzwerkbetriebs, der Serverwartung und Datensicherung, sprich das klassische IT-Outsourcing, kommt vielen KMU aber noch zu teuer - die IT-Dienstleister sagen selbst, das IT-Outsourcing zahle sich erst ab etwa 20 bis 30 PC-Arbeitsplätzen aus. Die Entgeltmodelle beim IT-Outsourcing unterscheiden zumeist zwischen Price-per-seat-, Fixpreis- oder etwa Drei-Jahres-Modellen auf Monatsbasis. Im Vergleich dazu: Große Outsourcing-Deals bei Konzernen berechnet man ab etwa 200.000 Euro Umsatz pro Mitarbeiter
Das große Geschäft machen Österreichs IT-Outsourcing-Anbieter aber bis jetzt kaum mit Kleinbetrieben - der gehobene Mittelstand, die Behörden und die Top 500-Unternehmen sind die wahren Cash Cows der Branche. Großdeals zu akquirieren ist schwierig geworden: Bei jedem Outsourcing-Großauftrag kann man davon ausgehen, dass sich sämtliche der großen heimischen IT-Outsourcing-Anbieter um den Kuchen bemühen.




1/2012
8/2011
7/2011


